Prof. Dr. Peter Maser/Münster
Galizien liegt in weltverlorener
Einsamkeit und ist dennoch nicht isoliert; es ist verbannt, aber nicht
abgeschnitten; es hat mehr Kultur, als seine mangelhafte Kanalisation vermuten
läßt; viel Unordnung und noch mehr Seltsamkeit. [...] Es hat seine eigne Lust,
eigene Lieder, eigene Menschen und einen eigenen Glanz; den traurigen Glanz der
Geschmähten.“ (Joseph Roth)
Gerechtigkeit und
unumschränkte Strenge ist das einzige Mittel, entfernte Provinzen in Ordnung zu
erhalten; aber um das zu bewirken, muß man den Unrath in einem Land vermindern
oder ganz und gar weg zu schaffen suchen; und dieß muß in Halizien zuerst mit
den Juden geschehen, das Absterben für diese unverbesserliche Menschenrasse ist
das beste Mittel, das man ergreifen kann. (Belsasar Hacquet, Lemberg 1790)
1927/1933 „glichen die
Ukraine und die weiter östlich liegenden ukrainischen und kosakischen
Territorien der Sowjetunion – ein großes Gebiet mit über 40 Millionen
Einwohnern – einem einzigen riesigen Bergen-Belsen. Ein Viertel der
Landbevölkerung – Männer, Frauen und Kinder – waren tot oder lagen im Sterben.
Die übrigen hatte der Hunger teilweise so entkräftet, daß sie nicht einmal ihre
Angehörigen oder Nachbarn begraben konnten. Zur selben Zeit überwachten – wie
in Bergen-Belsen – wohlgenährte Polizei- oder Parteiverbände ihre Opfer. Dies
war der Höhepunkt der „Revolution von oben“, wie Stalin sich ausdrückte, mit
der er und seine Helfer zwei Elemente
ausmerzten, die als unrettbar regimefeindlich galten: die Bauernschaft in der
gesamten UdSSR und die ukrainische Nation. (Robert Conquest)
Wir erkennen uns nicht/ zu
weit zwischen uns/ die Jahre/ Feuer/ brannte ein Loch/ in die Zeit. (Rose
Ausländer)
Europa findet am Ende einer langen Nachkriegszeit seine Stimme wieder. Dieses Europa hat Bedarf an Städten, die aus dem Schatten der Grenze und der verödeten west-östlichen Provinz heraustreten. Europa braucht neue Grenzstädte, Städte der „verwischten Grenzen“. (Karl Schlögel)
Wer sich auf Galizien einläßt, wendet sich einer Landschaft zu, die nach Jahrhunderten der Vernachlässigung durch fremde Herrschaftsmächte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Zentrum eines intensiven europäischen Kulturaustauschs wurde. In Krakau, Lemberg und Czernowitz dachten die intellektuellen Eliten in europäischen Dimensionen, die sich immer wieder auch bis nach New York ausweiten konnten. Selbst den einfachen Leuten blieben diese Dimensionen nicht ganz fremd, versuchten doch viele dem „galizischen Elend“ durch die Auswanderung, vor allem in die USA, zu entgehen.
In Galizien lebten Ukrainer (Ruthenen), Polen, Juden, Deutsche, Armenier, Griechen, Bulgaren und Rumänen in einem oft spannungsvollen Miteinander zusammen, das durch die aufkommenden nationalen Strömungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht einfacher wurde. Trotz solcher Gegensätze und der Versuche, sich voneinander abzugrenzen, gehörten Mehrsprachigkeit, Multikulturalität sowie nationale und konfessionelle Vielfalt zum galizischen Alltag.
Wer Galizien heute bereist, muß sich darüber im Klaren sein, daß er es mit einer Region zu tun bekommt, die im 20. Jahrhundert immer neue Verwüstungen erleiden mußte. Im Ersten Weltkrieg gehörte die Region zu den Hauptkampfplätzen, der stalinistische Genozid traf den ukrainischen Teil Galiziens ab 1927 mit besonderer Härte, der nationalsozialistische Judenmord wurde hier mit besonderer Brutalität exekutiert, die Aussiedlung der Deutschen 1939/40 und die Vertreibung der Polen nach dem Kriegsende veränderten nochmals das Bevölkerungsbild und ukrainisierten bzw. russifizierten die Region weitgehend. An der industriellen Bedeutung der Ukrainischen SSR war Galizien immer nur am Rande beteiligt.
Folgende inhaltliche Aspekte sollten bei einer Galizienreise im Vordergrund stehen:
- historische Zusammenhänge und Orte, das Ostjudentum, die deutschen Ansiedlungen in Galizien, die kulturelle Blüte in Galizien ab Mitte des 19. Jahrhunderts, stalinistischer Genozid und nationalsozialistischer Massenmord, die Entwicklungen in Polen und der Ukraine in der Phase vom Ende des zweiten Weltkrieges bis zum Ende der sowjetischen Herrschaft, die Ukraine (Respublika Ukraïna) und die Republik Polen (Rzeczpospolita Polska) im Zusammenhang des sich vereinigenden Europa.
Die historische Landschaft Galizien teilt sich in Westgalizien, das heute zu Polen gehört, zwischen Polnischer Platte im Norden und den Karpaten im Süden gelegen, während Ostgalizien auf der Podolischen Platte heute ukrainisches Staatsgebiet ist.
Zu den angrenzenden Gebieten gehörten u.a.:
Bukowina
(rumänisch
Bucovina, deutsch Buchenland), historische Landschaft am Osthang der
Waldkarpaten und deren Vorland in der Ukraine (Nordbukowina) und in Rumänien
(Südbukowina) mit dem Hauptort Czernowitz (heute Tscherniwzi).ÿþ Im Altertum Teil der römischen Provinz
Dakien, im 10./11.ÿJahrhundert des
Fürstentums Kiew, Mitte des 14.ÿJahrhunderts
mit dem Fürstentum Moldau vereint; 1514þ1769
Teil des Osmanischen Reiches, 1775 an Österreich abgetreten; deutsche Siedler
(Buchenland- beziehungsweise Bukowinadeutsche) trugen zur
wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des seit 1849 selbständigen
österreichischen Kronlandes bei. 1919 fiel die Bukowina an Rumänien, 1940 bzw.
1947 der Nordteil an die UdSSR (Ukraine). 1940þ44
von deutschen und rumänischen Truppen besetzt; 1940 Umsiedlung der Bukowinadeutschen.
EdH 1, 258-261; H. Gold (Hg.): Geschichte
der Juden in der Bukowina, 2 Bde., Tel Aviv 1958
Moldau,
(rumänisch
Moldova), historische Landschaft in Rumänien, zwischen Ostkarpaten und Pruth,
umfaßt die Sandsteinzone der Karpaten im Westen, das Hügelland der Vorkarpaten
bis etwa zum Sereth, das zum Teil mit Löss überlagerte Tafelland im Osten und
einen kleinen Teil der Donauebene im Süden. Das Klima ist kontinental. Anbau
von Getreide, Sonnenblumen, Zuckerrüben, Kartoffeln; Nahrungsmittel- u.a.
Industrie; Vorkommen von Erdöl, Salz, Braunkohle. Größte Stadt ist Iasi.ÿþ Das um 1352/53 zunächst als ungarisches
Lehen gegründete, seit 1359 unabhängige Fürstentum Moldau (Blüte unter Stephan
III., dem Großen [1457þ1504])
umfaßte auch die Bukowina (1359þ1775)
und Bessarabien (1359þ1812).
Seit 1504 unter türkischer Oberhoheit, zunächst von einheimischen Woiwoden,
seit 1711 von griechischen Phanarioten (als Hospodare) regiert; erhielt durch
die Konvention von Akkerman (1826) und den Frieden von Adrianopel (1829)
weitgehende Autonomie. Unter Alexandru Ion I.ÿCuza
(seit 1859) wurden die Fürstentümer Moldau und Walachei (Donaufürstentümer) zum
Fürstentum Rumänien vereinigt.
Podolien,
historische
Landschaft in der westlichen Ukraine, ein von Tälern zerschnittenes fruchtbares
Tafelland.ÿþ Podolien stand
nach dem Zerfall des Kiewer Reiches zunächst unter tatarischer Oberhoheit; der
östliche Teil geriet um 1370 in litauischen Besitz. 1430 kam Westpodolien an
Polen, 1569 auch Ostpodolien. 1672þ99
unter osmanischer Herrschaft. Der Hauptteil fiel durch die 2.ÿPolnische Teilung (1793) an Rußland.
Hauptstadt: Kamenez-Podolskij.
Rotreußen,
ältere
Bezeichnung für die heutige Westukraine; bis zur 1.ÿPolnischen Teilung (1772) eine polnische
Woiwodschaft mit den Gebieten um Lemberg, Przemysl, Sanok, Galitsch und Cholm
sowie Teilen von Wolhynien und Podolien; danach als Ostgalizien beim
Habsburgerreich und als Teil des Gouvernements Lublin beim Russischen Reich.
Wolhynien
(Wolynien),
historische Landschaft im Nordwesten der Ukraine, zwischen dem Bug (im Westen)
und dem Tal des Dnjepr (im Osten), grenzt im Süden an Podolien.ÿþ Im 9./10.ÿJahrhundert
Teil des Kiewer Reichs, im 11./12.ÿJahrhundert
unabhängiges Herzogtum (Lodomerien), 1188 mit Galizien vereinigt; kam im
14.ÿJahrhundert an Litauen,
1569 durch die Lubliner Union an Polen, Ansiedlung polnischer Bauern; ab 1793
beziehungsweise 1795 zu Rußland; im 19.ÿJahrhundert
Ansiedlung von Deutschen und Tschechen; 1915 Verschleppung der rund 200ÿ000 Wolhynien-Deutschen, zum Teil
nach Sibirien (Rückkehr von etwa 100ÿ000
Überlebenden nach dem Ersten Weltkrieg). Der Westteil Wolhyniens kam 1921 an
Polen, 1939 an die Sowjetunion; während der deutschen Besetzung 1941þ44 Ausrottung der jüdischen Bevölkerung und
Umsiedlung der Wolhynien-Deutschen zum Teil nach Deutschland, zum Teil in das
Gebiet um Posen; 1947 Umsiedlung der Wolhynien-Tschechen in die CSSR.
Bis 1772, also bis zu 1. Polnischen Teilung, bildete Galizien keine politisch-territoriale Einheit. Mit der Namengebung „Königreich von Galizien und Lodomerien“ knüpften die Habsburger an die mittelalterliche Geschichte Ostgaliziens, das Fürstentum Galitsch, und die Tradition der ungarischen Könige an, die seit dem 13. Jh. den Titel „rex Galiciae et Lodomeriae“ führten. Dieses hatte sich im 11. Jh. vom Kiewer Reich gelöst und wurde 1199 mit dem Fürstentum Wladimir (Wolhynien) vereinigt. Trotz polnischer und ungarischer Ansprüche konnten sich die Teilfürstentümer Galziens bis 1340/49 ihre Selbständigkeit bewahren. 1357 gewann Polen das Fürstentum Galitsch als „Reußen“ bzw. „Rotreußen“. Nach dem Übergang an Habsburg wurde Galizien als „Kronland“ zentralistisch verwaltet, in dem 45 % Ukrainer, 47 % Polen und 6 % Juden lebten. Ab 1774/81 siedelte Joseph II. rund 5.000 deutsche Familien, zumeist Protestanten aus der Pfalz, in Ostgalizien an. Territoriale Veränderungen ergaben sich aus dem Anschluß Westgaliziens (Kielce, Lublin; Neu-Galizien, 1795 bis 1809) im Zusammenhang mit der 3. Teilung Polens (1795), dem Verlust des Kreises Tarnopol an Rußland (1809/15) und dem Erwerb des Freistaates Krakau 1846, der bis dahin einen Sonderstatus besessen hatte. Seit dem Wiener Kongreß von 1815 setzte sich die Bezeichnung Westgalizien für die Gebiete westlich des San und Ostgalizien für die anderen Gebiete im Osten durch. Nach 1849 begann eine Polonisierung der Verwaltung, die 1868 zu weitgehender Selbstverwaltung mit polnischer Unterrichts- und Amtssprache, polnischem Statthalter und Minister für Galizien in Wien führte. Zentrum des damaligen geistigen Lebens in Galizien wurden die polnischen Universitäten in Krakau und Lemberg. Wegen der starken agrarischen Ausrichtung Galiziens und damit verbundener wirtschaftlicher Stagnation kam es zu einer starken Auswanderung in die USA. Hauptsammelpunkt für die galizische Emigration war damals Oświęcim/Auschwitz als „wichtiger Bahnknotenpunkt“ auf der Linie nach Berlin über Breslau.
1918 annektierte das neu entstandene Polen Westgalizien. In Ostgalizien kam es zunächst zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Ukrainern und Polen, bevor das Gebiet zu Polen kam.
Julius Krämer (Hg.): Heimat Galizien. Ein Gedenkbuch, Stuttgart-Bad Cannstatt, um 1965; Rudolf A. Mark: Galizien unter österreichischer Herrschaft. Verwaltung – Kirche – Bevölkerung = Historische und landeskundliche Ostmitteleuropa-Studien 13, Marburg 1994; Isabel Röskau-Rydel (Hg.): Galizien – Bukowina - Moldau = Deutsche Geschichte im Osten Europas, Berlin 1999
Am 26. Oktober 1939 errichtete das Deutsche Reich für diejenigen Teile Polens, die von Deutschland besetzt, aber nicht unmittelbar dem Reich einverleibt waren, das „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“. Dieses bestand zunächst aus den vier Distrikten Krakau (zugleich Hauptstadt des GG), Warschau, Radom und Lublin. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion wurde am 1. August 1941 Ostgalizien als fünfter Distrikt des GG hinzugefügt, wo etwa 540.000 Juden lebten. Die ersten großen Mordaktionen an Juden fanden bereits während der Feldzüge im September 1939 und im Juli 1941 in Ostgalizien durch „Einsatzgruppen“ als Massenerschießungen statt. Im Frühjahr 1942 begann der Abtransport der Juden aus den Ghettos vor allem in das Vernichtungslager Belzec, wo rund 200.000 galizische Juden ermordet wurden. Allein im Distrikt Galizien sind unter deutscher Herrschaft mehr als 500.000 Juden ermordet worden: „Etwa jedes elfte Opfer des Völkermordes lebte vorher in Ostgalizien.“ (Pohl, S. 9) Der Industrielle Berthold Beitz rettete im ostgalizischen Borylaw zahlreiche Juden, indem er sie als unentbehrliche Arbeitskräfte deklarierte.
Zum Schicksal der galizischen Juden vgl. Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities. Poland, Bd. 2: Eastern Galicia, hg. von Danuta Dabrowska/Abraham Wein/Aharon Weiß, Jerusalem 1980; Dieter Pohl: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941-1944. Organisation und Durchführung eines stattlichen Massenverbrechen Studien zur Zeitgeschichte 50, München 1996; Thomas Sandkühler: „Endlösung“ in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiative von Berthold Beitz 1941-1944, Bonn 1996; zu den einzelnen Orten vgl. Israel Gutman (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust, 3 Bde., Berlin 1993.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
wurde Galizien zwischen Polen und der Sowjetunion geteilt. In den zur UdSSR
gehörigen Gebieten stellten die Russen den größten nichtukrainischen
Bevölkerungsanteil. Die alten Verwaltungsgliederungen wurden aufgehoben, die
Griechisch-Unierte Kirche aufgelöst und die Manifestationen eines ukrainischen
Nationalbewußtseins unterdrückt. Für Polen war der Verlust der galizischen Landesteile
der unfreiwillige Preis für die Westverschiebung. Insbesondere der Verlust
Lembergs blieb in Polen unvergessen.
Der Zusammenbruch der
Sowjetunion brachte der Ukraine 1990/91 die staatliche Souveränität. Die nun
wieder mögliche nationale Emanzipation sowie die kulturelle und sprachliche
Abgrenzung gegenüber den Russen machen die Notwendigkeit einer Integration der
heterogenen Regionen der heutigen Ukraine zur dringlichen Notwendigkeit. Die
konfessionellen Aufbrüche der nachkommunistischen Zeit knüpfen in Galizien
vorwiegend an die Griechisch-Unierte Kirche an, während in der sonstigen
Ukraine die autokephale orthodoxe Kirche im Vordergrund steht.
Heute leben in der Ukraine
etwa 310.000 Juden. Es gibt 78 jüdische Schulen. An der Universität Kiew wurde
eine Abteilung für jüdische Kultur und Geschichte eröffnet. Neben verschiedenen
jüdischen Zeitschriften und Magazinen ist jüdisches Leben in der Ukraine von
heute auch durch das jiddische Fernsehprogramm „Yahad“ gegenwärtig.
Frank Golczewski (Hg.): Geschichte der Ukraine, Göttingen 1993; Guido Hausmann/Andreas Kappeler (Hg.): Ukraine. Gegenwart und Geschichte eines neuen Staates, Baden-Baden 1993; Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, München 1994.
Das alte Galizien wird heute wieder in alten Reiseführern
lebendig, die inzwischen nachgedruckt wurden. Die Bedeutung der Juden für das
galizische Alltagsleben verdeutlichen z.B. die „praktischen Bemerkungen“ in
einem solchen Reiseführer von 1914: „Für Reisende der III. Klasse ist Samstag
der bequemste Tag, da an diesem Tag keine Juden reisen, die sonst für diese
Wagenklasse die meisten Passagiere stellen. [...] Da die Kutscher in kleineren
Ortschaften meist Juden sind, müssen sich Reisende, welche Freitag abends oder
Samstag ankommen, auf den Mangel einer Fahrgelegenheit gefaßt machen. [...] Da
in kleineren Städten der ganze Handel in den Händen der Juden liegt, sind alle
Geschäfte am Samstag geschlossen und man kann an diesem Tage nichts käuflich
erwerben. [...] Deutsche Sprache: Besucher Galiziens stoßen in dieser Hinsicht
auf keine Schwierigkeiten, da nicht nur die jüdische, sondern auch die
polnische Bevölkerung des Mittelstandes sich deutsch zumindest verständlich
machen kann.“
Mieczysław
Orłowicz/ Roman Kordys: Illustrierter Führer durch Galizien, Wien/Leipzig
1914 (ND: Berlin 1989); Hermann Mittelmann: Illustrierter Führer durch die
Bukowina, Czernowitz 1907/1908 (ND: Wien 2001)
Eine weitere wichtige Quelle
stellen Erinnerungen und Reiseberichte dar:
Martin Pollack: Nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina, Wien/München 1984; Verena Dohrn: Reise nach Galizien: Grenzlandschaften des alten Europa, Frankfurt/M. 1991Salcia Landmann: Mein Galizien. Das Land hinter den Karpaten, München 1995; Andrei Corbea-Hoisie (Hg.): Czernowitz. Jüdisches Städtebild, Frankfurt/M. 1998.
Die „verschwundene Welt“
Galiziens ist trotz allen Massenmordes und aller materiellen Zerstörung bis
heute auf eine eigentümliche Weise für viele Menschen in Europa und den USA
gegenwärtig und lebendig geblieben. Das „ferne nahe Land“ lebt in der
Erinnerung als ein Traumland fort, das immer wieder auch Menschen fasziniert,
die niemals etwas mit Galizien persönlich zu tun gehabt haben, sich aber dort
heimisch fühlen, wo einst Menschen und Bücher lebten, wie Paul Celan sagte.
Die literarisch
vermittelte Faszination des alten Galizien darf jedoch die Tatsache nicht
verdecken, welches Elend in dieser Landschaft zumeist herrschte. Die
literarische Blüte war ein Phänomen der Zeit zwischen 1850 und 1941 und der
städtischen Zentren Lemberg und Czernowitz., die im krassen Gegensatz zur
sozialen Wirklichkeit stand: „Zur nostalgischen Verklärung Galiziens besteht
freilich kein Grund. Galizien – insbesondere der östliche Landesteil – war kein
gelobtes Land, in dem Milch und Honig flossen; von der Fruchtbarkeit des Bodens
und den bedeutenden Vorrat an Schätzen in ihm war dies gewiß ein reiches Land,
und doch waren die Menschen, die es bewohnten, bitterarm und oft in nacktes
Elend gedrückt. Ob jüdische Hausierer aus dem Schtetl oder ruthenische Bauern
vom Land, die Armut war ihrer aller Schicksal. [...] Über das ganze 19.
Jahrhundert hin ist das Kronland Galizien fortschreitend verarmt, ein Phänomen,
das viel über den Charakter der österreichischen Verwaltung aussagt – man
schöpfte die Rohstoffe ab, ohne an der Wirtschaftsentwicklung des Landes
interessiert zu sein. [...] Die Armut der galizischen Bauern, das ‚galizische
Elend’, war ebenso sprichwörtlich wie der Schmutz der galizischen Dörfer, denen
wir auch in der Literatur immer wieder in Beschreibungen von beklemmender
atmosphärischer Dichte begegnen. ‚Golicja in Głodomeria’
wurde das Kronland Galizien und Lodomerien von seinen Bewohnern mit bitterer
Ironie genannt – goły ist das polnische Wort
für ‚nackt’ und głodny bedeutet ‚hungrig’.“
Karl-Markus Gauß/Martin Pollack: Das reiche Land der armen Leute. Literarische Wanderungen durch Galizien, Wien 1992
Aktuelle Reiseführer:
Ivan Bentchev/Dorota Lesczyńska/Michaela Marek/Reinhold Vetter: Polen. Geschichte, Kunst und Landschaft einer alten europäischen Kulturnation. Mit einer historischen Einleitung von Manfred Alexander, Köln 1991, 3. Aufl.
Evelyn Scheer/
Gert Schmidt: Die Ukraine entdecken. Zwischen den Karpaten und dem Schwarzen
Meer, Berlin 2001, 6. überarb. Aufl.
Publishing House „Centre d’Europe“ Lviv: Lviv. Sightseeing Guide, Lviv 1999
II. Persönlichkeiten
Achad
Haam,
(eigentl.:
Zwi Ascher Ginzberg) jüdischer Schriftsteller und Philosoph, *ÿSkwyra (Gebiet Kiew) 5.ÿ8.1856, gest. ÿTel
Aviv 2.ÿ1.1927; vertrat in
zahlreichen Essays (u.a. »Am Scheidewege«, 1895) die Utopie von einem auf dem
gemeinsamen Kulturerbe (und weniger auf politischen Aspekten) gegründeten
jüdischen Staat.
Agnon,
Schmuel
(Samuel) Josef (eigentl.: J.ÿS.
Czaczkes), hebr. Schriftsteller, *ÿBuczacz
(Galizien) 17.ÿ7. 1888, gest. ÿRehovot (bei Tel Aviv-Jaffa) 17.ÿ2 1970; schrieb Erzählungen, Romane (»Die
Aussteuer«, 1934; »Nur wie ein Gast zur Nacht«, 1939; »Gestern, Vorgestern«,
1945; »Schira«, herausgegeben 1971); auch Gelehrter und Traditionsforscher.
1966 erhielt er mit Nelly Sachs den Nobelpreis für Literatur.
Altmann,
Nathan,
Bildhauer und Maler, *1889 Winniza, gest. 1970. Intensive Anteilnahme an der
frühen sowjetischen Kunst, Bühnenbild für den „Dybbuk“ am Habimah-Theater, 1923
Publikation über jüdische Grafik, seit 1936 in Leningrad tätig.
Appelfeld,
Aharon,
Romancier, *1932 Czernowitz, KZ-Haft, Küchenjunge bei der Roten Armee, 1946
Palästina, lebt in Jerusalem, Verf. international anerkannter Romane, u.a. „der
eiserne Pfad“ (Jewish Book Award) und „Die Eismine“, 1999 „Alles, was ich
liebte“ (autobiographie, dt. 2002).
Ausländer,
Rose,
eigentlich Rosalie Beatrice Ruth Scherzer-Ausländer, Schriftstellerin, *ÿCzernowitz (heute Tschernowzy) 11.ÿ5.1907, gest. ÿDüsseldorf
3.ÿ1.1988; schrieb u.a. Gedichte,
»36 Gerechte« (1967), »Andere Zeichen« (1974), »Ich spiele noch« (1987).
Zentrale Themen sind Judenverfolgung und Exil. Schule und Studium in
Czernowitz. 1921 Auswanderung in die USA, 1931 Rückkehr nach Czernowitz, ab
1936 meist in Bukarest, 1941 mit Mutter und Bruder im Ghetto Czernowitz,
Begegnung mit Celan, 1946 Übersiedlung nach New York, 1966 Übersiedlung als
„Überlebende des Grauens“ nach Düsseldorf; 1984 Literaturpreis der Bayerischen
Akademie der Schönen Künste.
Baal
Schem Tov,
[hebräisch
»Herr des (göttlichen) Namens«], Beiname des Mystikers Rabbi Israel ben Eliezer
Baal Schem Tov (Akronyme: Besht und Ribash), führende Gestalt des
osteuropäischen Judentums, *ÿOkop
(Podolien) um 1700, gest. ÿMiedzyboz
(Podolien) um 1760; wirkte als Wundertäter; vertrat die Lehre vom Einssein
Gottes mit seiner Schöpfung, der jedem Wesen innewohnenden Göttlichkeit.
(Chassidismus).
Babel,
Isaak
Emmanuelowitsch, russischer Schriftsteller, *ÿOdessa
13.ÿ7.1894, gest.ÿ(erschossen) Moskau 27.ÿ1.1940; Vertreter der »revolutionären
Romantik« und der »ornamentalen Prosa«; Erzählzyklen (»Budjonnys Reiterarmee«,
1926, »Odessaer Erzählungen«, 1923ÿfolgende);
Dramen, Drehbücher; Opfer des stalinistischen Terrors, 1957 rehabilitiert. Sein
„Tagebuch 1920“, das die Erlebnisse im nördlichen Galizien des
Russisch-Polnischen Krieges festhielt, erschien in einer sorgfältig
kommentierten deutschen Ausgabe erst 1989/90 und gehört zu den wichtigsten
Zeitzeugenberichten aus revolutionärer Zeit.
Bergner,
Elisabeth,
österreichische Schauspielerin, *ÿDrogobytsch
(Galizien) 22.ÿ8.1897, gest. ÿLondon 12.ÿ5.1986;
kam über Wien, München nach Berlin; seit 1933
mit dem Regisseur Paul Czinner; lebte seitdem in London. Auf der Bühne und in
Filmen wie »Fräulein Else« (1929), »Ariane« (1931), »Der träumende Mund« (1932)
und »Wie es euch gefällt« (1936) hatte sie mit ausdrucksvollen Frauenrollen
Erfolg.
Bialik,
Chajim
Nachman, hebräischer Dichter, *ÿRady
(Wolhynien) 9.ÿ1.1873, gest. Wien 4.ÿ7.1934;
schilderte in Gedichten und Erzählungen das ostjüdische Leben; trug zur Wiederbelebung
der hebräischen Sprache und geistigen Neuorientierung des Judentums bei.
Buber,
Martin,
jüdischer Religionsphilosoph, *ÿWien
8.ÿ2.1878, gest. ÿJerusalem 13.ÿ6.1965;
1924þ33 Professor in Frankfurt
am Main, 1938þ51 in Jerusalem;
1953 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bubers Hauptziel war die
menschliche und politische Erneuerung des abendländischen Judentums aus dem
Geist der Bibel und des Chassidismus, dessen Texte er sammelte und
interpretierte. Kernpunkt seiner Anschauungen ist das unmittelbare Verhältnis
zum Gegenüber (dialogische Philosophie). Diese Einstellung beeinflußte die
moderne Pädagogik und Philosophie, ebenso eine Reihe protestantischer und
katholischer Theologen. Bubers Übersetzung der hebräischen Bibel (zusammen mit
F.ÿRosenzweig) verbindet
deutsche sprachschöpferische Kunst mit jüdischer Bibelexegese und hebr.
Sprachduktus.
Werke:
Ich und Du (1923); Die Schrift, 15 Bände (1926þ38); Der Weg des Menschen nach der
chassidischen Lehre (hebräisch 1947); Der Jude und sein Judentum (1963).
Burg,
Josef,
letzter jiddischer Schriftsteller in Galizien, *1912 in Wischnitz/Bukowina.
Besuch der Schule und des Lehrerseminars in Czernowitz, Gemanistikstudium in
Wien, 1938 Rückkehr nach Czernowitz, 1941 Flucht in die Sowjetunion, seit 1958
lebt. B. wieder in Czernowitz. Erste Erzählung erschien 1934, später zumeist
Veröffentlichungen in „Sowjetisch Hejmland“.
Werke:
Josef Burg: Ein Gesang über allen Gesängen, Leipzig 1988; Ders.: Ein
verspätetes Echo/ A farschpektikter echo, Kirchheim 1999; Ders./Michael
Martens: Irrfahrten. Ein ostjüdisches Leben, Winsen/Luhe 2000; Josef Burg: Jom
Kippur. Erzählungen, Winsen/Luhe 2001
Celan,
Paul,
eigentlich Paul Antschel, Lyriker, *ÿCzernowitz
23.ÿ11.1920, gest. ÿ(Selbstmord) Paris April 1970. Sohn deutschsprachiger
jüdischer Eltern; studierte zeitweise Medizin in Frankreich, dann Romanistik in
Czernowitz; 1942 deportiert (Tod der Eltern), bis 1944 im Arbeitslager; kam
1947 nach Wien, lebte seit 1948 in Paris (französischer Staatsbürger). Celans
Dichtung wurzelt in der jüdischen Kulturtradition, die abstrakten Verse sind
von einer sehr persönlichen Sprachsensibilität, einer eigenen Welt der
Metaphern und Chiffren bestimmt (»Mohn und Gedächtnis«, 1952, darin die 1945
entstandene »Todesfuge«). Mit »Sprachgitter« (1959) wird die Aussage härter;
indirekt thematisiert er immer die Erlebnisse im Getto und den Mißbrauch der
Sprache durch die Nationalsozialisten. Celan war auch ein bedeutender
Übersetzer, u.ÿa. aus dem
Russischen (A.ÿBlok, O.ÿMandelstam, S.ÿJessenin),
Französischen (A.ÿRimbaud, R.ÿChar), Englischen (Shakespeares Sonette) und
Italienischen.ÿþ 1960 erhielt er
den Georg-Büchner-Preis.
Weitere
Werke: Der Sand aus den Urnen (1948); Von Schwelle zu
Schwelle (1955); Die Niemandsrose (1963); Atemwende (1967); Fadensonnen (1968);
Lichtzwang (1970); Schneepart (herausgegeben 1971); Zeitgehöft (herausgegeben
1976).
Chargaff,
Erwin,
Biochemiker und Wissenschaftskritiker, *Czernowitz 11.8.1905, gest. New York
20.6.2002, Promotion in Wien, 1935 Emigration, Deportation der Mutter 1943,
Professor an der Columbia-Universität, 1970-1974 dort Leitung der Abteilung für
Bichemie, Entdecker wichtiger Grundlagen der Gentechnik (paarweises Vorkommen
der Basen in der DNS, Grundlage für das berühmte Spiralmodell des Erbguts), später
prominenter und scharfzüngiger Kritiker der Nuklearforschung und modernen
Gentechnologie, mehr als 300 wissenschaftliche Veröffentlichungen.
Czech,
Ludwig,
sudetendeutscher Politiker, *ÿLemberg
14.ÿ2.1870, gest. ÿKZ Theresienstadt 20.ÿ8.1942; seit 1920 Vorsitzender der
»Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen
Republik« (DSAP), bekannte sich zu einer Zusammenarbeit der Sudetendeutschen
mit dem tschechoslowakischen Staat. 1929þ38
war er Minister in verschiedenen Regierungen, u.a. Gesundheitsminister; 1941
inhaftierte ihn die deutsche Besatzungsmacht im KZ Theresienstadt.
Deutsch,
Helene,
amerikanische Psychoanalytikerin polnischer Herkunft, *ÿPrzemysl (Galizien) 9.ÿ10.1884, gest. ÿCambridge (Massachusetts) 29.ÿ3.1982; grundlegende Arbeiten auf dem Gebiet
der weiblichen Sexualität (»Die Psychologie der Frau«, 1944þ53); in Wien vorübergehend Assistentin bei
S.ÿFreud ( mit dessen Arzt, Felix
Deutsch); 1934 Emigration in die USA, dort u.a. Professorin für Psychiatrie an
der Boston University.
Eisler,
Hilde;
geb. Rothstein, Journalistin, *Tarnopol 28.1.1912, gest. 8.10.2000 Berlin, ab
1930 Mitarbeit im Marx-Engels-Verlag, Exil in Frankreich, Teilnahme am span. Bürgerkrieg,
Emigration in die USA, 1942 Heirat mit Gerhart Eisler. 1949 Rückkehr nach
Ost-Berlin, 1953 Mitbegründerin der „Wochenpost“, ab 1954 Redaktion des „Magazins“
(1955-1976 Chefredakteurin), seit 1976 Rentnerin, zahlreiche DDR-Orden.
Flinker,
Robert,
Schriftsteller, *16.7.1906 Wisnitz, gest. 15.7.1945 Bukarest. Gymnasium in
Czernowitz, Medizinstudium in Wien, Nervenarzt in Deutschland und bis 1941 in
Czernowitz, dann in der Schweiz und Bukarest. Zahlreiche medizinische
Abhandlungen und zwei Romane. Der schriftstellerische Nachlaß ist bis heute
noch nicht vollständig ausgewertet.
Franzos,
Karl
Emil, österreichischer Schriftsteller, *ÿCzortków
(heute Tschortkiw, Gebiet Ternopol) 25.ÿ10.1848,
gest. ÿÿBerlin 28.ÿ1.1904; Wiederentdecker der Werke G. ÿBüchners; schrieb aus liberaler Sicht
Kulturbilder und Erzählungen aus der Welt des osteuropäischen Judentums.
Aufgewachsen in Czernowitz. Jurastudium in Wien und Graz. Journalist in Wien.
Trotz seiner germanisierenden und aufklärenden Tendenzen gehören seine Reiseberichte
und Romane aus „Halb-Asien“ heute zu den wichtigsten Zeitzeugenberichten aus
dem untergegangenen Ostjudentum.
Frisch,
Efraim
(auch: E.H. Gast, KO, E. Lach, Viktor Spectator) Essayist, Romanautor und
Übersetzer, * 1.3.1873 Strui, gest. 26.11.1942 Ascona. Herkunft aus orthodoxer
Familie. Engster Mitarbeiter von Christian Morgenstern bei der Zeitschrift „Das
Theater“, danach wichtiger Dramaturg bei Max Reinhardt am Deutschen Theater in
Berlin. Herausgeber der Kulturzeitschrift „Der Neue Merkur“ und Redakteur der
„Europäischen Revue“, Autor der „Frankfurter Zeitung“. 1933 Emigration in die
Schweiz. Zahlreiche Essays, autobiograph. geprägte Romane und Erzählungen.
Übersetzungen aus dem Französischen (u.a. von Giraudoux) und dem Hebräischen.
Goldfaden,
Avram,
Dramatiker und Komponist („Vater des jiddischen Theaters“), *12.7.1840 Staro
Konstantinow, gest. 1.9.1908 New York. 1862/63 hebräische und jidd. Gedichte,
Verf. von über 50 musikalischen Dramen, Operetten und Musikkomödien, 1876
Gründung des ersten Jiddischen Theaters in Iaşi. Nach dem Verbot des jidd.
Theaters durch die russ. Regierung 1883 ging Goldfaden nach London, Paris und
schließlich New York.
Gong,
Alfred
(eigentl. Arthur Liquornik), Lyriker und Hörspielautor, *14.8.1920 Czernowitz, gest. 19.10.1981 New
York. 1942 im Czernowitzer Ghetto und im KZ Moghilew. 1942 Flucht und
Untertauchen in Bukarest. 1946-1951 in Wien als Dramaturg tätig. 1951
Übersiedlung nach New York.
Gordon,
Aaron
David, hebräischer Schriftsteller und Philosoph, *ÿTrojanow (bei Schitomir, Ukraine) 9.ÿ6.1856, gest. ÿDeganya
(am See Genezareth) 22.ÿ2.1922;
schloß sich in Rußland der jüdischen Arbeiterbewegung an, zog 1904 nach
Palästina und trat hier 1912 dem ersten Kibbuz bei. Von L.ÿN. Tolstoi beeinflußt, entwarf Gordon eine
Konzeption der Arbeit, wonach sich eine sittliche Erlösung des Judentums durch
die Rückkehr zur körperlichen Arbeit vollziehen werde. Gordon wirkte stark auf
die zionistische Arbeiterbewegung ein (»Erlösung durch Arbeit«, 1929; deutsche
Auswahl).
Gottlieb,
Maurycy
(Moritz), Maler, *1856 Drogobytsch, gest. 17.7.1879 Krakau. Studium in Lemberg,
München, Wien und Krakau bei Matejko. Nach Alexander Lesser war G. der erste
jüdische Maler in Polen, der jüdische Themen im großen Umfang aufgriff:
„Betende Juden am Jom Kippur“ (1878).
Granach,
Alexander
(eigentl. Jessaja Szajko Gronach, bis 1912 Hermann Gronach), Schauspieler,
*18.4.1890 Werbowitz, gest. 14.3.1945 New York. Spielte zunächst bei jidd.
Wandertheatern, 1912/13 Reinhardt-schule in Berlin, 1919 Münchner
Schauspielhaus, Engagements bei Reinhardt, Jessner und Piscator. 1933
Emigration in die Schweiz, 1935/37 Aufenthalt in der UdSSR und Zusammenarbeit
mit dem Moskauer Jüdischen Akademischen Theater, später Direktor des Jüdischen
Nationaltheaters in der Ukraine (Kiew). 1938 Emigration in die USA.
Autobiographischer Roman „Da geht ein Mensch“, Stockholm 1945.
Gregor,
Joseph,
Lyriker und Erzähler, * 26.10.1888 Czernowitz, gest. 12.10.1960 Wien. 1912-1914
Musikwissenschaftler an der Universität Czernowitz. Libretti der Strauß-Opern
„Der Friedenstag“, „Daphne“ und „Die Liebe der Danae“. Begründer der
Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.
Greenberg,
Uri
Zvi (auch Uri Zvi Grynberg, Gruenberg; Pseudonym: Tur Malka), israelischer
Schriftsteller, *ÿBialy Kamien
(Galizien) 17.ÿ10.1895, gest. ÿRamat Gan 9.ÿ5.1981;
in chassidischer Tradition aufgewachsen; schrieb (überwiegend in hebräischer
Sprache) über die Leiden des Judentums und die Hoffnung auf Erlösung und
engagierte sich auch politisch (u.a. in der israelischen rechtsnationalen
Revisionistischen Partei).
Herbert
Zbigniew,
polnischer Schriftsteller, *ÿLemberg
29.ÿ10.1924, gest. ÿWarschau 28.ÿ7.1998;
erstrebte in Dramen, Hörspielen, Lyrik formale Vervollkommnung traditioneller literarischer
Vorbilder, sucht die Situation des modernen Menschen zu erfassen (»Ein Barbar
in einem Garten«, Essays, 1962; »Bericht aus einer belagerten Stadtÿ...«, Gedichte, 1983; »Stilleben mit
Kandare«, 1994; »Opfer der Könige«, 1996).
Hilferding,
Rudolf
(auch: Richard Kern), Nationalökonom, Publizist und Politiker, *10.8.1877 Wien,
gest. 11.2.1941 Paris. Vater stammte aus Brody, bereits in früher Jugend in der
sozialistischen Bewegung aktiv als Theoretiker. 1910 „Das Finanzkapital“ (ND:
Frankfurt/M. 1968). Bis 1922 Chefredakteur der USPD-Zeitschrift „Die Freiheit“,
Reichsfinanzminister (1923, 1928/29), 1933 Emigration nach Zürich, 1938 nach
Paris. Verfasser des SPD-Exilprogramms „Prager Manifest“ von 1934. Von der
franz. Polizei an der Emigration nach Amerika gehindert, wurde H. zusammen mit
Rudolf Breitscheid an die Gestapo ausgeliefert, die ihn ermordete.
Israel
ben Moshe Halewi Zamosc,
(auch:
Israel ben Moshe Segal), Philosoph und Talmudist, *um 1700 in Bóbrka bei
Lemberg, gest. 20.4.1772 in Brody.Israel ben Moshe gehörte zu den ersten, die
das Studium der Naturwissenschaften in der Haskala heimisch machten, seit 1741
in Berlin.
Kacyzne,
Alter,
Fotograf, Schriftsteller und Regisseur, *1885 Wilna, 1941 auf der Flucht von
ungarischen Kollaborateuren auf dem Friedhof von Tarnopol erschossen. Berühmt
wurden seine Aufnahmen aus den ostjüdischen Schtetl, die Kacyzne von 1921 bis
1921 im Auftrag des New Yorker „Forwerts“ aufnahm (Poylin – Eine untergegangene
Welt, Berlin: Aufbau Verlag 2000).
Kaléko,
Mascha,
Schriftstellerin, *ÿChrzanów
(Galizien) 7.ÿ6.1912, gest. ÿZürich 21.ÿ1.1975;
wuchs in Berlin auf, emigrierte 1938 in die USA, lebte zeitweise auch in
Jerusalem. Ihre Lyrik ist geprägt durch Charme, Melancholie,
politisch-satirische Schärfe und pointierte Sprachkunst (u.a. »Das himmelgraue
Poesie-Album«, 1968).
Katz,
Henry
William, Romanautor, *31.12.1906 Rudky/Galizien. Nach der Flucht 1913/14 wuchs
K. in Thüringen auf, 1933 Emigration nach Frankreich. 1938 Heinrich-Heine-Preis
für den Roman „Die Fischmanns“, in dem die Geschichte einer jüdischen Familie
in Galizien geschildert wird. Fortsetzung dieser Familiensaga unter dem Titel
„Schloßgasse 21“ (Frankfurt/M. 1986).
Kesten,
Hermann,
Schriftsteller und Lyriker, * 28.1.1900 in Podwoloczyska/Galizien (nicht
Nürnberg, wie Brockhaus, Killy u.a. mitteilen), gest. 1996 in Basel, 1927-1933
Lektor und Leiter des Kiepenheuer-Verlags, 1933 Emigration nach Rom und später
New York, 1972-1976 Präsident des deutschen Pen-Zentrums, zahlreiche Romane,
Biographien und Essys.
Kipnis,
Alexander,
Sänger (Baß), *1891 Schitomir, gest. Westprt/USA, vor dem Ersten Weltkrieg
Chrorsänger der Großen Synagoge Warschau, 1916 Debut Hamburg, 1930/33
Bayreuther Festspiele und Berliner Lindenoper, 1933 Emigration in die USA.
Kittner,
Alfred,
Lyriker, Übersetzer und Literaturkritiker. *24.11.1906 Czernowitz. Bis 1942
Feuilletonredakteur in Czernowitz und wichtiges Mitglied im Kreis der Bukowiner
Dichter. 1924-44 im Konzentrationslager am Bug, danach bis 1958
Bibliotheksdirektor in Bukarest, 1980 Übersiedlung in Bundesrepublik.
Konopnicka,
Maria,
polnische Schriftstellerin, *ÿSuwalki
23.ÿ5.1842, gest. ÿLemberg 8.ÿ10.1910,
behandelte in ihren Werken, besonders Lyrik, gesellschaftskritische Themen,
u.a. Probleme der Bauern und das Schicksal polnischer Emigranten.
Krasicki,
Ignacy,
polnischer Dichter, *ÿDubiecko
(Woiwodschaft Przemysl) 3.ÿ2.1735,
gest. ÿBerlin 14.ÿ3.1801; bedeutender Vertreter der polnischen
literarischen Aufklärung; Fabeln, Satiren, Erzählungen, Erziehungsromane,
komisch-heroisches Epos »Die Mäuseade in 10 Gesängen« (1775).
Krochmal,
Nachman,
Philosoph, * Brody 17.2.1785, gest. Tarnopol 31.7.1840. 1851 erschien sein
„Führer für die Verirrten unserer Zeit“, hg. von Leopold Zunz.
Lec,
Stanislaw
Jerzy, polnischer Lyriker und Satiriker, *ÿLemberg
6.ÿ3.1909, gest. ÿWarschau 7.ÿ5.1966;
floh 1943 aus dem KZ, kämpfte in der Partisanenbewegung; schrieb Gedichte und u.a.
Aphorismen: »Unfrisierte Gedanken« (1957, 2.ÿZyklus
1964).
Lem,
Stanislaw,
polnischer Schriftsteller, *ÿLemberg
12.ÿ9.1921; schreibt neben
philosophischen und literarischen Essays, Hör- und Fernsehspielen u.a.
utopische, jedoch Struktur und Methode gegenwärtigen wissenschaftlichen Denkens
spiegelnde Romane und Erzählungen, mit denen er zu den bedeutendsten
Science-Fiction-Autoren zählt; u.a. »Der Planet des Todes« (Roman, 1951, auch
unter dem Titel »Die Astronauten«), »Das Hospital der Verklärung« (Roman,
1955), »Eden« (Roman, 1959), »Solaris« (Roman, 1961), »Transfer« (Roman, 1961),
»Fiasko« (Roman, 1986), »Apokryphen« (Roman, 1998).
Liebermann,
Mischket,
Schauspielerin, *Tytschin 18.5.1905, aufgewachsen im Berliner Scheunenviertel
(Grenadierstraße, heute Almstadtstraße), Engagement in der KP, kleine Rollen im
Reinhardt-Ensemble, 1929 Jüdisches Weißrussisches Staatstheater Minsk, später
Leitung des Klubs für ausländische Spezialisten in Moskau, dann des deutschen
Kolchostheaters in der Ukraine. Während des Krieges Evakuierung nach
Nowosibirsk, antifaschistische Arbeit in den Kriegsgefangenenlagern. 1949
Rückkehr nach Berlin, verschiedene politi. Funktionen, 1970 stellv. Direktorin
der Sektion Außenwirtschaft der Hochschule für Ökonomie Berlin-Karlshorst.
Mischket
Liebermann: Aus dem Ghetto in die Welt. Autobiographie, Ost-Berlin 1979, 2.
Aufl.
Luxemburg,
Rosa,
marxistische Theoretikerin und Politikerin, *ÿZamosc
bei Lublin (Russisch-Polen) 5.ÿ3.1870,
ermordet Berlin 15.ÿ1.1919;
jüdischer Herkunft, schloß sich schon als Schülerin der sozialistischen
Arbeiterbewegung an, emigrierte 1889 nach Zürich und studierte dort
Nationalökonomie (1897 Promotion). Zusammen mit dem ihr eng verbundenen L. ÿJogiches beteiligte sie sich 1893 führend an
der Gründung der im Untergrund tätigen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei des
Königreichs Polen (und Litauen; ab 1900). Nach Übersiedlung nach Berlin (1899)
und Eintritt in die SPD entwickelte sie sich zur führenden Theoretikerin des
linken Parteiflügels. 1905 ging sie in den unter russischer Herrschaft
stehenden Teil Polens und nahm in Warschau an Demonstrationen und Kämpfen gegen
die russische Staatsmacht teil. Vom 4.ÿ3.
bis 28.ÿ6.1906 in Warschau
in Haft, kehrte sie über Finnland (Schrift »Massenstreik, Partei und Gewerkschaften«)
nach Deutschland zurück. Im November 1906 begann ein engeres Verhältnis zu C. ÿZetkins Sohn Konstantin (Kostja; *ÿ1885, 1980).
Am 1.ÿ10. 1907 wurde sie
Dozentin an der Parteihochschule der SPD in Berlin. Schon im Vorfeldÿþ u.a. auf den Internationalen
Sozialistenkongressen (1907, 1912, 1914) und in der II. ÿInternationaleÿþ
aktiv gegen die Kriegsgefahr eintretend, bekämpfte sie im Ersten Weltkrieg 1914þ18 die Burgfriedenspolitik der SPD (»Die
Krise der Sozialdemokratie«, unter dem Pseudonym „Junius“, deshalb auch
»Junius-Broschüre« genannt, 1916) und initiierte zusammen mit K. ÿLiebknecht die »Gruppe Internationale«, für
die sie Mitherausgeberin der Zeitschrift »Die Internationale« war (ab 1915; Spartakusbund).
Vom 31.ÿ3. 1915 bis 18.ÿ2. 1916 sowie ab 10.ÿ7. 1916 war sie als Kriegsgegnerin in
Berlin, Wronke (Posen) sowie Breslau inhaftiert. Nach ihrer Freilassung (9.ÿ11. 1918) ging sie nach Berlin. Nach dem
Sturz der Monarchie strebte sie eine Rätedemokratie an. Ihre im Dezember
verfaßte Schrift »Was will der Spartakusbund« wurde zur programmatischen
Grundlage der am 31.ÿ12.
1918 /1.ÿ1. 1919
gegründeten KPD, zu deren Vorsitzender sie gemeinsam mit Liebknecht gewählt
wurde. Im Januar 1919 unterstützte sie aus Gründen der Parteiräson den Aufstand
des Spartakusbundes in Berlin, von dessen Scheitern sie überzeugt war und den
sie deswegen mißbilligt hatte; sie wurde von Freikorpsoffizieren ermordet.
Werke:
Gesammelte Briefe, herausgegeben von A.ÿLaschitza,
6ÿBde. (1984þ96); Gesammelte Werke, herausgegeben vom
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, 6ÿBde. (1987þ90);
Politische Schriften, herausgegeben von O.ÿK.
Flechtheim (Neuausgabe 1987).
Manger,
Itzik,
jiddischer Schriftsteller, *30.5.1901 Czernowitz, gest. 21.2.1969
Gedera/Israel. 1921 erste Gedichte in der „Kultur“ (Bukowina), ab 1929
jiddische Gedichtbände, „Megille Lider“ (1936), Roman „Dos Bukh fun Gan Eydn
(1939). 1940 Emigration nach London; 1951 Übersiedlung nach New York, 1967 nach
Israel. Das Musical von Dov Seltzer nach der „Megilla“ des Itzik Manger, wurde
1968 zum großen Broadway-Erfolg.
Margul-Sperber,
Alfred
(eigentl.: A. Sperber), Lyriker, Übersetzer, Publizist. *23.9.1898
Storozinec/Bukowina, gest. 3.1.1967 Bukarest. Nach 1924 als Journalist in
Czernowitz tätig. Die NS-Zeit überlebte M.-S. in Wien. Seine Haltung im
kommunist. Rumänien blieb umstritten. Wesentlicher Förderer von Ausländer,
Celan, Rosenkranz, Cisek u.a.
Meerbaum-Eisinger,
Selma,
Lyrikerin. *14.8.1924, gest. 16.12.1942 KZ Michailowka westl. des Bugs. Übersetzungen
aus dem Französischen, Rumänischen und Jiddischen. Nach der deutschen Besetzung
zunächst im Ghetto Czernowitz, im Juni 1942 im SS-Arbeitslager Michailowka,
dort am Flecktyphus gestorben. M.E. hinterließ nur 57 Gedichte, gewidmet ihrem
Freund Lejser Fichman: „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ (Frankfurt/M. 1989,
5.Aufl.).
Meir,
Golda,
früher Meyerson, israelische Politikerin, *ÿKiew
3.ÿ5.1898, gest. ÿJerusalem 8.ÿ12.1978;
lebte seit 1906 in den USA, ging 1921 nach Palästina; trat ab 1946 führend in
der Jewish Agency for Palestine hervor. 1949þ74
war sie Abgeordnete in der Knesset, 1949þ56
Ministerin für Arbeit und soziale Sicherheit, 1956þ65 Außenministerin und 1969þ74 Ministerpräsidentin sowie 1966þ68 Generalsekretärin der Mapai und 1969þ77 der Israelischen Arbeitspartei.
Mikulicz-Radecki,
Johannes
von, Chirurg, * Czernowitz 16.5.1850, gest. Breslau 4.6.1905, Schüler von
Theodor Billroth, führender Magen- und Darm-Chirurg seiner Zeit.
Morgenstern,
Soma,
Schriftsteller, *ÿBudzanów
(Ostgalizien) 3.ÿ5.1890, gest. ÿNew York 17.ÿ4.
1976; aus jüdisch-chassidischer Familie, lebte bis 1938 in Wien, war dort mit
J.ÿRoth und A.ÿBerg befreundet, emigrierte nach der
Annexion Österreichs nach Frankreich, war dort interniert, konnte in die USA
fliehen. Morgensterns (autobiografisches) Werk, das erst seit den 90er-Jahren
editorisch erschlossen wird, spiegelt die Welt des ostgalizischen Judentums und
der Wiener Kultur der 20er-Jahre (»Joseph Roths Flucht und Ende. Erinnerungen«,
herausgegeben 1994; Trilogie »Funken im Abgrund«, vollständig herausgegeben
1996).
Werke:
Soma Morgenstern: Werke in Einzelbänden, 11 Bde., Lüneburg 2001
Neumark,
David,
Philosoph, *Szczerzec 3.8.1866, gest. Cincinnati/Ohio 15.12.1924, Studium in
Lemberg und Berlin, 1897 Rabbiner, seit 1904 Rabbiner in Böhmen. Ab 1907 Leiter
des philosophischen Lehrstuhls am Hebrew Union College in Cincinnati.
Hauptwerk: „Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters“ (nur drei
Bände erschienen).
Parandowski,
Jan,
polnischer Schriftsteller, *ÿLemberg
11.ÿ5.1895, gest. ÿWarschau 26.ÿ9.1978;
seit 1933 Präsident des polnischen PEN-Clubs; Erzählungen, Romane, besonders
zur Antike (»Der olympische Diskus«, 1933).
Perez,
Issak
Leib (eigentl. Itzhok Lejb), Schriftsteller, *18.5.1851 Zamość, gest.
3.4.1915 Warschau. 1908 Präsident der Jiddischistischen Konferenz in
Czernowitz. Zahlreiche jidd. und einige hebräische Veröffentlichungen.
Prus,
Boleslaw
(eigentl.: Aleksander Glowacki), polnischer Schriftsteller, *ÿHrubieszów (Woiwodschaft Zamosc) 20.ÿ8.1847, gest. ÿWarschau
19.ÿ5.1912; strebte als
Hauptvertreter des literarischen Positivismus eine realistische Behandlung der
Zeitfragen an, so in den Romanen »Palais und Hütte« (1875), »Die Puppe« (1890),
»Pharao« (3 Bände, 1897).
Radek,
Karl
(eigentl.: KarlÿSobelsohn),
sowjetischer Politiker, *ÿLemberg
1885, gest.ÿ in einem
sowjetischen Straflager 1939; Journalist; 1918/19 am Aufbau der KPD beteiligt;
wurde 1919 Mitglied des ZK der russischen KP, 1920 Sekretär des
Exekutivkomitees der Komintern, dort bis 1923 verantwortlich für die politische
Ausrichtung der KPD; 1924 als Trotzkist aus allen seinen Parteiämtern
entlassen, 1927, erneut 1936 aus der KPdSU ausgeschlossen. 1927 bis 1929
verbannt, anschließend u.a. Redakteur der »Prawda«; 1937 zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Rathaus,
Karol,
Komponist, *16.9.1895 Tarnopol, gest. 21.11.1954 New York; Kompositionsstudium
bei Fr. Schreker ab 1913, 1920 in Berlin, 1922 Promotion in Wien, 1932-1934
Emigration in Paris und 1934-1938 in London, ab 1938 in den USA, Kompositionslehrer
am Queens College New York, zahlreiche Kompositionen in fast allen musikalischen
Genres, u.a. drei Sinfonien, Polonaise symphonique, Sinfonia concertante,
Opern, Ballette („Der letzte Pierrot“), Oratorien und Filmmusiken, u.a. zu „Die
Brüder Karamsow“ (1931).
Redl,
Alfred,
österr.-ungar. Offizier, * Lemberg 14.3.1864, gest. Wien 25.5.1913 (Suizid),
1900-1912 Nachrichtendienst des Generalstabes, auf Grund homosexueller
Neigungen zu Spionagediensten für Rußland erpreßt.
Reich,
Wilhelm,
österreichischer Psychoanalytiker, *ÿDobrzcynica
(Galizien) 24.ÿ3.1897, gest. ÿLewisburg (Pennsylvania) 3.ÿ11.1957; ging 1939 in die USA. Reich strebte
eine Verbindung zwischen Marxismus und Psychoanalyse an. In seiner
Charaktertheorie hob er die repressive Funktion der Gesellschaft hervor, die
ihre autoritäre Ordnung u.a. durch sexuelle Unterdrückung aufrechterhalte.
Reich glaubte, eine kosmische Lebensenergie entdeckt zu haben (Organtheorie),
die er mit selbst gebauten Apparaten zu speichern und für Heilzwecke
einzusetzen suchte.
Werke:
Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral (1930; Neuausgabe 1966 unter
dem Titel »Die sexuelle Revolution«); Der Einbruch der Sexualmoral (1931).
Rezzori,
Gregor
von (eigentl.: G.ÿvon Rezzoriÿd'Arezzo), Schriftsteller, *Czernowitz 13.ÿ5.1914, gest. ÿDonnini
bei Florenz 23.ÿ4.1998; verfaßte
sprachlich virtuose, geistvoll-witzige Romane und Erzählungen, deren Schauplatz
meist das fiktive Land »Maghrebinien« ist, das an die ehemalige Donaumonarchie
erinnert (»Maghrebinische Geschichten« (1953; »Ein Hermelin in Tschernopol«,
1958; »1001 Jahr Maghrebinien«, 1967; »Der Tod meines Bruders Abel«, 1976;
»Memoiren eines Antisemiten«, 1979; »Über dem Kliff«, 1991); war auch
Schauspieler und Drehbuchautor.
Richter,
Swjatoslaw
Teofilowitsch, Pianist, *ÿSchitomir
20.ÿ3.1915, gest. Moskau 1.ÿ8.1997; einer der bedeutendsten
Klaviervirtuosen der neueren Zeit. Sein Repertoire reichte von der Klaviermusik
des Barock über die Klassik und Romantik bis zu Werken zeitgenössischer
Komponisten.
Rosenkranz,
Moses
(eigentl.: Edmund R., auch Martin Brant), Lyriker und Übersetzer, *20.6.1904
Berhometh/Pruth (Bukowina), ab 1941 über ein Jahrzehnt in rumänischen und sowjetischen
Arbeitslagern, 1961 Ausreise nach Deutschland. Gefördert von A. Margul Sperber,
veröffentlichte R. in Czernowitz bis 1940 vier Gedichtbände und 1947 unter dem
Pseudonym Martin Brant in Bukarest die Sammlung „Gedichte“. „Im Untergang. Ein
Jahrhundertbuch“ erschien in München 1986 (Innsbruck 1988).
Rotenstreich,
Nathan,
Philosoph, *Sambor 31.3.1914, gest. 11.10.1993 Jerusalem, führender jüdischer
Kant- und Hegelspezialist.
Roth,
Henry,
amerikanischer Schriftsteller, *ÿTysmeniza
(Galizien) 8.ÿ2.1906, gest. ÿAlbuquerqe (New Mexico) 13.ÿ10. 1995, wuchs in New York auf; als
Klassiker der jüdisch-amerikanischen Literatur gilt sein autobiographisch
bestimmter Roman »Nenne es Schlaf« (1934; Wiederveröffentlichung 1960).
Roth,
Joseph,
österreichischer Schriftsteller, *ÿBrody
(bei Lemberg) 2.ÿ9.1894, gest. ÿParis 27.ÿ5.1939;
veröffentlichte während des Ersten Weltkrieges erste feuilletonistische
Arbeiten und Gedichte; war nach dem Krieg für verschiedene Zeitungen in Wien,
Prag und Berlin tätig, dann Korrespondent der »Frankfurter Zeitung«, in deren
Auftrag er nach Frankreich, in die Sowjetunion, nach Polen und Albanien reiste.
Roth emigrierte 1933 nach Frankreich, lebte zuletzt in Paris, wo er sich in
österreichisch-monarchistischen Kreisen gegen den Nationalsozialismus
engagierte und schließlich an den Folgen seiner Trunksucht in einem Armenhospital
starb. Seine ersten Romane (»Das Spinnennetz«, 1923 veröffentlicht in der
»Arbeiterzeitung«; »Hotel Savoy«, 1924; »Die Rebellion«, 1924) sindÿþ wie seine zahlreichen journalistischen Arbeiten
dieser Zeitÿþ von
sozialistischem Engagement und Auseinandersetzung mit dem Stil der »Neuen
Sachlichkeit« geprägt. Unter dem Eindruck einer Reportagereise in die
Sowjetunion 1926 wandte er sich zunehmend vom Sozialismus ab; thematisch
vorherrschend wurden in der Folge die Welt des Ostjudentums (»Hiob«, 1930) sowie
der Untergang der Donaumonarchie (»Radetzkymarsch«, 1932; »Die Kapuzinergruft«,
1938), deren Völkergemeinschaft ihmÿþ
in verklärter Sichtÿþ
auch als realpolitische Alternative zum Nationalismus und Faschismus seiner
Zeit erschien. þ Weitere Werke:
Romane: Flucht ohne Ende (1927); Zipper und sein Vater (1928); Rechts und
links (1929); Tarabas (1934); Beichte eines Mörders (1936); Die hundert Tage
(1936); Das falsche Gewicht (1937); Die Geschichte von der 1002. Nacht (1939);
Der stumme Prophet (herausgegeben 1966); Perlefter (herausgegeben 1978).
Erzählungen: Die Legende vom heiligen Trinker (1939); Der Leviathan
(herausgegeben 1940). Essay: Juden auf Wanderschaft (1927).
Ausgaben:
Werke, herausgegeben von H.ÿKesten,
4ÿBde. (Neuausgabe 1975þ76); Berliner Saisonbericht. Unbekannte
Reportagen und journalistische Arbeiten, 1920þ39,
herausgegeben von K.ÿWestermann
(1984); Werke, herausgegeben von K.ÿWestermann
und F.ÿHackert, 6ÿBde. (1989þ91);
Briefe aus Deutschland. Mit unveröffentlichten Materialien, herausgegeben von
R.ÿSchock (1997).
Heinz
Lunzer/ Victoria Lunzer-Talos: Joseph Roth. Leben und Werk in Bildern, Köln
1994.
Rybakow,
Anatoli
Naumowitsch (eigentl.: Aronow), russischer Schriftsteller, *ÿTschernigow (Ukraine) 14.ÿ1.1911, gest. ÿNew
York 23.ÿ12.1998 ; begann
mit Abenteuergeschichten für Kinder und Produktionsromanen (»Menschen am
Steuer«, 1950). Sein späteres Werk ist durch psychologische Einfühlsamkeit und
die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen gekennzeichnet (»Schwerer Sand«, 1978).
In dem Roman »Die Kinder vom Arbat« (1987) und der Fortsetzung »Jahre des
Terrors« (1989) setzt er sich mit der Stalinzeit auseinander. 1989 wurde
Rybakow zum ersten Präsidenten des russischen PEN-Zentrums gewählt. 2001
erschien die deutsche Ausgabe des „Romans der Erinnerung. Memoiren“ (russ.
1997).
Sacher-Masoch,
Leopold
Ritter von, Schriftsteller, *ÿLemberg
27.ÿ1. 1836, gest. ÿLindheim (heute zu Altenstadt,
Wetteraukreis) 9.ÿ3.1895; schrieb
Romane mit pessimistischer Darstellung des Familienlebens und Neigung zum
Masochismus (»Venus im Pelz«, 1866). Seine Novellen schildern das
polnisch-jüdische Bauern- und Kleinbürgerleben.
Salomon
Jehuda Löb Kohen Rapoport (Shir),
*Lemberg
1790, gest. 1867 Prag, Pionier der osteuropäischen Haskala und entschiedener
Gegner des Chassidismus, Begründer der historisch-kritischen Methode bei der
Erforschung der rabbinischen Literatur. Sein Projekt einer talmudischen
Enzyklopädie blieb Torso.
Schmidt,
Joseph,
berühmter Opernsänger und zeitweilig auch Kantor in Czernowitz (Tenor), *ÿDawideny (Bukowina) 4.ÿ3.1904, gest. ÿGirenbad
(Gemeinde Hinwil, Kanton Zürich) 16.ÿ11.1942;
wurde als Konzertsänger sowie durch Rundfunk, Schallplatte und Tonfilm (»Ein
Lied geht um die Welt«, 1933) weltbekannt.
Schneerson,
(Rabbi
Schneerson), Menachem Mendel, ukrainischer jüdischer Philosoph, Mathematiker,
Elektrotechniker, *ÿNikolajew
14.ÿ4.1902, gest. ÿNew York 12.ÿ6.1994;
lebte seit 1940 (nach abenteuerlicher Flucht aus Litauen) in den USA, übernahm
1951 in New York (Brooklyn) die Leitung der chassidischen Chabad-Bewegung
(»Lubawitscher Gemeinde«) und baute sie zur weltweit einflußreichsten
orthodoxen jüdischen Bewegung aus; wurde von seinen Anhängern auch als der
kommende »Messias« verehrt.
Scholem
Alejchem,
[jiddisch
»Friede sei mit euch«], eigentl.: Schalom Rabinowitsch, jiddischer
Schriftsteller, *ÿPerejaslaw (heute
Perejaslaw-Chmelnizki, bei Kiew) 2.ÿ3.1859,
gest. ÿNew York 13.ÿ5.1916; als Autor, Kritiker und Herausgeber
maßgeblich an der Erneuerung der jiddischen Literatur beteiligt. Seine Romane
und Erzählungen beschreiben die alltägliche Welt der osteuropäischen Juden um
die Jahrhundertwende (»Tewje, der Milchmann«, 1894, danach Musical »Anatevka«,
1964, von J.ÿBock).
Schreyer,
Isaac
(auch Herbert Urfahr) *20.10.1890 Wisnitz/Bukowina, gest. 14.1.1948 New York,
Lyriker und Übersetzer, stammte aus orthodoxer Familie, studierte in
Czernowitz, lebte in Berlin und Leipzig, ab 1918 in Wien, 1939 Flucht über
England in die USA. Neoromantische Gedichte (zuletzt als „Psalm eines einfachen
Mannes“, New York/Wien 1950), Übersetzungen aus dem Hebräischen und Jiddischen.
Schulz,
Bruno,
polnischer Schriftsteller und Grafiker, *ÿDrogobytsch
(heute Drohobitsch, bei Lemberg) 12.ÿ7.1892,
1924þ41 Zeichenlehrer in
Drogobytsch, danach im Warschauer Ghetto, wo er am 19.11.1942 von einem
SS-Soldaten erschossen wurde; schrieb die durch autobiographische
Kindheitserinnerungen geprägten Erzählungen »Die Zimtläden« (1934) und »Das
Sanatorium zur Todesanzeige« (1937).
Schwarzwald,
Eugenie,
geb. Nußbaum, Pädagogin und Schulreformerin, *1872 Polupanowka, gest. 7.8.1940
Zürich. Aufgewachsen in Czernowitz, Gemanistikstudium in Zürich, 1900 (!)
Promotion. 1901 Direktorin des Wiener Mädchenlyzeums: „Schwarzwaldsche
Schulanstalten“ als „Wiege der Schulreform“. Umfangreiche Sozialarbeit. 1938
Emigration in die Schweiz.
Göllner,
Renate: Kein Puppenheim. Genia Schwarzwald und die Emanzipation, Frankfurt/M.
1999
Sienkiewicz,
Henryk,
polnischer Schriftsteller, *ÿWola
Okrzejska (Woiwodschaft Lublin) 5.ÿ5.1846,
gest.ÿVevey (Schweiz) 15.ÿ11.1916. Der nationalgeschichtlichen
Romantrilogie (1884þ88)
über das 17.ÿJahrhundert »Mit
Feuer und Schwert«, »Sturmflut«, »Pan Wolodyjowski, der kleine Ritter« folgte
der in viele Sprachen übersetzte Roman »Quo vadis?« (1896) aus der Zeit der
Christenverfolgung unter Nero. Sienkiewicz erhielt 1905 den Nobelpreis für
Literatur.
Singer,
Israel
Joshua, amerikanischer Schriftsteller jiddischer Sprache, *ÿBilgoraj (bei Zamosc) 30.ÿ11.1893, gest. ÿNew York 10.ÿ2.1944,
Bruder von Isaac Bashevis Singer; historische Familienromane, u.ÿa. »Die Brüder Aschkenasi« (jiddisch 1937,
englisch 1936).
Singer,
Isaac
Bashevis, amerikanischer Schriftsteller jiddischer Sprache, *ÿRadzymin (bei Warschau) 14.ÿ7.1904, gest. ÿMiami
(Florida) 24.ÿ7.1991, Bruder von
Israel Joshua Singer; seit 1935 in den USA (seit 1943 amerikanischer
Staatsbürger). Singers Romane und Erzählungen in jiddischer Sprache wurzeln in
der polnisch-jüdischen Kulturtradition und lassen universale Bedingungen des Menschseins
lebendig werden: »Satan in Goraj«, Roman, hebräisch und jiddisch 1943, englisch
1955, deutsch 1969; »Die Familie Moschkat«, 2ÿBände,
Roman, 1950; »Gimpel der Narr«, Erzählung, 1957; »Der Zauberer von Lublin«,
Roman, 1960; »Jakob, der Knecht«, Roman, 1962; »Mein Vater, der Rabbi«,
Autobiographie, 1966; »Feinde, die Geschichte einer Liebe«, Roman, 1972; »Der
Kabbalist vom East Broadway«, Erzählung, 1973; »Leidenschaften. Geschichten aus
der neuen und der alten Welt«, Erzählung, 1975; »Verloren in Amerika«,
Autobiographie, 3ÿBände, 1976þ81). Singer erhielt 1978 den Nobelpreis für
Literatur.
Sperber
Manès,
französischer Schriftsteller österreichischer Herkunft, *ÿZablotów (heute Sabolotow, Ukraine) 12.ÿ12.1905, gest. ÿParis 5.ÿ2.1984;
Sohn eines Rabbiners, aufgewachsen in Galizien, ab 1916 in Wien. Dort studierte
er Psychologie und war Schüler und Mitarbeiter von A. ÿAdler. 1927 wurde er Dozent für Psychologie
und Soziologie in Berlin; es folgten der Bruch mit Adler (1932) und der
Eintritt in die KPD, deren Mitglied er bis 1937 blieb. 1933 emigrierte Sperber
über Österreich und Jugoslawien nach Frankreich. 1939 diente er als
Kriegsfreiwilliger in der französischen Armee, nach deren Niederlage floh er in
die Schweiz. Nach Kriegsende kehrte er nach Paris zurück, wo er im Verlagswesen
und zeitweise auch als Hochschullehrer tätig war. Sperber verknüpft in seinem
nachhaltig vom eigenen Erleben geprägten Werk narrativen Aufbau und Elemente
der Spannung mit geistreich-ironischen Analysen. Wissen, Bewußtsein, Gewissen
waren ihm als geistige Einheit oberstes Gebot in Leben und Werk; als
skeptischer Humanist wandte er sich gegen jede Art von Totalitarismus. Sein
wohl bekanntestes Werk ist die (auto)biographisch-politische Romantrilogie »Wie
eine Träne im Ozean« (1961). Des Weiteren veröffentlichte er eine Reihe von
Essaybänden, in denen er sich u.a. mit jüdischer Identität, dem Problem der
Gewalt und literarischen Themen auseinandersetzte, sowie psychologische
Abhandlungen. Seine Erinnerungen, deren gemeinsamer Titel »All das Vergangene«
lautet, umfassen die Bände »Die Wasserträger Gottes« (1974), »Die vergebliche
Warnung« (1975) und »Bis man mir Scherben auf die Augen legt« (1977). Sperber
schrieb auch in französischer Sprache. 1975 erhielt er den Georg-Büchner-Preis,
1983 den Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. þ Weitere Werke: Essays: Alfred Adler
(1926); Zur Analyse der Tyrannis (1939); Zur täglichen Weltgesch. (1967);
Alfred Adler oder Das Elend der Psychologie (1970); Leben in dieser Zeit (1972);
Individuum und Gemeinschaft (1978); Churban oder Die unfaßbare Gewißheit
(1979); Nur eine Brücke zwischen gestern und morgen (1980).Die Wirklichkeit in
der Literatur des 20.ÿJahrhunderts
(1983); Ein politisches Leben. Gespräche mit Leonhard Reinisch (1984); Geteilte
Einsamkeit. Der Autor und sein Leser (1985).Der schwarze Zaun (herausgegeben
1986, Romanfragment).
Staff,
Leopold,
polnischer Lyriker, *ÿLemberg
14.ÿ11.1878, gest.
Skarzysko-Kamienna (Woiwodschaft Heiligkreuz) 31.ÿ5.1957;
entwickelte über Verse nach klassischem Muster immer einfachere und klarere
Formen (z.ÿB. »Barwa miodu«,
1936). Der Gedichtband »Wiklina« (1954) galt als künstlerische Kampfansage an
den sozialistischen Realismus; bedeutender Übersetzer aus dem Italienischen und
Deutschen.
Steinbarg,
Eliezer,
jiddischer Schriftsteller, *1880 Lipkany, Bessarabien, gest. 1932 Czernowitz.
Bis 1920 Schulleiter in Lipkany, seit 1920 in Czernowitz. Populärer Verf. vor
allem von hebr. Erzählungen und Fabeln für Kinder.
Leo
(eigentl.: Jonas Leib), Historiker, Rektor der MLU Halle-Wittenberg, *27.3.1901
Woloka bei Czernowitz, gest. 2.1.1982 Halle, Studium in Wien, 1921-1933 SPÖ,
1933-1950 KOÖ, 1934 sechs Monate KZ, 1935 Emigration in die CSR, 1936 in die
UdSSR, 1936-1939 Interbrigadist, 1942-1945 Rote Armee, 1945-1949 Lehrtätigkeit
in Wien, 1950-1966 Prof. f. neuere Geschichte und Geschichte der
Arbeiterbewegung, Direktor des Instituts f. dtsch. Geschichte der MLU Halle,
1953-1959 Rektor der MLU.
Stern,
Manfred,
langjähriger Mitarbeiter Komintern, als „Général Kléber“ Chef der XI.
Internationalen Brigade vor Madrid November 1936, *20.1.1896 Woloka, gest. 1954
in der UdSSR, während des ersten Weltkrieges Übergang zu den Bolschewiki, 1521
Teilnahme an den Arbeiterkämpfen in Mitteldeutschland, 1927 Stabschef der
chinesischen Roten Armee, Spanienkämpfer, nach Rückkehr nach Moskau 1938
verhaftet und zu langjähriger Haft verurteilt, 25.8.1956 rehabilitiert.
Stern,
Wolf,
Berufsrevolutionär , später Oberst der NVA, *15.12.1897 Woloka bei Czernowitz,
gest. 16.9.1960, Studium in Czernowitz, 1919-1924 Parteiorganisator des ZK der
KP der Bukowina, 1924 Flucht nach Wien, Mitglied der KPÖ, 1924-1927 Mitarbeiter
der sowjet. Botschaft in Wien, 1937 sowj. Staatsangehörigkeit, 1939-1941 Sprachlehrer
an der Lomonossow-Universität Moskau, 1941 Rote Armee, 1943-1950 HV
Kriegsgefangenenarbeit beim NKWD, 1950-1956 Redakteur der „Sowjetliteratur“,
Sept. 1956 Rückkehr in die DDR, Mitarbeiter der NVA (Institut f. Dt.
Militärgeschichte Potsdam, Arbeitsgemeinschaft ehem. Offiziere, Publizist).
Lit.:
Karin Hartewig: Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten
in der DDR, Köln-Weimar-Wien 2000, S. 131-142.
Twardowski,
Kazimierz,
polnischer Philosoph, *ÿWien
20.ÿ10.1866, gest. ÿLemberg 1938; Schüler F. ÿBrentanos und W. ÿWundts; Begründer der sprachanalytisch
ausgerichteten Schule in Warschau und Lemberg (Warschauer Schule).
Ulam,
Stanislaw
M., Mathematiker, * Lemberg 13.4.1909, gest. Santa Fe 13.5.1984, führend beteiligt
an der Entwicklung der Wasserstoffbombe in Los Alamos. Studium am Polytechnikum
in Lemberg, 1936 Princeton, 1939/40 Harvard, seit 1943 in Los Alamos.
Viertel,
Berthold,
Regisseur, Lyriker und Essayist, *28.6.1885 Wien, gest. 24.9.1953 Wien. Die jüd.
Familie Viertel kam aus Galizien nach Wien.
Wander,
Fred,
Erzähler, Jugendbuch- und Theaterautor * 5.1.1917, gest. ??? Eltern, arme
Ostjuden, stammten aus Czernowitz. 1942 nach Auschwitz und Buchenwald
deportiert. 1958 Übersiedlung mit seiner Frau Maxie Wander in die DDR, seit
1983 wieder in Wien. W. schreibt gegen Erinnerungsverlust und Resignation.
Wichtigstes Werk die Erzählung „Der siebente Brunnen“ (1971/85): „In einer
faszinierenden Mischung aus Magie und Rationalität wird die chassid. Erzähltradition
wiederbelebt, die Literatur derer, die seit Jahrhunderten verfolgt sind und
daher im Wort leben.“ (Eliach)
Weiss,
Leopold,
Journalist, *1900 Lemberg, Nahost-Korrespondent der Frankfurter Zeitung, 1926
Konversion zum Islam (Muhammad Asad), engagierte sich für eine kulturelle und
geistige Erneuerung der islamischen Welt, enger Vertrauter der saudischen
Königsfamilie, pakistanischer Diplomat und Gesandter bei der UNO.
Günther
Windhager: Leopold Weiß alias Muhammad Asad. Von Galizien nach Arabien 1900-1927,
Wien 2002.
Weissglas,
(James
) Immanuel, Lyriker und Übersetzer, *14.3.1920 Czernowitz, gest. 28.5.1979
Bukarest. Gehörte zur Czernowitzer Gruppe um Celan und Ausländer. Unter deutscher
Besatzung nach Transnistrien verschleppt, 1945 Flucht vor den Sowjets nach
Bukarest. Dort vor allem als Übersetzer tätig (Goethes „Faust“). Sein Gedicht
„Er“ von 1944 spielte im Zusammenhang mit Plagiatsvorwürfen gegen Celans
„Todesfuge“ eine entscheidende Rolle.
Weldler-Steinberg,
Augusta,
Essayistin und Historikern, *1.11.1879 Pomorzany, gest. 10.11.1932 Zürich.
Herausgeberin der Werke von Theodor Körner, Hoffmann von Fallersleben und Rahel
Varnhagen. Ab 1916 Redakteurin der „Jüdischen Zeitung“, ab 1919 Leiterin des
Jüdischen Korrespondenzbüros in Zürich. Zionistische Aktivistin und Schweizer
Patriotin: „Geschichte der Juden in der Schweiz vom 16. Jh. bis nach der
Emanzipation“ (erst 1966/70 in zwei Bänden in Zürich erschienen).
Wieniawski
Henryk,
polnischer Geiger und Komponist, *ÿLublin
10.ÿ7.1835, gest. ÿMoskau 31.ÿ3.1880;
hat viel zur Entwicklung der Bogentechnik beigetragen; schrieb u.a. zwei Violinkonzerte.
Wiesenthal,
Simon,
österreichischer Publizist, *ÿBuczacz
31.ÿ12.1908; Architekt, als
Jude 1941 in Lemberg verhaftet und bis 1945 im KZ; trug wesentlich zur
Aufspürung A. ÿEichmanns in
Argentinien (1960) und über 1000 anderer nationalsozialistischer Haupttäter bei
(»Nazi-Jäger«); eröffnete 1961 das jüdische Dokumentationszentrum in Wien, das
er seitdem leitet.
Wyspiański
Stanislaw,
polnischer Schriftsteller und Maler, *ÿKrakau
15.ÿ1.1869, gest. ÿebenda
28.ÿ11.1907;
bedeutender polnischer Dramatiker; eine der führenden Persönlichkeiten in der
neuromantischen Bewegung »Junges Polen«. Seine Dramen behandeln antike Stoffe,
die polnische Geschichte (»Die Warschauerin«, 1898; »Novembernacht«, 1904) und
zeitgeschichtliche Probleme. In seinen u.a. von P.ÿGauguin beeinflußten Gemälden dominieren
Porträts, Landschaften und Blumen; daneben Glasmalereien und
Buchillustrationen.
Zapolska
Gabriela
(eigentl.: Maria Korwin-Piotrowska), polnische Schriftstellerin, *ÿPodhajce (bei Luzk, heute Ukraine) 30.ÿ3.1857, gest. ÿLemberg
17.ÿ12.1921; führende
Vertreterin des polnischen Naturalismus; schrieb Dramen (»Die Moral der Frau
Dulski«, 1907), Romane und Erzählungen.
Zöckler,
Theodor,
Pfarrer und Anstaltsgründer, *5.3.1867 Greifswald, gest. 18.9.1949 Stade. 1890
Judenmissionar. 1891 Pfarrer in Stanislau (heute Ivano-Frankivsk), 1896 Eröffnung
eines Kinderheims, danach einer deutschen Schule, seit 1913 mit dem
Diakonissenhaus „Sarepta“ verbunden: Stanislauer Anstalten. 1926 bewirkte
Zöckler den Zusammenschluß der sechs protestantischen Kirchen Polens zum „Rat
der ev. Kirchen in Polen“. 1939 wurde Zöckler mit den Stanislauer Anstalten
nach Deutschland umgesiedelt. Fortsetzung der Arbeit in Stade, nach 1990 auch
wieder in bescheidener Weise in Stanislau.
Zuckerkandl,
Berta,
Journalistin, *13.4.1864 Wien, gest. 16.10.1945 Paris. Tochter des aus Galizien
stammenden Herausgebers des „Neuen Wiener Tagblatts“ Moriz Szeps, verheiratet
mit dem prominenten Anatom Emil Zuckerkandl. Der Salon der „Hofrätin“ gehörte
zu den intellektuellen Brennpunkten des damaligen Wien. Z. trat publizistisch
engagiert für die Neue Sachlichkeit ein und gehörte zu den Mitbegründern der
Salzburger Festspiele. 1938 Flucht über Frankreich nach Algier.
Auschwitz
(polnisch
Oswiecim), Stadt in der polnischen Woiwodschaft Kleinpolen, an der Mündung der
Sola in die Weichsel, 46ÿ000
Einwohner; Bahnknotenpunkt; chemische, Metallindustrie, Maschinenbau.
Geschichte:
1940 errichtete die SS in Auschwitz ein KZ und erweiterte es 1941 zum
Vernichtungslager mit drei Hauptlagern (AÿI-Stammlager,
AÿII-Birkenau und AÿIII-Monowitz) sowie 39 Außen- und
Nebenlagern. Die von Februar 1942 bis November 1944 fabrikmäßig betriebenen
Gaskammern ließen Auschwitz weltweit zum Synonym der Massenvernichtung
europäischer Juden (Holocaust) werden. Über die Zahl der Opfer, die bis zur
Befreiung des Lagers durch sowjetische Truppen (27.ÿ1.1945 [seit 1996 Gedenktag in Deutschland];
60ÿ000 u.a. nicht jüdische
Überlebende) getötet und in Krematorien verbrannt wurden oder an Entkräftung,
Seuchen und Ähnlichem starben, werden verschiedene Angaben gemacht. Die neuere
Forschung geht von 0,8 bis 1,6 Mio. Opfern (v.ÿa.
Juden, aber auch Sinti und Roma) aus.ÿþ
Die 1947 eingerichtete Mahn- und Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gehört zum
UNESCO-Weltkulturerbe.
EdH 1, 108-128 (Lit.); Robert Jan van
Pelt/Deborah Dwork: Auschwitz. Von 1270 bis heute, Zürich-München 2000;
Belzec
Gem.
in der Wwschaft Lublin, Polen.ÿþ
Im November 1941 begann der Bau eines nationalsozialistischen
Vernichtungslagers, in dem 1942 etwa 600ÿ000
Personen, u.a. Juden aus dem Südosten Polens, durch Motorabgase ermordet wurden
(Zahlenangaben schwanken; Mindestzahl: 390ÿ000
Todesopfer).
Große
Synagoge („Alte Schul“) von 1742 am Markt (Festungssynagoge, heute stark
verfallen), sog. Neuer jüdischer Friedhof.
Kronprinz-Rudolf-Gymnasium
mit Denkmal für Josef Roth, 1815 als jüdische Realschule eröffnet
Geschichte:
1630 Bau einer Stadtanlage und Festung. Im 19. Jh. lebte in Brody die größte
jüdische Gemeinde Galiziens, jüd. Anteil an der Bevölkerung zeitweilig über 70 %,
Zentrum der jüdischen Orthodoxie. Das Aufkommen der Haskala führte auch in
Brody zu schweren Auseinandersetzungen. 1799 Zollbefreiung für Brody, das auch
als Transitort für russische Juden in Richtung Westen große Bedeutung erlangte.
EdH 1, 243f.
Czernowitz
- Tschernowzy
(ukrainisch
Tscherniwzi, rumänisch Cernauti, deutsch Czernowitz), Gebietshauptstadt in der
Ukraine, am Pruth, 260ÿ000
Einwohner; kultureller Mittelpunkt der Nordbukowina; ukrainisch-orthodoxer
Erzbischofssitz; Universität (gegründet 1875 als östlichste deutschsprachige
Universität), medizinische Hochschule, Museen, zwei Theater, Philharmonie;
Schuh-, Textil-, Nahrungsmittel-, chemische Industrie, Maschinenbau;
Verkehrsknotenpunkt, Flughafen.
Jüdisches
Haus, gebaut 1907 (jüdische Sprachkonferenz von 1908), Celan-Geburtshaus,
Synagoge/Tempel (Kinotheater „Černivci“) mit Gedenktafel für Josef
Schmidt, Residenz des Metropoliten der Bukowina, Hotel „Schwarzer Adler“,
Gymnasium, Judenviertel , jüdisches Theater „La Scala“, jüdische Schule in der Schulgasse (Neueröffnung),
Toynbee-Halle (ehem. Zionistisches Zentrum), jüdischer Friedhof mit mehr als
50.000 Gräbern (Elieser Steinbarg, Matthias Zwilling) und in der Nachbarschaft
der christl. Friedhof mit vielen deutschen Gräbern.
Geschichte:
1408 erstmals erwähnt, fiel 1775 mit der Bukowina an Österreich, 1786þ1849 Verwaltungszentrum der Bukowina
innerhalb Galiziens („Klein-Wien“), 1849þ1918
Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina und Zentrum der
Bukowinadeutschen; kam 1918/19 an Rumänien, 1940 mit der nördlichen Bukowina an
die UdSSR (Ukraine); 1941þ44
erneut rumänisch. Oktober 1941 Errichtung des Ghettos. Um 1910 betrug der
Anteil der Juden an der Bevölkerung rund 30 % („Jerusalem an der Pruth“):
„Nirgends war die deutsch-jüdische Kultursymbiose besser verwirklicht.“ Heute
leben noch etwa 10.000 Juden in Czernowitz. Zwischen 1848 und 1940 erschienen
in Czernowitz über 370 verschiedene Zeitungen (200 deutsche, 68 ukrainische, 50
rumänische, 28 polnische und 24 jiddische)
Georgskirche und Kreuzerhöhungskirche (Holzkirchen aus dem 15. und 16. Jh.), Ghettodenkmal. Von den ehemals sieben Synagogen existiert nur noch die neoromanische Neue Synagoge von 1865 (zuletzt als Möbelgeschäft genutzt). In Drohobycz wurde der polnisch schreibende jüdische Schriftsteller Bruno Schulz geboren, der 1942 im dortigen Ghetto erschossen wurde.
Am 9. Februar 2001 entdeckten der Hamburger Dokumentarfilmer Benjamin Geissler und sein Vater, der Schriftsteller Christian Geissler, in einer Villa in D. in dem Kinderzimmer, das heute als Vorratskammer dient, der früheren Villa des SS-Hauptscharführers Felix Landau (bis heute: „Landau-Villa“) von Bruno Frank gemalte Fresken, die inzwischen nach Israel verbracht wurden.
Geschichte: Gründung im 11. Jh.,
genannt nach dem Mediziner und Philosophen Jurij Drohobyć,
der 1483 das erste ukrainische Buch veröffentlichte. Salzbergwerke. Das
Gymnasium in D. besuchte auch Ivan Franko. Ende des 19. Jh.s Ölfunde
(„Galizische Hölle“). Vor dem 2. Weltkrieg etwa 35.000 Einwohner, davon über 40
% Juden, 35 % Polen und 20 % Ukrainer. 1939 Besetzung durch die Rote Armee,
1941 deutsche Besetzung, Ghetto und Judenmord. Nach dem Krieg Aussiedlung der
polnischen Bevölkerung.
EdH 1, 370-372; T. Friedman (Hg.): Bericht
des SS- und Polizeiführers über die Vernichtung der Juden Galiziens, Haifa
1959; B. Schmalhausen: Berthold Beitz im Dritten Reich. Mensch in
unmenschlicher Zeit, Essen 1991
Kielce
Hauptstadt
der Woiwodschaft Heiligkreuz, Polen, am Westrand des Kielcer Berglandes, 213ÿ700 Einwohner; katholischer Bischofssitz;
Technische Hochschule, Pädagogische Hochschule; Kugellagerfabrik, Maschinen-,
Chemieanlagen-, Motorrad-, Lkw-Bau, Nahrungsmittelindustrie.þ Kathedrale (1171 gegründet, im 16./17.ÿJahrhundert neu gestaltet), ehemaliges
Schloß der Bischöfe von Krakau (1637þ41;
Nationalmuseum).
Geschichte:
Das 1084 als Handelsplatz erstmals erwähnte Kielce erhielt um 1364
Stadtrecht.ÿþ Während der
deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg (1939þ45)
nahezu vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung (1939 etwa 24ÿ000 Personen). Dem von polnischen Einwohnern
sowie Militär- und Sicherheitskräften verübten Pogrom am 4.ÿ7.1946 (42 Opfer) folgte die massenhafte
Emigration von Überlebenden des Holocaust aus Polen und Osteuropa.
EdH 2, 756f.
Krakau
(polnisch
Kraków), Hauptstadt der Woiwodschaft Kleinpolen, Polen, an der Weichsel, mit
745ÿ400 Einwohnern die
drittgrößte Stadt Polens; katholischer Erzbischofssitz; größtes polnisches
Kultur- und nach Warschau zweitgrößtes polnisches Wissenschaftszentrum;
Jagiellonische Universität (1364 gegründet), Technische Universität, Akademien
u.a. Hochschulen, Forschungsinstitute, Zweigstelle der Polnischen Akademie der
Wissenschaften, Jagiellonische Bibliothek, Goethe-Institut, etwa 30 größere
Museen, Theater, botanischer und zoologischer Garten; Maschinenbau,
elektrotechnische, pharmazeutische, Textil-, Lebensmittel- u.a. Industrie,
Druckereien; im Stadtteil Nowa Huta großes Hüttenwerk.
Verkehrsknotenpunkt mit Weichselhafen und Flughafen.þ In der Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe)
bedeutende Bauten: am Alten Markt u.a. Tuchhallen (14., 16. und 19.ÿJahrhundert), gotische Marienkirche (1226
bis 15.ÿJahrhundert; Altar
von V. Stoß, 1477þ89) und die kleine
romanische Kirche Sankt Adalbert; auf dem Burgberg (Wawel; ehemalige königliche
Residenz) Schloß (Renaissanceneubau, 1502þ36)
und Dom (1320þ64; später
erweitert; bedeutende Kapellenanbauten des 15. und 16.ÿJahrhunderts), Krönungs- und Grabstätte der
polnischen Könige (u.a. Grabmal König Kasimirs IV. von V. ÿStoß). Zu den bemerkenswerten modernen
Bauten gehört das Zentrum für japanische Kunst von Isozaki Arata (1994
eröffnet).
Geschichte:
Das um 965 erstmals als Handelsplatz erwähnte Krakau wurde 1000
Bischofssitz, 1138 durch Boleslaw III. testamentarisch zum Sitz des Seniors der
polnischen Teilfürsten bestimmt; 1241 von Mongolen zerstört, 1257 nach
Magdeburger Stadtrecht neu gegründet, trat 1430 der Hanse bei. 1320þ1764 Krönungsstadt der polnischen Könige,
bis 1596 (Verlegung des polnischen Hofes nach Warschau) auch Hauptstadt Polens;
fiel mit der 3. Teilung Polens (1795) an Österreich und gehörte 1809þ15 zum Herzogtum Warschau; durch den Wiener
Kongreß 1815 zum neutralen Freistaat (»Republik«) erhoben (unter den
Schutzmächten Österreich und Rußland); nach der Niederschlagung eines
nationalpolnischen Aufstandes (1846) Österreich angeschlossen; kam nach dem
Ersten Weltkrieg wieder zu Polen, im Zweiten Weltkrieg 1939þ44 Verwaltungssitz des Generalgouvernements.
Juden:
Seit dem 14. Jh. eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Europa, 1495
Vertreibung der Juden nach Kazimierz (Vorstadt), ab 1867 Recht, in ganz Krakau
zu wohnen. Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und Kultur seit dem Mittelalter.
1540: 2.100; 1880: 20.000 (ein Drittel der Gesamtbevölkerung); 1900: 25.000;
1921: 45.000; 1939: 60.000 Juden in Krakau. 2.3.1941 Ghetto in Podgórze (18.000
Insassen), ab Ende Mai Beginn der Deportationen in die Vernichtungslager, Aktionen
im Ghetto. Mordechai Gebirtig, geb. 1877, erschossen im Ghetto von Krakau am
4.6.1942. Widerstandsbewegung mit verschiedenen Gruppen innerhalb und außerhalb
des Ghettos. Nach dem Krieg 4.000 Juden in Krakau, 1946/47: 10.000. 1947/51
nach antisemitischen Ausschreitungen massenhafte Auswanderung. Seit 1968 leben
nur noch wenige Juden in Krakau.
Lemberg
(ukrainisch
Lwiw, russisch Lwow, polnisch Lwów), Gebietshauptstadt in der Ukraine, kulturelles
und wirtschaftliches Zentrum der Westukraine, 790ÿ000
Einwohner; mehrere Universitäten, Forschungszentrum West der Ukrainischen
Akademie der Wissenschaften, Hochschulen, Museen und Theater, Opernhaus;
Maschinenbau, elektrotechnische-elektronische, chemische, Nahrungsmittel-,
Leichtindustrie; Flughafen.þ
Von der historischen Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe) blieben nach den Zerstörungen
durch die beiden Weltkriege erhalten: Mauerteile der Festung (13.ÿJahrhundert), Arsenal (1553, 1573þ75 neu gebaut und im 18.ÿJahrhundert umgestaltet; heute historische
Waffensammlung) und Pulverturm (1554þ56),
römisch-katholische Kathedrale (14./15. Jahrhundert, barock umgestaltet),
armenische Kathedrale (1363þ70,
barock überarbeitet, Fassade 1908), Mariä-Entschlafen-Kathedrale (1591þ1629), Dominikaner- und Georgskirche (beide
18.ÿJahrhundert) sowie das
»Schwarze Haus« (1577), das neue Rathaus (1828þ37)
und das Landtagsgebäude (1877þ81;
heute Universität). Bemerkenswert die „Alte Jüdische Straße“ mit den letzten
Resten der Synagoge „Goldene Rose“ (Gedenktafel), der Alte Markt, an dem die
Große Synagoge („Tempel“) stand. Jüd. Friedhof zerstört. Die frühere
chassidische Synagoge am pl. sv. Teodora heute Zentrum der jüdischen Kultur.
Wohnhaus von Scholem Alejchem mit Gedenktafel an der Spitalstraße. Am Krakauer
Markt das alte jüdische Krankenhaus mit großer Kuppel, heute Frauenklinik.
Lućakivs’ke Friedhof (Pestfriedhof 16. Jh., seit 1786 städtischer Friedhof
mit Grabmal Ivan Franko und Museum für Volksarchitektur und Lebensweise.
Geschichte:
Das als Festung gegen die Mongolen gegründete Lemberg wurde 1256
erstmals urkundlich erwähnt; 1340 und erneut 1349 vom polnischen König Kasimir
dem Großen erobert; erhielt 1356 Magdeburger Stadtrecht. Bei national wie konfessionell
stark gemischter Bevölkerung (Polen, Ukrainer, Armenier, Deutsche, Juden) wurde
Lemberg im 15. und 16.ÿJahrhundert
wirtschaftliches und kulturelles Zentrum von »Rotreußen«. Lemberg fiel 1772 an
Österreich (bis 1918 Hauptstadt Galiziens); nach Eroberung durch Polen (1918)
1919þ39 Hauptstadt einer
Woiwodschaft; 1939 der UdSSR (Ukraine) angegliedert; gehörte während der
deutschen Besetzung (1941þ44)
als Hauptstadt des »Distrikts Galizien« zum Generalgouvernement (Deportation
und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, Lager Janowska in Lemberg); nach
Rückeroberung durch die Rote Armee (1944) Vertreibung der polnischen
Bevölkerung und Ansiedlung von Ukrainern.
EdH 2, 851-853; L. Wells: Der Sohn Hiobs,
München 1963; Ph. Friedmann: The Destruction of the Jews of Lwów, 1941-1944,
in: M.R. Marrus (Hg.), The Nazi Holocaust, Bd. 4, Westport/London 1989, S.
659-736; L. Richman: Why? Extermination Camp Lwow, New York 1977; J.
Schoenfeld: Holocaust Memoires. Jews in the Lwów Ghetto, the Janowski
Concentration Camp and as Deportees in Siberia, Hoboken/New York 1985; D.
Kahane: Kvov Ghetto Diary, Amherst 1990
Lublin
Hauptstadt
der Woiwodschaft Lublin, Polen, zwischen Weichsel und Bug, 355ÿ400 Einwohner; Sitz eines katholischen
Erzbischofs; Universität und katholische Universität, Technische Universität,
medizinische und landwirtschaftliche Akademie, Museen, Philharmonie und
Theater; LKW- und Landmaschinenbau, Nahrungsmittel-, chemische,
Textilindustrie.þ Burg (14.ÿJahrhundert, im 18./19.ÿJahrhundert zerstört und im 19.ÿJahrhundert neu errichtet; heute Museum);
barocker Dom (1592þ1604; 1819
umgebaut); Altes Rathaus (16./17.ÿJh.;
1781 im klassizistischen Stil umgebaut); zahlreiche Klöster und Adelspaläste
aus dem 16.þ18.ÿJahrhundert.
Geschichte:
Lublin, im 12.ÿJahrhundert
eine polnische Burg mit Handwerker- und Kaufmannssiedlung, erhielt 1317
Magdeburger Stadtrecht und war ab 1413 Versammlungsort des polnischen und
litauischen Adels. Als Hauptstadt einer Woiwodschaft (seit 1474) im 15./16.ÿJahrhundert ein wirtschaftlich-kulturelles
Zentrum. Durch die Union von Lublin (1569) wurden Polen und Litauen zu einem
Staat vereinigt. 1915þ18
Sitz des österreichischen Generalgouverneurs. In Majdanek ( mit seinem Außen-
und Zwangsarbeitslager Lublin-Lipowa in der Lipowa-Straße 7) befand sich
1943/44 ein nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager. 1944
wurde Lublin von der Roten Armee eingenommen und war bis Januar 1945 Sitz des
Polnischen Komitees der Nationalen Befreiung (Lubliner Komitee), aus dem die
Polnische Provisorische Regierung hervorging.
Juden:
Juden lebten seit dem 14. Jh. in Lublin, das im 16./17. Jh. zum Zentrum
jüdischer Studien in Polen wurde, 19. und 20. Jh. Mittelpunkt der hebräischen
und jiddischen Kultur mit vielen jüdischen Organisationen und politischen
Parteien. 1939: 40.000 Juden von insgesamt 122.000 Einwohnern. Fluchtpunkt
Tausender Juden beim Einmarsch der deutschen Truppen. Nov. 1939: Kennzeichnung
als Juden. Pläne, den Distrikt Lublin zum Judenreferat umzugestalten. Majdanek
= Vorort von Lublin. Frühjahr 1941: Einrichtung eines Ghettos (34.000
Insassen). Deportation von 10.000 Juden in das Umland. Im März 1942 Beginn der
Deportationen nach Belzec, später auch nach Majdanek. Nach der Befreiung am
24.7.1944 Sammelpunkt für Überlebende aus der Umgebung. In den frühen 70er
Jahren zerfielen die Reste der jüdischen Gemeinde.
Majdanek
Stadtteil
von Lublin (Polen).ÿþ
Im damaligen Dorf Majdanek befand sich 1943/44 ein nationalsozialistisches
Konzentrations- und Vernichtungslager; von den rund 500ÿ000 Insassen wurden 250ÿ000, nach anderen Schätzungen 360ÿ000 Menschen, zumeist Juden, umgebracht;
seit Oktober 1944 Gedenkstätte und Museum.ÿþ
Ein Düsseldorfer Gericht verurteilte im Majdanek-Prozess Angehörige des
deutschen Majdanek-Personals (1975þ81).
EdH 2, 918-920; J. Marszałek: Majdanek.
Geschichte und Wirklichkeit eines Vernichtungslagers, Reinbek 1982
Przemysl
Kreisstadt
in der Woiwodschaft Vorkarpaten, Polen, im Karpatenvorland, am San, 69ÿ000 Einwohner; Sitz eines katholischen Bischofs;
Diözesanmuseum; elektronisch-elektrotechnische, Holz-, Maschinenbau-,
Nahrungsmittel-, chemische Industrie; in der Nähe an der ukrainischen Grenze
großer Güterbahnhof Zurawica-Medyka und Erdgasgewinnung.þ Schloß (17.ÿJahrhundert),
Dom, ursprünglich gotisch (1460þ1571),
viele Klöster.
Geschichte:
Ab 10.ÿJahrhundert eine
Grenzburg des Kiewer Reichs, 1340 von Kasimir II. für Polen erobert; fiel 1772
an Österreich, seit 1876 zur Festung ausgebaut; im Ersten Weltkrieg hart
umkämpft; kam 1919 an Polen.
Radom,
Kreisstadt
in der Woiwodschaft Masowien, Polen, 232ÿ300
Einwohner; Sitz eines katholischen Bischofs; Freilichtdorfmuseum, botanischer
Garten; Schuh-, Zigarettenindustrie, Bau von Schreib-, Nähmaschinen und
Fernsprecheinrichtungen.þ Gotische
Bernhardinerkirche und Pfarrkirche.
Geschichte:
1155 erstmals erwähnt.
Rzeszów
Hauptstadt
der Woiwodschaft Vorkarpaten, Polen, im Karpatenvorland, 160ÿ300 Einwohner; katholischer Bischofssitz,
Technische Universität, Pädagogische Hochschule, Museum; Maschinen-,
Flugzeugmotoren-, Kühlschrankbau, pharmazeutische, optische, Textil-,
Baustoff-, Lederindustrie, Metallverarbeitung; Flughafen.
EdH 2, 1263-1265; M. Yaari-Wald (Hg.):
Rzeszow Jews’ Memorial Book, Tel Aviv 1967
Palast des R. Israel Friedmann, jüd. Friedhof.
„Vorstadt“ von Czernowitz („Gartenberg“),
Zentrum des Chassidismus seit dem 18. Jh. R. Israel Friedmann mußte Czernowitz
verlassen und ließ sich in S. nieder. Der Wunderrabbi zog Tausende Anhänger an
sich.
Sandomierz
Kreisstadt
in der Woiwodschaft Heiligkreuz, Polen, an der Weichsel, 50ÿ400 Einwohner; katholischer Bischofssitz,
Diözesanmuseum; Flachglashütte, Metallindustrie, Flußhafen und -werft.þ Dominikanerkirche (13.ÿJahrhundert), gotische Kathedrale (14.ÿJahrhundert).
Geschichte:
1662 Stadtgründung, Magdeburger Recht. Ansiedlung vieler Armenier und Juden.
Seit Anfang des 19. Jh.s Aufschwung der Stadt. Nach dem Ersten Weltkrieg für
wenige Monate Regierungssitz der Westukrainischen Volksrepublik, 1939 wieder
polnisch. 1939 waren 41 % der Bevölkerung Juden, 37 % Polen, 19 % Ukrainer und
3 % Deutsche. In sowjetischer Zeit starker Ausbau der Rüstungsindustrie. 1962
Umbenennung in Ivano-Frankivs’k. Neben Lemberg war Stanislau das bedeutendste
galiziendeutsche Zentrum: 1934 rund 1.000 evangelische Deutsche. 1896 Beginn
der Zöcklerschen Anstalten („Bethel des Ostens“), 1999 Gedenktafel für Zöckler
und seine Anstalten.
EdH 3, 1370-1372; E. Freundlich: Die
Ermordung einer Stadt namens Stanislau. NS-Vernichtungspolitik in Polen
1939-1945, Wien 1986; T. Friedmann: Schupo- und Gestapo-Kriegsverbrecher von
Stanislau vor dem Wiener Volksgericht, Haifa 1956
Tarnów
Stadt
in der Woiwodschaft Kleinpolen, Polen, im nördlichen Karpatenvorland, nahe der
Mündung der Biala in den Dunajec, 121ÿ500
Einwohner; katholischer Bischofssitz; Stickstoffwerk, Maschinen-, Motorenbau,
Glas-, Holzindustrie.þ
Rathaus (15.ÿJahrhundert; heute
Stadtmuseum), Kathedrale (um 1400) u.ÿa.
Kirchen (15.þ18.Jh.).
Geschichte:
Tarnów erhielt um 1330 Magdeburger Stadtrecht.
Ternopol
(ukrainisch
Ternopil, deutsch und polnisch Tarnopol), Hauptstadt des Gebiets Ternopol,
Ukraine, am Sereth, 235ÿ000
Einwohner; vier Hochschulen; Nahrungsmittel-, Baumwoll-, Porzellanindustrie,
Maschinenbau, Arzneimittelfabrik; Verkehrsknoten, Flughafen.
EdH 3, 1402f.; P. Korngrün (Hg.):
Encyclopedia of the Jewish Diaspora. Tarnopol Volume, Jerusalem 1955
Zamość
Stadt
in der Woiwodschaft Lublin, im südlichen Ostpolen, 67ÿ100 Einwohner; katholischer Bischofssitz;
Museum; Möbel-, Bekleidungs-, Nahrungsmittelindustrie ; Zoo.þ Fast vollständig erhaltene
Renaissance-Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe). An den Marktplätzen Häuser aus
dem 16./17.ÿJahrhundert, an
der Nordseite des Großen Marktes das Rathaus (1591þ1600; 1639þ51
umgebaut) mit achteckigem Uhrturm (58ÿm
hoch), unweit die ehemalige Synagoge (um 1610þ20)
und der Residenzpalast der Zamoyski (1581þ86;
1741þ51 spätbarock und nach
1831 klassizistisch verändert), im Südwesten des Marktes die Kollegiatskirche
(1587þ98, 1825þ27 umgebaut).
Geschichte:
Gegründet 1580 als Festungsstadt auf schachbrettartigem Grundriss von J.ÿZamoyski.
Juden:
Vor dem Krieg jüdische Mehrheit in der Stadt und vielen umliegenden
Ortschaften. Unmittelbar nach der Besetzung Aktionen in den Ghettos und
Deportationen nach Belzec. 12.11.1942 wurde das Gebiet um die Stadt zum „Ersten
Siedlungsbereich“ des GG erklärt: umfangreiche Deportationen der polnischen Einwohner
in andere Gebiete und Vernichtungslager. Starke Partisanenbewegung unter
jüdischer Beteiligung. Juli 1944 Befreiung des Gebietes durch die Rote Armee.
EdH 3, 1621f.
IV. Einzelkomplexe:
Chassidismus
Der
Chassidismus ist nicht nur eine pietistische Frömmigkeitsbewegung des 18.
Jahrhunderts im osteuropäischen Judentum, der Chassid (Fromme) ist vielmehr ein
allgemeiner Typus der biblischen Religiosität, der zu verschiedenen Zeiten und
an verschiedenen Orten immer wieder in Erscheinung tritt. Das Adjektiv
»Chassid« entspricht dem Substantiv »Chessed«, das in der Bibel »Güte«, »Gnade«
oder »Gunst« bedeutet. Die Wortwurzel bedeutet aber auch »Schande«. Als Chassid
bezeichnet man denjenigen, der »Chessed« übt, das heißt mehr leistet, als von
ihm erwartet wird, und sich durch Großzügigkeit und Hingabe auszeichnet. In den
Psalmen wird Gott selbst »Chassid« genannt, und die Chassidim, die ihm
rückhaltlos dienen, sind seine Lieblinge. Es ist kein Zufall, dass später gerade
der Psalter, dessen Autor sich ebenfalls als »Chassid« bezeichnet, zum
Lieblingsbuch der Chassidim wurde. Als Gruppe begegnen die Chassidim erstmals
in den Makkabäerbüchern und zeichnen sich hier durch radikalen Gesetzesgehorsam
und Bereitschaft zum Martyrium aus.
In
der rabbinischen Literatur ist von den »früheren Frommen« die Rede, die
insbesondere im klassischen Gebiet der Frömmigkeit, im Gebet, durch religiöse
Sonderleistungen auffallen: Dem Gebet der Chassidim werden Wunderkräfte
zugeschrieben, was der Talmud mit einer für die gesamte magische Richtung der
jüdischen Mystik zukunftweisenden Formel ausdrückt. »Du (nämlich der Chassid)
hast hienieden verfügt, und der Heilige, gesegnet sei er (Gott), hat es oben
erfüllt.« Die Chassidim gelten als Wunder- und Medizinmänner und sind
Gegenstand zahlreicher populärer Erzählungen; so etwa die Geschichten des
Regenmachers Choni Hamagel und des Gesundbeters Rabbi Chanina ben Dossa im
ersten Jahrhundert þ
eines jüngeren Zeitgenossen und religiösen Artgenossen Jesu. Die Chassidim
waren durchaus auch gelehrt, sie lehnten aber die Gelehrsamkeit als Selbstzweck
ab und betonten die religiösen Werte wie absolutes Gottvertrauen, Sündenscheu
und Demut. Der Chassid tut dabei nicht weniger oder anderes, sondern mehr, als
das Gesetz und die Moral verlangen, und handelt folglich, wie es heißt:
»innerhalb der Linie des Gesetzes«. Diese besonderen Forderungen entsprechen im
Vergleich zur gewöhnlichen Norm, die in der Mischna kodifiziert ist, der
sogenannten »Mischnat haChassidim«. Die Erschwerungen, die sich der Chassid
auferlegt, machen ihn bei seinen Zeitgenossen und den Hütern der Norm, den
Gelehrten, nicht unbedingt beliebt. Der Typus des Chassid galt denn auch in der
halachischen und moralischen Literatur als Ausnahme. Die Sittenlehre der
»Mischne Thora« von Maimonides erhebt wie Aristoteles das Mittelmaß zum Ideal
und bestimmt die ethische Tugend als mittleren Weg zwischen den Extremen. Der
Mittelmäßige ist nach Maimonides der Weise (Chacham); wer sich dagegen vom
mittleren Weg entfernt und sich ein Übermaß an Frömmigkeit abfordert, wird
»Frommer« genannt.
Der
Chassidismus begegnet später auch als religiöses Ideal im Deutschland des 12.
und 13. Jahrhunderts, vor allem im Rheinland, als dort unter anderem auch die
christlichen Mystik blühte. Die religiösen Normen und die Spiritualität der
deutschen Chassidim (Chasside Aschkenas) haben ihren Niederschlag im
volkstümlichen »Buch der Frommen« (Sefer Chassidim) gefunden, einer Sammlung
aus etwa 2000 Verhaltensregeln, Geschichten, Wundererzählungen, Auslegungen und
Predigten in bunter Mischung. In dem Bild, das das »Buch der Frommen« vom
Chassid zeichnet, finden wir alle biblischen und rabbinischen Züge des Typus
wieder: skrupulöse Gebotserfüllung und Sonderleistungen, athletische Askese und
Märtyrertum, Gebetsmeditation und Theurgie, der Versuch einer Beeinflussung
Gottes durch menschliches Tun. Das penible Sündenbewußtsein und die exzessiven
Bußtarife sind offensichtlich von zeitgenössischen christlichen Praktiken
beeinflußt. Im »Buch der Frommen« wird etwa die Kasteiung eines Chassid, der
sich im Sommer zwischen die Flöhe legte und im Winter seine Schuhe mit Wasser
füllte, als höchst verdienstlich veranschlagt. Die Historiker sind sich darüber
einig, daß die Chassidim in diesem Punkt mit christlichen Asketen wetteiferten.
Auch der ungewöhnlich starke Aberglauben im »Buch der Frommen« entsprach dem
der nicht-jüdischen Umwelt. Neben den spektakulären esoterischen Praktiken war
die Frömmigkeit der Chasside Aschkenas ausgesprochen düster. Sie hielten
strengste Bußübungen. Der Chassid wird wegen seiner strengen Verhaltensmaßstäbe
und seiner Abwendung von bürgerlicher Lebensart von seiner Umgebung, die in
religiösen Dingen nichts weniger als lax war und die sich offenbar durch seinen
Übereifer überfordert fühlte, verspottet; seine Frömmigkeit bestätigt sich
darin, daß er dieses Los als Buße schweigend erträgt. Der Chassid hat sich in
seiner Umwelt in fortwährender Anfechtung zu bewähren. Den Vers aus dem Psalm
44, 22: »Denn wir werden ja um deinetwillen täglich erwürgt und sind geachtet
wie Schlachtschafe« deutet das Sefer Chassidim auf die Scham der Chassidim, die
wegen der Gebote Schande, Schmach und Erniedrigung ertragen. Die chassidische
Religiosität ist Märtyrerreligiosität, und die zeitgenössischen jüdischen Märtyrer
der Kreuzzüge werden in den hebräischen. Chroniken umgekehrt auch als Chassidim
bezeichnet.
Die
chassidische Bewegung, die im 18. Jahrhundert in Polen in Erscheinung trat und
bis heute fortlebt, unterscheidet sich von allen früheren Spielarten des
Chassidismus durch ihren populären Charakter. Der polnische Chassidismus war in
dieser Hinsicht sogar das gerade Gegenteil zum landläufigen Chassidismus
individualistischer und elitärer Asketen. War bisher die Einstellung der Chassidim
zur Gesellschaft durch Rückzug, Einsamkeit und Gleichgültigkeit geprägt, so
predigte der polnische Chassidismus Verantwortung für die Gemeinschaft Israels
und Engagement für die sozial und religiös Schwachen; dominierten bisher
introvertiertes Schuldbewußtsein und Gefühle des Versagens in der Stimmung der
Chassidim, so bekämpfte der polnische Chassidismus die Melancholie mit
extrovertierter, ekstatischer Begeisterung. Das neochassidische Bild des
Chassidismus als einer weltbejahenden Religiosität, wie es etwa Martin Buber
bot, ist freilich ein Anachronismus. Die doktrinale Basis für den polnischen
Chassidismus ist die Kabbala des Isaak Luria, und es geht letztlich auch ihm um
die Erlösung des göttlichen Lichts aus den weltlichen Schalen. Aber daraus
ergibt sich zunächst einmal die Konsequenz, daß Gott in allem þ auch im Bösen þ harrt. Werke der Erlösung müssen überall
und jederzeit, auch in den alltäglichsten Verrichtungen wie Essen und Rauchen,
vollbracht werden. Dazu sind aber nicht, wie in der lurianischen Kabbala, eine
komplizierte Gnosis über die Herkunft der göttlichen Funken und spezielle
Meditationstechniken zu ihrer Rückführung nötig; der polnische Chassidismus
empfahl bloß eine immer währende Ausrichtung auf und Vereinigung mit Gott und
eine ansteckende Begeisterung, die aus den inneren und äußeren Verschalungen
die göttlichen Funken schlägt. Wenn von dem »populären Charakter« des
polnischen Chassidismus die Rede ist, dann heißt das allerdings nicht, dass
diese Erlösungsarbeit jedermann zugetraut wird; sie bleibt vielmehr die Aufgabe
religiöser Spezialisten, der Gerechten, der Zadikim, die sie für die
gewöhnlichen Chassidim und das Volk übernehmen.
Dr.
Daniel Krochmalnik
Haskala
[hebr.
„Aufklärung“] die, Bezeichnung der durch die europäische Aufklärung
inspirierten, wirtschaftlich, geistig und sozial motivierten jüdischen
Emanzipationsbestrebungen der jüdischen Aufklärer (Maskilim) in
Westeuropa und Mitteleuropa (18.ÿJahrhundert)
sowie in Osteuropa (um die Wende vom 18. zum 19.ÿJahrhundert).
Grundlegend für die Haskala waren der neue Religionsbegriff der Aufklärung
(Vernunftreligion) und das Ideal einer neuen Humanität, wie es v.ÿa. von M.ÿMendelssohn
vertreten wurde, der als »Vater der Haskala« gilt. Hauptanliegen war die
Zuwendung zur nichtjüdischen Umwelt und Wissenschaft und, damit verbunden, der
Auszug aus dem (materiellen und geistigen) Ghetto. In West- und Mitteleuropa
führte die Haskala im 19.ÿJahrhundert
zur Assimilierung u.a. des jüdischen Bürgertums, in Osteuropa scheiterte sie
weitgehend am Widerstand orthodox-jüdischer Kreise. Pogrome, nationalreligiöse
und sozialistische Bestrebungen führten hier zum Zionismus.
Jiddische
Sprache
Sprache
der nicht assimilierten aschkenasischen Juden, früher auch als »Jüdisch« oder
»Hebräisch-Deutsch« und im Jiddischen selbst oft als »Mame-loschn« (Muttersprache)
bezeichnet; auch mit den Bezeichnungen »Jargon«, »Mauscheln« oder
»Kauderwelsch« in jüdischem Kontext ist meist die jiddische Sprache gemeint.
Trotz der Vernichtung eines großen Teils (etwa 5 Mio. Sprecher) der jiddischen
Sprachgemeinschaft im Holocaust blieb Jiddisch bis heute die am weitesten
verbreitete jüdische Sprache mit schätzungsweise noch 5þ6 Mio. Sprechern (v.ÿa. in Nordamerika und Israel, Osteuropa und
Westeuropa), denen Jiddisch zumindest als Zweitsprache geläufig ist.
Die
Geschichte der jiddischen Sprache begann im 10.ÿJahrhundert
mit der Einwanderung von Juden aus Gebieten mit romanischer Sprache in
rheinische und donauländische Regionen. Die wenigen Überlieferungen lassen
erkennen, daß das Altjiddische (bis etwa 1500) an den sprachlichen
Veränderungen des mittelalterlichen Deutsch im Wesentlichen teilnahm; trotzdem
bewirkte die soziokulturelle Desintegration der Juden sprachliche
Besonderheiten, besonders den ausschließlichen Gebrauch des hebräischen
Alphabets. Die jüdische Flucht und Vertreibung seit den Kreuzzügen und der
Pestzeit Mitte des 14.ÿJahrhunderts
führte zur Verbreitung der jiddischen Sprache nach Süden (Oberitalien) und
Osten (Böhmen, Mähren, Polen). Im Mitteljiddischen (16.þ18.ÿJahrhundert)
trat neben dem Deutschen die hebräisch-aramäische Komponente stärker hervor,
die Aufnahme slawischer Sprachelemente und der gelockerte Kontakt zum deutschen
Sprachgebiet sonderten allmählich den östlichen vom westlichen Sprachzweig.
Wachsender Assimilationsdruck reduzierte Letzteren auf lokal- und
fachsprachliche Reste, so daß das Neujiddische (seit dem 19.Jahrhundert) weitgehend
mit dem Ostjiddischen identisch ist. Seine Verbreitung nahm nach der
Auswanderungsbewegung nach Übersee seit den Pogromen 1881 zu; materielle und kulturelle
Entwurzelung der Sprecher drängte den Gebrauch der jiddischen Sprache zurück.
Die seit Ende der 30er-Jahre, besonders ab 1949 in der UdSSR bestehenden
Restriktionen und u.a. die weitgehende Vernichtung jüdischer Kultur Osteuropas
im Zweiten Weltkrieg lassen den Fortbestand und die -entwicklung der jiddischen
Sprache problematisch erscheinen.
Jiddische
Literatur
Ältere
jiddische Literatur: Umfangreichere Texte sind erst in der
Cambridger Handschrift von 1382/83 überliefert; schon hier zeigt sich die
Bearbeitung sowohl spezifisch jüdischer als auch deutscher Erzählstoffe: dem
»Josef ha-zadik« (»Der glaubensfeste Josef«) oder »Avroham ovinu« (»Unser Vater
Abraham«) folgten später »Schmuelbuch« (Geschichte Davids), »Melochimbuch«
(Salomo und Nachfolger) sowie mehrere »Esther«-Epen, während an den dem
deutschen »Kudrun«-Epos nahe stehenden »Dukus Horant« Heldenepen wie
»Hildebrandt« oder »Sigenot« anknüpften. Zur Artusepik gehört »Widuwilt«,
dessen Tradition im 16.ÿJahrhundert
die Ritterromane von E.ÿLevita
fortsetzten. Historische und legendarische Kleinepik enthalten u.a. ein Wormser
und ein Regensburger Zyklus (»Maaßebuch«, 1602). Seit dem 16.ÿJahrhundert entstanden Bearbeitungen
deutscher Volksbücher undÿþ
unter Anlehnung an deutsche Fastnachtsspieleÿþ
die Purimspiele. Um die Wende vom 17. zum 18.ÿJahrhundert
bezeugen die privaten Memoiren der Glückel von Hameln Einflüsse der älteren
jiddischen Literatur.
Moderne
jiddische Literatur: Im Zuge der jüdischen Aufklärung (Haskala)
entstand im 19.ÿJahrhundert eine
sprachlich und inhaltlich zeitnahe Literatur, in der die Konflikte zwischen
ostjüdischem Traditionalismus und gesellschaftlichem Umbruch verarbeitet
wurden. Mit sozialpädagogischer Intention bekämpften die Aufklärer besonders
die mystisch gefärbte Volksfrömmigkeit (Chassidismus). Der Verbindung
traditioneller Elemente mit rationalistischer Lehrhaftigkeit verdanken A.ÿGoldfadens (*ÿ1840,
ÿ1908)
Volksstücke nachhaltigen Erfolg. Mit seinen Romanen erreichte Mendele Mojcher
Sforim eine realistische Darstellung des ostjüdischen Alltags. Scholem Alejchem
steigerte die Breitenwirkung mit der 1888 gegründete Reihe »Jidische
Folksbibliotek«, in der u.ÿa.
Jizchak Lejb Perez erstmals jiddisch publizierte und zahlreiche jüngere Autoren
beeinflusste. Nach dem Ersten Weltkrieg gewann die jiddische Literatur an
Vielgestalt und Verbreitung. Ein Grundzug der jüngeren jiddischen Literatur ist
die Neigung zur Retrospektive. Verfolgung und Ausrottung durch den
Nationalsozialismus spiegeln sich in der teils kämpferischen, teils elegischen
Ghettoliteratur. Zu den bedeutenden neueren Autoren der jiddischen Literatur
gehören S.ÿAsch, D.ÿBergelson, J.ÿOpatoschu,
I.ÿB. Singer (Nobelpreis für
Literatur 1978), I.ÿManger.
Seit 1949 wurde Israel zunehmend zum Sammelbecken der neueren jiddischen
Literatur; im inhaltlichen Zentrum zeitgenössischer jiddischer Literatur,
vertreten von meist russisch-jiddischen Autoren, steht v.a. in der Lyrik immer
stärker das Individuum in seiner psycholog. Vielschichtigkeit.
Judenverfolgungen,
seit
der Zeit der jüdischen Diaspora (Persien 5.ÿJahrhundert
v. ÿChr.) bezeugte, bis in die
jüngste Vergangenheit praktizierte antisemitische Maßnahmen. Neben Pogromen
u.a. zur Zeit der Kreuzzüge und der Ketzerbekämpfung (u.a. in Frankreich und im
Heiligen Römischen Reich) im Hoch- und Spät-Mittelalter (u.a. ab 1215 auch
Kennzeichnungspflicht; Judenabzeichen), ihrer Vertreibung aus u.a. England
(1290), Frankreich (1394) und Spanien (1492) fanden nach der Aufklärung
Judenverfolgungen im 19.ÿJahrhundert
u.a. noch in Rußland statt. Ein bis dahin nie gekanntes Ausmaß erreichten die
Judenverfolgungen im nationalsozialistisch beherrschten Europa. Nach den
Nürnberger Gesetzen von 1935 und dem Novemberpogrom 1938 (Kristallnacht) wurde
im Verlauf des Zweiten Weltkriegs der bürokratisch organisierte sowie industriell
ausgeführte Genozid am europäischen Judentum in Gang gesetzt (»Endlösung der
Judenfrage«; Holocaust). Unter der hauptverantwortlichen Organisation von SS
und SD (u.a. H. ÿHimmler, R. ÿHeydrich und A. ÿEichmann) ab Sommer/Herbst 1941 begonnen
(Einsatzgruppen), ab Anfang 1942 forciert (Wannseekonferenz), gipfelte er in
der Ermordung von etwa 6ÿMio.
Juden in Konzentrations- und u.a. Vernichtungslagern
(Vergangenheitsbewältigung). Eine anders geartete, ebenso ideologisch motivierte
Unterdrückung ihrer Kultur bis hin zur Verfolgungÿþ
mit Ausgrenzungen, Schauprozessen und Deportationenÿþ durchlitten die Juden im 20.ÿJahrhundert u.a. unter stalinistischen
Vorzeichen in der Sowjetunion (u.a. 1930er-Jahre, 1948þ53; Antisemitismus).
Holocaust:
Die rassistische Vernichtungspolitik Deutschlands
Der
Antisemitismus wird Staatsdoktrin
Mit
dem Sieg des Nationalsozialismus über die Demokratie war 1933 der
Antisemitismus Staatsdoktrin in Deutschland geworden. Zu den Stationen der
Entwicklung gehörten im April 1933 der Boykott gegen jüdische Geschäfte und
Unternehmen, die Verdrängung der Juden aus Berufen, Universitäten, Theatern und
Schulen und ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft durch die Nürnberger Gesetze
1935. Mit diesen Gesetzen wurden den Juden die Bürgerrechte aberkannt:
Menschen, die seit Generationen in Deutschland lebten, die tief in der
deutschen Kultur verwurzelt waren, wurden zu Staatsangehörigen zweiter Klasse
herabgestuft. Die deutschen Bürger nahmen diese Diskriminierungen, da sie
formal »legal« waren, weil sie von Staats wegen verfügt worden waren, ohne
Protest als neues »Recht« hin.
Im
April 1938 mußten Juden ihre Vermögen deklarieren, ab Mai 1938 waren sie von
öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen, im Juli gab es eine besondere Kennkarte
für sie, im August erging die Verordnung zur Führung der zusätzlichen
Zwangsvornamen Sara(h) oder Israel, im Oktober wurde ý auf Initiative Schweizer Behörden ý in die Reisepässe ein J gestempelt. Nach
seinem »Anschluß« im März 1938 wurde Österreich Experimentierfeld für die
forcierte Auswanderung der etwa 200000 Juden. Im Auftrag des
Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) übte die Zentralstelle für jüdische
Auswanderung in Wien seit August 1938 entsprechenden Druck aus. Geleitet von
Adolf Eichmann, war sie das Vorbild der Berliner Reichszentrale für jüdische Auswanderung,
die im Januar 1939 eingerichtet wurde.
Der
Novemberpogrom 1938 und die Reaktion der Deutschen
Die
Ermordung des deutschen Botschaftssekretärs Ernst Eduard vom Rath in Paris am
7. November 1938 durch den 17-jährigen Herschel Grynszpan bot den Nationalsozialisten
den Anlaß zum Pogrom im November 1938. Weil er sich in Paris aufhielt, war
Grynszpan als einziges Familienmitglied nicht im Oktober 1938 deportiert worden,
als 17000 Juden polnischer Nationalität, die in Deutschland gelebt hatten,
abgeschoben worden waren. Das nationalsozialistische Regime machte aus dieser
Verzweiflungstat eine »Verschwörung des Weltjudentums« und benutzte diese
Gelegenheit, Judenfeindschaft brutal und öffentlich zu demonstrieren. Die
Demonstration erfolgte als Gewaltakt gegen die jüdische Minderheit. Der
staatlich verordnete Pogrom leitete die offene Verfolgung der Juden in
Deutschland und wenig später in Europa ein. Der Novemberpogrom war nur ein
Symptom, ein erster, Schrecken erregender Höhepunkt der Diskriminierung: Der
Sachschaden betrug einige Hundert Millionen Reichsmark, die Zahl der Todesopfer
ý durch Mord, als Folge
von Mißhandlung, Schrecken, Verzweiflung ý
ging, die Selbstmorde nicht mitgerechnet, mindestens in die Hunderte. Am 12.
November wurde den Juden eine »Sühneabgabe«, die eine Milliarde Reichsmark
betrug, auferlegt; mit Gewalt drängte das Regime Juden zur Auswanderung; es
folgten die Liquidierung aller Geschäfte und Unternehmen, die »Arisierung« auch
des Grund- und Immobilienbesitzes, die völlige Entrechtung in Etappen bis zur
physischen Vernichtung.
Die
Reaktion der Deutschen auf den Novemberpogrom war zwiespältig. Viele, sie
bildeten sicherlich die Mehrheit, lehnten die pöbelhaften Exzesse, die rohe
Gewalt gegen Menschen und deren Eigentum, ab, sie fanden ihre Vorstellungen von
Ordnung und Vernunft ins Gegenteil verkehrt, wenn sie beobachteten, wie die
Feuerwehr brennende Synagogen nicht löschte, sondern sich darauf beschränkte,
die Nachbargebäude zu schützen, wie die Polizei befehlsgemäß zusah oder sich abwandte,
wenn Juden mißhandelt wurden. Viele Bürger, die die Gewaltakte mißbilligten,
waren aber nur mit den Methoden unzufrieden, die ihre nationalsozialistische
Obrigkeit anwandte. Mit dem Ziel, die Juden zu vertreiben, sie bei passender
Gelegenheit ihres Eigentums zu berauben, waren sie, wenn nicht von Hause aus,
so in der Folge der antisemitischen Propaganda im Großen und Ganzen schon
einverstanden.
Man
kann den Novemberpogrom als ein Ritual öffentlicher Demütigung deuten, als
inszenierte Entwürdigung einer Minderheit, gegen die Vorurteile existierten,
gegen die latente Hass- und Neidgefühle mobilisiert werden konnten. Die
Nationalsozialisten verwandten viel Mühe daran, die deutschen Juden zu Fremden
zu machen. Der Unterschied zwischen »Deutschen« und »Juden« ist dabei
propagandistisch erfolgreich herausgearbeitet worden.
Die
Entrechtung der Juden zu Beginn des Kriegs
Zu
Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft hatten etwa 500000 Juden in
Deutschland gelebt, bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war etwa die Hälfte
von ihnen ausgewandert. Die Emigration war schwierig genug, und diejenigen,
denen die Auswanderung glückte, wurden zuvor vom deutschen Staat gründlich
ausgeplündert. Der 1. September 1939 brachte, mit dem Krieg begründet, weitere
Schikanen für die deutschen Juden. Dazu zählten Ausgangsbeschränkungen, ab dem
20. September 1939 das Verbot des Besitzes von Rundfunkgeräten und die
Einschränkung, die knapp zugeteilten Lebensmittel nur in bestimmten Läden zu
besonderen Zeiten kaufen zu können. Zu den Schikanen gehörten schließlich auch
die Verbote, Leihbüchereien zu benutzen und Haustiere zu halten. Ab Juli 1940
durften Juden keine Telefonanschlüsse mehr haben, ab Dezember 1941 war ihnen
auch die Benutzung öffentlicher Fernsprecher verboten.
Im
Frühjahr 1939 wurden mit dem Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden die
Voraussetzungen für die Zusammenlegung jüdischer Familien in »Judenhäusern«
geschaffen. Diese Gettoisierung wiederum diente der Vorbereitung zu ihrer
Deportation aus Deutschland. Im Oktober 1941 erging in Umkehrung der bisherigen
Politik ein Emigrationsverbot für Juden. Zwei Verfügungen vollendeten die
Diskriminierung und Entrechtung: Die Polizeiverordnung vom 1. September 1941
zwang Juden vom vollendeten 6. Lebensjahr an zum Tragen des Judensterns. Mit
Wirkung vom 1. Juli 1943 wurden die Juden in Deutschland unter Polizeirecht
gestellt; damit existierten für sie keine Rechtsinstanzen mehr.
Die
Gettoisierung der Juden in Polen
Mit
der deutschen Besetzung Polens begann dort im Herbst 1939 die Verfolgung der
Juden. Zwangsarbeit und Ausgangssperren waren erste offizielle Maßnahmen. Es
folgten der Ausschluß aus der Wirtschaft, die Sperrung der Bankkonten,
willkürliche Verhaftungen. Im November 1939 wurden die Synagogen zerstört. Ab
November 1939 mußten alle Juden ein Kennzeichen tragen, zunächst eine gelbe
Armbinde, dann einen Judenstern.
Als
Orte des Zwangsaufenthalts zur Demütigung und Ausbeutung der Juden wurden mit
Beginn des Kriegs unter deutscher Besatzung in größeren Städten Gettos errichtet.
Sie dienten durch die örtliche Konzentrierung der jüdischen Bevölkerung als
Relaisstationen eines riesigen Bevölkerungstransfers.
Ab
Anfang 1940 wurden die Gettos gegen die Außenwelt abgeriegelt, ab 1941 waren
sie auch das Ziel von Deportationen aus Deutschland. Zu den Gettos in Warschau,
Lodz und Krakau, Tschenstochau, Radom, Kielce und in vielen anderen Orten auf
polnischem Boden kamen ab Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion die Gettos
in Ostpolen, Litauen, Estland und Lettland, Weißrußland und in der Ukraine
hinzu wie Wilna und Kaunas, Riga, Minsk und als eines der letzten Lemberg im
August 1942. Die Gettos bildeten eine Etappe in der Geschichte des Holocaust,
sie waren bei allem Leid und Elend, bei allen Tragödien, die sich dort abspielten,
jedoch noch nicht die Hauptschauplätze des Völkermords. Sie waren in den Jahren
1940 bis 1943 Wartesäle zur Vernichtung, Vorhöfe der Hölle, Zwischenstationen
für die Lager, in die die Menschen dann zum Zweck ihrer Ermordung deportiert
wurden.
Im
Herbst 1941 begannen, systematisch vorbereitet und gut organisiert, die
Deportationen der deutschen Juden. Probehalber waren bereits Anfang 1940 1000
Juden aus Stettin in die Nähe von Lublin und Ende Oktober 1940 Juden aus
Südwestdeutschland nach Südfrankreich »evakuiert« worden. Ziel der planmäßigen
Deportationen ab Herbst 1941 waren erst die Gettos und später direkt die
Vernichtungslager im Osten. Mit der Deportation endete die bürgerliche
Existenz; alle Vermögenswerte fielen an das Deutsche Reich. Einige Tage vor dem
Abtransport ergingen detaillierte Anweisungen, unter anderem, wie die Wohnungen
zu hinterlassen seien, oder über das Bezahlen von Licht- und Wasserrechnungen.
An Sammelplätzen in den Großstädten wurden die Transporte zusammengestellt und
auf zentral gelegenen Güterbahnhöfen abgefertigt. Jüdische Organisationen
mußten Hilfsdienste dabei leisten. Die Deportationen waren als
Umsiedlungsmaßnahmen getarnt, deshalb mußten die Deportierten Handwerkszeug und
Baustoffe mitführen. Die meisten Transporte aus Deutschland erfolgten 1942/43.
Eine Gruppe deutscher Juden galt als »privilegiert«, weil sie aufgrund ihrer
gesellschaftlichen Stellung scheinbar besser behandelt werden sollte. Ihr Ziel
war ab Juni 1942 das »Altersgetto« Theresienstadt in Nordböhmen, wo Weltkriegsteilnehmer,
Alte und Kranke unter schwer vorstellbaren elenden Bedingungen vegetierten.
Ihnen hatte das Deutsche Reich die letzten Vermögenswerte durch
»Heimeinkaufsverträge« abgejagt, die Wohnung, Ernährung und Pflege
vorspiegelten. Tatsächlich war aber Theresienstadt für die meisten nur eine
Station auf dem Weg in die Mordlager.
Unter
der Bezeichnung »Endlösung der Judenfrage« wurde ab Frühjahr 1941 die
Vernichtung der Juden im gesamten deutschen Herrschaftsgebiet geplant. Am 31.
Juli 1941 beauftragte Reichsmarschall Hermann Göring Heydrich, »einen
Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen
Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage
vorzulegen«. Die Ausrottung der Juden war allerdings schon zum Zeitpunkt des
Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941 beschlossen. Ein schriftlicher
Auftrag Hitlers existierte nicht, er war auch nicht erforderlich, um die
Vernichtung in Gang zu setzen.
Die
Zentrale des Völkermords
Das
Reichssicherheitshauptamt als Zentrale von Gestapo, Sicherheitsdienst und
Kriminalpolizei war die Schaltstelle, von der aus die Judenpolitik, die
zunächst die Deportation, dann den Völkermord betraf, organisiert wurde. Die
entscheidenden Männer waren Heinrich Himmler, der als Reichsführer SS die
oberste Instanz des Terrorapparats war, zu dem die Konzentrations- und
Vernichtungslager und die Einsatzgruppen gehörten, und unter ihm die
SS-Offiziere im Generalsrang wie Reinhard Heydrich und sein Nachfolger Heinrich
Müller an der Spitze des Reichssicherheitshauptamts, die »Höheren SS- und
Polizeiführer« in den besetzten Gebieten, die Befehlsempfänger in der
SS-Bürokratie wie die KZ-Kommandanten und ihre Wachmannschaften oder die Männer
der Einsatzgruppen.
Die
Wannseekonferenz
Um
die beteiligten Reichsbehörden zu informieren, lud Heydrich deren Vertreter zum
20. Januar 1942 in eine SS-eigene Villa am Großen Wannsee in Berlin ein. Die
Teilnehmer vertraten im Rang von Staatssekretären und hohen SS-Offizieren
Reichsministerien und zentrale SS-Dienststellen sowie Behörden wie das Amt des
Generalgouverneurs für die besetzten polnischen Gebiete. Das Protokoll führte
Eichmann, ein SS-Offizier im Range eines Obersturmbannführers, der seit Ende
1939 das Referat IV B 4 (»Judenreferat«) im RSHA (Reichssicherheitshauptamt)
leitete. Er hatte seit 1940 Erfahrungen im Massentransport und in der
Gettoisierung von Menschen, er organisierte die Abschiebung von Juden ý und Polen ý
erst in den besetzten polnischen Gebieten, dann auch aus Deutschland und
schließlich aus ganz Europa nach Polen.
Die
Besprechung am Wannsee eröffnete Heydrich mit der Feststellung, daß die
Kompetenz in der Judenpolitik ausschließlich und ohne geographische Begrenzung
beim Reichsführer SS Heinrich Himmler oder bei ihm selbst als dem von diesem
dazu Bevollmächtigten lag.
Das
Geschick, das mindestens elf Millionen Juden zugedacht war, war im Protokoll
der Konferenz unmißverständlich prognostiziert: »Unter entsprechender Leitung
sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum
Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der
Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete
geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen
wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei
diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend
behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei
Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist.«
Weil der Völkermord an den Juden auf der Tagesordnung stand, wird das Treffen
am 20. Januar 1942 immer wieder mißverstanden als die Gelegenheit, bei der der
Holocaust »beschlossen« worden sei. Abgesehen davon, daß eine Verabredung zur
Vernichtung von Millionen Menschen die Kompetenz der Besprechungsteilnehmer
überstiegen hätte, waren die Mordkommandos längst an der Arbeit. Das Protokoll
der Wannseekonferenz ist trotzdem ein Schlüsseldokument des Genozids, da aus
ihm zweifelsfrei hervorgeht, daß das nationalsozialistische Regime die
Ermordung von elf Millionen Juden in Europa plante.
Mitte
1942 lief die »Aktion Reinhardt« an. Die Aktion hatte die Tötung der Juden zum
Ziel, die in den Gettos auf polnischem Boden lebten und Zwangsarbeit für die
deutsche Rüstungsindustrie leisten mußten. Drei spezielle Vernichtungslager,
BeÊzec, Sobibór und Treblinka, sind als Mordstätten errichtet worden, in ihnen
endeten die meisten Gettobewohner. In Białystok und in Warschau setzten
sich verzweifelte Juden gegen ihre Deportation zur Wehr und leisteten einen
heroischen, aber aussichtslosen Widerstand gegen die Deutschen.
Die
Mordaktionen der Einsatzgruppen
Der
Wehrmacht beim Überfall auf die Sowjetunion folgend, waren seit Juni 1941 die
»Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD« in Tätigkeit. Der Auftrag
der Mordkommandos ý insgesamt 3000
Mann in vier »Einsatzgruppen« ý
bestand darin, im Baltikum, in Weißrußland, in der Ukraine und auf der Krim
potentielle Gegner zu liquidieren. Die Juden wurden in erster Linie zu diesem
Personenkreis gerechnet, sie bildeten die meisten Opfer der Einsatzgruppen.
Zwischen Juni 1941 und April 1942 sind von den aus SS und Polizei rekrutierten
Mördern fast 560000 Menschen getötet worden. Zur Taktik gehörten auch Pogrome,
angezettelt mit Hilfe einheimischer Kollaborateure, und vor allem
Massenerschießungen. In Litauen und Lettland, in Weißrußland und in der Ukraine
sowie in den anderen besetzten Gebieten fanden sich willige Helfer beim
Holocaust, die den deutschen Mördern zur Hand gingen.
In
Babi Jar, einer Schlucht am Stadtrand von Kiew, wurden an zwei Tagen Ende
September 1941 33771 jüdische Menschen erschossen. Sie waren durch Plakate an
eine bestimmte Straßenkreuzung befohlen worden, von der aus sie zu der Schlucht
getrieben wurden, deren Zweck sie erst im letzten Moment erkennen konnten.
Zuvor mußten sie ihre Habe abliefern und sich entkleiden. Am Rand der Schlucht
wurden sie in Zehnergruppen mit Maschinengewehren niedergeschossen. Die Schützen
wechselten sich ab, das Morden hatte keine Pausen. Babi Jar war kein
Einzelfall, Erschießungsaktionen und Massengräber gab es überall in den
besetzten Ostgebieten; seit Frühjahr 1943 war ein Spezialkommando der SS damit
beschäftigt, die Spuren zu beseitigen. Juden mußten, ehe sie zuletzt selbst
erschossen wurden, die Leichen exhumieren und verbrennen.
Der
»geräuschlose« Massenmord ý
Der grausame Weg in die Gaskammer
Die
Mordmethoden waren inzwischen längst verfeinert worden. Das Erschießen ging
nicht schnell genug, und die Nerven der Mörder wurden dabei zu arg strapaziert.
Auf der Suche nach effektiveren Mordwerkzeugen war man, auf die Erfahrungen und
das Personal der Ermordung Behinderter und Geisteskranker in der
»Euthanasie«-Aktion 1939/40 zurückgreifend, auf die Verwendung von Giftgas
verfallen. Kohlenmonoxid wurde verwendet bei den »Gaswagen«, umgebauten
Lastkraftwagen, deren Auspuffgase in den mit Menschen voll gestopften
hermetisch abgedichteten Innenraum geleitet wurden. Nach kurzer Fahrt wurden
die Leichen ins Massengrab gekippt. Gaswagen wurden von den Einsatzgruppen in
Weißrußland verwendet ebenso wie in Serbien; in Chelmno (Culm) waren sie die
Ausrüstung eines Vernichtungslagers.
Der
Befehl Himmlers an den Kommandanten des KZ Auschwitz im Sommer 1941, eine quasi
industrielle Tötungsmethode zu finden, leitete die letzte Phase des Massenmordens
ein. Auschwitz war im Mai 1940 als KZ für Polen auf einem Kasernengelände
errichtet worden und hatte sich zum größten Ausbeutungs- und Vernichtungskomplex
überhaupt entwickelt. An drei Hauptstandorten (Stammlager, Birkenau, Monowitz)
und in 38 Nebenlagern wurde Sklavenarbeit geleistet und Leben vernichtet. Im
September 1941 fand im Stammlager (Auschwitz I) ein erster Versuch mit dem Gift
Zyklon B statt. Das an Kieselgur gebundene blausäurehaltige gasförmige
Desinfektionsmittel ließ sich leicht und für die Mörder gefahrlos
transportieren und handhaben. Ab Frühjahr 1942 wurde in Birkenau (Auschwitz II)
in eigens errichteten ý
dann mehrfach umgebauten und vergrößerten ý
Gaskammern der geräuschlose und schnelle Massenmord praktiziert. Aus ganz
Europa kommend, endeten die Eisenbahntransporte auf der Rampe, wo die
Arbeitsfähigen bei der Selektion zurückbehalten, alle anderen ý in der Regel 90 Prozent der Ankommenden ý direkt in die Gaskammern getrieben wurden.
Auch in Birkenau versuchte die SS Spuren zu beseitigen und sprengte im Herbst
1944 Gaskammern und Krematorien. Die Gesamtzahl der Opfer des Holocaust exakt
zu ermitteln, bereitet beträchtliche Schwierigkeiten, da ein Teil der
Ermordeten nur pauschal registriert wurde. Mit quellenkritischen und statistischen
Methoden haben jedoch Historiker die Dimension des Völkermords definiert.
Ein
beispielloses Verbrechen ý
Der Holocaust
In
194 (von insgesamt 195) erhalten gebliebenen »Ereignismeldungen UdSSR« des
Chefs der Sicherheitspolizei und des SD für den Zeitraum vom 23. Juni 1941 bis
zum 24. April 1942, in den vom Chef der Sicherheitspolizei und des
SD-Kommandostabs vorgelegten 55 »Meldungen aus den besetzten Ostgebieten« (1.
Mai 1942 bis 21. Mai 1943) und in den elf zusammenfassenden »Tätigkeits- und
Lageberichten der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in der
UdSSR« (22. Juni 1941 bis 31. März 1942) ist die Ermordung von mindestens
535000 jüdischen Menschen dokumentiert. Aufgrund des vorliegenden
Quellenmaterials über weitere Vernichtungsaktionen, Pogrome und Massaker ist
davon auszugehen, daß 700000 bis 750000 Juden schon im ersten Dreivierteljahr
der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft auf sowjetischem Boden
ermordet worden sind. Eine der wichtigsten statistischen Quellen ist der
Bericht des in Diensten der SS stehenden »Inspekteurs für Statistik«, Richard
Korherr, dem zu entnehmen ist, daß die nationalsozialistische Judenpolitik bis
zum 31. März 1943 schon mehr als 2 Millionen Opfer gefordert hatte. In den Vernichtungslagern
auf polnischem Territorium sind fast drei Millionen Juden ermordet worden: in
Chelmno 152000, in Belzec 600000, in Sobibór 250000, in Auschwitz-Birkenau
1000000, in Treblinka 900000 und in Majdanek 60000 bis 80000. Die Gesamtbilanz
aufgrund neuester Forschungsergebnisse kommt auf mindestens sechs Millionen
Holocaustopfer.
Das
auf der Wannseekonferenz verkündete Ziel, die Vernichtung aller Juden Europas,
wurde nicht erreicht. Aber sechs Millionen Opfer machen ebenso wie die ideologischen
Prämissen das Verbrechen singulär. Motive und Funktion des Genozids im
nationalsozialistischen Herrschaftsgefüge, in der Expansionspolitik, im
militärischen Verlauf des Zweiten Weltkriegs werden von den Historikern
kontrovers diskutiert. Vom nationalsozialistischen Programm als der Intention
ausgehend, die in zielgerichteter Umsetzung der antisemitischen Ideologie von
Anfang an die physische Vernichtung der Juden betrieb, nennt man diese historisch
argumentierende Richtung »Intentionalisten«. In ihren Erklärungsmodellen spielt
Hitler naturgemäß eine wichtige Rolle.
Aus
Zwangsläufigkeiten der Herrschaftsstruktur, die schließlich zur »kumulativen
Radikalisierung« des ganzen nationalsozialistischen Systems führte (Hans
Mommsen), interpretieren die »Funktionalisten« den Holocaust. Zur Begründung
dienen ihnen systemimmanente Notwendigkeiten ebenso wie die Möglichkeiten und
Zufälle, wie sie sich aus der militärischen Lage ergaben oder die Reflexe darauf
waren. Aus einer Täterlogik heraus, die in erster Linie Bevölkerungspolitik im
Sinne hatte und bei ihren säkularen Umsiedlungsaktionen auch die Juden
vernichtete, sucht ein anderer Ansatz den Holocaust zu erklären. Raul Hilberg,
dem Historiker, der den Holocaust am genauesten und ausführlichsten beschrieben
hat, bleibt das Geschehen letztlich unerklärlich. Diese Feststellung ist ebenso
unbefriedigend wie jeder monokausale Erklärungsversuch und wie die
theologischen, philosophischen, psychologischen Theorien, die mit dem Anspruch
ausschließlicher Gültigkeit vorgetragen werden, um den Holocaust zu erklären.
Prof.
Dr. Wolfgang Benz, Berlin
Judenverfolgungen:
Die Vernichtung der europäischen Juden
Am
20.ÿJanuar 1942 fand in der
Villa Am Großen Wannsee 56þ58
eine Konferenz statt, auf der die praktische Umsetzung und Koordination der
»Endlösung der Judenfrage« besprochen wurde. Eingeladen hatte der Leiter des
Reichssicherheitshauptamts (RSHA), Reinhard Heydrich. Anwesend waren neben den
Staatssekretären der wichtigsten Reichsministerien und hohen Ministerialbeamten
Funktionäre des nationalsozialistischen Regimes, darunter Gestapochef Heinrich
Müller, Otto Hoffmann vom Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA), Eberhard
Schöngart, der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes
(SD) im Generalgouvernement, dem von der Wehrmacht besetzten Polen, sowie
Heydrichs »Judenreferent« Adolf Eichmann, der Hauptverantwortliche bei der
Organisation der Endlösung.
Zu
Beginn der Wannseekonferenz erklärte Heydrich, er sei durch Hermann Göring
bevollmächtigt, die »Endlösung der Judenfrage« zu koordinieren, ohne Rücksicht
auf geographische Grenzen. Nach einem kurzen Überblick über die bisherige
Auswanderungspolitik, den er mit dem von Adolf Eichmann zusammengestellten
Zahlenmaterial unterlegte, gab er bekannt, daß anstelle der bisher
praktizierten Auswanderung nunmehr nach entsprechender vorheriger Genehmigung
durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten treten solle.
Insgesamt sollten elf Millionen europäischer Juden, darunter auch die
englischen und irischen Juden, in den Osten deportiert und zur Arbeit
eingesetzt werden. Man werde sie, so Heydrich, »in großen Arbeitskolonnenÿ... Straßen bauend in diese Gebiete führen,
wobei ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird«. Der
»Restbestand«, so Heydrich weiter, werde »entsprechend behandelt werden
müssen«, da dieser sonst, wie die Geschichte beweise, »als Keimzelle eines
neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen« sei.
Was
mit der Formulierung »entsprechend behandelt« bezweckt war, wurde von Heydrich
nicht näher erläutert. Jedem der Anwesenden dürfte jedoch klar gewesen sein,
was damit gemeint war. Die Formulierung entsprach der üblichen Sprachregelung der
Einsatzgruppenberichte. Vorgesehen war, das war unmißverständlich, die Tötung
aller Juden in Europa. Widerspruch gab es bei den Anwesenden nicht, eher wurde
Zustimmung signalisiert. Unterstaatssekretär Martin Luther zum Beispiel gab zu
verstehen, daß es seitens des Auswärtigen Amts keine Einwendungen gebe. Und der
Vertreter des Generalgouvernements, Staatssekretär Josef Bühler, bat sogar, mit
der »Endlösung« im Generalgouvernement zu beginnen, da es dort, so seine
Argumente, keine Transportprobleme gebe und die meisten Juden schon
arbeitsunfähig seien. Im folgenden Gespräch erläuterte Heydrich die Probleme
der vorgesehenen »Endlösung«. Zum einen schlug er die Errichtung eines
»Altersgettos« vor, zum anderen die Entsendung von Beratern in die von der Wehrmacht
besetzten Länder, die bei den Vorbereitungen zur »Endlösung« helfen sollten.
Bei der Erörterung der Frage, wie mit den »Mischehen« umgegangen werden sollte,
gab es jedoch unterschiedliche Positionen. Heydrich wollte die »Halbjuden«
deportieren, jedoch »Vierteljuden« wie Deutsche respektive wie »Arier«
behandeln, vorausgesetzt, sie seien nicht von auffällig »jüdischem« Benehmen.
Wilhelm Stuckart wiederum, der am Entwurf der Nürnberger Gesetze von 1935
wesentlich beteiligt war und mit Adenauers späterem Staatssekretär Hans Globke
1936 einen maßgeblichen Kommentar zur deutschen Rassen-Gesetzgebung verfasst
hatte, plädierte für Zwangsscheidungen und zog die Zwangssterilisation der
»Halbjuden« ihrer Deportation vor.
Es
ist heute unbestritten, daß die Wannseekonferenz dazu gedient hat, die
Maßnahmen der beteiligten Dienststellen zu koordinieren, die außerhalb
Heydrichs Machtbereich lagen. Die Teilnehmer der Konferenz wußten, daß die
systematische Ermordung von Juden aus dem Reichsgebiet bereits im November 1941
eingesetzt und die Vorbereitungen zum Aufbau der Vernichtungslager Chelmno
(Culm, im Warthegau) und Belzec (im Generalgouvernement) begonnen hatten. Die
Teilnehmer der Konferenz am Wannsee waren sich darüber klar, daß sie von
Heydrich nicht deshalb eingeladen worden waren, um über das Ob, sondern über
das Wie der »Endlösung« zu sprechen. In seinem Prozeß in Jerusalem erklärte
Adolf Eichmann, der einst Zuständige für die zentrale Lenkung des
Deportationsprozesses, daß auf der Konferenz die verschiedenen Arten der
»Lösungsmöglichkeiten«, sprich: der Vernichtungsmethoden, ganz offen besprochen
wurden.
Strittig
ist, ob es einen Führerbefehl zur Vernichtung der europäischen Juden gegeben
hat. Dass es eines solchen Befehls bedurfte, um die Mordmaschinerie in Gang zu
setzten, erscheint angesichts der zentralen Rolle Adolf Hitlers im
nationalsozialistischen Staat zwingend notwendig. Ein schriftlicher Befehl
Hitlers liegt jedoch nicht vor. Bei den Historikern hat sich deshalb zunehmend
die Ansicht durchgesetzt, daß Hitler im Sommer 1941 über verschiedene
Befehlsstränge mündliche Anweisungen gegeben hat, das Vernichtungsprogramm in
Gang zu bringenÿþ daß Hitler nicht
gewußt haben soll, was in Auschwitz, Belzec, Culm (Chelmno), Lublin-Majdanek, Sobibór
und Treblinka geschah, ist höchst unwahrscheinlich. Behauptungen dieser Art
widersprechen auch Hitlers eigenen Aussagen. In seiner berühmt-berüchtigten
Rede am 30.ÿJanuar 1939 hatte
er bereits angekündigt, was er mit den Juden zu tun gedenke: »Wenn es dem
internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die
Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht
die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern
die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.«
Selbst
wenn Hitler keinen schriftlichen Befehl gegeben hat, dürfte das Vorgehen
zwischen Himmler und Hitler abgestimmt gewesen sein. Dafür spricht unter
anderem eine Vollmacht, die Adolf Eichmann auf Geheiß Heydrichs aufgesetzt und
Göring am 31.ÿJuli 1941
unterzeichnet hatte. In dieser Vollmacht, in sorgfältiger Bürokratensprache
abgefaßt, beauftragte Göring den Chef der Sicherheitspolizei und des
Sicherheitsdienstes mit umfassenden Vorbereitungen zur »Gesamtlösung der Judenfrage«.
Der Jerusalemer Historiker Yehuda Bauer plädiert dafür, diese Vollmacht als
»Version des Führerbefehls« anzusehen.
Fest
steht, daß mit der Wannseekonferenz ein Prozeß äußerster Radikalisierung
einsetzte. Wenn zunächst noch Tötung durch Erschießen die Regel war, setzten zu
Beginn des Jahres 1942 zunehmend in den Mordverfahren Massentötungen mittels
Giftgas ein. Sechs Vernichtungszentren, die sich auf polnischem Boden befanden,
waren die Sammelpunkte für Tausende von Transporten mit deportierten Juden von
überall her. Innerhalb von drei Jahren betrug die Gesamtzahl der dorthin
verschickten Juden fast drei Millionen. Im Herbst 1942 wurde in Auschwitz im
Lagerteil Birkenau mit dem Bau von »Krematorien« begonnen, die sowohl Gaskammer
wie Leichenverbrennungsanlage enthielten. Der Tötungsablauf sah dann so aus,
daß die durch Eichmann nach Auschwitz gelenkten Judentransporte zunächst auf
der »Rampe« selektiert wurden. Die für arbeitsfähig erklärten Juden wurden von
der Vernichtung ausgenommen, während die anderen ins Gas geführt wurdenÿþ Männer, Frauen und Kinder.
Insgesamt
sind in den Jahren 1941þ45
rund fünf bis sechs Millionen europäischer Juden den systematischen
Mordaktionen des nationalsozialistischen Regimes zum Opfer gefallen. Die
Historiker sind sich heute darin einig, daß es sich dabei nicht nur um einen
»brachialen Gewaltakt« (Raul Hilberg) handelte, sondern um den ersten
vollendeten Vernichtungsprozeß der Weltgeschichte. »Holocaust« oder
neuhebräisch »Schoah« ist deshalb die Bezeichnung, die sich in den letzten
Jahrzehnten für den Vorgang der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden
in den Geschichtsbüchern eingebürgert hat.
Prof.
Dr. Julius H. Schoeps
Kronland,
Erbland
eines fürstlichen Hauses, besonders die 1867þ1918
im zisleithanischen Reichsteil Österreich-Ungarns liegenden „Königreiche und
Länder“, u.a. Erzherzogtum Österreich, Königreich Böhmen, Königreich von
Galizien und Lodomerien.
Ostjuden,
im
19.ÿJahrhundert in Mittel-
und Westeuropa aufgekommene Bezeichnung für die ost- und südosteuropäischen
Juden, die sozial überwiegend den unteren Schichten angehörten (Handwerker,
Kleinhändler, Arbeiter), sie standen im Gegensatz zu den von Aufklärung
(Haskala) und Emanzipation geprägten mittel- und westeuropäischen Juden streng
traditionsgebunden auf dem Boden der rabbinischen Orthodoxie und verschlossen
sich in ihren Lebensgewohnheiten bewußt Einflüssen der Moderne. Prägnanter
Ausdruck ostjüdischer Lebensweise waren das Leben im Schtetl, die jiddische
Sprache und die religiöse Bewegung des Chassidismus (Chassidim); ein Zentrum
der ostjüdischen Kultur war Galizien. In der 2.ÿHälfte
des 19.ÿJahrhunderts
führten das starke Wachstum der ostjüdischen Bev. und die damit verbundene
Verschlechterung der Erwerbsmöglichkeiten, in Rußland zudem eine die Juden in
ihren wirtschaftliche und Bildungsmöglichkeiten stark beschränkende
Gesetzgebung (aber auch Pogrome), zur Abwanderung zahlreicher Ostjuden nach
Westeuropa; ab 1882 u.a. nach Nordamerika (1881þ1914
etwa 2,5 Mio.). Für viele Ostjuden war die Integration in den
Zuwanderungsländern mit großen sozialen Problemen verbunden, deshalb bewußte
»Jiddischkeit« oder entschiedene Hinwendung zur zionistischen Palästinasiedlungsbewegung
(Zionismus).ÿþ Die politische
Elite des jungen Staates Israels (nach 1948) war so ostjüdischer Herkunft.ÿþ Bis zur Vernichtung des Ostjudentums im
Holocaust (1939þ45) bildeten die
Ostjuden die zahlenmäßig größte jüdische Gemeinschaft. (Aschkenasim)
Polen
Fläche:
312ÿ685 km2
Einwohner:
(1999) 38,61 Mio.
Hauptstadt:
Warschau
Verwaltungsgliederung:
16 Woiwodschaften
Amtssprache:
Polnisch
Nationalfeiertag:
3.ÿ5.
Währung:
1 Zloty (Zl) = 100 Groszy (Gr)
Zeitzone:
MEZ
(amtlich
polnisch Rzeczpospolita Polska, deutsch Republik Polen), Staat im Osten
Mitteleuropas, grenzt im Westen an Deutschland, im Norden an die Ostsee, im
Nordosten an das russische Gebiet Kaliningrad (Königsberg) und an Litauen, im
Osten an Weißrußland und die Ukraine und im Süden an die Slowakische Republik
und die Tschechische Republik.
Staat
und Recht: Nach der Verfassung von 1997 (in Kraft seit 16.ÿ10.) ist Polen eine parlamentarische
Republik. Staatsoberhaupt ist der Präsident der Republik (auf 5 Jahre direkt
gewählt); er verfügt über besondere Befugnisse, v.ÿa. in der Außen- und Sicherheitspolitik
sowie beim Staatsnotstand, und ein Vetorecht gegen Gesetzesbeschlüsse. Das
Parlament (vierjährige Legislaturperiode) besteht aus zwei Kammern, die in
besonderen Fällen als Nationalversammlung zusammentreten: dem Abgeordnetenhaus
(polnisch »Sejm«, 460 Abgeordnete) und dem Senat (100 Senatoren, in den
Woiwodschaften gewählt). Die Exekutivgewalt liegt beim Ministerrat unter
Vorsitz des Ministerpräsidenten. Er ist vom Vertrauen des Sejm abhängig und
wird vom Staatspräsidenten ernannt. Wichtigste Parteien: Wahlaktion der »Solidarnosc«
(AWS), Bündnis der Demokratischen Linken (SLD), Freiheitsunion (UW), Polnische
Bauernpartei (PSL), Bewegung für den Wiederaufbau Polens (ROP),
Christdemokratie der Dritten Polnischen Republik (ChDRP).
Landesnatur:
Polen ist größtenteils ein Tiefland, 75ÿ%
seines Territoriums liegen unter 200ÿm
über dem Meeresspiegel. Es ist von eiszeitlichen Ablagerungen bedeckt und durch
vorwiegend ostwestlich verlaufende Niederungen im Bereich eiszeitlicher
Urstromtäler gegliedert. An die Jungmoränenlandschaft der Weichseleiszeit im Norden
(Baltischer Landrücken) mit ihren Seenplatten und Endmoränenzügen (Pommersche
und Masurische Seenplatte) schließt sich in Mittelpolen die schwach wellige
Altmoränenlandschaft der Saaleeiszeit an. Nach Süden tauchen aus der glazialen
Decke die zum Teil lössbedeckten Tafeln und Stufenlandschaften des polnischen
Mittelgebirges auf, das östlich der Weichsel aus dem Lubliner Hügelland und
Roztocze (in Polen bis 390ÿm
über dem Meeresspiegel), westlich davon aus dem Kleinpolnischen Berg- und
Hügelland (Lysica im Kielcer Bergland, 612ÿm
über dem Meeresspiegel) besteht. Das Becken von Sandomierz und die geologische
Mulde des oberschlesischen Beckens trennen das Bergland vom Gebirgsgürtel der
Sudeten und Karpaten; die höchsten Zonen sind Riesengebirge und Hohe Tatra
(Meeraugspitze, polnisch Rysy, 2ÿ499ÿm über dem Meeresspiegel). Hauptflüsse sind
Weichsel und Oder. Polen besitzt ein Übergangsklima, das von Südwesten nach
Nordosten zunehmend kontinentaler wird.
Bevölkerung:
Die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Polen; von den über 2ÿ% Angehörigen nationaler Minderheiten sind
die Polendeutschen die größte Gruppe, gefolgt von Ukrainern und Weißrussen.
Großstädte mit (1998) über 500ÿ000
Einwohnern sind Warschau, Lodz, Krakau, Breslau und Posen. Am dichtesten sind
die zentral- und südpolnischen, am schwächsten die nordostpolnischen
Woiwodschaften besiedelt. ÿþ
Rund 91ÿ% der Bevölkerung
gehören der katholischen Kirche an, rund 2,3ÿ%
anderen christl. Kirchen (Orthodoxe, Altkatholiken, Lutheraner, Adventisten,
Pfingstler, Baptisten, Methodisten, Reformierte u.a.). Die
»Polnisch-Autokephale Orthodoxe Kirche« zählt als die zweitgrößte
Religionsgemeinschaft rund 575ÿ000
Gläubige (Weißrussen und Ukrainer); die größte protestantische Kirche ist die
Evangelisch-Augsburgische Kirche in der Republik Polen. Nichtchristliche
religiöse Minderheiten bilden die Juden (6ÿ000þ10ÿ000)
und die seit der Zeit der Goldenen Horde in Polen ansässigen Muslime (rund 5ÿ000 Tataren, besonders um Białystok)ÿþ Allgemeine Schulpflicht besteht vom 8. bis
zum 16. Lebensjahr acht-jährige Primar-, vier-jährige allgemein bildende
Sekundarschulen; außerdem Berufs- und beruflich-technische Fachschulen und
(seit 1989) weltliche und kirchliche Gymnasien, die zur Hochschulreife führen.
Die Analphabetenquote beträgt 1ÿ%.
Polen besitzt 11 Universitäten (eine katholische in Lublin), 18 Technische
Hochschulen (Polytechnika) sowie 35 weitere Hochschulen.
Wirtschaft,
Verkehr: Polen, vor dem Zweiten Weltkrieg ein Agrarland,
entwickelte sich ab 1950 zu einem Industrie-Agrar-Staat. Die nach sowjetischem
Vorbild etablierte Planwirtschaft brachte das Land jedoch in eine schwere
Krise, die 1981þ83 zu großen
sozialen Unruhen führte (Solidarnosc). Im Oktober 1989 wurde der Übergang zur privaten
Marktwirtschaft eingeleitet, deren Verwirklichung mit erheblichen
wirtschaftlichen Problemen verbunden war (hohe Auslandsverschuldung,
Arbeitslosigkeit). Das heutige Wirtschaftswachstum Polens, das alle
Wirtschaftsbereiche erfaßt hat, beruht auf dem privaten Sektor (Anteil 1998: 66ÿ%); es liegt in Europa mit an vorderster
Stelle. In der Landwirtschaft, auch unter der sozialistischen Herrschaft zu 80ÿ% privat bewirtschaftet, herrschen
Kleinbetriebe vor. Angebaut werden besonders Roggen, Kartoffeln, Futterpflanzen
und Weizen, ferner Zuckerrüben, Raps und Gemüse. Bedeutend sind Rinder-,
Schweine-, Pferde- (wegen des derzeit noch geringen Mechanisierungsgrades) und
Geflügelhaltung u.a. Gänse für den Export). Der Wald nimmt 28ÿ% der Landesfläche ein (zu 80ÿ% Nadelhölzer). Bedeutend ist die
Hochseefischerei. Eine wichtige Rolle spielt der Bergbau, besonders wegen der
großen Steinkohlenvorkommen in Oberschlesien (Sanierung und Stilllegung
unrentabler Zechen). Die Braunkohle (in Südwestpolen an der Grenze zum
sächsischen Gebiet um Zittau, Konin, Turek, Belchatów südlich von Lodz) wird in
Großkraftwerken verstromt. In Niederschlesien werden große Kupfervorkommen
abgebaut und verhüttet. Ferner werden Blei-, Zink- und Eisenerze sowie Schwefel
(Tarnobrzeg), Salz, im Karpatenvorland etwas Erdgas und -öl gefördert. Als Erbe
sozialistischer Vergangenheit sind viele Landesteile noch ökologisch schwer
belastet, besonders die Industriegebiete um Krakau, in Oberschlesien, um Glogau
und Liegnitz. Neben den traditionellen Industriestandorten Warschau, Lodz, dem
Oberschlesischen Industriegebiet (um Kattowitz), Danzig und Stettin entstanden
neue Industriezentren in Nowa Huta (zu Krakau) und Tschenstochau
(Eisenhüttenindustrie), Plock (Erdölverarbeitung), Pulawy, Wloclawek und Thorn
(Chemiewerke), Konin (Aluminiumhütte), Liegnitz, Glogau und Lublin
(Kupferverhüttung und -verarbeitung). Die wichtigsten Zweige der verarbeitenden
Industrie sind Maschinen-, Fahrzeug- (Automobile, Lokomotiven, Waggons) und
Schiffbau (u.a. in Stettin), die Nahrungsmittel-, Baustoff-, Holz- und Papier-
sowie die Textilindustrie (Zentrum Lodz). Exportiert werden Maschinen und
Transportmittel, u.a.. Schiffe, Chemikalien (besonders Schwefel), Steinkohle,
Koks und Elektrizität, Metalle (besonders Kupfer) sowie Textilien und
Bekleidung. Insgesamt 17 Sonderwirtschaftszonen begünstigen die Ansiedlung
neuer Unternehmen. Haupthandelspartner sind die EU-Staaten (u.a. Deutschland),
Rußland, USA und die Tschechische Republik.ÿþ
Hauptverkehrsträger ist die staatliche Eisenbahn mit einem Streckennetz von 22ÿ113 km (davon 53ÿ% elektrifiziert), das befestigte
Straßennetz ist 245ÿ000
km, das Binnenwasserstraßennetz (Schiffsverkehr auf Oder, Weichsel, Warthe und
Gleiwitzkanal) 3ÿ812 km lang.
Wichtigste Hochseehäfen sind Stettin (mit Außenhafen Swinemünde), Danzig und
Gdynia; internationaler Flughafen in Warschau. Hauptanziehungspunkte des
Fremdenverkehrs sind die Hohe Tatra, Beskiden und Sudeten (besonders
Riesengebirge), die Ostseeküste und die Masurischen Seen sowie Warschau,
Krakau, Tschenstochau (Wallfahrtszentrum), Breslau und Danzig. Viele
Heilquellen führten zur Entstehung von Kurorten in den Sudeten und Beskiden.
Geschichte:
Der frühe Piastenstaat (10.ÿJahrhundertþ1138):
Erster historisch fassbarer Herrscher eines polnischen Staates war Herzog
Mieszko I. (um 960þ992) aus dem
Geschlecht der Piasten. Sein Reich umfaßte u.a. den Raum um die mittlere Warthe
(Siedlungsgebiet der Polanen, so genanntes »Groß-Polen«) und die mittlere
Weichsel (Masowien) sowie um den Goplo-See. 966 trat er zum lateinischen
Christentum über. Sein Sohn BoleslawÿI.
Chrobry (992þ1025) gewann
Klein-Polen (Polonia Minor, um Krakau), Schlesien, vorübergehend Mähren, die
Westslowakei, Pommern und die Lausitz und stieß bis Kiew (1018) vor; zugleich
wurde Polen (so die um 1000 bei ausländischen Chronisten aufgekommene
Staatsbezeichnung) durch die Gründung des Erzbistums Gnesen (1000) auch
kirchlich selbstständig. 1025 ließ sich BoleslawÿI.
Chrobry zum König krönen.
Die
Zeit der Teilfürstentümer (1138þ1320):
Nach Einführung der Senioratserbordnung durch BoleslawÿIII. Krzywousty (1102/07þ1138) zerfiel das Land in Teilfürstentümer.
Pommern schied 1181 endgültig aus der losen Abhängigkeit aus, während Schlesien
ab 1163 eine Sonderentwicklung nahm und sich um 1300 der böhmischen Lehnshoheit
unterstellte. Eine schwere äußere Bedrohung stellte der Einfall der Mongolen
dar (1241 Niederlage eines polnisch-deutschen Ritterheeres bei Liegnitz). Im
12.ÿJahrhundert setzte eine
intensive Kolonisierung aus dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches ein, als
Fürsten und kirchliche Institutionen versuchten, neue Siedler für ihre Güter
heranzuziehen (deutsche Ostsiedlung). Die deutschen Neusiedler prägten v.ÿa. das Bild der Städte. Zur Abwehr der
heidnischen Prußen rief Herzog KonradÿI.
von Masowien 1226 den Deutschen Orden nach Polen. Nach der 1283 abgeschlossenen
Unterwerfung der Prußen weitete der Orden seine weltliche Herrschaft 1308 über
das von Polen beanspruchte Pommerellen aus. Die Auseinandersetzung mit dem
Deutschen Orden sowie das Erstarken der Bürgerschaft und des Adels bestimmten
die Entwicklung im 14. und 15.ÿJahrhundert
maßgeblich.
Die
Piasten (1320þ70):
Herzog Wladislaw Lokietek errang zu Anfang des 14.ÿJahrhunderts die Oberherrschaft über ganz
Polen und ließ sich 1320 in Krakau zum König krönen. Sein Sohn KasimirÿIII., der Große (1333þ70), der letzte der Piasten, verzichtete
zugunsten des Deutschen Ordens auf Pommerellen (Westpreußen) und dehnte das
Reich nach Südosten (Galizien, Wolhynien, Podolien) aus. Er schuf ein
allgemeines polnisches Landrecht und gründete die Universität Krakau (1364).
Das Haus Anjou (1370þ86) und die Jagiellonen
(1386þ1572):LudwigÿI., der Große (1370þ82), ein Neffe Kasimirs aus dem Haus Anjou,
konnte sich die Zustimmung des polnischen Adels zur Nachfolge für sich und
seine Tochter Jadwiga (Hedwig I.) nur durch eine großzügige
Privilegienerteilung erkaufen. In den Unionen von Krewo und Krakau 1385/86
wurde festgelegt, dass sich der bisher heidnische Großfürst Jagiello von
Litauen taufen lassen und die Erbin Jadwiga zur Frau nehmen sollte. Als König
WladislawÿII. (1386þ1434) vereinigte er das multinationale und
mehrkonfessionelle Doppelreich Polen-Litauen zunächst in Personalunion. Dieser
Übermacht unterlag der Deutsche Orden 1410 bei Tannenberg und dann im
»Dreizehnjährigen Krieg« (1454þ66).
Im 2. Thorner Frieden von 1466 musste er für das ihm verbliebene Ostpreußen die
polnische Lehnshoheit anerkennen, während Pommerellen mit dem Culmer Land und
Ermland ein besonderer Ständestaat unter der Herrschaft des polnischen Königs
wurde. 1561 kam auch Livland an Polen, Kurland wurde polnisches Lehen. Durch
die Lubliner Union von 1569 wurden Litauen und der westpreußische Ständestaat
ganz mit Polen verschmolzen; doch behaupteten die deutschen Städte Thorn,
Elbing und u.a. Danzig sowie das Bistum Ermland ihre Selbständigkeit. Der
eindringende Protestantismus wurde durch die katholische Gegenreformation
zurückgedrängt. Die Königsgewalt war schon seit dem 15.ÿJahrhundert durch die wachsende Macht des
Adels, der »Schlachta«, geschwächt worden, die ihren politischen Mittelpunkt im
polnischen Reichstag fand.
Wahlkönigtum
(1572þ1795):
Seitdem die Jagiellonen 1572 mit SigismundÿII.
August ausgestorben waren, wählte der polnische Adel ausländische Fürsten zu Königen,
so Stephan Báthory von Siebenbürgen (1575/76þ86
als StephanÿIV. Báthory) und
die aus dem schwedischen Haus Wasa stammenden Monarchen SigismundÿIII. (1587þ1632),
WladislawÿIV. (1632þ48) und JohannÿII.
Kasimir (1648þ68). Polen verlor
1629 Livland an Schweden und mußte 1657/60 zugunsten Brandenburgs auf die
Lehnshoheit über Ostpreußen verzichten. Nachdem gegenüber Rußland bis 1619
einige Gebietsgewinne erzielt werden konnten und 1610þ12 sogar die Übernahme des Zarenthrons
möglich schien, brach in der Ukraine ein großer Aufstand der Kosaken aus, die
sich 1654 unter die Herrschaft der russischen Zaren stellten. Weitere Ostgebiete
(Kiew) gingen im Frieden von Andrussowo (1667) verloren. Im Kampf gegen die
Türken errang Polen unter JohannÿIII.
Sobieski (1674þ96) im Bündnis mit
Österreich militärische Erfolge (1683 Sieg in der Schlacht am Kahlenberg); es
gewann Podolien zurück. Warschau (seit 1596 Hauptstadt) wurde im 18.ÿJahrhundert ausgebaut. Die Wahl des
sächsischen Kurfürsten August des Starken zum König von Polen (1697þ1706, 1709þ33)
verstrickte das Land in den Nordischen Krieg, in dem Rußland bereits als die
ausschlaggebende Macht in Polen auftrat. Sein Sohn AugustÿIII. (1733þ63)
konnte sich im Polnischen Thronfolgekrieg nur dank der russischen Hilfe gegen
Stanislaus Leszczynski durchsetzen, und der letzte polnische König StanislausÿII. August Poniatowski (1764þ95) musste sich der russischen Kaiserin
KatharinaÿII. beugen.
Schließlich kam es zu den drei Teilungen Polens (1772, 1793 und 1795), wobei
sich Rußland (zu etwa 2/3ÿ),
Preußen und Österreich (zu je etwa 1/6ÿ) des Landes bemächtigten. Noch am 3.ÿ5. 1791 war eine demokratische Verfassung
(die erste geschriebene in Europa) verabschiedet worden. Ein nationaler
Aufstand 1794 unter der Führung T.ÿKosciuszkos
scheiterte an der russisch-preußischen Übermacht.
Unter der Herrschaft der Teilungsmächte (1795þ1918):
Das 1807 durch NapoleonÿI.
aus preußischen Teilungsgebieten errichtete Herzogtum Warschau wurde im Ergebnis
des Wiener Kongresses (1814/15) um Posen und Krakau verkleinert und als
Königreich Polen (Kongreß-Polen) in Personalunion mit Rußland vereinigt.
Krakau erhielt den Status einer Freien Stadt (bis 1846); die Österreich
zugesprochenen Gebiete wurden 1849 als Kronland Galizien reorganisiert. Alle Versuche
zur Wiederherstellung des Nationalstaates (Novemberaufstand 1830/31,
Aufstandsversuche in Galizien 1846 und Posen 1848, Januaraufstand 1863) wurden
blutig niedergeschlagen. Kongreß-Polen sah sich einer heftigen
Russifizierungspolitik ausgesetzt. Seitdem bewahrten die Polen hier und im
österreichischen Galizien für lange Zeit ihre nationale Identität durch Pflege
ihrer Sprache und Kultur.
Der
Ausbruch des Ersten Weltkriegs belebte die Hoffnung auf Wiederherstellung der
Eigenstaatlichkeit (zunächst Proklamation eines polnischen Königreichs ohne
Territorialabgrenzung durch die Mittelmächte am 5.ÿ11. 1916). Am 8.ÿ1. 1918 forderte der amerikanische Präsident
W. ÿWilson die Bildung eines
unabhängigen polnischen Staates mit einem Zugang zur See. Am 7.ÿ10. 1918 rief der Regentschaftsrat die
Unabhängigkeit Polens aus; Staatschef der Republik Polen war 1918þ22 J. ÿPilsudski.
Polen
zwischen den Weltkriegen (1918þ39):
Durch den Versailler Vertrag erhielt Polen den größten Teil der Provinz
Westpreußen (»Polnischer Korridor«) und fast die ganze Provinz Posen. Danzig
wurde Freie Stadt. Oberschlesien, wo trotz mehrerer polnischer Aufstände die
Abstimmung vom 20.ÿ3. 1921 eine
deutsche Mehrheit ergab, wurde geteilt. Von Österreich erhielt Polen Galizien; das
Teschener Gebiet mußte 1920 entlang der Olsa mit der Tschechoslowakei geteilt
werden. Ein polnischer Vorstoß auf Kiew (April/Mai 1920) löste den
Polnisch-Sowjetischen Krieg (1920/21) aus; die Gegenoffensive Sowjetrußlands
scheiterte schließlich am polnischen Sieg in der Schlacht bei Warschau (16.ÿ8. 1920, »Wunder an der Weichsel«). Im
Frieden von Riga (18.ÿ3.
1921) wurde eine Grenze gezogen, die mehr als 200 km östlich der Curzon-Linie
verlief. 1920 hatte Polen zudem das Wilnagebiet annektiert. Die innere
Konsolidierung (formal beendet mit Annahme der Verfassung vom 17.ÿ3. 1921) wurde erschwert durch die
politische Zersplitterung der Parteien, die wirtschaftliche Rückständigkeit,
die in der Teilungszeit entstandenen unterschiedlichen Wirtschafts-, Bildungs-,
Justiz- und Verwaltungssysteme sowie durch die Existenz starker nationaler
Minderheiten (31ÿ% der
Gesamtbevölkerung). Außenpolitisch war Polen in das französische Allianzsystem
einbezogen (Bündnis vom 19.ÿ2.
1921). Die restriktive Politik gegenüber der deutschen Minderheit, die deutsche
Weigerung, die neue deutsche Ostgrenze anzuerkennen, ein »Zollkrieg« um die
oberschlesische Kohle, andererseits der politisch-ideologische Gegensatz zum
Sowjetsystem schlossen eine Kooperation Polens mit seinen beiden größten
Nachbarn aus.
Am
12.ÿ5. 1926 übernahm
Marschall Pilsudski in einem Staatsstreich die Macht (1926þ28 und 1930 Ministerpräsident, 1926þ35 Kriegsminister), errichtete unter
formaler Beibehaltung von Verfassung und Parlament ein autoritäres System und setzte
1935 eine autoritäre Präsidialverfassung durch. Zur außenpolitischen
Absicherung wurden Nichtangriffsverträge mit der Sowjetunion (1932) und
Deutschland (1934) abgeschlossen. Außenminister J.ÿBeck strebte den Aufstieg Polens zur
ostmitteleuropäischen Führungsmacht im Rahmen eines »Dritten Europa« von der
Ostsee bis zur Adria an.
Nach
dem Tod Pilsudskis 1935 wurde das Militär unter Marschall E.ÿRydz-Smigly staatsbestimmend. Die
Verschärfung der Minderheitenpolitik, auch gegenüber der deutschen Volksgruppe,
engte die außenpolitische Manövrierfähigkeit ein. Im Oktober 1938 wurde die
Tschechoslowakei zur Abtretung des Olsagebietes gezwungen. Der verstärkte
außenpolitische Druck des Deutschen Reiches 1938/39 (Forderung nach
Angliederung Danzigs an Deutschland und nach Errichtung exterritorialer Verkehrswege
durch den Polnischen Korridor) veranlaßte Polen wieder zu engerer Anlehnung an
die Westmächte. Die Kündigung des Deutsch-Polnischen Nichtangriffspakts durch
Hitler (28.ÿ4. 1939) hoffte
Polen durch die britische Garantieerklärung (31.ÿ3.
1939) und das polnisch-britische Beistandsabkommen (25.ÿ8. 1939) ausbalancieren zu können. Doch im
Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt (»Hitler-Stalin-Pakt«) vom 23.ÿ8. 1939 war in einer Geheimklausel u.a. die
Aufteilung Polens vereinbart worden. Der deutsche Angriff auf Polen am 1.ÿ9. 1939 löste den Zweiten Weltkrieg aus.
Polen
im Zweiten Weltkrieg: Das polnische Heer konnte sich nicht gegen
die deutsche Wehrmacht und die seit dem 17.ÿ9.
1939 einrückende Rote Armee behaupten. Ein deutsch-sowjetischer Grenz- und
Freundschaftsvertrag (28.ÿ9.
1939) teilte Polen entlang der Flüsse Narew, Bug und San in ein deutsches und
ein sowjetisches Gebiet auf. Die u.a. von Ukrainern und Weißrussen bewohnten
östlichen Gebiete (200ÿ280
km2 mit 13,5 Mio. Einwohnern, darunter 3,5 Mio. Polen) wurden der
Ukrainischen SSR und der Weißrussischen SSR eingegliedert (1940/41
Zwangsdeportation von weit über 1ÿMio.
Polen nach Zentralasien und Sibirien). Westpolen (90ÿ000 km2 mit 10 Mio. Einwohnern)
wurde am 8.ÿ10. 1939 dem
Deutschen Reich angeschlossen, der Rest am 26.ÿ10.
1939 als Deutsches Generalgouvernement Polen (98ÿ000
km2 mit über 10 Mio. Einwohnern) organisiert, dem 1941 Galizien
angegliedert wurde. Der nationalsozialistische Terror nahm mit Zwangsverpflichtungen
nach Deutschland, Deportationen und der Ausrottungÿþ anfangs der jüdischen, später auch anderer
polnischer Bevölkerungsteileÿþ
in den Konzentrations- und Vernichtungslagern immer größere Ausmaße an. 1939þ45 kamen 6,03 Mio. Polen, unter ihnen rund 3ÿMio. Juden, ums Leben.
In
Paris wurde 1939 unter General W.ÿSikorski
eine Exilregierung gebildet, die eine Exilarmee aufstellte. Die von den
Alliierten als Krieg führender Bundesgenosse anerkannte, nach der französischen
Niederlage von London aus operierende Exilregierung schloß am 30.ÿ7. 1941 ein Bündnis mit der Sowjetunion, das
die Aufstellung einer polnischen Armee aus 80ÿ000
Kriegsgefangenen unter General W.ÿAnders
ermöglichte. Die Entdeckung der Massengräber polnischer Offiziere bei Katyn im
April 1943 führte jedoch zum Bruch mit der sowjetischen Führung. Die
Exilregierung wurde von Großbritannien zu einem Ausgleich mit der Sowjetunion
gedrängt, lehnte aber die Anerkennung der Curzon-Linie (bei Inaussichtstellung
einer Entschädigung mit deutschen Gebieten östlich der Oder) ebenso ab wie eine
kommunistische Regierungsbeteiligung im befreiten Polen. Mit den ab 1943
rekrutierten Einheiten unter General Z.ÿBerling
beteiligten sich die polnischen Kommunisten an der Seite der Roten Armee an der
militärischen Befreiung Polens. 1939 waren erste Widerstandsorganisationen
entstanden, die sich im Februar 1942 mit einer der Londoner Exilregierung
unterstellten »Armia Krajowa« (Abkürzung AK, deutsch »Armee im Lande« bzw.
„Heimatarmee“) eine militärische Organisation schufen. Kommunistische
Widerstandsgruppen wurden in der »Armia Ludowa« (Abkürzung AL, deutsch
»Volksarmee«) zusammengefaßt. Ein Aufstand im Warschauer Getto 1943, der den
Abtransport der Juden in die Vernichtungslager aufhalten sollte, wurde durch
die deutsche Besatzungsmacht blutig unterdrückt. Als im Juli 1944 die Rote
Armee den Bug überschritt und das von prosowjetischen Kräften gebildete
»Lubliner Komitee« (eigentlich »Polnisches Komitee der Nationalen Befreiung«)
eine kommunistische Verwaltung aufzubauen begann, löste die AK den Warschauer
Aufstand (1.ÿ8.þ2.ÿ10.
1944) aus, den die deutsche Wehrmacht jedoch niederschlagen konnte. Das
Lubliner Komitee (am 1.ÿ1.
1945 in »Provisorische Regierung« umbenannt) übernahm in den von der Roten
Armee freigekämpften polnischen Gebieten die Regierungsgewalt und mit
sowjetischer Unterstützung auch die Verwaltung in den deutschen Ostgebieten.
Mit dem Potsdamer Abkommen (2.ÿ8.
1945) unterstellten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die ehemaligen
ostdeutschen Gebiete bis zur Oder und Neiße sowie das südliche Ostpreußen und
Danzig polnischer Verwaltung (vorbehaltlich einer endgültigen Regelung der
Westgrenze in einem Friedensvertrag). Dafür mußte Polen auf das Gebiet östlich
der Curzon-Linie (rund 180ÿ000
km2) zugunsten der UdSSR verzichten (fixiert im polnisch-sowjetischen
Abkommen vom 16.ÿ8. 1945). Das
polnische Staatsgebiet umfaßte nunmehr rund 313ÿ000
km2. Mit der schon vor der Potsdamer Konferenz einsetzenden
Vertreibung der Deutschen (Höhepunkt 1945/46) und der Zwangsumsiedlung der
Polen aus den an die Sowjetunion gefallenen Ostgebieten kam es zu einer gewaltigen
Bevölkerungsverschiebung..
Nachkriegszeit
(1945þ52):Aus
Vertretern der »Provisorischen Regierung« und Exilpolitikern wurde am 28.ÿ6. 1945 eine »Regierung der Nationalen
Einheit« gebildet, in der Kommunisten Schlüsselpositionen innehatten. Die
Sowjetunion sicherte sich einen starken Einfluß auf Polen u.a. durch den
Abschluß eines Freundschafts- und Beistandsvertrags (21.ÿ4. 1945). Mit Ausnahme der oppositionellen
Polnischen Bauernpartei (PSL) wurden alle Parteien in einem »Demokratischen
Block« zusammengefaßt, der von der kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei
(PPR) unter Generalsekretär W.ÿGomulka
beherrscht war und die Wahl zum Parlament (19.ÿ1.
1947) für sich entschied. Mit der Annahme der »Kleinen Verfassung« (19.ÿ2. 1947) begann die offene Kursnahme auf die
Errichtung einer Volksdemokratie. B.ÿBierut
(Kommunist) wurde Staatspräsident (1947þ52)
und J.ÿCyrankiewicz
(Sozialist) Ministerpräsident (1947þ52,
1954þ70). Nach dem Ausschluss
Jugoslawiens aus dem »sozialistischen Lager« (1948) wurden die polnischen
Nationalkommunisten als »Rechtsabweichler« aus führenden Positionen entfernt
und verhaftet (u.ÿa. Gomulka). 1948
fusionierten nach Säuberungen PPR und Sozialistische Partei (PPS) zur
Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR), deren Führung Bierut übernahm.
Nach einer Bodenreform und der Verstaatlichung der Industrie, der Banken und
des Verkehrswesens in den ersten Nachkriegsjahren vollzog sich 1947 der
Übergang zur zentralen Planwirtschaft. 1949 wurden in Landwirtschaft und
Kleingewerbe Zwangskollektivierungen und Enteignungsmaßnahmen eingeleitet.
Damit ging eine zunehmend verschärfte Reglementierung, bald eine offene
Verfolgung der katholischen Kirche einher. Die nach 1949 forcierte
Industrialisierung brachte unter großem Konsumverzicht der Bevölkerung eine
völlige Umgestaltung der Wirtschaftsstruktur. Im Görlitzer Vertrag (6.ÿ7. 1950) erkannte die DDR die Oder-Neiße-Linie
an.
Die
Volksrepublik Polen (1952þ89):
Mit der volksdemokratischen Verfassung vom 22.ÿ7.
1952 nahm das Land offiziell die Staatsbezeichnung »Volksrepublik Polen« an.
Als Mitglied des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (seit 1949) und des Warschauer
Pakts (seit 1955) fügte sich Polen in den Ostblock ein. Unter dem Eindruck der
Entstalinisierung in der Sowjetunion kam es im Juni 1956 zum Posener Aufstand;
im Oktober 1956 wurde Gomulka an die Spitze der PZPR zurückberufen. Bei fester
Einbettung in das »sozialistische Lager« änderte er den politischen Kurs:
Wiedereinführung der bäuerlichen Privatwirtschaften, Fortsetzung der
Industrialisierung unter Verstärkung des Konsumgütersektors, Begrenzung der
sowjetischen Stationierungstruppen und Entlassung der Berater (u.ÿa. des als Verteidigungsminister amtierenden
sowjetische Marschalls K.ÿK.
Rokossowski), Normalisierung der Beziehungen zur katholischen Kirche. Die
polnische Beteiligung an der militärischen Intervention in der CSSR im August
1968 sicherte Gomulka die Unterstützung der sowjetischen Regierung bei der
Zurückdrängung seiner Gegner im Innern (u.a. die nationalkommunistische
Opposition um Innenminister M.ÿMoczar)
und beim Abschluß des Deutsch-Polnischen Vertrages (7.ÿ12. 1970).
Streiks
und Arbeiterunruhen in den Küstenstädten führten im Dezember 1970 zur
Entlassung Gomulkas und zur Machtübernahme durch E.ÿGierek, dem zusammen mit Ministerpräsident
P.ÿJaroszewicz in kurzer
Zeit die politische und wirtschaftliche Konsolidierung gelang (»polnisches
Wirtschaftswunder« bis 1973). 1972 übernahm H.ÿJablonski
das Amt des Staatsratsvorsitzenden (bis 1985). Nach erneuten Streiks und
Arbeiterunruhen 1976 bildete sich das »Komitee zur Verteidigung der Arbeiter«
(KOR). Die mit der Wahl des Krakauer Kardinals K.ÿWojtyla
zum Papst (16.ÿ10. 1978) Johannes
Paulÿ II. einsetzende religiöse
Erneuerungsbewegung unterstützte die Forderung nach tief greifenden Reformen.
Ausgelöst durch wirtschaftliche Schwierigkeiten (u.a. Mißverhältnis zwischen
Kaufkraft und Warenangebot) kam es 1980 zu einer landesweiten Streikbewegung
(Zentrum u.ÿa. in Danzig); sie
konnte nur durch Zulassung einer unabhängigen Gewerkschaft (am 17.ÿ9. 1980 Gründung und am 10.ÿ11. 1980 gerichtliche Bestätigung der
Solidarnosc unter Führung L.ÿWalesas) und durch weitere Zugeständnisse
(Danziger Abkommen vom 31.ÿ8.
1980) beendet werden. Gierek wurde als 1.ÿSekretär
der PZPR Anfang September 1980 durch S.ÿKania
ersetzt. Im Februar 1981 übernahm General W.ÿJaruzelski
das Amt des Ministerpräsidenten, im Oktober 1981 auch das des Parteichefs. Die
sich rapide zuspitzende innenpolitische und wirtschaftliche Situation sowie die
sich abzeichnende Möglichkeit einer sowjetischen Intervention veranlaßten ihn
zur Verhängung des Kriegsrechts (13.ÿ12.
1981); ein »Militärrat der Nationalen Rettung« unter seinem Vorsitz übernahm
die Macht. Streiks wurden untersagt, viele Gewerkschaftsaktivisten und
Intellektuelle interniert. Anfänglicher Widerstand in den Betrieben wurde
gewaltsam unterdrückt, die Gewerkschaft im Oktober 1982 endgültig verboten.
Nach Aufhebung des Kriegsrechts (22.ÿ7.
1983) wurden zwar fast alle Internierten freigelassen, doch blieben zahlreiche
Beschränkungen (einschließlich des Verbots der »Solidarnosc«) aufrechterhalten.
Die Ermordung des Priesters J.ÿPopieluszko
(1984) löste neue Spannungen aus. Zur Überwindung wirtschaftlicher
Schwierigkeiten legte die Regierung ein Reformprogramm vor, das in einem
Referendum im November 1987 abgelehnt wurde. Da es den Regierungen Z.ÿMessner (1985þ88)
und M.ÿRakowski (1988/89)
nicht gelang, die innenpolitische Krise zu überwinden (ab August 1988 erneut
landesweite Streiks), wurden Anfang Februar 1989 Gespräche mit der Opposition
am »Runden Tisch« aufgenommen. Ergebnisse waren u.ÿa. die Wiederzulassung von »Solidarnosc« und
die Einrichtung einer zweiten Parlamentskammer. Die Parlamentswahlen im Juni
1989 brachten einen überwältigenden Sieg der Opposition; das Bürgerkomitee
»Solidarnosc« erhielt im Sejm alle 161 der Opposition zugestandenen Sitze, in
der 2. Kammer 99 von 100 Sitzen. Der seit 1985 als Vorsitzender des Staatsrats
amtierende Jaruzelski wurde am 19.ÿ7.
1989 zum Staatspräsidenten gewählt (im Amt bis Dezember 1990). Am 24.ÿ8. 1989 wurde der Oppositionspolitiker T.ÿMazowiecki Regierungschef.
Republik
Polen (seit 1989): Im Rahmen der im Dezember 1989
verabschiedeten Verfassungsänderungen wurde die Staatsbezeichnung »Republik
Polen« wieder eingeführt. 1990 löste sich die PZPR auf, ein Teil ihrer
Mitglieder gründete die »Sozialdemokratie der Republik Polen« (SdRP). Im
Dezember 1990 wurde Walesa zum Staatspräsidenten gewählt (Rücktritt als
Vorsitzender der Gewerkschaft »Solidarnosc«). Ministerpräsident J.ÿK. Bielecki (JanuarþDez. 1991) setzte den marktwirtschaftlich
orientierten Reformkurs fort. Mit den wachsenden wirtschaftlich-sozialen
Problemen bei der Umsetzung der Regierungspolitik büßte auch die
»Solidarnosc«-Bewegung, die seit ihrer Einbindung in die
Regierungsverantwortung politisch zersplitterte, an Popularität und Einfluß
ein. Die Parlamentswahlen im Oktober 1991 erbrachten keine klare Mehrheit;
Ministerpräsident einer Mehrparteienkoalition wurde J.ÿOlszewski, der das Tempo der
marktwirtschaftlichen Reformen zu drosseln suchte.
Nach
der Abberufung Olszewskis (Juni 1992) führte Hanna Suchocka (Demokratische
Union) von Juli 1992 bis Mai 1993 als Ministerpräsidentin eine
Koalitionsregierung von sieben aus der Gewerkschaft »Solidarnosc«
hervorgegangenen Parteien. Ein Regierungsprogramm zur »Allgemeinen
Privatisierung« (Privatisierung von rund 600 Staatsbetrieben, Ausgabe von
Volksaktien) wurde Ende April 1993 vom Sejm gebilligt. Das Abtreibungsgesetz
polarisierte die Gesellschaft und setzte die Regierungskoalition einer
Zerreißprobe aus. Nach vorgezogenen Neuwahlen im September 1993, bei denen u.a.
das Bündnis der Demokratischen Linken (SLD) und die Polnische Bauernpartei
(PSL) Stimmengewinne zu verzeichnen hatten, wurden Korrekturen an dem
prinzipiell befürworteten marktwirtschaftlichen Kurs gefordert. Bei den Präsidentenwahlen
setzte sich im November 1995 A.ÿKwasniewski,
der Kandidat der Linksallianz SLD, gegen den amtierenden Präsidenten L.ÿWalesa durch, sah sich jedoch im Ergebnis
der Wahlen von September 1997 (Sieg der Wahlaktion der Solidarnosc) im Sejm
einer liberal-konservativen Mehrheit gegenübergestellt (Ministerpräsident J.ÿBuzek, seit Oktober 1997).
Im
Juli 1997 traten die Flüsse Oder, Neiße und Weichsel nach lang anhaltenden
Regenfällen (v.ÿa. in der
Slowakischen Republik) über die Ufer und verursachten schwerste Landschafts-,
Umwelt- und Gebäudeschäden (geschätzter Schadensumfang 1,8 Mrd. DM). Am 1.ÿ1. 1999 trat eine Verwaltungsneugliederung
in Kraft (Reduzierung der bisher 49 auf 16 Woiwodschaften). Im April 1999
wandelte sich das Linksbündnis SLD in eine Partei gleichen Namens um; im Juni
1999 löste sich die SdRP auf.
In
seiner Außenpolitik schloß Polen im November 1990 mit Deutschland einen
Grenzvertrag (Festlegung der Oder-Neiße-Linie als endgültige deutsch-polnische
Grenze), im Juni 1991 einen Nachbarschaftsvertrag. 1991 wurde Polen Vollmitglied
des Europarates und unterzeichnete im selben Jahr mit der EU ein
Assoziierungsabkommen (seit 1.ÿ2.
1994 in Kraft). Zugleich bemühte sich die polnische Diplomatie um eine aktive
Nachbarschaftspolitik (Visegrád-Allianz, Visegrád). In der außen- und sicherheitspolitischen
Konzeption gewann die Gestaltung einer französisch-deutsch-polnischen »Achse«
eine Schlüsselstellung. Neben dem vorrangigen Ziel seiner vollständigen
Westintegration sucht Polen gutnachbarliche Beziehungen zu seinen östlichen
Nachbarn (u.a. zu Rußland). Am 8.ÿ4.
1994 stellte die polnische Regierung den Antrag auf Aufnahme in die EU (1998
Beginn von Beitrittsverhandlungen); am 12.ÿ3.
1999 wurde Polen Mitglied der NATO.
Polen:
Neue Staatlichkeit
Die revolutionären Umbrüche 1917/18 in Mittel-
und Osteuropa sowie die Auflösung Rußlands und Österreich-Ungarns ermöglichten
Polens Wiedergeburt am Ende des Ersten Weltkrieges. In der Endphase dieses
Krieges wurden Unabhängigkeitsversprechungen von Seiten der Mittelmächte am 5.
November 1916, der russischen Provisorischen Regierung am 17./30. März 1917 und
schließlich auch von der britischen Regierung am 5. Januar 1918 abgegeben. Der
amerikanische Präsident Woodrow Wilson versprach in seinen »Vierzehn Punkten«
den Polen auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes jene Gebiete, die von
einer »unbestreitbar polnischen Bevölkerung« bewohnt seien, und einen freien
Zugang zur See.
Als
der Regentschaftsrat in Warschau am 7. Oktober 1918 das »Vereinigte unabhängige
Polen« proklamierte, herrschte selbst unter den Polen keine Einigkeit über die
Grenzen des neuen Staatsgebildes. Der Nationaldemokrat Roman Dmowski, der 1917
in Lausanne ein Polnisches Nationalkomitee gegründet hatte und zusammen mit dem
Pianisten Ignacy Jan Paderewski die polnische Delegation bei der Pariser
Friedenskonferenz leitete, war der Wortführer eines aggressiven antideutschen
Nationalismus. Mit westlicher Hilfe strebte er ein Polen in den Grenzen des
frühmittelalterlichen Reiches unter der Piastendynastie an. Neben den
preußischen Teilungsgebieten Posen und Westpreußen wollte er auch Danzig,
Oberschlesien und das südliche Ostpreußen zurückholen, während er im Osten auf
eine Verständigung mit Rußland setzte. Sein Gegenspieler Józef Pilsudski dachte
in den Dimensionen des Jagiellonenreiches. Er richtete den Blick mehr nach
Osten und träumte von einem länderübergreifenden föderativen Staatsgebilde in
Ostmitteleuropa, das unter polnischer Führung den Einflussbereich Rußlands
weiter zurückdrängen sollte. Obwohl Dmowski über mehr Rückhalt bei den
westlichen Regierungen verfügte, hatte Pilsudski in Polen selbst die Machtfrage
längst zu seinen Gunsten entschieden.
Polen
gewinnt Konturen
Am
11. November 1918 ernannte der Regentschaftsrat Pilsudski zum Oberbefehlshaber
und »Vorläufigen Staatschef« mit weitgehenden Vollmachten. Das neue Polen war
vor allem sein Werk. Die Regierungsgewalt beschränkte sich anfänglich nur auf
das bisherige Besatzungsgebiet der Mittelmächte in Kongreßpolen, in
Westgalizien und in Teilen der russischen Westgouvernements. Die schleppende
Rückgabe der von Polen beanspruchten Territorien legte es nahe, an den
neuralgischen Punkten bewaffnete Verbände zum Einsatz zu bringen und den
friedensvertraglichen Regelungen vorzugreifen. So bewirkte der Aufstand vom 27.
Dezember 1918 den raschen Anschluß Posens. Die Grenze zu Deutschland wurde im
Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 geregelt. Er überließ Polen den größten
Teil Westpreußens und Posens sowie kleinere Gebiete in Pommern, Ostpreußen und
Niederschlesien. Polen erhielt über den Weichselkorridor einen Zugang zur See.
Danzig wurde als »Freie Stadt« einem Völkerbundkommissar unterstellt. Bei den
von den Frieden schließenden Mächten zugelassenen Plebisziten stimmte die
Bevölkerung im südostpreußischen Allenstein und im westpreußischen Marienwerder
am 11. Juli 1920 mit deutlicher Mehrheit für Deutschland. In Oberschlesien, das
während der Übergangsphase mehrfach von Aufständen heimgesucht wurde,
veranlaßte das Abstimmungsergebnis vom 20. März 1921 von 59,6 Prozent für
Deutschland und 40,4 Prozent für Polen den Völkerbundsrat zu einer Teilung.
Polen wurde das ostoberschlesische Kohle- und Industrierevier zugesprochen. In
der zwischen Tschechen und Polen umstrittenen Teschener Frage in
Österreichisch-Schlesien mußte sich Polen einem Schiedsspruch des Obersten
Rates der Alliierten beugen und am 28. Juli 1920 einer Teilung zustimmen.
Der
Polnisch-Sowjetische Krieg
Nach
dem Abzug der deutschen Truppen suchte Pilsudski die Demarkationslinie zum
bolschewistischen Machtbereich möglichst weit nach Osten vorzuschieben. Am 2.
Januar 1919 hatten »Polnische Selbstschutzkräfte« Wilna, die historische
Hauptstadt Litauens, besetzt, mußten sich aber schon am 5./6. Januar 1919
wieder vor der anrückenden Roten Armee zurückziehen. Im April eroberten die
Polen die Stadt zurück und stießen weiter bis Minsk vor. Am 21. April 1920
einigte sich Pilsudski mit dem Befehlshaber der antibolschewistischen
Ukrainischen Volksrepublik, Ataman Symon Petljura, auf ein Angriffsbündnis
gegen die Bolschewiki. Schon am 7. Mai 1920 zogen polnische Truppen in Kiew
ein. Der überraschende Gegenstoß der Roten Armee unter Marschall Michail
Nikolajewitsch Tuchatschewskij zwang sie jedoch zur Aufgabe aller
weißrussischen und ukrainischen Eroberungen. Am 11. Juli 1920 forderte der
britische Außenminister Lord George Curzon im Namen des »Obersten Rates« der
Alliierten den Rückzug der Roten Armee hinter die Linie GrodnoýBrestýPrzemysl
(so genannte Curzon-Linie). Der sowjetische Vormarsch konnte erst in der
Schlacht vor Warschau vom 16. bis 25. August 1920 mit französischer Hilfe zum
Stehen gebracht werden. Aus polnischer Sicht betrachtet, gilt dieser Sieg als
»Wunder an der Weichsel«. Der Friedensvertrag von Riga am 18. März 1921 legte
den Grenzverlauf zur Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik
sowie zur Weißrussischen und Ukrainischen Sowjetrepublik fest. Am 9. Oktober
1920 war Wilna in einer handstreichartigen Aktion erneut von polnischen
Einheiten besetzt worden. Trotz litauischer Proteste behaupteten die Polen schließlich
mit Billigung des alliierten Botschafterrates den Besitz des Wilnagebietes.
Polen hatte sein Territorium in der Zwischenkriegszeit beträchtlich über die
ethnographischen Grenzen hinaus ausgedehnt. In den Außenbeziehungen beschworen
die Gebietsgewinne einen Dauerkonflikt mit Litauen und der Tschechoslowakei
herauf und trübten das Verhältnis zum Deutschen Reich und zum Sowjetstaat.
Die
innere Entwicklung
Verhängnisvoll
waren auch die innenpolitischen Folgen der Grenzregelungen. Polen hatte in den
Randgebieten starke ukrainische, jüdische, deutsche und weißrussische
Minderheitengruppen zu integrieren ý
31 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von den Alliierten war Polen zur Einhaltung
von Minderheitenschutzbestimmungen verpflichtet worden. Der Mustervertrag vom
28. Juni 1919 gewährte aber keinen Gruppenschutz, sondern garantierte nur
individuelle Rechte. Er bot in der Alltagspraxis keine wirksame Handhabe gegen
administrative Diskriminierungen. Die Angehörigen der Minderheiten blieben
daher von einem zunehmenden Assimilierungsdruck nicht verschont. Sie wurden von
willkürlichen Enteignungen betroffen und bei der Besetzung staatlicher Ämter
benachteiligt, ihre Kinder waren vielerorts gezwungen, polnische Schulen zu
besuchen. In Posen und Westpreußen reagierte die deutsche Bevölkerung mit
hinhaltendem Widerstand gegen eine aggressive polnische Kulturpolitik.
Annähernd 600000 Deutsche verließen bis 1926 das Land.
Das
Wahlsystem gestand den Minderheiten nur ein beschränktes Mitspracherecht im
Sejm zu. Über Listenverbindungen erreichten sie dennoch im November 1922 bei
den ersten gesamtstaatlichen Parlamentswahlen einen beachtlichen Stimmenanteil.
Der Minderheitenblock wurde bei der Präsidentenwahl am 9. Dezember 1922 zum
Zünglein an der Waage. Seine Stimmen ermöglichten im fünften Wahlgang den Sieg
von Gabriel Narutowicz. Pilsudski hatte angesichts des Parteienstreits, in dem
sich Rechte und Linke erbittert befehdeten, und der eingeschränkten
Kompetenzen, die in der Verfassung vom 21. März 1921 dem Staatspräsidenten eingeräumt
wurden, auf eine eigene Kandidatur verzichtet. Er zog sich 1923 grollend aus
allen öffentlichen Ämtern zurück. Die Wahlverlierer diffamierten Narutowicz in
einer von antisemitischen Parolen angeheizten Atmosphäre als »Staatspräsidenten
der Nichtpolen und der Juden«. Am 16. Dezember 1922 wurde er Opfer eines
Attentats. Der Währungsverfall, der rigorose Sparmaßnahmen und 1924 eine
einschneidende Währungsreform erzwang, der Zollkrieg mit Deutschland und die
wachsende Zahl der Arbeitslosen schädigten das Ansehen der Regierung.
Korruption und Mißwirtschaft brachten das gesamte parlamentarische System in
Verruf.
Die
»Sanierung«
Innerhalb
einer stark aufgesplitterten Parteienlandschaft fehlte die einigende politische
Kraft, um die immer offenkundigere Staatskrise zu meistern. Als Retter der
Nation bot sich erneut PiÊsudski an. Von seinem Landgut in Sulejówek bei
Warschau aus bereitete er sorgfältig einen Staatsstreich vor: Mit loyalen
Truppen marschierte er am 12. Mai 1926 gegen Warschau und erzwang den Sturz der
Regierung. Ohne förmliche Aufhebung der Verfassung steuerte er bis zu seinem
Tode am 12. Mai 1935 als starker Mann im Hintergrund die Aktionen einer
»moralischen Diktatur«, mit denen eine umfassende »Sanierung« des politischen
Lebens herbeigeführt werden sollte. Pilsudski lehnte die Übernahme des
Präsidentenamtes ab. Der Regierung gehörte er als Kriegsminister an, zeitweilig
bekleidete er auch das Amt eines Ministerpräsidenten. Mißliebige Politiker
schüchterte er durch willkürliche Übergriffe ein. Die Verfassung vom 23. April
1935 entzog dem Parlament alle wichtigen Entscheidungsbefugnisse. Den Rückhalt
für das autoritäre Regime, das ganz auf seine Person als »Kommandant« oder
»Marschall« zugeschnitten war, fand Pilsudski mit dem von ihm aufgebauten
»Obristen- Regime« vor allem in der Armee, deren Repräsentanten er mit
verantwortlichen Posten betraute.
In
der Außenpolitik scheiterten die ostmitteleuropäischen Föderalisierungspläne
ebenso wie das angestrebte Bündnis mit den baltischen Staaten an der ungelösten
Wilnafrage. Gegen Revisionsforderungen der Nachbarn bot die Einbindung in die
Kleine Entente und in Frankreichs Politik des cordon sanitaire in
Ostmitteleuropa während der Zwanzigerjahre einen zeitweiligen Rückhalt. Der
Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland gefährdete das mühsam
austarierte Gleichgewicht und brachte Polen wegen seiner restriktiven
Minderheitenpolitik in die Schußlinie Hitlers. Pilsudski war vorübergehend
nicht abgeneigt, einen Präventivkrieg in Erwägung zu ziehen, doch versagte ihm
Frankreich die erbetene Unterstützung. Sein Vertrauter Oberst Józef Beck, ab
1932 Außenminister, erreichte eine diplomatische Zwischenlösung. Er schloß
Nichtangriffspakte mit der Sowjetunion am 25. Juli 1932 und mit dem
nationalsozialistischen Deutschland am 26. Januar 1934. Sie boten jedoch keinen
dauerhaften Schutz vor den Expansionsgelüsten der Nachbarn. Hitlers Kriegspläne
im Osten beendeten abrupt die kurze Verschnaufpause. Polen wurde zwischen den
beiden Machtblöcken Deutschland und Sowjetrußland zerrieben und sein
Staatsgebiet im Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 als Dispositionsmasse
für eine erneute Aufteilung vorgesehen. Am 1. September 1939 befahl Hitler den
Angriff auf Polen.
Prof.
Dr. Edgar Hösch, München
Ukraine
Fläche:
603ÿ700 km2
Einwohner:
(1999)49,811,174 (July 1999 est.) 49,81 Mio.
Hauptstadt:
Kiew (ukrainisch Kijiw)
Verwaltungsgliederung:
24 Gebiete und die autonome Teilrepublik Krim
Amtssprache:
Überwiegend Ukrainisch
Nationalfeiertage:
24.ÿ8.
Währung:
1 Hrywnja (Griwna, UAH) = 100 Kopijki
Zeitzone:
OEZ
(amtlich
ukrainisch Respublika Ukraïna), Staat in Osteuropa, grenzt im Nordwesten an
Weißrußland, im Nordosten und Osten an Rußland, im Süden an das Asowsche und Schwarze
Meer, im Südwesten an Rumänien, Moldawien und Ungarn, im Westen an die
Slowakische Republik und Polen.
Staat
und Recht:
Nach
der Verfassung vom 28.ÿ6.
1996 ist die Ukraine eine Republik mit präsidial-parlamentarischem
Regierungssystem. Staatsoberhaupt ist der mit weitgehenden Vollmachten
ausgestattete Präsident (auf 5 Jahre direkt gewählt). Er ist Oberbefehlshaber
der Streitkräfte, Vorsitzender des Nationalen Sicherheits- und
Verteidigungsrates und verfügt über Notstandsbefugnisse, das Recht zur Gesetzesinitiative
und kann gegen Gesetzesbeschlüsse sein Veto einlegen. Höchstes Legislativorgan
ist der Oberste Rat (450 Abgeordnete, auf 4 Jahre gewählt). Die Exekutive wird
von der Regierung unter Vorsitz des Ministerpräsidenten ausgeübt.
Einflußreichste Parteien: Kommunisten der Ukraine für soziale Gerechtigkeit und
Volksmacht, Volksbewegung »Ruch«, Bauernpartei, Sozialistische Partei,
Demokratische Volkspartei, Bewegung »Hromada«, Grüne Partei, Vereinigte
Sozialdemokratische Partei und Sozialistische Fortschrittspartei.
Landesnatur:
Die
Ukraine umfaßt den Südwesten der Osteuropäischen Ebene, gekennzeichnet durch
ein Nebeneinander von höheren Landplatten (200þ400ÿm, maximal bis 471ÿm über dem Meeresspiegel) und flachen
Niederungen (Polesien, Dnjepr-, Schwarzmeerniederung). Mit den Waldkarpaten
(Gowerla, ukrainisch Howerla, 2ÿ061ÿm über dem Meeresspiegel) und dem
Krimgebirge (bis 1ÿ545ÿm über dem Meeresspiegel) hat sie außerdem
Anteil an der alpidischen Faltengebirgszone. Mit Ausnahme eines Gebietsstreifens
im Norden ist die Ukraine weithin mit Löss bedeckt. Hauptflüsse sind Dnjepr,
Dnjestr und Südlicher Bug.ÿþ
Das Klima ist gemäßigt kontinental, an der Südküste der Krim herrscht
feuchtsubtropisches Klima; Jahresniederschläge in den Ebenen 700 mm im
Nordwesten, 300 mm im Süden, in den Gebirgen über 1ÿ000 mm. Der nördliche Teil der Ukraine liegt
in der Mischwaldzone, der mittlere und südliche Teil in der Waldsteppen- und
Steppenzone mit fruchtbaren Schwarzerdeböden (heute weitgehend Ackerland). Die
ursprüngliche Steppenflora und -fauna ist nur noch in Naturschutzgebieten
erhalten; Wald bedeckt etwa ein Achtel der Landesfläche.
Bevölkerung:
Sie
setzt sich (1989) zusammen aus Ukrainern (72,7ÿ%),
Russen (21,1ÿ%), Weißrussen
(0,9ÿ%), Juden (0,9ÿ%), Rumänen (Moldawiern, 0,9ÿ%), ferner Minderheiten von Bulgaren, Polen,
Ungarn, Tataren und Krimtataren, Griechen und Deutschen. In Gebieten mit
geschlossenen russischen Siedlungsräumen ist auch Russisch Amtssprache. Mit 85
Einwohnern je km2 gehört die Ukraine zu den stärker besiedelten
Staaten Europas. Am dichtesten bevölkert (bis 200 Einwohner je km2)
sind das Donez-Steinkohlenbecken, das Dnjeprgebiet, die südwestlichen
Landesteile, die Krim und die Karpatoukraine, am schwächsten (unter 20 Einwohner
je km2) die Waldkarpaten und Polesien. ÿþ Es besteht Schulpflicht vom 6. bis 17.ÿLebensjahr. Die Analphabetenquote beträgt
1,2ÿ%. Die Ukraine hat eine
Akademie der Wissenschaften; Universitäten befinden sich in Lemberg, Charkow,
Kiew, Odessa, Tschernowzy, Simferopol, Dnjepropetrowsk, Uschgorod, Donezk und
Saporoschje.ÿþ Nach kirchlichen
Angaben sowie nach Schätzungen gehören etwa 66þ71ÿ% der Bevölkerung christlichen Kirchen an
beziehungsweise fühlen sich diesen verbunden, davon sind rund 50þ55ÿ%
den drei (infolge von Kirchenspaltungen entstandenen) ukrainischen orthodoxen
Kirchen zugehörig (ukrainische Kirchen).
Wirtschaft,
Verkehr:
Dank
reicher Rohstoffvorkommen und fruchtbarer Böden basiert die Wirtschaft der
Ukraine auf der Schwerindustrie und Landwirtschaft. In der sowjetischen
Wirtschaft hatte die Ukraine die zweitwichtigste Position und erbrachte rund 40ÿ% an Roheisen, Stahl sowie
Walzwerkerzeugnissen und fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Produktion.
Der nach Erlangung der Unabhängigkeit 1991 eingeleitete Transformationsprozeß
in Richtung Marktwirtschaft bereitet erhebliche Schwierigkeiten. Durch das
Auseinanderbrechen des sowjetischen Wirtschaftsraumes, verstärkt durch
übereiltes Herauslösen des Landes aus den wirtschaftlichen Verbindungen mit den
anderen GUS-Republiken, durch die geringe Konkurrenzfähigkeit ukrainischer
Wirtschaftsgüter auf dem Weltmarkt und durch die schleppende Verwirklichung von
Wirtschaftsreformen (bis 1998 im Wesentlichen nur eine »kleine« Privatisierung,
das heißt Entstaatlichung u.a. kleiner Staatsbetriebe) wird der wirtschaftliche
Aufschwung der Ukraine nachhaltig gebremst. Zudem sind durch hohe
Schadstoffemissionen der Industrie und das Reaktorunglück von Tschernobyl weite
Teile der Ukraine ökologisch schwer belastet. In der Landwirtschaft herrschen
Weizen- und Zuckerrübenanbau vor, außerdem werden Sonnenblumen, Mais,
Kartoffeln, Futterpflanzen, Flachs, Gemüse und Tabak angebaut; in der
Schwarzmeerküstenregion dominieren Obst- und Weinbau. Bedeutend sind auch Rinder-,
Schweine-, Schafzucht und Geflügelhaltung.ÿþ
Die Ukraine besitzt die größten Steinkohlelagerstätten der Erde, besonders im
Donez-Steinkohlenbecken; reiche Eisenerzlager befinden sich u.a. im Bereich von
Kriwoi Rog, Manganerze im Raum Nikopol. Daneben gibt es Vorkommen von Erdöl,
Erdgas, Uran-, Blei-, Zinkerz, Salz, Graphit, Gips. Neben dem Bergbau sind die
wichtigsten Industriebereiche Metallurgie, Schiff-, Maschinen-, Fahrzeug- und
Apparatebau, Kohleverarbeitung und chemische Industrie; bedeutend sind
Nahrungsmittel-, ferner Textil-, Leder-, elektrotechnische und elektronische,
Baustoff- und Holzindustrie. Zur Energieversorgung ist die Ukraine weitgehend
auf Erdöl- und Erdgaslieferungen aus Rußland angewiesen; Anteil an der
Energieerzeugung haben u.a. Wasserkraftwerke am Dnjepr und mehrere
Kernkraftwerke, die 1998 über die Hälfte der erzeugten Elektroenergie
lieferten. ÿþ Ausgeführt werden
u.a. Kohle, Eisenerze, metallurgische Erzeugnisse, Nahrungsmittel,
Schwermaschinen, Fahrzeuge, elektrotechnische und elektronische Geräte;
eingeführt werden Brennstoffe, Elektroenergie, Mineralien, Maschinen, Apparate
und Geräte, Chemieprodukte, Lebensmittel, Kunststoffe und Kautschuk, unedle
Metalle und daraus gefertigte Erzeugnisse sowie Textilien. Wichtigste Handelspartner
sind Rußland u.a. Republiken der GUS, China, Deutschland, Polen, Ungarn, Slowakische
und Tschechische Republikÿþ
Die Ukraine besitzt eine wichtige Transitfunktion im Verkehr zwischen der
Balkanhalbinsel und Rußland und verfügt über eine relativ ausgebaute
Verkehrsinfrastruktur mit einem dichten Eisenbahn- (23ÿ350 km, davon 8ÿ600 km elektrifiziert) und Straßennetz (163ÿ300 befestigte Straßen). Die Gesamtlänge der
Binnenschiffahrtswege beträgt 4ÿ400
km (davon 1ÿ672 km auf dem
Pripjet und Dnjestr). Die wichtigsten Seehäfen sind Odessa, Iljitschowsk
(Eisenbahnfähre nach Warna), Cherson, Ismail, Mariupol und Kertsch.
Internationaler Flughafen ist Borispol bei Kiew.ÿþ
Hauptgebiete des Fremdenverkehrs sind die Krim (einst wichtigstes Erholungs-
und Kurgebiet der Sowjetunion), die Schwarzmeerküste und die Waldkarpaten.
Geschichte:
Anfänge
bis 19. Jahrhundert: Nach skythischer und griechischer Besiedlung
(8./7.ÿJahrhundert v.ÿChr.) ließen sich seit dem 3.ÿJahrhundert v.ÿChr.
Sarmaten in der Ukraine nieder. Im 9.ÿJahrhundert
entstand am mittleren Dnjepr, einem Kerngebiet ostslawischer Stämme, das Kiewer
Reich (Kiewer Rus); nach dessen Zerfall im 12.ÿJahrhundert
bildeten sich mehrere Fürstentümer (bedeutend v.ÿa.
Galitsch-Wolhynien), die 1239/40 unter die Herrschaft der Goldenen Horde
gerieten. Im 14.ÿJahrhundert kamen
Galizien (Galitsch) und ein Teil West-Wolhyniens an Polen, an Litauen fielen
Podolien, Kiew und ein Teil Wolhyniens. Das um 1450 in der Südukraine
entstandene Krimkhanat unternahm im 15./16.ÿJahrhundert
verheerende Raubzüge in den Südwesten des Landes. Durch die Lubliner Union 1569
(Zusammenschluß Litauens mit Polen) gelangte die Ukraine weitgehend unter
polnische Herrschaft; mit der Union von Brest-Litowsk (1596) gingen Teile der
orthodoxen ukrainischen Kirche eine Union mit der katholischen Kirche ein
(ukrainische Kirchen). Träger des Widerstandes gegen die polnischen Magnaten
waren die Saporoger Kosaken, die nach einem Aufstand unter Hetman S.ÿB.ÿM.
Chmelnizki 1648 einen selbstständigen Staat (»Hetmanstaat«) bildeten, der sich
aber 1654 unter den Schutz des russischen Zaren stellte. Im daraus folgenden
russisch-polnischen Krieg (1654þ67)
verlor Polen die ukrainischen Gebiete östlich des Dnjepr. Während des
Nordischen Krieges (1700þ21)
versuchte der Kosakenhetman I.ÿS.
Masepa 1709 vergeblich, die Ukraine mit schwedischer Hilfe von Rußland zu
lösen; danach Beseitigung der Autonomie der Kosaken (1764 Aufhebung des
Hetmanats, 1775 der Saporoger Setsch). Durch die Polnischen Teilungen (1772þ95) fielen die ukrainischen Gebiete westlich
des Dnjepr und Wolhynien an Rußland (1796 Bildung von Gouvernements); an
Österreich kamen Galizien und die Bukowina. Die von Rußland betriebene
Russifizierungspolitik wurde bis in die 2.ÿHälfte
des 19.ÿJahrhunderts
fortgeführt (1863þ1905 Druckverbot
für Bücher in Ukrainisch). In der österreichischen »Westukraine« wurde hingegen
Ukrainisch als Gegengewicht zum Polentum gefördert (Lehrstuhl für ukrainische
Sprache und Literatur an der Universität Lemberg 1848).
20.ÿJahrhundert: Die
nach der russischen Februarrevolution 1917 gebildete bürgerliche Zentralrada,
die im Januar 1918 die Unabhängigkeit der Ukraine ausrief und im Februar 1918
einen Separatfrieden mit den Mittelmächten schloß, stand der im Dezember 1917
in Charkow konstituierten prosowjetischen Regierung im Machtkampf gegenüber. Im
März/April 1918 besetzten deutsche und österreichisch-ungarische Truppen die
Ukraine (bis Dezember); nationalkonservative Kräfte errichteten mit deutscher
Unterstützung das Hetmanat wieder; bei dessen Sturz bildete sich im November
1918 das kurzlebige ententefreundliche Direktorium unter S.ÿW. Petljura. Die im Februar 1919 in Kiew
einziehenden Bolschewiki, die schon im Januar 1919 die Ukrainische SSR
proklamiert hatten, wurden nur noch vorübergehend von Truppen Denikins und im
Mai/Juni 1920 von den Polen verdrängt. Im Frieden von Riga (1921) mußte aber
das zeitweise schon sowjetische Galizien (West-Ukrainische Volksrepublik) Polen
überlassen werden. In der 1922 an der Gründung der Sowjetunion beteiligten
Ukrainischen SSR kam es durch die Zwangskollektivierung unter Stalin zu einer
schweren Hungersnot (rund 4þ6
Mio. Opfer). 1934 wurde die Hauptstadt der Ukrainischen SSR von Charkow nach
Kiew verlegt. Die stalinistischen »Säuberungsaktionen« erreichten hier wie
überall in der UdSSR 1937/38 ihren Höhepunkt (Auslöschung eines Großteils der
politischen und wissenschaftlich-kulturellen ukrainischen Elite). 1938þ49 (mit Unterbrechung) führte der Russe N.ÿS. Chruschtschow die ukrainische KP-Organisation.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vereinigte die sowjetische Regierung 1939
die Westukraine wieder mit der Ukraine. 1940 wurde die Bukowina Teil der
Ukrainischen SSR. Nach dem deutschen Angriff auf die UdSSR (22.ÿ6. 1941) war die Ukraine bis Anfang 1944
eines der Hauptkampfgebiete; sie erlitt starke Zerstörungen sowie hohe Verluste
an Menschen. Insbesondere zu Beginn der Besatzungszeit kollaborierte ein Teil
der ukrainischen Bevölkerungÿþ
unter dem Eindruck des stalinistischen Terrors der vorangegangenen Jahre und in
der Hoffnung, sich mit deutscher Hilfe von der Sowjetunion lösen zu könnenÿþ mit den deutschen Besatzungsbehörden. In
der Schlucht von Babi Jar ermordete im September 1941 eine Einsatzgruppe der SS
über 33ÿ000 Juden. Der
größte Teil der ukrainischen Juden fiel in der Folgezeit dem Holocaust zum
Opfer.
Während
der nationalsozialistischen Herrschaft (1941þ44)
war Galizien dem Generalgouvernement angegliedert; die Bukowina, Bessarabien
und die Dnjestr-Region überließ man dem rumänischen Verbündeten Deutschlands.
Der größte Teil des Landes wurde jedoch zum »Reichskommissariat Ukraine«
erklärt. Die brutale deutsche Okkupationspolitik rief auch bald den
ukrainischen Widerstand hervor (1942 Gründung der »Ukrainischen
Aufstandsarmee«, die aber ebenso gegen kommunistische Partisanen und die Rote
Armee sowie die polnische Bevölkerung kämpfte und anschließend bis in die
50er-Jahre einen aussichtslosen Untergrundkrieg gegen die Sowjetmacht führte).
1943þ44 eroberte die Rote
Armee die Ukraine zurück.1945 war die Ukraine Gründungsmitglied der UNO. Im
selben Jahr trat die Tschechoslowakei die Karpato-Ukraine an die UdSSR ab, die
dieses Gebiet 1946 als Transkarpatien mit der Ukrainischen SSR vereinigte.
Zwischen 1944 und 1946 wurden bei gleichzeitiger Aussiedlung eines großen Teils
der polnischen Bevölkerung (überwiegend in die ehemaligen deutschen Ostgebiete)
etwa 500ÿ000 Ukrainer von
Polen in die Westukraine umgesiedelt.
Im
Winter 1946/47 war die Ukraine noch einmal von einer schweren Hungersnot betroffen
(Zehntausende Opfer). Im Zeichen eines Kampfes gegen den »bürgerlichen
ukrainischen Nationalismus« setzten 1946 neue stalinistische »Säuberungen« ein.
Im Rahmen einer Sowjetisierung der Westukraine wurde dort 1947þ51 die Landwirtschaft zwangskollektiviert,
begleitet von der Deportation mehrerer Hunderttausend Ukrainer nach Sibirien;
zugleich wurden Russen angesiedelt. 1954 trat Rußland (RSFSR) die Halbinsel
Krim an die Ukraine ab.
Seit
den 1950er-Jahren wechselten in der Ukrainischen SSR Phasen einer liberalen
sowjetischen Nationalitätenpolitik und Ukrainisierung mit politischen
»Säuberungen« und Russifizierungstendenzen. In den 1960er-Jahren formierte sich
eine schmale ukrainische Oppositionsbewegung mit national-kulturellen, aber
auch allgemeinpolitischen. Forderungen; verstärkt wurde sie durch eine
religiöse Opposition in der Westukraine (Wirken der verbotenen
Griechisch-katholischen Kirche im Untergrund). Versuche des ab 1964 als
ukrainischer KP-Vorsitzender amtierenden Petro Selest, ukrainische Interessen
wieder stärker gegenüber der Zentrale in Moskau zu betonen, endeten 1972 mit
seiner Absetzung.
Der
Reaktorunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26.ÿ4.
1986, u.a. aber die Verharmlosung der Katastrophe und die verantwortungslose
Verschleppung notwendiger Gegenmaßnahmen führten in der Ukraine zur Kritik an
den sowjetischen Behörden und weckten ein ökologisches Bewußtsein (1987
Entstehung der Umweltorganisation »Grüne Welt«, aus der 1990 eine Grüne Partei
hervorging).
Ende
der 80er-Jahre verstärkten sich in der Ukraine die Unabhängigkeitsbestrebungen
(getragen v.ÿa. von der
Volksbewegung »Ruch«). Nachdem die Ukraine bereits am 16.ÿ7. 1990 ihre Souveränität innerhalb der
Sowjetunion erklärt hatte, proklamierte sie unter Parlamentspräsident L.ÿKrawtschuk am 24.ÿ8. 1991 ihre Unabhängigkeit und verbot die
Tätigkeit der KP (1993 wieder zugelassen). Im Dezember 1991 wurde Krawtschuk
zum Staatspräsidenten gewählt. Im selben Monat gründete die Ukraine mit Rußland
und Weißrußland die GUS, in der sie sich gegen russische Vormachtstreben wandte
(u.ÿa. Auseinandersetzungen
um die Schwarzmeerflotte und die Krim, 1997 beigelegt). Die unter den
Ministerpräsidenten W.ÿFokin
(1990þ92) und L.ÿKutschma (1992/93) eingeleiteten
wirtschaftlichen Reformmaßnahmen kamen nur schleppend in Gang und stießen zum
Teil auf Ablehnung in der Bevölkerung (Bergarbeiterstreiks 1993 und erneut
1998) sowie auf Widerstand im Parlament. Im Januar 1994 unterzeichneten die
Ukraine, Rußland und die USA ein Abkommen über den Abbau und die Vernichtung
der ukrainischen Atomwaffen, das bis Juni 1996 erfüllt wurde. Im Februar 1994
trat die Ukraine der »Partnerschaft für den Frieden« der NATO bei (1997 Charta
über eine Vertiefung der Zusammenarbeit). Im Juni 1994 schloß die Ukraine mit
der EU ein Kooperations- und Partnerschaftsabkommen, im November 1995 wurde sie
in den Europarat aufgenommen.
Aus
den Parlamentswahlen im März 1998 gingen die Kommunisten als stärkste
politische Kraft hervor. Der seit Juli 1994 als Staatspräsident amtierende L.ÿKutschma wurde durch Wahlen im November 1999
bestätigt. Er berief als Amtsnachfolger von Ministerpräsident W.ÿPustowoitenko (1997þ99) im Dezember 1999 den reformorientierten
Finanzexperten W.ÿJuschtschenko. Im
April 2000 konnte Präsident Kutschma durch ein von ihm anberaumtes und
mehrheitlich von der Bevölkerung unterstütztes Referendum (u.a. Abstimmung über
eine Verringerung der Zahl der Abgeordneten, über erweiterte Möglichkeiten, das
Parlament durch den Staatspräsidenten aufzulösen, und über die Einführung eines
Zweikammerparlaments) seine Stellung gegenüber dem Parlament deutlich stärken.
Ukrainisch-Orthodoxe
Kirchen
(ukrainisch-orthodoxe
Kirche), historisch eng mit der russisch-orthodoxen Kirche verbundene
Ostkirche, die gegenwärtig (1999) infolge von Kirchenspaltungen in drei
orthodoxe ukrainische Landeskirchen zerfallen ist: die dem Moskauer Patriarchat
in kanonischer Gemeinschaft verbundene und von der Gesamtorthodoxie anerkannte
autonome »Ukrainische Orthodoxe Kirche« (UOK) sowie die »Ukrainische Autokephale
Orthodoxe Kirche« (UAOK) und die »Ukrainische Orthodoxe Kircheÿþ Patriarchat Kiew« (UOKÿþ PK), beide vom Moskauer Patriarchat und der
Gesamtorthodoxie nicht anerkannt.ÿþ
Den Anfang einer eigenständigen ukrainischen Kirchenorganisation bildete die
1303 errichtete orthodoxe Metropolie von Galitsch, die 1458 in der für die
Ukrainer und Weißrussen im polnisch-litauischen Staat errichteten neuen
Metropolie von Kiew aufging, die im Rang eines einfachen Bistums 1685/86 der
russisch-orthodoxen Kirche eingegliedert wurde. 1919 entstand im Zuge
nationaler und kirchlicher Autonomiebestrebungen mit der UAOK wieder eine vom
Moskauer Patriarchat unabhängige (von einem eigenen Patriarchen geleitete)
ukrainisch-orthodoxe Kirche. In der Sowjetunion als »Hort des ukrainischen
Nationalismus« verboten und verfolgt, blieb sie als orthodoxe Kirche mit
eigener Jurisdiktion in der ukrainischen Diaspora von Bedeutung. In der Ukraine
wurde die orthodoxe Kirche (als ukrainisches Exarchat) 1944/45 wieder ganz dem
Patriarchat von Moskau unterstellt, erhielt allerdings 1990, nachdem sich neue
ukrainisch-nationalkirchliche Bestrebungen Geltung zu verschaffen begannen, als
»Ukrainische Orthodoxe Kirche« (UOK) den Status einer in Fragen ihrer inneren
Verwaltung autonomen Kirche. Teile von ihr spalteten sich unter Führung des
Metropoliten von Kiew und ehemaligen Exarchen Filaret (M.ÿA. Denisenko, *ÿ1929; 1992 amtsenthoben, 1997
exkommuniziert) dennoch ab und schlossen sich 1992 mit Teilen der UAOK, die
sich nach 1990 in der Ukraine rekonstituiert hatte, zur »Ukrainischen
Orthodoxen Kircheÿþ Patriarchat Kiew«
(UOKÿþ PK) zusammen, der
Filaret seit 1995 als »Patriarch« vorsteht.
Moskauer Patriarchat: 9049 Gemeinden, 7509
Priester, 7755 Kirchengebäude. 840 im Bau, 122 Klöster, Mönche/Nonnen 3519
Kiewer Patriarchat: 2781 Gemeinden, 2182
Priester, 1825 Kirchengebäude, 217 im Bau, 22 Klöster, 113 Mönche/Nonnen
Autokephale: 1015 Gemeinden, 628 Priester,
697 Kirchengebäude, 101 im Bau, 1 Kloster, 4 Mönche.
(Stand: 1/2001
Unierte
(Griechisch-katholische) Kirche
(ruthenische
Kirche), mit der katholischen Kirche unierte Ostkirche; umfaßt heute die
Katholiken des byzantinischen Ritus in der Karpato-Ukraine und der Tschechischen
Republik und die unierten Karpatoukrainer (Ruthenen) in Nordamerika. Angeregt
durch die Brester Union (1595/96) und im Wesentlichen auf die Unionen von Mukatschewo
(1642) und Uschgorod (1646) zurückgehend, wurde die ruthenische Kirche nach dem
Zweiten Weltkrieg im nunmehr sowjetischen Transkarpatien unter staatlichem
Druck in die russisch-orthodoxe Kirche zwangseingegliedert (1949) und in der
Tschechoslowakei seit 1948 gänzlich unterdrückt (ausgenommen eine kurze Phase
im Jahr 1968) und konnte sich erst 1990/91 rekonstituieren. Heute (2000) umfaßt
sie rund 320ÿ000 Gläubige im
Bistum Mukatschewo (Sitz des Bischofs in Uschgorod), rund 200ÿ000 in der Tschechischen Republik
(Apostolisches Exarchat, Sitz: Prag) und rund 143ÿ000
in Nordamerika (Kirchenprovinz Pittsburgh).
3317
Gemeinden, 1872 Priester, 2777, Kirchengebäude, 305 im Bau, 79 Klöster, 1168
Mönche/Nonnen.
(Stand:
1/2001)
807 Gemeinden, 431 Priester, 713
Kirchengebäude, 74 im Bau, 50 Klöster, 309 Mönche/Nonnen
(Stand:
1/2001)
Die
statistischen Angaben stammen vom ukrainischen Amt für Religionsfragen, sind
aber im einzelnen nicht wirklich gesichert, da es noch immer ständige
Wanderbewegungen zwischen den Kirchen (Priester – oft zusammen mit ihren
Gemeinden) gibt. Über Baptisten, Evangeliumschristen und Pfingstler
(Charismatiker) liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Fest steht nur, daß
diese Gemeinschaften gegenwärtig einen stürmischen Aufwärtstrend erleben.
Zionismus
Bezeichnung
(1893 geprägt) für die politische (nationale) und soziale Bewegung zur
Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina.
Geschichte:
19. bis Mitte 20. Jahrhundert: Die Anfänge des Zionismus
liegen im 19.ÿJahrhundert (M.ÿHess und L.ÿPinsker)
und stehenÿþ neben der
religiösen Verwurzelung in der (passiven) messianischen Erwartung einer
Rückkehr ins »Gelobte Land« (Israel/Palästina) und nach Zion (Jerusalem)ÿþ im Zusammenhang mit dem Aufkommen des
Nationalismus in Europa und des modernen Antisemitismus in Ost- und
Mitteleuropa Ende des 19.ÿJahrhunderts
(Suche nach jüdischer Identität, Existenzmöglichkeiten und Eigenstaatlichkeit).
Widerhall fand der Zionismus deshalb zuerst bei Teilen der Ostjuden, besonders
im zaristischen Rußland, wo die Judenemanzipation unterblieben war (Haskala),
während die Westjuden den Zionismus zumeist ablehnten. Zwischen 1881 und 1914
verließen etwa 2,5 Mio. Juden Osteuropa und wanderten meist in die USA aus;
auch die aktive jüdische Besiedlung Palästinas setzte ein. Dieser »praktische«
beziehungsweise »Pionierzionismus« (wichtigster Vertreter: C.ÿWeizmann) fand seine Ergänzung durch das
Auftreten T.ÿHerzls, der den
Zionismus als politische Kraft organisierte und ihm durch die Zionistischen
Weltkongresse 1897 eine wichtige Plattform schuf. Die ebenfalls 1897 gegründete
Zionistische Weltorganisation erklärte 1905 die Errichtung einer
»öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte« für das jüdische Volk in
Palästina zu ihrem Ziel, seit 1917 von Großbritannien unterstützt (Balfour).
Die 1918þ39 stark
ansteigende Einwanderung von Juden nach Palästina (Verzehnfachung auf etwa 0,6
Mio.) führte u.a. 1922 zur Gründung der Jewish Agency for Palestine und zur
Ausbildung von Parteien, von denen die sozialistischen und religiösen
Gruppierungen besondere Bedeutung erlangten. Der zunehmende Widerstand der
palästinensischen Araber gegen die jüdische Besiedlung (auch aus arabischen
Staaten) verstärkte sich nach 1933, alsÿþ
bedingt durch die nationalsozialistische Judenverfolgung (»Holocaust«)ÿþ die legale und illegale Einwanderung
sprunghaft anstieg (Nahostkonflikt). Vorschläge zur Errichtung eines
binationalen Staates ließen sich nicht verwirklichen.
1947
bis heute: Mit dem Teilungsplan der UN vom 29.ÿ11. 1947 (Teilung Palästinas in einen
jüdischen und einen arabischen Staat), der von den arabischen Staaten abgelehnt
wurde, u.a. aber mit der Ausrufung des Staates Israel am 14.ÿ5. 1948 wurde das Ziel der zionistischen
Weltbewegung erreicht. Ihre Bemühungen konzentrieren sich seitdem auf die
Stärkung der Beziehungen zwischen dem (säkular zionistischen) jüdischen Staat
mit nahezu sephardischer (Sephardim) Bevölkerungsmehrheit (ab 1948 zunehmende
jüdische Einwanderung aus arabischen Staaten, u.a. Nordafrika, Irak, Syrien)
und der jüdischen Diaspora, u.a. in den USA. Politisch und sozial heterogen
(u.a. Linkszionismus, u.a. Israelische Arbeiterpartei, Rechtszionismus,
Likud-Block), entstand ein so genannter Neuer Zionismus (1.ÿ8. 1985 Neudefinition Israels als »Staat des
jüdischen Volkes«).ÿþ
Im Dezember 1991 annullierte die UN-Vollversammlung die Resolution von 1975, in
der Zionismus als »eine Form von Rassismus und rassischer Diskriminierung«
verurteilt worden war. Der umstrittene, seit der Besiedlung (1977þ92) der von Israel besetzten Gebiete u.a.
von der Siedlerbewegung erhobene, von rechtszionistischen Kreisen unterstützte
Anspruch auf »das ganze Land Israel« wird durch den Übergang zum Ausgleich mit
der PLO (Beginn: »Gaza-Jericho-Abkommen« vom 13.ÿ9.
1993) in Frage gestellt und birgt Konfliktpotential in sich.