Prof. Dr. Peter Maser/Münster

 

 

Galizien: Grenzlandschaft des alten und neuen Europa

 

Galizien liegt in weltverlorener Einsamkeit und ist dennoch nicht isoliert; es ist verbannt, aber nicht abgeschnitten; es hat mehr Kultur, als seine mangelhafte Kanalisation vermuten läßt; viel Unordnung und noch mehr Seltsamkeit. [...] Es hat seine eigne Lust, eigene Lieder, eigene Menschen und einen eigenen Glanz; den traurigen Glanz der Geschmähten.“ (Joseph Roth)

 

Gerechtigkeit und unumschränkte Strenge ist das einzige Mittel, entfernte Provinzen in Ordnung zu erhalten; aber um das zu bewirken, muß man den Unrath in einem Land vermindern oder ganz und gar weg zu schaffen suchen; und dieß muß in Halizien zuerst mit den Juden geschehen, das Absterben für diese unverbesserliche Menschenrasse ist das beste Mittel, das man ergreifen kann. (Belsasar Hacquet, Lemberg 1790)

 

1927/1933 „glichen die Ukraine und die weiter östlich liegenden ukrainischen und kosakischen Territorien der Sowjetunion – ein großes Gebiet mit über 40 Millionen Einwohnern – einem einzigen riesigen Bergen-Belsen. Ein Viertel der Landbevölkerung – Männer, Frauen und Kinder – waren tot oder lagen im Sterben. Die übrigen hatte der Hunger teilweise so entkräftet, daß sie nicht einmal ihre Angehörigen oder Nachbarn begraben konnten. Zur selben Zeit überwachten – wie in Bergen-Belsen – wohlgenährte Polizei- oder Parteiverbände ihre Opfer. Dies war der Höhepunkt der „Revolution von oben“, wie Stalin sich ausdrückte, mit der er und seine  Helfer zwei Elemente ausmerzten, die als unrettbar regimefeindlich galten: die Bauernschaft in der gesamten UdSSR und die ukrainische Nation. (Robert Conquest)

 

Wir erkennen uns nicht/ zu weit zwischen uns/ die Jahre/ Feuer/ brannte ein Loch/ in die Zeit. (Rose

Ausländer)

 

Europa findet am Ende einer langen Nachkriegszeit seine Stimme wieder. Dieses Europa hat Bedarf an Städten, die aus dem Schatten der Grenze und der verödeten west-östlichen Provinz heraustreten. Europa braucht neue Grenzstädte, Städte der „verwischten Grenzen“. (Karl Schlögel)

 

Wer sich auf Galizien einläßt, wendet sich einer Landschaft zu, die nach Jahrhunderten der Vernachlässigung durch fremde Herrschaftsmächte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Zentrum eines intensiven europäischen Kulturaustauschs wurde. In Krakau, Lemberg und Czernowitz dachten die intellektuellen Eliten in europäischen Dimensionen, die sich immer wieder auch bis nach New York ausweiten konnten. Selbst den einfachen Leuten blieben diese Dimensionen nicht ganz fremd, versuchten doch viele dem „galizischen Elend“ durch die Auswanderung, vor allem in die USA, zu entgehen.

 

In Galizien lebten Ukrainer (Ruthenen), Polen, Juden, Deutsche, Armenier, Griechen, Bulgaren und Rumänen in einem oft spannungsvollen Miteinander zusammen, das durch die aufkommenden nationalen Strömungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht einfacher wurde. Trotz solcher Gegensätze und der Versuche, sich voneinander abzugrenzen, gehörten Mehrsprachigkeit, Multikulturalität sowie nationale und konfessionelle Vielfalt zum galizischen Alltag.

 

Wer Galizien heute bereist, muß sich darüber im Klaren sein, daß er es mit einer Region zu tun bekommt, die im 20. Jahrhundert immer neue Verwüstungen erleiden mußte. Im Ersten Weltkrieg gehörte die Region zu den Hauptkampfplätzen, der stalinistische Genozid traf den ukrainischen Teil Galiziens ab 1927 mit besonderer Härte, der nationalsozialistische Judenmord wurde hier mit besonderer Brutalität exekutiert, die Aussiedlung der Deutschen 1939/40 und die Vertreibung der Polen nach dem Kriegsende veränderten nochmals das Bevölkerungsbild und ukrainisierten bzw. russifizierten die Region weitgehend. An der industriellen Bedeutung der Ukrainischen SSR war Galizien immer nur am Rande beteiligt.

 

Folgende inhaltliche Aspekte sollten bei einer Galizienreise im Vordergrund stehen:

- historische Zusammenhänge und Orte, das Ostjudentum, die deutschen Ansiedlungen in Galizien, die kulturelle Blüte in Galizien ab Mitte des 19. Jahrhunderts, stalinistischer Genozid und nationalsozialistischer Massenmord, die Entwicklungen in Polen und der Ukraine in der Phase vom Ende des zweiten Weltkrieges bis zum Ende der sowjetischen Herrschaft, die Ukraine (Respublika Ukraïna) und die Republik Polen (Rzeczpospolita Polska) im Zusammenhang des sich vereinigenden Europa.

 

I. Galizien im Überblick

 

Die historische Landschaft Galizien teilt sich in Westgalizien, das heute zu Polen gehört, zwischen Polnischer Platte im Norden und den Karpaten im Süden gelegen, während Ostgalizien auf der Podolischen Platte heute ukrainisches Staatsgebiet ist.

 

Zu den angrenzenden Gebieten gehörten u.a.:

 

Bukowina

(rumänisch Bucovina, deutsch Buchenland), historische Landschaft am Osthang der Waldkarpaten und deren Vorland in der Ukraine (Nordbukowina) und in Rumänien (Südbukowina) mit dem Hauptort Czernowitz (heute Tscherniwzi).ÿþ Im Altertum Teil der römischen Provinz Dakien, im 10./11.ÿJahrhundert des Fürstentums Kiew, Mitte des 14.ÿJahrhunderts mit dem Fürstentum Moldau vereint; 1514þ1769 Teil des Osmanischen Reiches, 1775 an Österreich abgetreten; deutsche Siedler (Buchenland- beziehungsweise Bukowinadeutsche) trugen zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des seit 1849 selbständigen österreichischen Kronlandes bei. 1919 fiel die Bukowina an Rumänien, 1940 bzw. 1947 der Nordteil an die UdSSR (Ukraine). 1940þ44 von deutschen und rumänischen Truppen besetzt; 1940 Umsiedlung der Bukowinadeutschen.

 

EdH 1, 258-261; H. Gold (Hg.): Geschichte der Juden in der Bukowina, 2 Bde., Tel Aviv 1958

 

Moldau,

(rumänisch Moldova), historische Landschaft in Rumänien, zwischen Ostkarpaten und Pruth, umfaßt die Sandsteinzone der Karpaten im Westen, das Hügelland der Vorkarpaten bis etwa zum Sereth, das zum Teil mit Löss überlagerte Tafelland im Osten und einen kleinen Teil der Donauebene im Süden. Das Klima ist kontinental. Anbau von Getreide, Sonnenblumen, Zuckerrüben, Kartoffeln; Nahrungsmittel- u.a. Industrie; Vorkommen von Erdöl, Salz, Braunkohle. Größte Stadt ist Iasi.ÿþ Das um 1352/53 zunächst als ungarisches Lehen gegründete, seit 1359 unabhängige Fürstentum Moldau (Blüte unter Stephan III., dem Großen [1457þ1504]) umfaßte auch die Bukowina (1359þ1775) und Bessarabien (1359þ1812). Seit 1504 unter türkischer Oberhoheit, zunächst von einheimischen Woiwoden, seit 1711 von griechischen Phanarioten (als Hospodare) regiert; erhielt durch die Konvention von Akkerman (1826) und den Frieden von Adrianopel (1829) weitgehende Autonomie. Unter Alexandru Ion I.ÿCuza (seit 1859) wurden die Fürstentümer Moldau und Walachei (Donaufürstentümer) zum Fürstentum Rumänien vereinigt.

 

Podolien,

historische Landschaft in der westlichen Ukraine, ein von Tälern zerschnittenes fruchtbares Tafelland.ÿþ Podolien stand nach dem Zerfall des Kiewer Reiches zunächst unter tatarischer Oberhoheit; der östliche Teil geriet um 1370 in litauischen Besitz. 1430 kam Westpodolien an Polen, 1569 auch Ostpodolien. 1672þ99 unter osmanischer Herrschaft. Der Hauptteil fiel durch die 2.ÿPolnische Teilung (1793) an Rußland. Hauptstadt: Kamenez-Podolskij.

 

Rotreußen,

ältere Bezeichnung für die heutige Westukraine; bis zur 1.ÿPolnischen Teilung (1772) eine polnische Woiwodschaft mit den Gebieten um Lemberg, Przemysl, Sanok, Galitsch und Cholm sowie Teilen von Wolhynien und Podolien; danach als Ostgalizien beim Habsburgerreich und als Teil des Gouvernements Lublin beim Russischen Reich.

 

Wolhynien

(Wolynien), historische Landschaft im Nordwesten der Ukraine, zwischen dem Bug (im Westen) und dem Tal des Dnjepr (im Osten), grenzt im Süden an Podolien.ÿþ Im 9./10.ÿJahrhundert Teil des Kiewer Reichs, im 11./12.ÿJahrhundert unabhängiges Herzogtum (Lodomerien), 1188 mit Galizien vereinigt; kam im 14.ÿJahrhundert an Litauen, 1569 durch die Lubliner Union an Polen, Ansiedlung polnischer Bauern; ab 1793 beziehungsweise 1795 zu Rußland; im 19.ÿJahrhundert Ansiedlung von Deutschen und Tschechen; 1915 Verschleppung der rund 200ÿ000 Wolhynien-Deutschen, zum Teil nach Sibirien (Rückkehr von etwa 100ÿ000 Überlebenden nach dem Ersten Weltkrieg). Der Westteil Wolhyniens kam 1921 an Polen, 1939 an die Sowjetunion; während der deutschen Besetzung 1941þ44 Ausrottung der jüdischen Bevölkerung und Umsiedlung der Wolhynien-Deutschen zum Teil nach Deutschland, zum Teil in das Gebiet um Posen; 1947 Umsiedlung der Wolhynien-Tschechen in die CSSR.

 

Bis 1772, also bis zu 1. Polnischen Teilung, bildete Galizien keine politisch-territoriale Einheit. Mit der Namengebung „Königreich von Galizien und Lodomerien“ knüpften die Habsburger an die mittelalterliche Geschichte Ostgaliziens, das Fürstentum Galitsch, und die Tradition der ungarischen Könige an, die seit dem 13. Jh. den Titel „rex Galiciae et Lodomeriae“ führten. Dieses hatte sich im 11. Jh. vom Kiewer Reich gelöst und wurde 1199 mit dem Fürstentum Wladimir (Wolhynien) vereinigt. Trotz polnischer und ungarischer Ansprüche konnten sich die Teilfürstentümer Galziens bis 1340/49 ihre Selbständigkeit bewahren. 1357 gewann Polen das Fürstentum Galitsch als „Reußen“ bzw. „Rotreußen“. Nach dem Übergang an Habsburg wurde Galizien als „Kronland“ zentralistisch verwaltet, in dem 45 % Ukrainer, 47 % Polen und 6 % Juden lebten. Ab 1774/81 siedelte Joseph II. rund 5.000 deutsche Familien, zumeist Protestanten aus der Pfalz, in Ostgalizien an. Territoriale Veränderungen ergaben sich aus dem Anschluß Westgaliziens (Kielce, Lublin; Neu-Galizien, 1795 bis 1809) im Zusammenhang mit der 3. Teilung Polens (1795), dem Verlust des Kreises Tarnopol an Rußland (1809/15) und dem Erwerb des Freistaates Krakau 1846, der bis dahin einen Sonderstatus besessen hatte. Seit dem Wiener Kongreß von 1815 setzte sich die Bezeichnung Westgalizien für die Gebiete westlich des San und Ostgalizien für die anderen Gebiete im Osten durch. Nach 1849 begann eine Polonisierung der Verwaltung, die 1868 zu weitgehender Selbstverwaltung mit polnischer Unterrichts- und Amtssprache, polnischem Statthalter und Minister für Galizien in Wien führte. Zentrum des damaligen geistigen Lebens in Galizien wurden die polnischen Universitäten in Krakau und Lemberg. Wegen der starken agrarischen Ausrichtung Galiziens und damit verbundener wirtschaftlicher Stagnation kam es zu einer starken Auswanderung in die USA. Hauptsammelpunkt für die galizische Emigration war damals Oświęcim/Auschwitz als „wichtiger Bahnknotenpunkt“ auf der Linie nach Berlin über Breslau.

 

1918 annektierte das neu entstandene Polen Westgalizien. In Ostgalizien kam es zunächst zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Ukrainern und Polen, bevor das Gebiet zu Polen kam.

 

Julius Krämer (Hg.): Heimat Galizien. Ein Gedenkbuch, Stuttgart-Bad Cannstatt, um 1965; Rudolf A. Mark: Galizien unter österreichischer Herrschaft. Verwaltung – Kirche – Bevölkerung = Historische und landeskundliche Ostmitteleuropa-Studien 13, Marburg 1994; Isabel Röskau-Rydel (Hg.): Galizien – Bukowina - Moldau = Deutsche Geschichte im Osten Europas, Berlin 1999

 

Am 26. Oktober 1939 errichtete das Deutsche Reich für diejenigen Teile Polens, die von Deutschland besetzt, aber nicht unmittelbar dem Reich einverleibt waren, das „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“. Dieses bestand zunächst aus den vier Distrikten Krakau (zugleich Hauptstadt des GG), Warschau, Radom und Lublin. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion wurde am 1. August 1941 Ostgalizien als fünfter Distrikt des GG hinzugefügt, wo etwa 540.000 Juden lebten. Die ersten großen Mordaktionen an Juden fanden bereits während der Feldzüge im September 1939 und im Juli 1941 in Ostgalizien durch „Einsatzgruppen“ als  Massenerschießungen statt. Im Frühjahr 1942 begann der Abtransport der Juden aus den Ghettos vor allem in das Vernichtungslager Belzec, wo rund 200.000 galizische Juden ermordet wurden. Allein im Distrikt Galizien sind unter deutscher Herrschaft mehr als 500.000 Juden ermordet worden: „Etwa jedes elfte Opfer des Völkermordes lebte vorher in Ostgalizien.“ (Pohl, S. 9) Der Industrielle Berthold Beitz rettete im ostgalizischen Borylaw zahlreiche Juden, indem er sie als unentbehrliche Arbeitskräfte deklarierte.

 

Zum Schicksal der galizischen Juden vgl. Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities. Poland, Bd. 2: Eastern Galicia, hg. von Danuta Dabrowska/Abraham Wein/Aharon Weiß, Jerusalem 1980; Dieter Pohl: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941-1944. Organisation und Durchführung eines stattlichen Massenverbrechen Studien zur Zeitgeschichte 50, München 1996; Thomas Sandkühler: „Endlösung“ in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiative von Berthold Beitz 1941-1944, Bonn 1996; zu den einzelnen Orten vgl. Israel Gutman (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust, 3 Bde., Berlin 1993.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Galizien zwischen Polen und der Sowjetunion geteilt. In den zur UdSSR gehörigen Gebieten stellten die Russen den größten nichtukrainischen Bevölkerungsanteil. Die alten Verwaltungsgliederungen wurden aufgehoben, die Griechisch-Unierte Kirche aufgelöst und die Manifestationen eines ukrainischen Nationalbewußtseins unterdrückt. Für Polen war der Verlust der galizischen Landesteile der unfreiwillige Preis für die Westverschiebung. Insbesondere der Verlust Lembergs blieb in Polen unvergessen.

 

Der Zusammenbruch der Sowjetunion brachte der Ukraine 1990/91 die staatliche Souveränität. Die nun wieder mögliche nationale Emanzipation sowie die kulturelle und sprachliche Abgrenzung gegenüber den Russen machen die Notwendigkeit einer Integration der heterogenen Regionen der heutigen Ukraine zur dringlichen Notwendigkeit. Die konfessionellen Aufbrüche der nachkommunistischen Zeit knüpfen in Galizien vorwiegend an die Griechisch-Unierte Kirche an, während in der sonstigen Ukraine die autokephale orthodoxe Kirche im Vordergrund steht.

 

Heute leben in der Ukraine etwa 310.000 Juden. Es gibt 78 jüdische Schulen. An der Universität Kiew wurde eine Abteilung für jüdische Kultur und Geschichte eröffnet. Neben verschiedenen jüdischen Zeitschriften und Magazinen ist jüdisches Leben in der Ukraine von heute auch durch das jiddische Fernsehprogramm „Yahad“ gegenwärtig.

 

Frank Golczewski (Hg.): Geschichte der Ukraine, Göttingen 1993; Guido Hausmann/Andreas Kappeler (Hg.): Ukraine. Gegenwart und Geschichte eines neuen Staates, Baden-Baden 1993;  Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, München 1994.

 

Das alte Galizien wird heute wieder in alten Reiseführern lebendig, die inzwischen nachgedruckt wurden. Die Bedeutung der Juden für das galizische Alltagsleben verdeutlichen z.B. die „praktischen Bemerkungen“ in einem solchen Reiseführer von 1914: „Für Reisende der III. Klasse ist Samstag der bequemste Tag, da an diesem Tag keine Juden reisen, die sonst für diese Wagenklasse die meisten Passagiere stellen. [...] Da die Kutscher in kleineren Ortschaften meist Juden sind, müssen sich Reisende, welche Freitag abends oder Samstag ankommen, auf den Mangel einer Fahrgelegenheit gefaßt machen. [...] Da in kleineren Städten der ganze Handel in den Händen der Juden liegt, sind alle Geschäfte am Samstag geschlossen und man kann an diesem Tage nichts käuflich erwerben. [...] Deutsche Sprache: Besucher Galiziens stoßen in dieser Hinsicht auf keine Schwierigkeiten, da nicht nur die jüdische, sondern auch die polnische Bevölkerung des Mittelstandes sich deutsch zumindest verständlich machen kann.“

Mieczysław Orłowicz/ Roman Kordys: Illustrierter Führer durch Galizien, Wien/Leipzig 1914 (ND: Berlin 1989); Hermann Mittelmann: Illustrierter Führer durch die Bukowina, Czernowitz 1907/1908 (ND: Wien 2001)

 

Eine weitere wichtige Quelle stellen Erinnerungen und Reiseberichte dar:

 

Martin Pollack: Nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina, Wien/München 1984; Verena Dohrn: Reise nach Galizien: Grenzlandschaften des alten Europa, Frankfurt/M. 1991Salcia Landmann: Mein Galizien. Das Land hinter den Karpaten, München 1995; Andrei Corbea-Hoisie (Hg.): Czernowitz. Jüdisches Städtebild, Frankfurt/M. 1998.

 

Die „verschwundene Welt“ Galiziens ist trotz allen Massenmordes und aller materiellen Zerstörung bis heute auf eine eigentümliche Weise für viele Menschen in Europa und den USA gegenwärtig und lebendig geblieben. Das „ferne nahe Land“ lebt in der Erinnerung als ein Traumland fort, das immer wieder auch Menschen fasziniert, die niemals etwas mit Galizien persönlich zu tun gehabt haben, sich aber dort heimisch fühlen, wo einst Menschen und Bücher lebten, wie Paul Celan sagte.

 

Die literarisch vermittelte Faszination des alten Galizien darf jedoch die Tatsache nicht verdecken, welches Elend in dieser Landschaft zumeist herrschte. Die literarische Blüte war ein Phänomen der Zeit zwischen 1850 und 1941 und der städtischen Zentren Lemberg und Czernowitz., die im krassen Gegensatz zur sozialen Wirklichkeit stand: „Zur nostalgischen Verklärung Galiziens besteht freilich kein Grund. Galizien – insbesondere der östliche Landesteil – war kein gelobtes Land, in dem Milch und Honig flossen; von der Fruchtbarkeit des Bodens und den bedeutenden Vorrat an Schätzen in ihm war dies gewiß ein reiches Land, und doch waren die Menschen, die es bewohnten, bitterarm und oft in nacktes Elend gedrückt. Ob jüdische Hausierer aus dem Schtetl oder ruthenische Bauern vom Land, die Armut war ihrer aller Schicksal. [...] Über das ganze 19. Jahrhundert hin ist das Kronland Galizien fortschreitend verarmt, ein Phänomen, das viel über den Charakter der österreichischen Verwaltung aussagt – man schöpfte die Rohstoffe ab, ohne an der Wirtschaftsentwicklung des Landes interessiert zu sein. [...] Die Armut der galizischen Bauern, das ‚galizische Elend’, war ebenso sprichwörtlich wie der Schmutz der galizischen Dörfer, denen wir auch in der Literatur immer wieder in Beschreibungen von beklemmender atmosphärischer Dichte begegnen. ‚Golicja in Głodomeria’ wurde das Kronland Galizien und Lodomerien von seinen Bewohnern mit bitterer Ironie genannt – goły ist das polnische Wort für ‚nackt’ und głodny bedeutet ‚hungrig’.“

 

Karl-Markus Gauß/Martin Pollack: Das reiche Land der armen Leute. Literarische Wanderungen durch Galizien, Wien 1992

 

Aktuelle Reiseführer:

 

Ivan Bentchev/Dorota Lesczyńska/Michaela Marek/Reinhold Vetter: Polen. Geschichte, Kunst und Landschaft einer alten europäischen Kulturnation. Mit einer historischen Einleitung von Manfred Alexander, Köln 1991, 3. Aufl.

 

Evelyn Scheer/ Gert Schmidt: Die Ukraine entdecken. Zwischen den Karpaten und dem Schwarzen Meer, Berlin 2001, 6. überarb. Aufl.

 

Publishing House „Centre d’Europe“ Lviv: Lviv. Sightseeing Guide, Lviv 1999

 

II. Persönlichkeiten

 

Achad Haam,

(eigentl.: Zwi Ascher Ginzberg) jüdischer Schriftsteller und Philosoph, *ÿSkwyra (Gebiet Kiew) 5.ÿ8.1856, gest. ÿTel Aviv 2.ÿ1.1927; vertrat in zahlreichen Essays (u.a. »Am Scheidewege«, 1895) die Utopie von einem auf dem gemeinsamen Kulturerbe (und weniger auf politischen Aspekten) gegründeten jüdischen Staat.

 

Agnon,

Schmuel (Samuel) Josef (eigentl.: J.ÿS. Czaczkes), hebr. Schriftsteller, *ÿBuczacz (Galizien) 17.ÿ7. 1888, gest. ÿRehovot (bei Tel Aviv-Jaffa) 17.ÿ2 1970; schrieb Erzählungen, Romane (»Die Aussteuer«, 1934; »Nur wie ein Gast zur Nacht«, 1939; »Gestern, Vorgestern«, 1945; »Schira«, herausgegeben 1971); auch Gelehrter und Traditionsforscher. 1966 erhielt er mit Nelly Sachs den Nobelpreis für Literatur.

 

Altmann,

Nathan, Bildhauer und Maler, *1889 Winniza, gest. 1970. Intensive Anteilnahme an der frühen sowjetischen Kunst, Bühnenbild für den „Dybbuk“ am Habimah-Theater, 1923 Publikation über jüdische Grafik, seit 1936 in Leningrad tätig.

 

Appelfeld,

Aharon, Romancier, *1932 Czernowitz, KZ-Haft, Küchenjunge bei der Roten Armee, 1946 Palästina, lebt in Jerusalem, Verf. international anerkannter Romane, u.a. „der eiserne Pfad“ (Jewish Book Award) und „Die Eismine“, 1999 „Alles, was ich liebte“ (autobiographie, dt. 2002).

 

Ausländer,

Rose, eigentlich Rosalie Beatrice Ruth Scherzer-Ausländer, Schriftstellerin, *ÿCzernowitz (heute Tschernowzy) 11.ÿ5.1907, gest. ÿDüsseldorf 3.ÿ1.1988; schrieb u.a. Gedichte, »36 Gerechte« (1967), »Andere Zeichen« (1974), »Ich spiele noch« (1987). Zentrale Themen sind Judenverfolgung und Exil. Schule und Studium in Czernowitz. 1921 Auswanderung in die USA, 1931 Rückkehr nach Czernowitz, ab 1936 meist in Bukarest, 1941 mit Mutter und Bruder im Ghetto Czernowitz, Begegnung mit Celan, 1946 Übersiedlung nach New York, 1966 Übersiedlung als „Überlebende des Grauens“ nach Düsseldorf; 1984 Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

 

Baal Schem Tov,

[hebräisch »Herr des (göttlichen) Namens«], Beiname des Mystikers Rabbi Israel ben Eliezer Baal Schem Tov (Akronyme: Besht und Ribash), führende Gestalt des osteuropäischen Judentums, *ÿOkop (Podolien) um 1700, gest. ÿMiedzyboz (Podolien) um 1760; wirkte als Wundertäter; vertrat die Lehre vom Einssein Gottes mit seiner Schöpfung, der jedem Wesen innewohnenden Göttlichkeit. (Chassidismus).

 

Babel,

Isaak Emmanuelowitsch, russischer Schriftsteller, *ÿOdessa 13.ÿ7.1894, gest.ÿ(erschossen) Moskau 27.ÿ1.1940; Vertreter der »revolutionären Romantik« und der »ornamentalen Prosa«; Erzählzyklen (»Budjonnys Reiterarmee«, 1926, »Odessaer Erzählungen«, 1923ÿfolgende); Dramen, Drehbücher; Opfer des stalinistischen Terrors, 1957 rehabilitiert. Sein „Tagebuch 1920“, das die Erlebnisse im nördlichen Galizien des Russisch-Polnischen Krieges festhielt, erschien in einer sorgfältig kommentierten deutschen Ausgabe erst 1989/90 und gehört zu den wichtigsten Zeitzeugenberichten aus revolutionärer Zeit.

 

Bergner,

Elisabeth, österreichische Schauspielerin, *ÿDrogobytsch (Galizien) 22.ÿ8.1897, gest. ÿLondon 12.ÿ5.1986; kam über Wien, München nach Berlin; seit 1933 Š mit dem Regisseur Paul Czinner; lebte seitdem in London. Auf der Bühne und in Filmen wie »Fräulein Else« (1929), »Ariane« (1931), »Der träumende Mund« (1932) und »Wie es euch gefällt« (1936) hatte sie mit ausdrucksvollen Frauenrollen Erfolg.

 

Bialik,

Chajim Nachman, hebräischer Dichter, *ÿRady (Wolhynien) 9.ÿ1.1873, gest. Wien 4.ÿ7.1934; schilderte in Gedichten und Erzählungen das ostjüdische Leben; trug zur Wiederbelebung der hebräischen Sprache und geistigen Neuorientierung des Judentums bei.

 

Buber,

Martin, jüdischer Religionsphilosoph, *ÿWien 8.ÿ2.1878, gest. ÿJerusalem 13.ÿ6.1965; 1924þ33 Professor in Frankfurt am Main, 1938þ51 in Jerusalem; 1953 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bubers Hauptziel war die menschliche und politische Erneuerung des abendländischen Judentums aus dem Geist der Bibel und des Chassidismus, dessen Texte er sammelte und interpretierte. Kernpunkt seiner Anschauungen ist das unmittelbare Verhältnis zum Gegenüber (dialogische Philosophie). Diese Einstellung beeinflußte die moderne Pädagogik und Philosophie, ebenso eine Reihe protestantischer und katholischer Theologen. Bubers Übersetzung der hebräischen Bibel (zusammen mit F.ÿRosenzweig) verbindet deutsche sprachschöpferische Kunst mit jüdischer Bibelexegese und hebr. Sprachduktus.

Werke: Ich und Du (1923); Die Schrift, 15 Bände (1926þ38); Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre (hebräisch 1947); Der Jude und sein Judentum (1963).

 

Burg,

Josef, letzter jiddischer Schriftsteller in Galizien, *1912 in Wischnitz/Bukowina. Besuch der Schule und des Lehrerseminars in Czernowitz, Gemanistikstudium in Wien, 1938 Rückkehr nach Czernowitz, 1941 Flucht in die Sowjetunion, seit 1958 lebt. B. wieder in Czernowitz. Erste Erzählung erschien 1934, später zumeist Veröffentlichungen in „Sowjetisch Hejmland“.

Werke: Josef Burg: Ein Gesang über allen Gesängen, Leipzig 1988; Ders.: Ein verspätetes Echo/ A farschpektikter echo, Kirchheim 1999; Ders./Michael Martens: Irrfahrten. Ein ostjüdisches Leben, Winsen/Luhe 2000; Josef Burg: Jom Kippur. Erzählungen, Winsen/Luhe 2001

 

Celan,

Paul, eigentlich Paul Antschel, Lyriker, *ÿCzernowitz 23.ÿ11.1920, gest. ÿ(Selbstmord) Paris April 1970. Sohn deutschsprachiger jüdischer Eltern; studierte zeitweise Medizin in Frankreich, dann Romanistik in Czernowitz; 1942 deportiert (Tod der Eltern), bis 1944 im Arbeitslager; kam 1947 nach Wien, lebte seit 1948 in Paris (französischer Staatsbürger). Celans Dichtung wurzelt in der jüdischen Kulturtradition, die abstrakten Verse sind von einer sehr persönlichen Sprachsensibilität, einer eigenen Welt der Metaphern und Chiffren bestimmt (»Mohn und Gedächtnis«, 1952, darin die 1945 entstandene »Todesfuge«). Mit »Sprachgitter« (1959) wird die Aussage härter; indirekt thematisiert er immer die Erlebnisse im Getto und den Mißbrauch der Sprache durch die Nationalsozialisten. Celan war auch ein bedeutender Übersetzer, u.ÿa. aus dem Russischen (A.ÿBlok, O.ÿMandelstam, S.ÿJessenin), Französischen (A.ÿRimbaud, R.ÿChar), Englischen (Shakespeares Sonette) und Italienischen.ÿþ 1960 erhielt er den Georg-Büchner-Preis.

Weitere Werke: Der Sand aus den Urnen (1948); Von Schwelle zu Schwelle (1955); Die Niemandsrose (1963); Atemwende (1967); Fadensonnen (1968); Lichtzwang (1970); Schneepart (herausgegeben 1971); Zeitgehöft (herausgegeben 1976).

 

Chargaff,

Erwin, Biochemiker und Wissenschaftskritiker, *Czernowitz 11.8.1905, gest. New York 20.6.2002, Promotion in Wien, 1935 Emigration, Deportation der Mutter 1943, Professor an der Columbia-Universität, 1970-1974 dort Leitung der Abteilung für Bichemie, Entdecker wichtiger Grundlagen der Gentechnik (paarweises Vorkommen der Basen in der DNS, Grundlage für das berühmte Spiralmodell des Erbguts), später prominenter und scharfzüngiger Kritiker der Nuklearforschung und modernen Gentechnologie, mehr als 300 wissenschaftliche Veröffentlichungen.

 

Czech,

Ludwig, sudetendeutscher Politiker, *ÿLemberg 14.ÿ2.1870, gest. ÿKZ Theresienstadt 20.ÿ8.1942; seit 1920 Vorsitzender der »Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik« (DSAP), bekannte sich zu einer Zusammenarbeit der Sudetendeutschen mit dem tschechoslowakischen Staat. 1929þ38 war er Minister in verschiedenen Regierungen, u.a. Gesundheitsminister; 1941 inhaftierte ihn die deutsche Besatzungsmacht im KZ Theresienstadt.

 

Deutsch,

Helene, amerikanische Psychoanalytikerin polnischer Herkunft, *ÿPrzemysl (Galizien) 9.ÿ10.1884, gest. ÿCambridge (Massachusetts) 29.ÿ3.1982; grundlegende Arbeiten auf dem Gebiet der weiblichen Sexualität (»Die Psychologie der Frau«, 1944þ53); in Wien vorübergehend Assistentin bei S.ÿFreud (Š mit dessen Arzt, Felix Deutsch); 1934 Emigration in die USA, dort u.a. Professorin für Psychiatrie an der Boston University.

 

Eisler,

Hilde; geb. Rothstein, Journalistin, *Tarnopol 28.1.1912, gest. 8.10.2000 Berlin, ab 1930 Mitarbeit im Marx-Engels-Verlag, Exil in Frankreich, Teilnahme am span. Bürgerkrieg, Emigration in die USA, 1942 Heirat mit Gerhart Eisler. 1949 Rückkehr nach Ost-Berlin, 1953 Mitbegründerin der „Wochenpost“, ab 1954 Redaktion des „Magazins“ (1955-1976 Chefredakteurin), seit 1976 Rentnerin, zahlreiche DDR-Orden.

 

Flinker,

Robert, Schriftsteller, *16.7.1906 Wisnitz, gest. 15.7.1945 Bukarest. Gymnasium in Czernowitz, Medizinstudium in Wien, Nervenarzt in Deutschland und bis 1941 in Czernowitz, dann in der Schweiz und Bukarest. Zahlreiche medizinische Abhandlungen und zwei Romane. Der schriftstellerische Nachlaß ist bis heute noch nicht vollständig ausgewertet.

 

Franzos,

Karl Emil, österreichischer Schriftsteller, *ÿCzortków (heute Tschortkiw, Gebiet Ternopol) 25.ÿ10.1848, gest. ÿÿBerlin 28.ÿ1.1904; Wiederentdecker der Werke G. ÿBüchners; schrieb aus liberaler Sicht Kulturbilder und Erzählungen aus der Welt des osteuropäischen Judentums. Aufgewachsen in Czernowitz. Jurastudium in Wien und Graz. Journalist in Wien. Trotz seiner germanisierenden und aufklärenden Tendenzen gehören seine Reiseberichte und Romane aus „Halb-Asien“ heute zu den wichtigsten Zeitzeugenberichten aus dem untergegangenen Ostjudentum.

 

Frisch,

Efraim (auch: E.H. Gast, KO, E. Lach, Viktor Spectator) Essayist, Romanautor und Übersetzer, * 1.3.1873 Strui, gest. 26.11.1942 Ascona. Herkunft aus orthodoxer Familie. Engster Mitarbeiter von Christian Morgenstern bei der Zeitschrift „Das Theater“, danach wichtiger Dramaturg bei Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin. Herausgeber der Kulturzeitschrift „Der Neue Merkur“ und Redakteur der „Europäischen Revue“, Autor der „Frankfurter Zeitung“. 1933 Emigration in die Schweiz. Zahlreiche Essays, autobiograph. geprägte Romane und Erzählungen. Übersetzungen aus dem Französischen (u.a. von Giraudoux) und dem Hebräischen.

 

Goldfaden,

Avram, Dramatiker und Komponist („Vater des jiddischen Theaters“), *12.7.1840 Staro Konstantinow, gest. 1.9.1908 New York. 1862/63 hebräische und jidd. Gedichte, Verf. von über 50 musikalischen Dramen, Operetten und Musikkomödien, 1876 Gründung des ersten Jiddischen Theaters in Iaşi. Nach dem Verbot des jidd. Theaters durch die russ. Regierung 1883 ging Goldfaden nach London, Paris und schließlich New York.

 

Gong,

Alfred (eigentl. Arthur Liquornik), Lyriker und Hörspielautor,  *14.8.1920 Czernowitz, gest. 19.10.1981 New York. 1942 im Czernowitzer Ghetto und im KZ Moghilew. 1942 Flucht und Untertauchen in Bukarest. 1946-1951 in Wien als Dramaturg tätig. 1951 Übersiedlung nach New York.

 

Gordon,

Aaron David, hebräischer Schriftsteller und Philosoph, *ÿTrojanow (bei Schitomir, Ukraine) 9.ÿ6.1856, gest. ÿDeganya (am See Genezareth) 22.ÿ2.1922; schloß sich in Rußland der jüdischen Arbeiterbewegung an, zog 1904 nach Palästina und trat hier 1912 dem ersten Kibbuz bei. Von L.ÿN. Tolstoi beeinflußt, entwarf Gordon eine Konzeption der Arbeit, wonach sich eine sittliche Erlösung des Judentums durch die Rückkehr zur körperlichen Arbeit vollziehen werde. Gordon wirkte stark auf die zionistische Arbeiterbewegung ein (»Erlösung durch Arbeit«, 1929; deutsche Auswahl).

 

Gottlieb,

Maurycy (Moritz), Maler, *1856 Drogobytsch, gest. 17.7.1879 Krakau. Studium in Lemberg, München, Wien und Krakau bei Matejko. Nach Alexander Lesser war G. der erste jüdische Maler in Polen, der jüdische Themen im großen Umfang aufgriff: „Betende Juden am Jom Kippur“ (1878).

 

Granach,

Alexander (eigentl. Jessaja Szajko Gronach, bis 1912 Hermann Gronach), Schauspieler, *18.4.1890 Werbowitz, gest. 14.3.1945 New York. Spielte zunächst bei jidd. Wandertheatern, 1912/13 Reinhardt-schule in Berlin, 1919 Münchner Schauspielhaus, Engagements bei Reinhardt, Jessner und Piscator. 1933 Emigration in die Schweiz, 1935/37 Aufenthalt in der UdSSR und Zusammenarbeit mit dem Moskauer Jüdischen Akademischen Theater, später Direktor des Jüdischen Nationaltheaters in der Ukraine (Kiew). 1938 Emigration in die USA. Autobiographischer Roman „Da geht ein Mensch“, Stockholm 1945.

 

Gregor,

Joseph, Lyriker und Erzähler, * 26.10.1888 Czernowitz, gest. 12.10.1960 Wien. 1912-1914 Musikwissenschaftler an der Universität Czernowitz. Libretti der Strauß-Opern „Der Friedenstag“, „Daphne“ und „Die Liebe der Danae“. Begründer der Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

 

Greenberg,

Uri Zvi (auch Uri Zvi Grynberg, Gruenberg; Pseudonym: Tur Malka), israelischer Schriftsteller, *ÿBialy Kamien (Galizien) 17.ÿ10.1895, gest. ÿRamat Gan 9.ÿ5.1981; in chassidischer Tradition aufgewachsen; schrieb (überwiegend in hebräischer Sprache) über die Leiden des Judentums und die Hoffnung auf Erlösung und engagierte sich auch politisch (u.a. in der israelischen rechtsnationalen Revisionistischen Partei).

 

Herbert

Zbigniew, polnischer Schriftsteller, *ÿLemberg 29.ÿ10.1924, gest. ÿWarschau 28.ÿ7.1998; erstrebte in Dramen, Hörspielen, Lyrik formale Vervollkommnung traditioneller literarischer Vorbilder, sucht die Situation des modernen Menschen zu erfassen (»Ein Barbar in einem Garten«, Essays, 1962; »Bericht aus einer belagerten Stadtÿ...«, Gedichte, 1983; »Stilleben mit Kandare«, 1994; »Opfer der Könige«, 1996).

 

Hilferding,

Rudolf (auch: Richard Kern), Nationalökonom, Publizist und Politiker, *10.8.1877 Wien, gest. 11.2.1941 Paris. Vater stammte aus Brody, bereits in früher Jugend in der sozialistischen Bewegung aktiv als Theoretiker. 1910 „Das Finanzkapital“ (ND: Frankfurt/M. 1968). Bis 1922 Chefredakteur der USPD-Zeitschrift „Die Freiheit“, Reichsfinanzminister (1923, 1928/29), 1933 Emigration nach Zürich, 1938 nach Paris. Verfasser des SPD-Exilprogramms „Prager Manifest“ von 1934. Von der franz. Polizei an der Emigration nach Amerika gehindert, wurde H. zusammen mit Rudolf Breitscheid an die Gestapo ausgeliefert, die ihn ermordete.

 

Israel ben Moshe Halewi Zamosc,

(auch: Israel ben Moshe Segal), Philosoph und Talmudist, *um 1700 in Bóbrka bei Lemberg, gest. 20.4.1772 in Brody.Israel ben Moshe gehörte zu den ersten, die das Studium der Naturwissenschaften in der Haskala heimisch machten, seit 1741 in Berlin.

 

Kacyzne,

Alter, Fotograf, Schriftsteller und Regisseur, *1885 Wilna, 1941 auf der Flucht von ungarischen Kollaborateuren auf dem Friedhof von Tarnopol erschossen. Berühmt wurden seine Aufnahmen aus den ostjüdischen Schtetl, die Kacyzne von 1921 bis 1921 im Auftrag des New Yorker „Forwerts“ aufnahm (Poylin – Eine untergegangene Welt, Berlin: Aufbau Verlag 2000).

 

Kaléko,

Mascha, Schriftstellerin, *ÿChrzanów (Galizien) 7.ÿ6.1912, gest. ÿZürich 21.ÿ1.1975; wuchs in Berlin auf, emigrierte 1938 in die USA, lebte zeitweise auch in Jerusalem. Ihre Lyrik ist geprägt durch Charme, Melancholie, politisch-satirische Schärfe und pointierte Sprachkunst (u.a. »Das himmelgraue Poesie-Album«, 1968).

 

Katz,

Henry William, Romanautor, *31.12.1906 Rudky/Galizien. Nach der Flucht 1913/14 wuchs K. in Thüringen auf, 1933 Emigration nach Frankreich. 1938 Heinrich-Heine-Preis für den Roman „Die Fischmanns“, in dem die Geschichte einer jüdischen Familie in Galizien geschildert wird. Fortsetzung dieser Familiensaga unter dem Titel „Schloßgasse 21“ (Frankfurt/M. 1986).

 

Kesten,

Hermann, Schriftsteller und Lyriker, * 28.1.1900 in Podwoloczyska/Galizien (nicht Nürnberg, wie Brockhaus, Killy u.a. mitteilen), gest. 1996 in Basel, 1927-1933 Lektor und Leiter des Kiepenheuer-Verlags, 1933 Emigration nach Rom und später New York, 1972-1976 Präsident des deutschen Pen-Zentrums, zahlreiche Romane, Biographien und Essys.

 

Kipnis,

Alexander, Sänger (Baß), *1891 Schitomir, gest. Westprt/USA, vor dem Ersten Weltkrieg Chrorsänger der Großen Synagoge Warschau, 1916 Debut Hamburg, 1930/33 Bayreuther Festspiele und Berliner Lindenoper, 1933 Emigration in die USA.

 

Kittner,

Alfred, Lyriker, Übersetzer und Literaturkritiker. *24.11.1906 Czernowitz. Bis 1942 Feuilletonredakteur in Czernowitz und wichtiges Mitglied im Kreis der Bukowiner Dichter. 1924-44 im Konzentrationslager am Bug, danach bis 1958 Bibliotheksdirektor in Bukarest, 1980 Übersiedlung in Bundesrepublik.

 

Konopnicka,

Maria, polnische Schriftstellerin, *ÿSuwalki 23.ÿ5.1842, gest. ÿLemberg 8.ÿ10.1910, behandelte in ihren Werken, besonders Lyrik, gesellschaftskritische Themen, u.a. Probleme der Bauern und das Schicksal polnischer Emigranten.

 

Krasicki,

Ignacy, polnischer Dichter, *ÿDubiecko (Woiwodschaft Przemysl) 3.ÿ2.1735, gest. ÿBerlin 14.ÿ3.1801; bedeutender Vertreter der polnischen literarischen Aufklärung; Fabeln, Satiren, Erzählungen, Erziehungsromane, komisch-heroisches Epos »Die Mäuseade in 10 Gesängen« (1775).

 

Krochmal,

Nachman, Philosoph, * Brody 17.2.1785, gest. Tarnopol 31.7.1840. 1851 erschien sein „Führer für die Verirrten unserer Zeit“, hg. von Leopold Zunz.

 

Lec,

Stanislaw Jerzy, polnischer Lyriker und Satiriker, *ÿLemberg 6.ÿ3.1909, gest. ÿWarschau 7.ÿ5.1966; floh 1943 aus dem KZ, kämpfte in der Partisanenbewegung; schrieb Gedichte und u.a. Aphorismen: »Unfrisierte Gedanken« (1957, 2.ÿZyklus 1964).

 

Lem,

Stanislaw, polnischer Schriftsteller, *ÿLemberg 12.ÿ9.1921; schreibt neben philosophischen und literarischen Essays, Hör- und Fernsehspielen u.a. utopische, jedoch Struktur und Methode gegenwärtigen wissenschaftlichen Denkens spiegelnde Romane und Erzählungen, mit denen er zu den bedeutendsten Science-Fiction-Autoren zählt; u.a. »Der Planet des Todes« (Roman, 1951, auch unter dem Titel »Die Astronauten«), »Das Hospital der Verklärung« (Roman, 1955), »Eden« (Roman, 1959), »Solaris« (Roman, 1961), »Transfer« (Roman, 1961), »Fiasko« (Roman, 1986), »Apokryphen« (Roman, 1998).

 

Liebermann,

Mischket, Schauspielerin, *Tytschin 18.5.1905, aufgewachsen im Berliner Scheunenviertel (Grenadierstraße, heute Almstadtstraße), Engagement in der KP, kleine Rollen im Reinhardt-Ensemble, 1929 Jüdisches Weißrussisches Staatstheater Minsk, später Leitung des Klubs für ausländische Spezialisten in Moskau, dann des deutschen Kolchostheaters in der Ukraine. Während des Krieges Evakuierung nach Nowosibirsk, antifaschistische Arbeit in den Kriegsgefangenenlagern. 1949 Rückkehr nach Berlin, verschiedene politi. Funktionen, 1970 stellv. Direktorin der Sektion Außenwirtschaft der Hochschule für Ökonomie Berlin-Karlshorst.

Mischket Liebermann: Aus dem Ghetto in die Welt. Autobiographie, Ost-Berlin 1979, 2. Aufl.

 

Luxemburg,

Rosa, marxistische Theoretikerin und Politikerin, *ÿZamosc bei Lublin (Russisch-Polen) 5.ÿ3.1870, ermordet Berlin 15.ÿ1.1919; jüdischer Herkunft, schloß sich schon als Schülerin der sozialistischen Arbeiterbewegung an, emigrierte 1889 nach Zürich und studierte dort Nationalökonomie (1897 Promotion). Zusammen mit dem ihr eng verbundenen L. ÿJogiches beteiligte sie sich 1893 führend an der Gründung der im Untergrund tätigen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei des Königreichs Polen (und Litauen; ab 1900). Nach Übersiedlung nach Berlin (1899) und Eintritt in die SPD entwickelte sie sich zur führenden Theoretikerin des linken Parteiflügels. 1905 ging sie in den unter russischer Herrschaft stehenden Teil Polens und nahm in Warschau an Demonstrationen und Kämpfen gegen die russische Staatsmacht teil. Vom 4.ÿ3. bis 28.ÿ6.1906 in Warschau in Haft, kehrte sie über Finnland (Schrift »Massenstreik, Partei und Gewerkschaften«) nach Deutschland zurück. Im November 1906 begann ein engeres Verhältnis zu C. ÿZetkins Sohn Konstantin (Kostja; *ÿ1885, 1980). Am 1.ÿ10. 1907 wurde sie Dozentin an der Parteihochschule der SPD in Berlin. Schon im Vorfeldÿþ u.a. auf den Internationalen Sozialistenkongressen (1907, 1912, 1914) und in der II. ÿInternationaleÿþ aktiv gegen die Kriegsgefahr eintretend, bekämpfte sie im Ersten Weltkrieg 1914þ18 die Burgfriedenspolitik der SPD (»Die Krise der Sozialdemokratie«, unter dem Pseudonym „Junius“, deshalb auch »Junius-Broschüre« genannt, 1916) und initiierte zusammen mit K. ÿLiebknecht die »Gruppe Internationale«, für die sie Mitherausgeberin der Zeitschrift »Die Internationale« war (ab 1915; Spartakusbund). Vom 31.ÿ3. 1915 bis 18.ÿ2. 1916 sowie ab 10.ÿ7. 1916 war sie als Kriegsgegnerin in Berlin, Wronke (Posen) sowie Breslau inhaftiert. Nach ihrer Freilassung (9.ÿ11. 1918) ging sie nach Berlin. Nach dem Sturz der Monarchie strebte sie eine Rätedemokratie an. Ihre im Dezember verfaßte Schrift »Was will der Spartakusbund« wurde zur programmatischen Grundlage der am 31.ÿ12. 1918 /1.ÿ1. 1919 gegründeten KPD, zu deren Vorsitzender sie gemeinsam mit Liebknecht gewählt wurde. Im Januar 1919 unterstützte sie aus Gründen der Parteiräson den Aufstand des Spartakusbundes in Berlin, von dessen Scheitern sie überzeugt war und den sie deswegen mißbilligt hatte; sie wurde von Freikorpsoffizieren ermordet.

Werke: Gesammelte Briefe, herausgegeben von A.ÿLaschitza, 6ÿBde. (1984þ96); Gesammelte Werke, herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, 6ÿBde. (1987þ90); Politische Schriften, herausgegeben von O.ÿK. Flechtheim (Neuausgabe 1987).

 

Manger,

Itzik, jiddischer Schriftsteller, *30.5.1901 Czernowitz, gest. 21.2.1969 Gedera/Israel. 1921 erste Gedichte in der „Kultur“ (Bukowina), ab 1929 jiddische Gedichtbände, „Megille Lider“ (1936), Roman „Dos Bukh fun Gan Eydn (1939). 1940 Emigration nach London; 1951 Übersiedlung nach New York, 1967 nach Israel. Das Musical von Dov Seltzer nach der „Megilla“ des Itzik Manger, wurde 1968 zum großen Broadway-Erfolg.

 

Margul-Sperber,

Alfred (eigentl.: A. Sperber), Lyriker, Übersetzer, Publizist. *23.9.1898 Storozinec/Bukowina, gest. 3.1.1967 Bukarest. Nach 1924 als Journalist in Czernowitz tätig. Die NS-Zeit überlebte M.-S. in Wien. Seine Haltung im kommunist. Rumänien blieb umstritten. Wesentlicher Förderer von Ausländer, Celan, Rosenkranz, Cisek u.a.

 

Meerbaum-Eisinger,

Selma, Lyrikerin. *14.8.1924, gest. 16.12.1942 KZ Michailowka westl. des Bugs. Übersetzungen aus dem Französischen, Rumänischen und Jiddischen. Nach der deutschen Besetzung zunächst im Ghetto Czernowitz, im Juni 1942 im SS-Arbeitslager Michailowka, dort am Flecktyphus gestorben. M.E. hinterließ nur 57 Gedichte, gewidmet ihrem Freund Lejser Fichman: „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ (Frankfurt/M. 1989, 5.Aufl.).

 

Meir,

Golda, früher Meyerson, israelische Politikerin, *ÿKiew 3.ÿ5.1898, gest. ÿJerusalem 8.ÿ12.1978; lebte seit 1906 in den USA, ging 1921 nach Palästina; trat ab 1946 führend in der Jewish Agency for Palestine hervor. 1949þ74 war sie Abgeordnete in der Knesset, 1949þ56 Ministerin für Arbeit und soziale Sicherheit, 1956þ65 Außenministerin und 1969þ74 Ministerpräsidentin sowie 1966þ68 Generalsekretärin der Mapai und 1969þ77 der Israelischen Arbeitspartei.

 

Mikulicz-Radecki,

Johannes von, Chirurg, * Czernowitz 16.5.1850, gest. Breslau 4.6.1905, Schüler von Theodor Billroth, führender Magen- und Darm-Chirurg seiner Zeit.

 

Morgenstern,

Soma, Schriftsteller, *ÿBudzanów (Ostgalizien) 3.ÿ5.1890, gest. ÿNew York 17.ÿ4. 1976; aus jüdisch-chassidischer Familie, lebte bis 1938 in Wien, war dort mit J.ÿRoth und A.ÿBerg befreundet, emigrierte nach der Annexion Österreichs nach Frankreich, war dort interniert, konnte in die USA fliehen. Morgensterns (autobiografisches) Werk, das erst seit den 90er-Jahren editorisch erschlossen wird, spiegelt die Welt des ostgalizischen Judentums und der Wiener Kultur der 20er-Jahre (»Joseph Roths Flucht und Ende. Erinnerungen«, herausgegeben 1994; Trilogie »Funken im Abgrund«, vollständig herausgegeben 1996).

Werke: Soma Morgenstern: Werke in Einzelbänden, 11 Bde., Lüneburg 2001

 

Neumark,

David, Philosoph, *Szczerzec 3.8.1866, gest. Cincinnati/Ohio 15.12.1924, Studium in Lemberg und Berlin, 1897 Rabbiner, seit 1904 Rabbiner in Böhmen. Ab 1907 Leiter des philosophischen Lehrstuhls am Hebrew Union College in Cincinnati. Hauptwerk: „Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters“ (nur drei Bände erschienen).

 

Parandowski,

Jan, polnischer Schriftsteller, *ÿLemberg 11.ÿ5.1895, gest. ÿWarschau 26.ÿ9.1978; seit 1933 Präsident des polnischen PEN-Clubs; Erzählungen, Romane, besonders zur Antike (»Der olympische Diskus«, 1933).

 

Perez,

Issak Leib (eigentl. Itzhok Lejb), Schriftsteller, *18.5.1851 Zamość, gest. 3.4.1915 Warschau. 1908 Präsident der Jiddischistischen Konferenz in Czernowitz. Zahlreiche jidd. und einige hebräische Veröffentlichungen.

 

Prus,

Boleslaw (eigentl.: Aleksander Glowacki), polnischer Schriftsteller, *ÿHrubieszów (Woiwodschaft Zamosc) 20.ÿ8.1847, gest. ÿWarschau 19.ÿ5.1912; strebte als Hauptvertreter des literarischen Positivismus eine realistische Behandlung der Zeitfragen an, so in den Romanen »Palais und Hütte« (1875), »Die Puppe« (1890), »Pharao« (3 Bände, 1897).

 

Radek,

Karl (eigentl.: KarlÿSobelsohn), sowjetischer Politiker, *ÿLemberg 1885, gest.ÿ in einem sowjetischen Straflager 1939; Journalist; 1918/19 am Aufbau der KPD beteiligt; wurde 1919 Mitglied des ZK der russischen KP, 1920 Sekretär des Exekutivkomitees der Komintern, dort bis 1923 verantwortlich für die politische Ausrichtung der KPD; 1924 als Trotzkist aus allen seinen Parteiämtern entlassen, 1927, erneut 1936 aus der KPdSU ausgeschlossen. 1927 bis 1929 verbannt, anschließend u.a. Redakteur der »Prawda«; 1937 zu zehn Jahren Haft verurteilt.

 

Rathaus,

Karol, Komponist, *16.9.1895 Tarnopol, gest. 21.11.1954 New York; Kompositionsstudium bei Fr. Schreker ab 1913, 1920 in Berlin, 1922 Promotion in Wien, 1932-1934 Emigration in Paris und 1934-1938 in London, ab 1938 in den USA, Kompositionslehrer am Queens College New York, zahlreiche Kompositionen in fast allen musikalischen Genres, u.a. drei Sinfonien, Polonaise symphonique, Sinfonia concertante, Opern, Ballette („Der letzte Pierrot“), Oratorien und Filmmusiken, u.a. zu „Die Brüder Karamsow“ (1931).

 

Redl,

Alfred, österr.-ungar. Offizier, * Lemberg 14.3.1864, gest. Wien 25.5.1913 (Suizid), 1900-1912 Nachrichtendienst des Generalstabes, auf Grund homosexueller Neigungen zu Spionagediensten für Rußland erpreßt.

 

Reich,

Wilhelm, österreichischer Psychoanalytiker, *ÿDobrzcynica (Galizien) 24.ÿ3.1897, gest. ÿLewisburg (Pennsylvania) 3.ÿ11.1957; ging 1939 in die USA. Reich strebte eine Verbindung zwischen Marxismus und Psychoanalyse an. In seiner Charaktertheorie hob er die repressive Funktion der Gesellschaft hervor, die ihre autoritäre Ordnung u.a. durch sexuelle Unterdrückung aufrechterhalte. Reich glaubte, eine kosmische Lebensenergie entdeckt zu haben (Organtheorie), die er mit selbst gebauten Apparaten zu speichern und für Heilzwecke einzusetzen suchte.

Werke: Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral (1930; Neuausgabe 1966 unter dem Titel »Die sexuelle Revolution«); Der Einbruch der Sexualmoral (1931).

 

Rezzori,

Gregor von (eigentl.: G.ÿvon Rezzoriÿd'Arezzo), Schriftsteller, *Czernowitz 13.ÿ5.1914, gest. ÿDonnini bei Florenz 23.ÿ4.1998; verfaßte sprachlich virtuose, geistvoll-witzige Romane und Erzählungen, deren Schauplatz meist das fiktive Land »Maghrebinien« ist, das an die ehemalige Donaumonarchie erinnert (»Maghrebinische Geschichten« (1953; »Ein Hermelin in Tschernopol«, 1958; »1001 Jahr Maghrebinien«, 1967; »Der Tod meines Bruders Abel«, 1976; »Memoiren eines Antisemiten«, 1979; »Über dem Kliff«, 1991); war auch Schauspieler und Drehbuchautor.

 

Richter,

Swjatoslaw Teofilowitsch, Pianist, *ÿSchitomir 20.ÿ3.1915, gest. Moskau 1.ÿ8.1997; einer der bedeutendsten Klaviervirtuosen der neueren Zeit. Sein Repertoire reichte von der Klaviermusik des Barock über die Klassik und Romantik bis zu Werken zeitgenössischer Komponisten.

 

Rosenkranz,

Moses (eigentl.: Edmund R., auch Martin Brant), Lyriker und Übersetzer, *20.6.1904 Berhometh/Pruth (Bukowina), ab 1941 über ein Jahrzehnt in rumänischen und sowjetischen Arbeitslagern, 1961 Ausreise nach Deutschland. Gefördert von A. Margul Sperber, veröffentlichte R. in Czernowitz bis 1940 vier Gedichtbände und 1947 unter dem Pseudonym Martin Brant in Bukarest die Sammlung „Gedichte“. „Im Untergang. Ein Jahrhundertbuch“ erschien in München 1986 (Innsbruck 1988).

 

Rotenstreich,

Nathan, Philosoph, *Sambor 31.3.1914, gest. 11.10.1993 Jerusalem, führender jüdischer Kant- und Hegelspezialist.

 

Roth,

Henry, amerikanischer Schriftsteller, *ÿTysmeniza (Galizien) 8.ÿ2.1906, gest. ÿAlbuquerqe (New Mexico) 13.ÿ10. 1995, wuchs in New York auf; als Klassiker der jüdisch-amerikanischen Literatur gilt sein autobiographisch bestimmter Roman »Nenne es Schlaf« (1934; Wiederveröffentlichung 1960).

 

Roth,

Joseph, österreichischer Schriftsteller, *ÿBrody (bei Lemberg) 2.ÿ9.1894, gest. ÿParis 27.ÿ5.1939; veröffentlichte während des Ersten Weltkrieges erste feuilletonistische Arbeiten und Gedichte; war nach dem Krieg für verschiedene Zeitungen in Wien, Prag und Berlin tätig, dann Korrespondent der »Frankfurter Zeitung«, in deren Auftrag er nach Frankreich, in die Sowjetunion, nach Polen und Albanien reiste. Roth emigrierte 1933 nach Frankreich, lebte zuletzt in Paris, wo er sich in österreichisch-monarchistischen Kreisen gegen den Nationalsozialismus engagierte und schließlich an den Folgen seiner Trunksucht in einem Armenhospital starb. Seine ersten Romane (»Das Spinnennetz«, 1923 veröffentlicht in der »Arbeiterzeitung«; »Hotel Savoy«, 1924; »Die Rebellion«, 1924) sindÿþ wie seine zahlreichen journalistischen Arbeiten dieser Zeitÿþ von sozialistischem Engagement und Auseinandersetzung mit dem Stil der »Neuen Sachlichkeit« geprägt. Unter dem Eindruck einer Reportagereise in die Sowjetunion 1926 wandte er sich zunehmend vom Sozialismus ab; thematisch vorherrschend wurden in der Folge die Welt des Ostjudentums (»Hiob«, 1930) sowie der Untergang der Donaumonarchie (»Radetzkymarsch«, 1932; »Die Kapuzinergruft«, 1938), deren Völkergemeinschaft ihmÿþ in verklärter Sichtÿþ auch als realpolitische Alternative zum Nationalismus und Faschismus seiner Zeit erschien. þ Weitere Werke: Romane: Flucht ohne Ende (1927); Zipper und sein Vater (1928); Rechts und links (1929); Tarabas (1934); Beichte eines Mörders (1936); Die hundert Tage (1936); Das falsche Gewicht (1937); Die Geschichte von der 1002. Nacht (1939); Der stumme Prophet (herausgegeben 1966); Perlefter (herausgegeben 1978). Erzählungen: Die Legende vom heiligen Trinker (1939); Der Leviathan (herausgegeben 1940). Essay: Juden auf Wanderschaft (1927).

Ausgaben: Werke, herausgegeben von H.ÿKesten, 4ÿBde. (Neuausgabe 1975þ76); Berliner Saisonbericht. Unbekannte Reportagen und journalistische Arbeiten, 1920þ39, herausgegeben von K.ÿWestermann (1984); Werke, herausgegeben von K.ÿWestermann und F.ÿHackert, 6ÿBde. (1989þ91); Briefe aus Deutschland. Mit unveröffentlichten Materialien, herausgegeben von R.ÿSchock (1997).

Heinz Lunzer/ Victoria Lunzer-Talos: Joseph Roth. Leben und Werk in Bildern, Köln 1994.

 

Rybakow,

Anatoli Naumowitsch (eigentl.: Aronow), russischer Schriftsteller, *ÿTschernigow (Ukraine) 14.ÿ1.1911, gest. ÿNew York 23.ÿ12.1998 ; begann mit Abenteuergeschichten für Kinder und Produktionsromanen (»Menschen am Steuer«, 1950). Sein späteres Werk ist durch psychologische Einfühlsamkeit und die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen gekennzeichnet (»Schwerer Sand«, 1978). In dem Roman »Die Kinder vom Arbat« (1987) und der Fortsetzung »Jahre des Terrors« (1989) setzt er sich mit der Stalinzeit auseinander. 1989 wurde Rybakow zum ersten Präsidenten des russischen PEN-Zentrums gewählt. 2001 erschien die deutsche Ausgabe des „Romans der Erinnerung. Memoiren“ (russ. 1997).

 

Sacher-Masoch,

Leopold Ritter von, Schriftsteller, *ÿLemberg 27.ÿ1. 1836, gest. ÿLindheim (heute zu Altenstadt, Wetteraukreis) 9.ÿ3.1895; schrieb Romane mit pessimistischer Darstellung des Familienlebens und Neigung zum Masochismus (»Venus im Pelz«, 1866). Seine Novellen schildern das polnisch-jüdische Bauern- und Kleinbürgerleben.

 

Salomon Jehuda Löb Kohen Rapoport (Shir),

*Lemberg 1790, gest. 1867 Prag, Pionier der osteuropäischen Haskala und entschiedener Gegner des Chassidismus, Begründer der historisch-kritischen Methode bei der Erforschung der rabbinischen Literatur. Sein Projekt einer talmudischen Enzyklopädie blieb Torso.

 

Schmidt,

Joseph, berühmter Opernsänger und zeitweilig auch Kantor in Czernowitz (Tenor), *ÿDawideny (Bukowina) 4.ÿ3.1904, gest. ÿGirenbad (Gemeinde Hinwil, Kanton Zürich) 16.ÿ11.1942; wurde als Konzertsänger sowie durch Rundfunk, Schallplatte und Tonfilm (»Ein Lied geht um die Welt«, 1933) weltbekannt.

 

Schneerson,

(Rabbi Schneerson), Menachem Mendel, ukrainischer jüdischer Philosoph, Mathematiker, Elektrotechniker, *ÿNikolajew 14.ÿ4.1902, gest. ÿNew York 12.ÿ6.1994; lebte seit 1940 (nach abenteuerlicher Flucht aus Litauen) in den USA, übernahm 1951 in New York (Brooklyn) die Leitung der chassidischen Chabad-Bewegung (»Lubawitscher Gemeinde«) und baute sie zur weltweit einflußreichsten orthodoxen jüdischen Bewegung aus; wurde von seinen Anhängern auch als der kommende »Messias« verehrt.

 

Scholem Alejchem,

[jiddisch »Friede sei mit euch«], eigentl.: Schalom Rabinowitsch, jiddischer Schriftsteller, *ÿPerejaslaw (heute Perejaslaw-Chmelnizki, bei Kiew) 2.ÿ3.1859, gest. ÿNew York 13.ÿ5.1916; als Autor, Kritiker und Herausgeber maßgeblich an der Erneuerung der jiddischen Literatur beteiligt. Seine Romane und Erzählungen beschreiben die alltägliche Welt der osteuropäischen Juden um die Jahrhundertwende (»Tewje, der Milchmann«, 1894, danach Musical »Anatevka«, 1964, von J.ÿBock).

 

Schreyer,

Isaac (auch Herbert Urfahr) *20.10.1890 Wisnitz/Bukowina, gest. 14.1.1948 New York, Lyriker und Übersetzer, stammte aus orthodoxer Familie, studierte in Czernowitz, lebte in Berlin und Leipzig, ab 1918 in Wien, 1939 Flucht über England in die USA. Neoromantische Gedichte (zuletzt als „Psalm eines einfachen Mannes“, New York/Wien 1950), Übersetzungen aus dem Hebräischen und Jiddischen.

 

Schulz,

Bruno, polnischer Schriftsteller und Grafiker, *ÿDrogobytsch (heute Drohobitsch, bei Lemberg) 12.ÿ7.1892, 1924þ41 Zeichenlehrer in Drogobytsch, danach im Warschauer Ghetto, wo er am 19.11.1942 von einem SS-Soldaten erschossen wurde; schrieb die durch autobiographische Kindheitserinnerungen geprägten Erzählungen »Die Zimtläden« (1934) und »Das Sanatorium zur Todesanzeige« (1937).

 

Schwarzwald,

Eugenie, geb. Nußbaum, Pädagogin und Schulreformerin, *1872 Polupanowka, gest. 7.8.1940 Zürich. Aufgewachsen in Czernowitz, Gemanistikstudium in Zürich, 1900 (!) Promotion. 1901 Direktorin des Wiener Mädchenlyzeums: „Schwarzwaldsche Schulanstalten“ als „Wiege der Schulreform“. Umfangreiche Sozialarbeit. 1938 Emigration in die Schweiz.

Göllner, Renate: Kein Puppenheim. Genia Schwarzwald und die Emanzipation, Frankfurt/M. 1999

 

Sienkiewicz,

Henryk, polnischer Schriftsteller, *ÿWola Okrzejska (Woiwodschaft Lublin) 5.ÿ5.1846, gest.ÿVevey (Schweiz) 15.ÿ11.1916. Der nationalgeschichtlichen Romantrilogie (1884þ88) über das 17.ÿJahrhundert »Mit Feuer und Schwert«, »Sturmflut«, »Pan Wolodyjowski, der kleine Ritter« folgte der in viele Sprachen übersetzte Roman »Quo vadis?« (1896) aus der Zeit der Christenverfolgung unter Nero. Sienkiewicz erhielt 1905 den Nobelpreis für Literatur.

 

Singer,

Israel Joshua, amerikanischer Schriftsteller jiddischer Sprache, *ÿBilgoraj (bei Zamosc) 30.ÿ11.1893, gest. ÿNew York 10.ÿ2.1944, Bruder von Isaac Bashevis Singer; historische Familienromane, u.ÿa. »Die Brüder Aschkenasi« (jiddisch 1937, englisch 1936).

 

Singer,

Isaac Bashevis, amerikanischer Schriftsteller jiddischer Sprache, *ÿRadzymin (bei Warschau) 14.ÿ7.1904, gest. ÿMiami (Florida) 24.ÿ7.1991, Bruder von Israel Joshua Singer; seit 1935 in den USA (seit 1943 amerikanischer Staatsbürger). Singers Romane und Erzählungen in jiddischer Sprache wurzeln in der polnisch-jüdischen Kulturtradition und lassen universale Bedingungen des Menschseins lebendig werden: »Satan in Goraj«, Roman, hebräisch und jiddisch 1943, englisch 1955, deutsch 1969; »Die Familie Moschkat«, 2ÿBände, Roman, 1950; »Gimpel der Narr«, Erzählung, 1957; »Der Zauberer von Lublin«, Roman, 1960; »Jakob, der Knecht«, Roman, 1962; »Mein Vater, der Rabbi«, Autobiographie, 1966; »Feinde, die Geschichte einer Liebe«, Roman, 1972; »Der Kabbalist vom East Broadway«, Erzählung, 1973; »Leidenschaften. Geschichten aus der neuen und der alten Welt«, Erzählung, 1975; »Verloren in Amerika«, Autobiographie, 3ÿBände, 1976þ81). Singer erhielt 1978 den Nobelpreis für Literatur.

 

Sperber

Manès, französischer Schriftsteller österreichischer Herkunft, *ÿZablotów (heute Sabolotow, Ukraine) 12.ÿ12.1905, gest. ÿParis 5.ÿ2.1984; Sohn eines Rabbiners, aufgewachsen in Galizien, ab 1916 in Wien. Dort studierte er Psychologie und war Schüler und Mitarbeiter von A. ÿAdler. 1927 wurde er Dozent für Psychologie und Soziologie in Berlin; es folgten der Bruch mit Adler (1932) und der Eintritt in die KPD, deren Mitglied er bis 1937 blieb. 1933 emigrierte Sperber über Österreich und Jugoslawien nach Frankreich. 1939 diente er als Kriegsfreiwilliger in der französischen Armee, nach deren Niederlage floh er in die Schweiz. Nach Kriegsende kehrte er nach Paris zurück, wo er im Verlagswesen und zeitweise auch als Hochschullehrer tätig war. Sperber verknüpft in seinem nachhaltig vom eigenen Erleben geprägten Werk narrativen Aufbau und Elemente der Spannung mit geistreich-ironischen Analysen. Wissen, Bewußtsein, Gewissen waren ihm als geistige Einheit oberstes Gebot in Leben und Werk; als skeptischer Humanist wandte er sich gegen jede Art von Totalitarismus. Sein wohl bekanntestes Werk ist die (auto)biographisch-politische Romantrilogie »Wie eine Träne im Ozean« (1961). Des Weiteren veröffentlichte er eine Reihe von Essaybänden, in denen er sich u.a. mit jüdischer Identität, dem Problem der Gewalt und literarischen Themen auseinandersetzte, sowie psychologische Abhandlungen. Seine Erinnerungen, deren gemeinsamer Titel »All das Vergangene« lautet, umfassen die Bände »Die Wasserträger Gottes« (1974), »Die vergebliche Warnung« (1975) und »Bis man mir Scherben auf die Augen legt« (1977). Sperber schrieb auch in französischer Sprache. 1975 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, 1983 den Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. þ Weitere Werke: Essays: Alfred Adler (1926); Zur Analyse der Tyrannis (1939); Zur täglichen Weltgesch. (1967); Alfred Adler oder Das Elend der Psychologie (1970); Leben in dieser Zeit (1972); Individuum und Gemeinschaft (1978); Churban oder Die unfaßbare Gewißheit (1979); Nur eine Brücke zwischen gestern und morgen (1980).Die Wirklichkeit in der Literatur des 20.ÿJahrhunderts (1983); Ein politisches Leben. Gespräche mit Leonhard Reinisch (1984); Geteilte Einsamkeit. Der Autor und sein Leser (1985).Der schwarze Zaun (herausgegeben 1986, Romanfragment).

 

Staff,

Leopold, polnischer Lyriker, *ÿLemberg 14.ÿ11.1878, gest. Skarzysko-Kamienna (Woiwodschaft Heiligkreuz) 31.ÿ5.1957; entwickelte über Verse nach klassischem Muster immer einfachere und klarere Formen (z.ÿB. »Barwa miodu«, 1936). Der Gedichtband »Wiklina« (1954) galt als künstlerische Kampfansage an den sozialistischen Realismus; bedeutender Übersetzer aus dem Italienischen und Deutschen.

 

Steinbarg,

Eliezer, jiddischer Schriftsteller, *1880 Lipkany, Bessarabien, gest. 1932 Czernowitz. Bis 1920 Schulleiter in Lipkany, seit 1920 in Czernowitz. Populärer Verf. vor allem von hebr. Erzählungen und Fabeln für Kinder.

 

Stern

Leo (eigentl.: Jonas Leib), Historiker, Rektor der MLU Halle-Wittenberg, *27.3.1901 Woloka bei Czernowitz, gest. 2.1.1982 Halle, Studium in Wien, 1921-1933 SPÖ, 1933-1950 KOÖ, 1934 sechs Monate KZ, 1935 Emigration in die CSR, 1936 in die UdSSR, 1936-1939 Interbrigadist, 1942-1945 Rote Armee, 1945-1949 Lehrtätigkeit in Wien, 1950-1966 Prof. f. neuere Geschichte und Geschichte der Arbeiterbewegung, Direktor des Instituts f. dtsch. Geschichte der MLU Halle, 1953-1959 Rektor der MLU.

 

Stern,

Manfred, langjähriger Mitarbeiter Komintern, als „Général Kléber“ Chef der XI. Internationalen Brigade vor Madrid November 1936, *20.1.1896 Woloka, gest. 1954 in der UdSSR, während des ersten Weltkrieges Übergang zu den Bolschewiki, 1521 Teilnahme an den Arbeiterkämpfen in Mitteldeutschland, 1927 Stabschef der chinesischen Roten Armee, Spanienkämpfer, nach Rückkehr nach Moskau 1938 verhaftet und zu langjähriger Haft verurteilt, 25.8.1956 rehabilitiert.

 

Stern,

Wolf, Berufsrevolutionär , später Oberst der NVA, *15.12.1897 Woloka bei Czernowitz, gest. 16.9.1960, Studium in Czernowitz, 1919-1924 Parteiorganisator des ZK der KP der Bukowina, 1924 Flucht nach Wien, Mitglied der KPÖ, 1924-1927 Mitarbeiter der sowjet. Botschaft in Wien, 1937 sowj. Staatsangehörigkeit, 1939-1941 Sprachlehrer an der Lomonossow-Universität Moskau, 1941 Rote Armee, 1943-1950 HV Kriegsgefangenenarbeit beim NKWD, 1950-1956 Redakteur der „Sowjetliteratur“, Sept. 1956 Rückkehr in die DDR, Mitarbeiter der NVA (Institut f. Dt. Militärgeschichte Potsdam, Arbeitsgemeinschaft ehem. Offiziere, Publizist).

Lit.: Karin Hartewig: Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR, Köln-Weimar-Wien 2000, S. 131-142.

 

Twardowski,

Kazimierz, polnischer Philosoph, *ÿWien 20.ÿ10.1866, gest. ÿLemberg 1938; Schüler F. ÿBrentanos und W. ÿWundts; Begründer der sprachanalytisch ausgerichteten Schule in Warschau und Lemberg (Warschauer Schule).

 

Ulam,

Stanislaw M., Mathematiker, * Lemberg 13.4.1909, gest. Santa Fe 13.5.1984, führend beteiligt an der Entwicklung der Wasserstoffbombe in Los Alamos. Studium am Polytechnikum in Lemberg, 1936 Princeton, 1939/40 Harvard, seit 1943 in Los Alamos.

 

Viertel,

Berthold, Regisseur, Lyriker und Essayist, *28.6.1885 Wien, gest. 24.9.1953 Wien. Die jüd. Familie Viertel kam aus Galizien nach Wien.

 

Wander,

Fred, Erzähler, Jugendbuch- und Theaterautor * 5.1.1917, gest. ??? Eltern, arme Ostjuden, stammten aus Czernowitz. 1942 nach Auschwitz und Buchenwald deportiert. 1958 Übersiedlung mit seiner Frau Maxie Wander in die DDR, seit 1983 wieder in Wien. W. schreibt gegen Erinnerungsverlust und Resignation. Wichtigstes Werk die Erzählung „Der siebente Brunnen“ (1971/85): „In einer faszinierenden Mischung aus Magie und Rationalität wird die chassid. Erzähltradition wiederbelebt, die Literatur derer, die seit Jahrhunderten verfolgt sind und daher im Wort leben.“ (Eliach)

 

Weiss,

Leopold, Journalist, *1900 Lemberg, Nahost-Korrespondent der Frankfurter Zeitung, 1926 Konversion zum Islam (Muhammad Asad), engagierte sich für eine kulturelle und geistige Erneuerung der islamischen Welt, enger Vertrauter der saudischen Königsfamilie, pakistanischer Diplomat und Gesandter bei der UNO.

Günther Windhager: Leopold Weiß alias Muhammad Asad. Von Galizien nach Arabien 1900-1927, Wien 2002.

 

Weissglas,

(James ) Immanuel, Lyriker und Übersetzer, *14.3.1920 Czernowitz, gest. 28.5.1979 Bukarest. Gehörte zur Czernowitzer Gruppe um Celan und Ausländer. Unter deutscher Besatzung nach Transnistrien verschleppt, 1945 Flucht vor den Sowjets nach Bukarest. Dort vor allem als Übersetzer tätig (Goethes „Faust“). Sein Gedicht „Er“ von 1944 spielte im Zusammenhang mit Plagiatsvorwürfen gegen Celans „Todesfuge“ eine entscheidende Rolle.

 

Weldler-Steinberg,

Augusta, Essayistin und Historikern, *1.11.1879 Pomorzany, gest. 10.11.1932 Zürich. Herausgeberin der Werke von Theodor Körner, Hoffmann von Fallersleben und Rahel Varnhagen. Ab 1916 Redakteurin der „Jüdischen Zeitung“, ab 1919 Leiterin des Jüdischen Korrespondenzbüros in Zürich. Zionistische Aktivistin und Schweizer Patriotin: „Geschichte der Juden in der Schweiz vom 16. Jh. bis nach der Emanzipation“ (erst 1966/70 in zwei Bänden in Zürich erschienen).

 

Wieniawski

Henryk, polnischer Geiger und Komponist, *ÿLublin 10.ÿ7.1835, gest. ÿMoskau 31.ÿ3.1880; hat viel zur Entwicklung der Bogentechnik beigetragen; schrieb u.a. zwei Violinkonzerte.

 

Wiesenthal,

Simon, österreichischer Publizist, *ÿBuczacz 31.ÿ12.1908; Architekt, als Jude 1941 in Lemberg verhaftet und bis 1945 im KZ; trug wesentlich zur Aufspürung A. ÿEichmanns in Argentinien (1960) und über 1000 anderer nationalsozialistischer Haupttäter bei (»Nazi-Jäger«); eröffnete 1961 das jüdische Dokumentationszentrum in Wien, das er seitdem leitet.

 

Wyspiański

Stanislaw, polnischer Schriftsteller und Maler, *ÿKrakau 15.ÿ1.1869, gest. ÿebenda  28.ÿ11.1907; bedeutender polnischer Dramatiker; eine der führenden Persönlichkeiten in der neuromantischen Bewegung »Junges Polen«. Seine Dramen behandeln antike Stoffe, die polnische Geschichte (»Die Warschauerin«, 1898; »Novembernacht«, 1904) und zeitgeschichtliche Probleme. In seinen u.a. von P.ÿGauguin beeinflußten Gemälden dominieren Porträts, Landschaften und Blumen; daneben Glasmalereien und Buchillustrationen.

 

Zapolska

Gabriela (eigentl.: Maria Korwin-Piotrowska), polnische Schriftstellerin, *ÿPodhajce (bei Luzk, heute Ukraine) 30.ÿ3.1857, gest. ÿLemberg 17.ÿ12.1921; führende Vertreterin des polnischen Naturalismus; schrieb Dramen (»Die Moral der Frau Dulski«, 1907), Romane und Erzählungen.

 

Zöckler,

Theodor, Pfarrer und Anstaltsgründer, *5.3.1867 Greifswald, gest. 18.9.1949 Stade. 1890 Judenmissionar. 1891 Pfarrer in Stanislau (heute Ivano-Frankivsk), 1896 Eröffnung eines Kinderheims, danach einer deutschen Schule, seit 1913 mit dem Diakonissenhaus „Sarepta“ verbunden: Stanislauer Anstalten. 1926 bewirkte Zöckler den Zusammenschluß der sechs protestantischen Kirchen Polens zum „Rat der ev. Kirchen in Polen“. 1939 wurde Zöckler mit den Stanislauer Anstalten nach Deutschland umgesiedelt. Fortsetzung der Arbeit in Stade, nach 1990 auch wieder in bescheidener Weise in Stanislau.

 

Zuckerkandl,

Berta, Journalistin, *13.4.1864 Wien, gest. 16.10.1945 Paris. Tochter des aus Galizien stammenden Herausgebers des „Neuen Wiener Tagblatts“ Moriz Szeps, verheiratet mit dem prominenten Anatom Emil Zuckerkandl. Der Salon der „Hofrätin“ gehörte zu den intellektuellen Brennpunkten des damaligen Wien. Z. trat publizistisch engagiert für die Neue Sachlichkeit ein und gehörte zu den Mitbegründern der Salzburger Festspiele. 1938 Flucht über Frankreich nach Algier.

 

 

III. Historische Orte und Stätten

 

Auschwitz

(polnisch Oswiecim), Stadt in der polnischen Woiwodschaft Kleinpolen, an der Mündung der Sola in die Weichsel, 46ÿ000 Einwohner; Bahnknotenpunkt; chemische, Metallindustrie, Maschinenbau.

Geschichte: 1940 errichtete die SS in Auschwitz ein KZ und erweiterte es 1941 zum Vernichtungslager mit drei Hauptlagern (AÿI-Stammlager, AÿII-Birkenau und AÿIII-Monowitz) sowie 39 Außen- und Nebenlagern. Die von Februar 1942 bis November 1944 fabrikmäßig betriebenen Gaskammern ließen Auschwitz weltweit zum Synonym der Massenvernichtung europäischer Juden (Holocaust) werden. Über die Zahl der Opfer, die bis zur Befreiung des Lagers durch sowjetische Truppen (27.ÿ1.1945 [seit 1996 Gedenktag in Deutschland]; 60ÿ000 u.a. nicht jüdische Überlebende) getötet und in Krematorien verbrannt wurden oder an Entkräftung, Seuchen und Ähnlichem starben, werden verschiedene Angaben gemacht. Die neuere Forschung geht von 0,8 bis 1,6 Mio. Opfern (v.ÿa. Juden, aber auch Sinti und Roma) aus.ÿþ Die 1947 eingerichtete Mahn- und Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

 

EdH 1, 108-128 (Lit.); Robert Jan van Pelt/Deborah Dwork: Auschwitz. Von 1270 bis heute, Zürich-München 2000;

 

Belzec

Gem. in der Wwschaft Lublin, Polen.ÿþ Im November 1941 begann der Bau eines nationalsozialistischen Vernichtungslagers, in dem 1942 etwa 600ÿ000 Personen, u.a. Juden aus dem Südosten Polens, durch Motorabgase ermordet wurden (Zahlenangaben schwanken; Mindestzahl: 390ÿ000 Todesopfer).

 

EdH 1, 175-180

 

Brody

Große Synagoge („Alte Schul“) von 1742 am Markt (Festungssynagoge, heute stark verfallen), sog. Neuer jüdischer Friedhof.

Kronprinz-Rudolf-Gymnasium mit Denkmal für Josef Roth, 1815 als jüdische Realschule eröffnet

Geschichte: 1630 Bau einer Stadtanlage und Festung. Im 19. Jh. lebte in Brody die größte jüdische Gemeinde Galiziens, jüd. Anteil an der Bevölkerung zeitweilig über 70 %, Zentrum der jüdischen Orthodoxie. Das Aufkommen der Haskala führte auch in Brody zu schweren Auseinandersetzungen. 1799 Zollbefreiung für Brody, das auch als Transitort für russische Juden in Richtung Westen große Bedeutung erlangte.

 

EdH 1, 243f.

 

Czernowitz - Tschernowzy

(ukrainisch Tscherniwzi, rumänisch Cernauti, deutsch Czernowitz), Gebietshauptstadt in der Ukraine, am Pruth, 260ÿ000 Einwohner; kultureller Mittelpunkt der Nordbukowina; ukrainisch-orthodoxer Erzbischofssitz; Universität (gegründet 1875 als östlichste deutschsprachige Universität), medizinische Hochschule, Museen, zwei Theater, Philharmonie; Schuh-, Textil-, Nahrungsmittel-, chemische Industrie, Maschinenbau; Verkehrsknotenpunkt, Flughafen.

Jüdisches Haus, gebaut 1907 (jüdische Sprachkonferenz von 1908), Celan-Geburtshaus, Synagoge/Tempel (Kinotheater „Černivci“) mit Gedenktafel für Josef Schmidt, Residenz des Metropoliten der Bukowina, Hotel „Schwarzer Adler“, Gymnasium, Judenviertel , jüdisches Theater „La Scala“,  jüdische Schule in der Schulgasse (Neueröffnung), Toynbee-Halle (ehem. Zionistisches Zentrum), jüdischer Friedhof mit mehr als 50.000 Gräbern (Elieser Steinbarg, Matthias Zwilling) und in der Nachbarschaft der christl. Friedhof mit vielen deutschen Gräbern.

Geschichte: 1408 erstmals erwähnt, fiel 1775 mit der Bukowina an Österreich, 1786þ1849 Verwaltungszentrum der Bukowina innerhalb Galiziens („Klein-Wien“), 1849þ1918 Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina und Zentrum der Bukowinadeutschen; kam 1918/19 an Rumänien, 1940 mit der nördlichen Bukowina an die UdSSR (Ukraine); 1941þ44 erneut rumänisch. Oktober 1941 Errichtung des Ghettos. Um 1910 betrug der Anteil der Juden an der Bevölkerung rund 30 % („Jerusalem an der Pruth“): „Nirgends war die deutsch-jüdische Kultursymbiose besser verwirklicht.“ Heute leben noch etwa 10.000 Juden in Czernowitz. Zwischen 1848 und 1940 erschienen in Czernowitz über 370 verschiedene Zeitungen (200 deutsche, 68 ukrainische, 50 rumänische, 28 polnische und 24 jiddische)

 

EdH 2, 297f.; H. Sternberg: Zur Geschichte der Juden in Czernowitz, Tel Aviv 1962

 

Drohobyč - Drogobycz -

Georgskirche und Kreuzerhöhungskirche (Holzkirchen aus dem 15. und 16. Jh.), Ghettodenkmal. Von den ehemals sieben Synagogen existiert nur noch die neoromanische Neue Synagoge von 1865 (zuletzt als Möbelgeschäft genutzt). In Drohobycz wurde der polnisch schreibende jüdische Schriftsteller Bruno Schulz geboren, der 1942 im dortigen Ghetto erschossen wurde.

Am 9. Februar 2001 entdeckten der Hamburger Dokumentarfilmer Benjamin Geissler und sein Vater, der Schriftsteller Christian Geissler, in einer Villa in D. in dem Kinderzimmer, das heute als Vorratskammer dient, der früheren Villa des SS-Hauptscharführers Felix Landau (bis heute: „Landau-Villa“) von Bruno Frank gemalte Fresken, die inzwischen nach Israel verbracht wurden.

Geschichte: Gründung im 11. Jh., genannt nach dem Mediziner und Philosophen Jurij Drohobyć, der 1483 das erste ukrainische Buch veröffentlichte. Salzbergwerke. Das Gymnasium in D. besuchte auch Ivan Franko. Ende des 19. Jh.s Ölfunde („Galizische Hölle“). Vor dem 2. Weltkrieg etwa 35.000 Einwohner, davon über 40 % Juden, 35 % Polen und 20 % Ukrainer. 1939 Besetzung durch die Rote Armee, 1941 deutsche Besetzung, Ghetto und Judenmord. Nach dem Krieg Aussiedlung der polnischen Bevölkerung.

 

EdH 1, 370-372; T. Friedman (Hg.): Bericht des SS- und Polizeiführers über die Vernichtung der Juden Galiziens, Haifa 1959; B. Schmalhausen: Berthold Beitz im Dritten Reich. Mensch in unmenschlicher Zeit, Essen 1991

 

Kielce

Hauptstadt der Woiwodschaft Heiligkreuz, Polen, am Westrand des Kielcer Berglandes, 213ÿ700 Einwohner; katholischer Bischofssitz; Technische Hochschule, Pädagogische Hochschule; Kugellagerfabrik, Maschinen-, Chemieanlagen-, Motorrad-, Lkw-Bau, Nahrungsmittelindustrie.þ Kathedrale (1171 gegründet, im 16./17.ÿJahrhundert neu gestaltet), ehemaliges Schloß der Bischöfe von Krakau (1637þ41; Nationalmuseum).

Geschichte: Das 1084 als Handelsplatz erstmals erwähnte Kielce erhielt um 1364 Stadtrecht.ÿþ Während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg (1939þ45) nahezu vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung (1939 etwa 24ÿ000 Personen). Dem von polnischen Einwohnern sowie Militär- und Sicherheitskräften verübten Pogrom am 4.ÿ7.1946 (42 Opfer) folgte die massenhafte Emigration von Überlebenden des Holocaust aus Polen und Osteuropa.

 

EdH 2, 756f.

 

Krakau

(polnisch Kraków), Hauptstadt der Woiwodschaft Kleinpolen, Polen, an der Weichsel, mit 745ÿ400 Einwohnern die drittgrößte Stadt Polens; katholischer Erzbischofssitz; größtes polnisches Kultur- und nach Warschau zweitgrößtes polnisches Wissenschaftszentrum; Jagiellonische Universität (1364 gegründet), Technische Universität, Akademien u.a. Hochschulen, Forschungsinstitute, Zweigstelle der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Jagiellonische Bibliothek, Goethe-Institut, etwa 30 größere Museen, Theater, botanischer und zoologischer Garten; Maschinenbau, elektrotechnische, pharmazeutische, Textil-, Lebensmittel- u.a. Industrie, Druckereien; im Stadtteil Nowa Huta großes Hüttenwerk. Verkehrsknotenpunkt mit Weichselhafen und Flughafen.þ In der Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe) bedeutende Bauten: am Alten Markt u.a. Tuchhallen (14., 16. und 19.ÿJahrhundert), gotische Marienkirche (1226 bis 15.ÿJahrhundert; Altar von V. Stoß, 1477þ89) und die kleine romanische Kirche Sankt Adalbert; auf dem Burgberg (Wawel; ehemalige königliche Residenz) Schloß (Renaissanceneubau, 1502þ36) und Dom (1320þ64; später erweitert; bedeutende Kapellenanbauten des 15. und 16.ÿJahrhunderts), Krönungs- und Grabstätte der polnischen Könige (u.a. Grabmal König Kasimirs IV. von V. ÿStoß). Zu den bemerkenswerten modernen Bauten gehört das Zentrum für japanische Kunst von Isozaki Arata (1994 eröffnet).

Geschichte: Das um 965 erstmals als Handelsplatz erwähnte Krakau wurde 1000 Bischofssitz, 1138 durch Boleslaw III. testamentarisch zum Sitz des Seniors der polnischen Teilfürsten bestimmt; 1241 von Mongolen zerstört, 1257 nach Magdeburger Stadtrecht neu gegründet, trat 1430 der Hanse bei. 1320þ1764 Krönungsstadt der polnischen Könige, bis 1596 (Verlegung des polnischen Hofes nach Warschau) auch Hauptstadt Polens; fiel mit der 3. Teilung Polens (1795) an Österreich und gehörte 1809þ15 zum Herzogtum Warschau; durch den Wiener Kongreß 1815 zum neutralen Freistaat (»Republik«) erhoben (unter den Schutzmächten Österreich und Rußland); nach der Niederschlagung eines nationalpolnischen Aufstandes (1846) Österreich angeschlossen; kam nach dem Ersten Weltkrieg wieder zu Polen, im Zweiten Weltkrieg 1939þ44 Verwaltungssitz des Generalgouvernements.

Juden: Seit dem 14. Jh. eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Europa, 1495 Vertreibung der Juden nach Kazimierz (Vorstadt), ab 1867 Recht, in ganz Krakau zu wohnen. Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und Kultur seit dem Mittelalter. 1540: 2.100; 1880: 20.000 (ein Drittel der Gesamtbevölkerung); 1900: 25.000; 1921: 45.000; 1939: 60.000 Juden in Krakau. 2.3.1941 Ghetto in Podgórze (18.000 Insassen), ab Ende Mai Beginn der Deportationen in die Vernichtungslager, Aktionen im Ghetto. Mordechai Gebirtig, geb. 1877, erschossen im Ghetto von Krakau am 4.6.1942. Widerstandsbewegung mit verschiedenen Gruppen innerhalb und außerhalb des Ghettos. Nach dem Krieg 4.000 Juden in Krakau, 1946/47: 10.000. 1947/51 nach antisemitischen Ausschreitungen massenhafte Auswanderung. Seit 1968 leben nur noch wenige Juden in Krakau.

 

EdH 2, 807-811

 

Lemberg

(ukrainisch Lwiw, russisch Lwow, polnisch Lwów), Gebietshauptstadt in der Ukraine, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Westukraine, 790ÿ000 Einwohner; mehrere Universitäten, Forschungszentrum West der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, Hochschulen, Museen und Theater, Opernhaus; Maschinenbau, elektrotechnische-elektronische, chemische, Nahrungsmittel-, Leichtindustrie; Flughafen.þ Von der historischen Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe) blieben nach den Zerstörungen durch die beiden Weltkriege erhalten: Mauerteile der Festung (13.ÿJahrhundert), Arsenal (1553, 1573þ75 neu gebaut und im 18.ÿJahrhundert umgestaltet; heute historische Waffensammlung) und Pulverturm (1554þ56), römisch-katholische Kathedrale (14./15. Jahrhundert, barock umgestaltet), armenische Kathedrale (1363þ70, barock überarbeitet, Fassade 1908), Mariä-Entschlafen-Kathedrale (1591þ1629), Dominikaner- und Georgskirche (beide 18.ÿJahrhundert) sowie das »Schwarze Haus« (1577), das neue Rathaus (1828þ37) und das Landtagsgebäude (1877þ81; heute Universität). Bemerkenswert die „Alte Jüdische Straße“ mit den letzten Resten der Synagoge „Goldene Rose“ (Gedenktafel), der Alte Markt, an dem die Große Synagoge („Tempel“) stand. Jüd. Friedhof zerstört. Die frühere chassidische Synagoge am pl. sv. Teodora heute Zentrum der jüdischen Kultur. Wohnhaus von Scholem Alejchem mit Gedenktafel an der Spitalstraße. Am Krakauer Markt das alte jüdische Krankenhaus mit großer Kuppel, heute Frauenklinik. Lućakivs’ke Friedhof (Pestfriedhof 16. Jh., seit 1786 städtischer Friedhof mit Grabmal Ivan Franko und Museum für Volksarchitektur und Lebensweise.

Geschichte: Das als Festung gegen die Mongolen gegründete Lemberg wurde 1256 erstmals urkundlich erwähnt; 1340 und erneut 1349 vom polnischen König Kasimir dem Großen erobert; erhielt 1356 Magdeburger Stadtrecht. Bei national wie konfessionell stark gemischter Bevölkerung (Polen, Ukrainer, Armenier, Deutsche, Juden) wurde Lemberg im 15. und 16.ÿJahrhundert wirtschaftliches und kulturelles Zentrum von »Rotreußen«. Lemberg fiel 1772 an Österreich (bis 1918 Hauptstadt Galiziens); nach Eroberung durch Polen (1918) 1919þ39 Hauptstadt einer Woiwodschaft; 1939 der UdSSR (Ukraine) angegliedert; gehörte während der deutschen Besetzung (1941þ44) als Hauptstadt des »Distrikts Galizien« zum Generalgouvernement (Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, Lager Janowska in Lemberg); nach Rückeroberung durch die Rote Armee (1944) Vertreibung der polnischen Bevölkerung und Ansiedlung von Ukrainern.

 

EdH 2, 851-853; L. Wells: Der Sohn Hiobs, München 1963; Ph. Friedmann: The Destruction of the Jews of Lwów, 1941-1944, in: M.R. Marrus (Hg.), The Nazi Holocaust, Bd. 4, Westport/London 1989, S. 659-736; L. Richman: Why? Extermination Camp Lwow, New York 1977; J. Schoenfeld: Holocaust Memoires. Jews in the Lwów Ghetto, the Janowski Concentration Camp and as Deportees in Siberia, Hoboken/New York 1985; D. Kahane: Kvov Ghetto Diary, Amherst 1990

 

 

Lublin

Hauptstadt der Woiwodschaft Lublin, Polen, zwischen Weichsel und Bug, 355ÿ400 Einwohner; Sitz eines katholischen Erzbischofs; Universität und katholische Universität, Technische Universität, medizinische und landwirtschaftliche Akademie, Museen, Philharmonie und Theater; LKW- und Landmaschinenbau, Nahrungsmittel-, chemische, Textilindustrie.þ Burg (14.ÿJahrhundert, im 18./19.ÿJahrhundert zerstört und im 19.ÿJahrhundert neu errichtet; heute Museum); barocker Dom (1592þ1604; 1819 umgebaut); Altes Rathaus (16./17.ÿJh.; 1781 im klassizistischen Stil umgebaut); zahlreiche Klöster und Adelspaläste aus dem 16.þ18.ÿJahrhundert.

Geschichte: Lublin, im 12.ÿJahrhundert eine polnische Burg mit Handwerker- und Kaufmannssiedlung, erhielt 1317 Magdeburger Stadtrecht und war ab 1413 Versammlungsort des polnischen und litauischen Adels. Als Hauptstadt einer Woiwodschaft (seit 1474) im 15./16.ÿJahrhundert ein wirtschaftlich-kulturelles Zentrum. Durch die Union von Lublin (1569) wurden Polen und Litauen zu einem Staat vereinigt. 1915þ18 Sitz des österreichischen Generalgouverneurs. In Majdanek ( mit seinem Außen- und Zwangsarbeitslager Lublin-Lipowa in der Lipowa-Straße 7) befand sich 1943/44 ein nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager. 1944 wurde Lublin von der Roten Armee eingenommen und war bis Januar 1945 Sitz des Polnischen Komitees der Nationalen Befreiung (Lubliner Komitee), aus dem die Polnische Provisorische Regierung hervorging.

Juden: Juden lebten seit dem 14. Jh. in Lublin, das im 16./17. Jh. zum Zentrum jüdischer Studien in Polen wurde, 19. und 20. Jh. Mittelpunkt der hebräischen und jiddischen Kultur mit vielen jüdischen Organisationen und politischen Parteien. 1939: 40.000 Juden von insgesamt 122.000 Einwohnern. Fluchtpunkt Tausender Juden beim Einmarsch der deutschen Truppen. Nov. 1939: Kennzeichnung als Juden. Pläne, den Distrikt Lublin zum Judenreferat umzugestalten. Majdanek = Vorort von Lublin. Frühjahr 1941: Einrichtung eines Ghettos (34.000 Insassen). Deportation von 10.000 Juden in das Umland. Im März 1942 Beginn der Deportationen nach Belzec, später auch nach Majdanek. Nach der Befreiung am 24.7.1944 Sammelpunkt für Überlebende aus der Umgebung. In den frühen 70er Jahren zerfielen die Reste der jüdischen Gemeinde.

 

EdH 2, 904-907

 

Majdanek

Stadtteil von Lublin (Polen).ÿþ Im damaligen Dorf Majdanek befand sich 1943/44 ein nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager; von den rund 500ÿ000 Insassen wurden 250ÿ000, nach anderen Schätzungen 360ÿ000 Menschen, zumeist Juden, umgebracht; seit Oktober 1944 Gedenkstätte und Museum.ÿþ Ein Düsseldorfer Gericht verurteilte im Majdanek-Prozess Angehörige des deutschen Majdanek-Personals (1975þ81).

 

EdH 2, 918-920; J. Marszałek: Majdanek. Geschichte und Wirklichkeit eines Vernichtungslagers, Reinbek 1982

 

Przemysl

Kreisstadt in der Woiwodschaft Vorkarpaten, Polen, im Karpatenvorland, am San, 69ÿ000 Einwohner; Sitz eines katholischen Bischofs; Diözesanmuseum; elektronisch-elektrotechnische, Holz-, Maschinenbau-, Nahrungsmittel-, chemische Industrie; in der Nähe an der ukrainischen Grenze großer Güterbahnhof Zurawica-Medyka und Erdgasgewinnung.þ Schloß (17.ÿJahrhundert), Dom, ursprünglich gotisch (1460þ1571), viele Klöster.

Geschichte: Ab 10.ÿJahrhundert eine Grenzburg des Kiewer Reichs, 1340 von Kasimir II. für Polen erobert; fiel 1772 an Österreich, seit 1876 zur Festung ausgebaut; im Ersten Weltkrieg hart umkämpft; kam 1919 an Polen.

 

Radom,

Kreisstadt in der Woiwodschaft Masowien, Polen, 232ÿ300 Einwohner; Sitz eines katholischen Bischofs; Freilichtdorfmuseum, botanischer Garten; Schuh-, Zigarettenindustrie, Bau von Schreib-, Nähmaschinen und Fernsprecheinrichtungen.þ Gotische Bernhardinerkirche und Pfarrkirche.

Geschichte: 1155 erstmals erwähnt.

 

EdH 2, 1179-1181

 

Rzeszów

Hauptstadt der Woiwodschaft Vorkarpaten, Polen, im Karpatenvorland, 160ÿ300 Einwohner; katholischer Bischofssitz, Technische Universität, Pädagogische Hochschule, Museum; Maschinen-, Flugzeugmotoren-, Kühlschrankbau, pharmazeutische, optische, Textil-, Baustoff-, Lederindustrie, Metallverarbeitung; Flughafen.

 

EdH 2, 1263-1265; M. Yaari-Wald (Hg.): Rzeszow Jews’ Memorial Book, Tel Aviv 1967

 

Sadagora

Palast des R. Israel Friedmann, jüd. Friedhof.

„Vorstadt“ von Czernowitz („Gartenberg“), Zentrum des Chassidismus seit dem 18. Jh. R. Israel Friedmann mußte Czernowitz verlassen und ließ sich in S. nieder. Der Wunderrabbi zog Tausende Anhänger an sich.

 

Sandomierz

Kreisstadt in der Woiwodschaft Heiligkreuz, Polen, an der Weichsel, 50ÿ400 Einwohner; katholischer Bischofssitz, Diözesanmuseum; Flachglashütte, Metallindustrie, Flußhafen und -werft.þ Dominikanerkirche (13.ÿJahrhundert), gotische Kathedrale (14.ÿJahrhundert).

 

Stanislau – Ivano-Frankivs’k

Geschichte: 1662 Stadtgründung, Magdeburger Recht. Ansiedlung vieler Armenier und Juden. Seit Anfang des 19. Jh.s Aufschwung der Stadt. Nach dem Ersten Weltkrieg für wenige Monate Regierungssitz der Westukrainischen Volksrepublik, 1939 wieder polnisch. 1939 waren 41 % der Bevölkerung Juden, 37 % Polen, 19 % Ukrainer und 3 % Deutsche. In sowjetischer Zeit starker Ausbau der Rüstungsindustrie. 1962 Umbenennung in Ivano-Frankivs’k. Neben Lemberg war Stanislau das bedeutendste galiziendeutsche Zentrum: 1934 rund 1.000 evangelische Deutsche. 1896 Beginn der Zöcklerschen Anstalten („Bethel des Ostens“), 1999 Gedenktafel für Zöckler und seine Anstalten.

 

EdH 3, 1370-1372; E. Freundlich: Die Ermordung einer Stadt namens Stanislau. NS-Vernichtungspolitik in Polen 1939-1945, Wien 1986; T. Friedmann: Schupo- und Gestapo-Kriegsverbrecher von Stanislau vor dem Wiener Volksgericht, Haifa 1956

 

Tarnów

Stadt in der Woiwodschaft Kleinpolen, Polen, im nördlichen Karpatenvorland, nahe der Mündung der Biala in den Dunajec, 121ÿ500 Einwohner; katholischer Bischofssitz; Stickstoffwerk, Maschinen-, Motorenbau, Glas-, Holzindustrie.þ Rathaus (15.ÿJahrhundert; heute Stadtmuseum), Kathedrale (um 1400) u.ÿa. Kirchen (15.þ18.Jh.).

Geschichte: Tarnów erhielt um 1330 Magdeburger Stadtrecht.

 

EdH 3, 1396-1398

 

Ternopol

(ukrainisch Ternopil, deutsch und polnisch Tarnopol), Hauptstadt des Gebiets Ternopol, Ukraine, am Sereth, 235ÿ000 Einwohner; vier Hochschulen; Nahrungsmittel-, Baumwoll-, Porzellanindustrie, Maschinenbau, Arzneimittelfabrik; Verkehrsknoten, Flughafen.

 

EdH 3, 1402f.; P. Korngrün (Hg.): Encyclopedia of the Jewish Diaspora. Tarnopol Volume, Jerusalem 1955

 

Zamość

Stadt in der Woiwodschaft Lublin, im südlichen Ostpolen, 67ÿ100 Einwohner; katholischer Bischofssitz; Museum; Möbel-, Bekleidungs-, Nahrungsmittelindustrie ; Zoo.þ Fast vollständig erhaltene Renaissance-Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe). An den Marktplätzen Häuser aus dem 16./17.ÿJahrhundert, an der Nordseite des Großen Marktes das Rathaus (1591þ1600; 1639þ51 umgebaut) mit achteckigem Uhrturm (58ÿm hoch), unweit die ehemalige Synagoge (um 1610þ20) und der Residenzpalast der Zamoyski (1581þ86; 1741þ51 spätbarock und nach 1831 klassizistisch verändert), im Südwesten des Marktes die Kollegiatskirche (1587þ98, 1825þ27 umgebaut).

Geschichte: Gegründet 1580 als Festungsstadt auf schachbrettartigem Grundriss von J.ÿZamoyski.

Juden: Vor dem Krieg jüdische Mehrheit in der Stadt und vielen umliegenden Ortschaften. Unmittelbar nach der Besetzung Aktionen in den Ghettos und Deportationen nach Belzec. 12.11.1942 wurde das Gebiet um die Stadt zum „Ersten Siedlungsbereich“ des GG erklärt: umfangreiche Deportationen der polnischen Einwohner in andere Gebiete und Vernichtungslager. Starke Partisanenbewegung unter jüdischer Beteiligung. Juli 1944 Befreiung des Gebietes durch die Rote Armee.

 

EdH 3, 1621f.

 

IV. Einzelkomplexe:

 

Chassidismus

Der Chassidismus ist nicht nur eine pietistische Frömmigkeitsbewegung des 18. Jahrhunderts im osteuropäischen Judentum, der Chassid (Fromme) ist vielmehr ein allgemeiner Typus der biblischen Religiosität, der zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten immer wieder in Erscheinung tritt. Das Adjektiv »Chassid« entspricht dem Substantiv »Chessed«, das in der Bibel »Güte«, »Gnade« oder »Gunst« bedeutet. Die Wortwurzel bedeutet aber auch »Schande«. Als Chassid bezeichnet man denjenigen, der »Chessed« übt, das heißt mehr leistet, als von ihm erwartet wird, und sich durch Großzügigkeit und Hingabe auszeichnet. In den Psalmen wird Gott selbst »Chassid« genannt, und die Chassidim, die ihm rückhaltlos dienen, sind seine Lieblinge. Es ist kein Zufall, dass später gerade der Psalter, dessen Autor sich ebenfalls als »Chassid« bezeichnet, zum Lieblingsbuch der Chassidim wurde. Als Gruppe begegnen die Chassidim erstmals in den Makkabäerbüchern und zeichnen sich hier durch radikalen Gesetzesgehorsam und Bereitschaft zum Martyrium aus.

In der rabbinischen Literatur ist von den »früheren Frommen« die Rede, die insbesondere im klassischen Gebiet der Frömmigkeit, im Gebet, durch religiöse Sonderleistungen auffallen: Dem Gebet der Chassidim werden Wunderkräfte zugeschrieben, was der Talmud mit einer für die gesamte magische Richtung der jüdischen Mystik zukunftweisenden Formel ausdrückt. »Du (nämlich der Chassid) hast hienieden verfügt, und der Heilige, gesegnet sei er (Gott), hat es oben erfüllt.« Die Chassidim gelten als Wunder- und Medizinmänner und sind Gegenstand zahlreicher populärer Erzählungen; so etwa die Geschichten des Regenmachers Choni Hamagel und des Gesundbeters Rabbi Chanina ben Dossa im ersten Jahrhundert þ eines jüngeren Zeitgenossen und religiösen Artgenossen Jesu. Die Chassidim waren durchaus auch gelehrt, sie lehnten aber die Gelehrsamkeit als Selbstzweck ab und betonten die religiösen Werte wie absolutes Gottvertrauen, Sündenscheu und Demut. Der Chassid tut dabei nicht weniger oder anderes, sondern mehr, als das Gesetz und die Moral verlangen, und handelt folglich, wie es heißt: »innerhalb der Linie des Gesetzes«. Diese besonderen Forderungen entsprechen im Vergleich zur gewöhnlichen Norm, die in der Mischna kodifiziert ist, der sogenannten »Mischnat haChassidim«. Die Erschwerungen, die sich der Chassid auferlegt, machen ihn bei seinen Zeitgenossen und den Hütern der Norm, den Gelehrten, nicht unbedingt beliebt. Der Typus des Chassid galt denn auch in der halachischen und moralischen Literatur als Ausnahme. Die Sittenlehre der »Mischne Thora« von Maimonides erhebt wie Aristoteles das Mittelmaß zum Ideal und bestimmt die ethische Tugend als mittleren Weg zwischen den Extremen. Der Mittelmäßige ist nach Maimonides der Weise (Chacham); wer sich dagegen vom mittleren Weg entfernt und sich ein Übermaß an Frömmigkeit abfordert, wird »Frommer« genannt.

Der Chassidismus begegnet später auch als religiöses Ideal im Deutschland des 12. und 13. Jahrhunderts, vor allem im Rheinland, als dort unter anderem auch die christlichen Mystik blühte. Die religiösen Normen und die Spiritualität der deutschen Chassidim (Chasside Aschkenas) haben ihren Niederschlag im volkstümlichen »Buch der Frommen« (Sefer Chassidim) gefunden, einer Sammlung aus etwa 2000 Verhaltensregeln, Geschichten, Wundererzählungen, Auslegungen und Predigten in bunter Mischung. In dem Bild, das das »Buch der Frommen« vom Chassid zeichnet, finden wir alle biblischen und rabbinischen Züge des Typus wieder: skrupulöse Gebotserfüllung und Sonderleistungen, athletische Askese und Märtyrertum, Gebetsmeditation und Theurgie, der Versuch einer Beeinflussung Gottes durch menschliches Tun. Das penible Sündenbewußtsein und die exzessiven Bußtarife sind offensichtlich von zeitgenössischen christlichen Praktiken beeinflußt. Im »Buch der Frommen« wird etwa die Kasteiung eines Chassid, der sich im Sommer zwischen die Flöhe legte und im Winter seine Schuhe mit Wasser füllte, als höchst verdienstlich veranschlagt. Die Historiker sind sich darüber einig, daß die Chassidim in diesem Punkt mit christlichen Asketen wetteiferten. Auch der ungewöhnlich starke Aberglauben im »Buch der Frommen« entsprach dem der nicht-jüdischen Umwelt. Neben den spektakulären esoterischen Praktiken war die Frömmigkeit der Chasside Aschkenas ausgesprochen düster. Sie hielten strengste Bußübungen. Der Chassid wird wegen seiner strengen Verhaltensmaßstäbe und seiner Abwendung von bürgerlicher Lebensart von seiner Umgebung, die in religiösen Dingen nichts weniger als lax war und die sich offenbar durch seinen Übereifer überfordert fühlte, verspottet; seine Frömmigkeit bestätigt sich darin, daß er dieses Los als Buße schweigend erträgt. Der Chassid hat sich in seiner Umwelt in fortwährender Anfechtung zu bewähren. Den Vers aus dem Psalm 44, 22: »Denn wir werden ja um deinetwillen täglich erwürgt und sind geachtet wie Schlachtschafe« deutet das Sefer Chassidim auf die Scham der Chassidim, die wegen der Gebote Schande, Schmach und Erniedrigung ertragen. Die chassidische Religiosität ist Märtyrerreligiosität, und die zeitgenössischen jüdischen Märtyrer der Kreuzzüge werden in den hebräischen. Chroniken umgekehrt auch als Chassidim bezeichnet.

Die chassidische Bewegung, die im 18. Jahrhundert in Polen in Erscheinung trat und bis heute fortlebt, unterscheidet sich von allen früheren Spielarten des Chassidismus durch ihren populären Charakter. Der polnische Chassidismus war in dieser Hinsicht sogar das gerade Gegenteil zum landläufigen Chassidismus individualistischer und elitärer Asketen. War bisher die Einstellung der Chassidim zur Gesellschaft durch Rückzug, Einsamkeit und Gleichgültigkeit geprägt, so predigte der polnische Chassidismus Verantwortung für die Gemeinschaft Israels und Engagement für die sozial und religiös Schwachen; dominierten bisher introvertiertes Schuldbewußtsein und Gefühle des Versagens in der Stimmung der Chassidim, so bekämpfte der polnische Chassidismus die Melancholie mit extrovertierter, ekstatischer Begeisterung. Das neochassidische Bild des Chassidismus als einer weltbejahenden Religiosität, wie es etwa Martin Buber bot, ist freilich ein Anachronismus. Die doktrinale Basis für den polnischen Chassidismus ist die Kabbala des Isaak Luria, und es geht letztlich auch ihm um die Erlösung des göttlichen Lichts aus den weltlichen Schalen. Aber daraus ergibt sich zunächst einmal die Konsequenz, daß Gott in allem þ auch im Bösen þ harrt. Werke der Erlösung müssen überall und jederzeit, auch in den alltäglichsten Verrichtungen wie Essen und Rauchen, vollbracht werden. Dazu sind aber nicht, wie in der lurianischen Kabbala, eine komplizierte Gnosis über die Herkunft der göttlichen Funken und spezielle Meditationstechniken zu ihrer Rückführung nötig; der polnische Chassidismus empfahl bloß eine immer währende Ausrichtung auf und Vereinigung mit Gott und eine ansteckende Begeisterung, die aus den inneren und äußeren Verschalungen die göttlichen Funken schlägt. Wenn von dem »populären Charakter« des polnischen Chassidismus die Rede ist, dann heißt das allerdings nicht, dass diese Erlösungsarbeit jedermann zugetraut wird; sie bleibt vielmehr die Aufgabe religiöser Spezialisten, der Gerechten, der Zadikim, die sie für die gewöhnlichen Chassidim und das Volk übernehmen.

Dr. Daniel Krochmalnik

 

Haskala

[hebr. „Aufklärung“] die, Bezeichnung der durch die europäische Aufklärung inspirierten, wirtschaftlich, geistig und sozial motivierten jüdischen Emanzipationsbestrebungen der jüdischen Aufklärer (Maskilim) in Westeuropa und Mitteleuropa (18.ÿJahrhundert) sowie in Osteuropa (um die Wende vom 18. zum 19.ÿJahrhundert). Grundlegend für die Haskala waren der neue Religionsbegriff der Aufklärung (Vernunftreligion) und das Ideal einer neuen Humanität, wie es v.ÿa. von M.ÿMendelssohn vertreten wurde, der als »Vater der Haskala« gilt. Hauptanliegen war die Zuwendung zur nichtjüdischen Umwelt und Wissenschaft und, damit verbunden, der Auszug aus dem (materiellen und geistigen) Ghetto. In West- und Mitteleuropa führte die Haskala im 19.ÿJahrhundert zur Assimilierung u.a. des jüdischen Bürgertums, in Osteuropa scheiterte sie weitgehend am Widerstand orthodox-jüdischer Kreise. Pogrome, nationalreligiöse und sozialistische Bestrebungen führten hier zum Zionismus.

 

Jiddische Sprache

Sprache der nicht assimilierten aschkenasischen Juden, früher auch als »Jüdisch« oder »Hebräisch-Deutsch« und im Jiddischen selbst oft als »Mame-loschn« (Muttersprache) bezeichnet; auch mit den Bezeichnungen »Jargon«, »Mauscheln« oder »Kauderwelsch« in jüdischem Kontext ist meist die jiddische Sprache gemeint. Trotz der Vernichtung eines großen Teils (etwa 5 Mio. Sprecher) der jiddischen Sprachgemeinschaft im Holocaust blieb Jiddisch bis heute die am weitesten verbreitete jüdische Sprache mit schätzungsweise noch 5þ6 Mio. Sprechern (v.ÿa. in Nordamerika und Israel, Osteuropa und Westeuropa), denen Jiddisch zumindest als Zweitsprache geläufig ist.

Die Geschichte der jiddischen Sprache begann im 10.ÿJahrhundert mit der Einwanderung von Juden aus Gebieten mit romanischer Sprache in rheinische und donauländische Regionen. Die wenigen Überlieferungen lassen erkennen, daß das Altjiddische (bis etwa 1500) an den sprachlichen Veränderungen des mittelalterlichen Deutsch im Wesentlichen teilnahm; trotzdem bewirkte die soziokulturelle Desintegration der Juden sprachliche Besonderheiten, besonders den ausschließlichen Gebrauch des hebräischen Alphabets. Die jüdische Flucht und Vertreibung seit den Kreuzzügen und der Pestzeit Mitte des 14.ÿJahrhunderts führte zur Verbreitung der jiddischen Sprache nach Süden (Oberitalien) und Osten (Böhmen, Mähren, Polen). Im Mitteljiddischen (16.þ18.ÿJahrhundert) trat neben dem Deutschen die hebräisch-aramäische Komponente stärker hervor, die Aufnahme slawischer Sprachelemente und der gelockerte Kontakt zum deutschen Sprachgebiet sonderten allmählich den östlichen vom westlichen Sprachzweig. Wachsender Assimilationsdruck reduzierte Letzteren auf lokal- und fachsprachliche Reste, so daß das Neujiddische (seit dem 19.Jahrhundert) weitgehend mit dem Ostjiddischen identisch ist. Seine Verbreitung nahm nach der Auswanderungsbewegung nach Übersee seit den Pogromen 1881 zu; materielle und kulturelle Entwurzelung der Sprecher drängte den Gebrauch der jiddischen Sprache zurück. Die seit Ende der 30er-Jahre, besonders ab 1949 in der UdSSR bestehenden Restriktionen und u.a. die weitgehende Vernichtung jüdischer Kultur Osteuropas im Zweiten Weltkrieg lassen den Fortbestand und die -entwicklung der jiddischen Sprache problematisch erscheinen.

 

Jiddische Literatur

Ältere jiddische Literatur: Umfangreichere Texte sind erst in der Cambridger Handschrift von 1382/83 überliefert; schon hier zeigt sich die Bearbeitung sowohl spezifisch jüdischer als auch deutscher Erzählstoffe: dem »Josef ha-zadik« (»Der glaubensfeste Josef«) oder »Avroham ovinu« (»Unser Vater Abraham«) folgten später »Schmuelbuch« (Geschichte Davids), »Melochimbuch« (Salomo und Nachfolger) sowie mehrere »Esther«-Epen, während an den dem deutschen »Kudrun«-Epos nahe stehenden »Dukus Horant« Heldenepen wie »Hildebrandt« oder »Sigenot« anknüpften. Zur Artusepik gehört »Widuwilt«, dessen Tradition im 16.ÿJahrhundert die Ritterromane von E.ÿLevita fortsetzten. Historische und legendarische Kleinepik enthalten u.a. ein Wormser und ein Regensburger Zyklus (»Maaßebuch«, 1602). Seit dem 16.ÿJahrhundert entstanden Bearbeitungen deutscher Volksbücher undÿþ unter Anlehnung an deutsche Fastnachtsspieleÿþ die Purimspiele. Um die Wende vom 17. zum 18.ÿJahrhundert bezeugen die privaten Memoiren der Glückel von Hameln Einflüsse der älteren jiddischen Literatur.

Moderne jiddische Literatur: Im Zuge der jüdischen Aufklärung (Haskala) entstand im 19.ÿJahrhundert eine sprachlich und inhaltlich zeitnahe Literatur, in der die Konflikte zwischen ostjüdischem Traditionalismus und gesellschaftlichem Umbruch verarbeitet wurden. Mit sozialpädagogischer Intention bekämpften die Aufklärer besonders die mystisch gefärbte Volksfrömmigkeit (Chassidismus). Der Verbindung traditioneller Elemente mit rationalistischer Lehrhaftigkeit verdanken A.ÿGoldfadens (*ÿ1840, ÿ1908) Volksstücke nachhaltigen Erfolg. Mit seinen Romanen erreichte Mendele Mojcher Sforim eine realistische Darstellung des ostjüdischen Alltags. Scholem Alejchem steigerte die Breitenwirkung mit der 1888 gegründete Reihe »Jidische Folksbibliotek«, in der u.ÿa. Jizchak Lejb Perez erstmals jiddisch publizierte und zahlreiche jüngere Autoren beeinflusste. Nach dem Ersten Weltkrieg gewann die jiddische Literatur an Vielgestalt und Verbreitung. Ein Grundzug der jüngeren jiddischen Literatur ist die Neigung zur Retrospektive. Verfolgung und Ausrottung durch den Nationalsozialismus spiegeln sich in der teils kämpferischen, teils elegischen Ghettoliteratur. Zu den bedeutenden neueren Autoren der jiddischen Literatur gehören S.ÿAsch, D.ÿBergelson, J.ÿOpatoschu, I.ÿB. Singer (Nobelpreis für Literatur 1978), I.ÿManger. Seit 1949 wurde Israel zunehmend zum Sammelbecken der neueren jiddischen Literatur; im inhaltlichen Zentrum zeitgenössischer jiddischer Literatur, vertreten von meist russisch-jiddischen Autoren, steht v.a. in der Lyrik immer stärker das Individuum in seiner psycholog. Vielschichtigkeit.

 

Judenverfolgungen,

seit der Zeit der jüdischen Diaspora (Persien 5.ÿJahrhundert v. ÿChr.) bezeugte, bis in die jüngste Vergangenheit praktizierte antisemitische Maßnahmen. Neben Pogromen u.a. zur Zeit der Kreuzzüge und der Ketzerbekämpfung (u.a. in Frankreich und im Heiligen Römischen Reich) im Hoch- und Spät-Mittelalter (u.a. ab 1215 auch Kennzeichnungspflicht; Judenabzeichen), ihrer Vertreibung aus u.a. England (1290), Frankreich (1394) und Spanien (1492) fanden nach der Aufklärung Judenverfolgungen im 19.ÿJahrhundert u.a. noch in Rußland statt. Ein bis dahin nie gekanntes Ausmaß erreichten die Judenverfolgungen im nationalsozialistisch beherrschten Europa. Nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 und dem Novemberpogrom 1938 (Kristallnacht) wurde im Verlauf des Zweiten Weltkriegs der bürokratisch organisierte sowie industriell ausgeführte Genozid am europäischen Judentum in Gang gesetzt (»Endlösung der Judenfrage«; Holocaust). Unter der hauptverantwortlichen Organisation von SS und SD (u.a. H. ÿHimmler, R. ÿHeydrich und A. ÿEichmann) ab Sommer/Herbst 1941 begonnen (Einsatzgruppen), ab Anfang 1942 forciert (Wannseekonferenz), gipfelte er in der Ermordung von etwa 6ÿMio. Juden in Konzentrations- und u.a. Vernichtungslagern (Vergangenheitsbewältigung). Eine anders geartete, ebenso ideologisch motivierte Unterdrückung ihrer Kultur bis hin zur Verfolgungÿþ mit Ausgrenzungen, Schauprozessen und Deportationenÿþ durchlitten die Juden im 20.ÿJahrhundert u.a. unter stalinistischen Vorzeichen in der Sowjetunion (u.a. 1930er-Jahre, 1948þ53; Antisemitismus).

 

Holocaust: Die rassistische Vernichtungspolitik Deutschlands

 

Der Antisemitismus wird Staatsdoktrin

 

Mit dem Sieg des Nationalsozialismus über die Demokratie war 1933 der Antisemitismus Staatsdoktrin in Deutschland geworden. Zu den Stationen der Entwicklung gehörten im April 1933 der Boykott gegen jüdische Geschäfte und Unternehmen, die Verdrängung der Juden aus Berufen, Universitäten, Theatern und Schulen und ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft durch die Nürnberger Gesetze 1935. Mit diesen Gesetzen wurden den Juden die Bürgerrechte aberkannt: Menschen, die seit Generationen in Deutschland lebten, die tief in der deutschen Kultur verwurzelt waren, wurden zu Staatsangehörigen zweiter Klasse herabgestuft. Die deutschen Bürger nahmen diese Diskriminierungen, da sie formal »legal« waren, weil sie von Staats wegen verfügt worden waren, ohne Protest als neues »Recht« hin.

Im April 1938 mußten Juden ihre Vermögen deklarieren, ab Mai 1938 waren sie von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen, im Juli gab es eine besondere Kennkarte für sie, im August erging die Verordnung zur Führung der zusätzlichen Zwangsvornamen Sara(h) oder Israel, im Oktober wurde ý auf Initiative Schweizer Behörden ý in die Reisepässe ein J gestempelt. Nach seinem »Anschluß« im März 1938 wurde Österreich Experimentierfeld für die forcierte Auswanderung der etwa 200000 Juden. Im Auftrag des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) übte die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien seit August 1938 entsprechenden Druck aus. Geleitet von Adolf Eichmann, war sie das Vorbild der Berliner Reichszentrale für jüdische Auswanderung, die im Januar 1939 eingerichtet wurde.

 

Der Novemberpogrom 1938 und die Reaktion der Deutschen

Die Ermordung des deutschen Botschaftssekretärs Ernst Eduard vom Rath in Paris am 7. November 1938 durch den 17-jährigen Herschel Grynszpan bot den Nationalsozialisten den Anlaß zum Pogrom im November 1938. Weil er sich in Paris aufhielt, war Grynszpan als einziges Familienmitglied nicht im Oktober 1938 deportiert worden, als 17000 Juden polnischer Nationalität, die in Deutschland gelebt hatten, abgeschoben worden waren. Das nationalsozialistische Regime machte aus dieser Verzweiflungstat eine »Verschwörung des Weltjudentums« und benutzte diese Gelegenheit, Judenfeindschaft brutal und öffentlich zu demonstrieren. Die Demonstration erfolgte als Gewaltakt gegen die jüdische Minderheit. Der staatlich verordnete Pogrom leitete die offene Verfolgung der Juden in Deutschland und wenig später in Europa ein. Der Novemberpogrom war nur ein Symptom, ein erster, Schrecken erregender Höhepunkt der Diskriminierung: Der Sachschaden betrug einige Hundert Millionen Reichsmark, die Zahl der Todesopfer ý durch Mord, als Folge von Mißhandlung, Schrecken, Verzweiflung ý ging, die Selbstmorde nicht mitgerechnet, mindestens in die Hunderte. Am 12. November wurde den Juden eine »Sühneabgabe«, die eine Milliarde Reichsmark betrug, auferlegt; mit Gewalt drängte das Regime Juden zur Auswanderung; es folgten die Liquidierung aller Geschäfte und Unternehmen, die »Arisierung« auch des Grund- und Immobilienbesitzes, die völlige Entrechtung in Etappen bis zur physischen Vernichtung.

Die Reaktion der Deutschen auf den Novemberpogrom war zwiespältig. Viele, sie bildeten sicherlich die Mehrheit, lehnten die pöbelhaften Exzesse, die rohe Gewalt gegen Menschen und deren Eigentum, ab, sie fanden ihre Vorstellungen von Ordnung und Vernunft ins Gegenteil verkehrt, wenn sie beobachteten, wie die Feuerwehr brennende Synagogen nicht löschte, sondern sich darauf beschränkte, die Nachbargebäude zu schützen, wie die Polizei befehlsgemäß zusah oder sich abwandte, wenn Juden mißhandelt wurden. Viele Bürger, die die Gewaltakte mißbilligten, waren aber nur mit den Methoden unzufrieden, die ihre nationalsozialistische Obrigkeit anwandte. Mit dem Ziel, die Juden zu vertreiben, sie bei passender Gelegenheit ihres Eigentums zu berauben, waren sie, wenn nicht von Hause aus, so in der Folge der antisemitischen Propaganda im Großen und Ganzen schon einverstanden.

Man kann den Novemberpogrom als ein Ritual öffentlicher Demütigung deuten, als inszenierte Entwürdigung einer Minderheit, gegen die Vorurteile existierten, gegen die latente Hass- und Neidgefühle mobilisiert werden konnten. Die Nationalsozialisten verwandten viel Mühe daran, die deutschen Juden zu Fremden zu machen. Der Unterschied zwischen »Deutschen« und »Juden« ist dabei propagandistisch erfolgreich herausgearbeitet worden.

 

Die Entrechtung der Juden zu Beginn des Kriegs

Zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft hatten etwa 500000 Juden in Deutschland gelebt, bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war etwa die Hälfte von ihnen ausgewandert. Die Emigration war schwierig genug, und diejenigen, denen die Auswanderung glückte, wurden zuvor vom deutschen Staat gründlich ausgeplündert. Der 1. September 1939 brachte, mit dem Krieg begründet, weitere Schikanen für die deutschen Juden. Dazu zählten Ausgangsbeschränkungen, ab dem 20. September 1939 das Verbot des Besitzes von Rundfunkgeräten und die Einschränkung, die knapp zugeteilten Lebensmittel nur in bestimmten Läden zu besonderen Zeiten kaufen zu können. Zu den Schikanen gehörten schließlich auch die Verbote, Leihbüchereien zu benutzen und Haustiere zu halten. Ab Juli 1940 durften Juden keine Telefonanschlüsse mehr haben, ab Dezember 1941 war ihnen auch die Benutzung öffentlicher Fernsprecher verboten.

Im Frühjahr 1939 wurden mit dem Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden die Voraussetzungen für die Zusammenlegung jüdischer Familien in »Judenhäusern« geschaffen. Diese Gettoisierung wiederum diente der Vorbereitung zu ihrer Deportation aus Deutschland. Im Oktober 1941 erging in Umkehrung der bisherigen Politik ein Emigrationsverbot für Juden. Zwei Verfügungen vollendeten die Diskriminierung und Entrechtung: Die Polizeiverordnung vom 1. September 1941 zwang Juden vom vollendeten 6. Lebensjahr an zum Tragen des Judensterns. Mit Wirkung vom 1. Juli 1943 wurden die Juden in Deutschland unter Polizeirecht gestellt; damit existierten für sie keine Rechtsinstanzen mehr.

 

Die Gettoisierung der Juden in Polen

Mit der deutschen Besetzung Polens begann dort im Herbst 1939 die Verfolgung der Juden. Zwangsarbeit und Ausgangssperren waren erste offizielle Maßnahmen. Es folgten der Ausschluß aus der Wirtschaft, die Sperrung der Bankkonten, willkürliche Verhaftungen. Im November 1939 wurden die Synagogen zerstört. Ab November 1939 mußten alle Juden ein Kennzeichen tragen, zunächst eine gelbe Armbinde, dann einen Judenstern.

Als Orte des Zwangsaufenthalts zur Demütigung und Ausbeutung der Juden wurden mit Beginn des Kriegs unter deutscher Besatzung in größeren Städten Gettos errichtet. Sie dienten durch die örtliche Konzentrierung der jüdischen Bevölkerung als Relaisstationen eines riesigen Bevölkerungstransfers.

Ab Anfang 1940 wurden die Gettos gegen die Außenwelt abgeriegelt, ab 1941 waren sie auch das Ziel von Deportationen aus Deutschland. Zu den Gettos in Warschau, Lodz und Krakau, Tschenstochau, Radom, Kielce und in vielen anderen Orten auf polnischem Boden kamen ab Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion die Gettos in Ostpolen, Litauen, Estland und Lettland, Weißrußland und in der Ukraine hinzu wie Wilna und Kaunas, Riga, Minsk und als eines der letzten Lemberg im August 1942. Die Gettos bildeten eine Etappe in der Geschichte des Holocaust, sie waren bei allem Leid und Elend, bei allen Tragödien, die sich dort abspielten, jedoch noch nicht die Hauptschauplätze des Völkermords. Sie waren in den Jahren 1940 bis 1943 Wartesäle zur Vernichtung, Vorhöfe der Hölle, Zwischenstationen für die Lager, in die die Menschen dann zum Zweck ihrer Ermordung deportiert wurden.

Im Herbst 1941 begannen, systematisch vorbereitet und gut organisiert, die Deportationen der deutschen Juden. Probehalber waren bereits Anfang 1940 1000 Juden aus Stettin in die Nähe von Lublin und Ende Oktober 1940 Juden aus Südwestdeutschland nach Südfrankreich »evakuiert« worden. Ziel der planmäßigen Deportationen ab Herbst 1941 waren erst die Gettos und später direkt die Vernichtungslager im Osten. Mit der Deportation endete die bürgerliche Existenz; alle Vermögenswerte fielen an das Deutsche Reich. Einige Tage vor dem Abtransport ergingen detaillierte Anweisungen, unter anderem, wie die Wohnungen zu hinterlassen seien, oder über das Bezahlen von Licht- und Wasserrechnungen. An Sammelplätzen in den Großstädten wurden die Transporte zusammengestellt und auf zentral gelegenen Güterbahnhöfen abgefertigt. Jüdische Organisationen mußten Hilfsdienste dabei leisten. Die Deportationen waren als Umsiedlungsmaßnahmen getarnt, deshalb mußten die Deportierten Handwerkszeug und Baustoffe mitführen. Die meisten Transporte aus Deutschland erfolgten 1942/43. Eine Gruppe deutscher Juden galt als »privilegiert«, weil sie aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung scheinbar besser behandelt werden sollte. Ihr Ziel war ab Juni 1942 das »Altersgetto« Theresienstadt in Nordböhmen, wo Weltkriegsteilnehmer, Alte und Kranke unter schwer vorstellbaren elenden Bedingungen vegetierten. Ihnen hatte das Deutsche Reich die letzten Vermögenswerte durch »Heimeinkaufsverträge« abgejagt, die Wohnung, Ernährung und Pflege vorspiegelten. Tatsächlich war aber Theresienstadt für die meisten nur eine Station auf dem Weg in die Mordlager.

 

Der Genozid

 

Unter der Bezeichnung »Endlösung der Judenfrage« wurde ab Frühjahr 1941 die Vernichtung der Juden im gesamten deutschen Herrschaftsgebiet geplant. Am 31. Juli 1941 beauftragte Reichsmarschall Hermann Göring Heydrich, »einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen«. Die Ausrottung der Juden war allerdings schon zum Zeitpunkt des Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941 beschlossen. Ein schriftlicher Auftrag Hitlers existierte nicht, er war auch nicht erforderlich, um die Vernichtung in Gang zu setzen.

 

Die Zentrale des Völkermords

Das Reichssicherheitshauptamt als Zentrale von Gestapo, Sicherheitsdienst und Kriminalpolizei war die Schaltstelle, von der aus die Judenpolitik, die zunächst die Deportation, dann den Völkermord betraf, organisiert wurde. Die entscheidenden Männer waren Heinrich Himmler, der als Reichsführer SS die oberste Instanz des Terrorapparats war, zu dem die Konzentrations- und Vernichtungslager und die Einsatzgruppen gehörten, und unter ihm die SS-Offiziere im Generalsrang wie Reinhard Heydrich und sein Nachfolger Heinrich Müller an der Spitze des Reichssicherheitshauptamts, die »Höheren SS- und Polizeiführer« in den besetzten Gebieten, die Befehlsempfänger in der SS-Bürokratie wie die KZ-Kommandanten und ihre Wachmannschaften oder die Männer der Einsatzgruppen.

 

Die Wannseekonferenz

Um die beteiligten Reichsbehörden zu informieren, lud Heydrich deren Vertreter zum 20. Januar 1942 in eine SS-eigene Villa am Großen Wannsee in Berlin ein. Die Teilnehmer vertraten im Rang von Staatssekretären und hohen SS-Offizieren Reichsministerien und zentrale SS-Dienststellen sowie Behörden wie das Amt des Generalgouverneurs für die besetzten polnischen Gebiete. Das Protokoll führte Eichmann, ein SS-Offizier im Range eines Obersturmbannführers, der seit Ende 1939 das Referat IV B 4 (»Judenreferat«) im RSHA (Reichssicherheitshauptamt) leitete. Er hatte seit 1940 Erfahrungen im Massentransport und in der Gettoisierung von Menschen, er organisierte die Abschiebung von Juden ý und Polen ý erst in den besetzten polnischen Gebieten, dann auch aus Deutschland und schließlich aus ganz Europa nach Polen.

Die Besprechung am Wannsee eröffnete Heydrich mit der Feststellung, daß die Kompetenz in der Judenpolitik ausschließlich und ohne geographische Begrenzung beim Reichsführer SS Heinrich Himmler oder bei ihm selbst als dem von diesem dazu Bevollmächtigten lag.

Das Geschick, das mindestens elf Millionen Juden zugedacht war, war im Protokoll der Konferenz unmißverständlich prognostiziert: »Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist.« Weil der Völkermord an den Juden auf der Tagesordnung stand, wird das Treffen am 20. Januar 1942 immer wieder mißverstanden als die Gelegenheit, bei der der Holocaust »beschlossen« worden sei. Abgesehen davon, daß eine Verabredung zur Vernichtung von Millionen Menschen die Kompetenz der Besprechungsteilnehmer überstiegen hätte, waren die Mordkommandos längst an der Arbeit. Das Protokoll der Wannseekonferenz ist trotzdem ein Schlüsseldokument des Genozids, da aus ihm zweifelsfrei hervorgeht, daß das nationalsozialistische Regime die Ermordung von elf Millionen Juden in Europa plante.

Mitte 1942 lief die »Aktion Reinhardt« an. Die Aktion hatte die Tötung der Juden zum Ziel, die in den Gettos auf polnischem Boden lebten und Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie leisten mußten. Drei spezielle Vernichtungslager, BeÊzec, Sobibór und Treblinka, sind als Mordstätten errichtet worden, in ihnen endeten die meisten Gettobewohner. In Białystok und in Warschau setzten sich verzweifelte Juden gegen ihre Deportation zur Wehr und leisteten einen heroischen, aber aussichtslosen Widerstand gegen die Deutschen.

 

Die Mordaktionen der Einsatzgruppen

Der Wehrmacht beim Überfall auf die Sowjetunion folgend, waren seit Juni 1941 die »Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD« in Tätigkeit. Der Auftrag der Mordkommandos ý insgesamt 3000 Mann in vier »Einsatzgruppen« ý bestand darin, im Baltikum, in Weißrußland, in der Ukraine und auf der Krim potentielle Gegner zu liquidieren. Die Juden wurden in erster Linie zu diesem Personenkreis gerechnet, sie bildeten die meisten Opfer der Einsatzgruppen. Zwischen Juni 1941 und April 1942 sind von den aus SS und Polizei rekrutierten Mördern fast 560000 Menschen getötet worden. Zur Taktik gehörten auch Pogrome, angezettelt mit Hilfe einheimischer Kollaborateure, und vor allem Massenerschießungen. In Litauen und Lettland, in Weißrußland und in der Ukraine sowie in den anderen besetzten Gebieten fanden sich willige Helfer beim Holocaust, die den deutschen Mördern zur Hand gingen.

In Babi Jar, einer Schlucht am Stadtrand von Kiew, wurden an zwei Tagen Ende September 1941 33771 jüdische Menschen erschossen. Sie waren durch Plakate an eine bestimmte Straßenkreuzung befohlen worden, von der aus sie zu der Schlucht getrieben wurden, deren Zweck sie erst im letzten Moment erkennen konnten. Zuvor mußten sie ihre Habe abliefern und sich entkleiden. Am Rand der Schlucht wurden sie in Zehnergruppen mit Maschinengewehren niedergeschossen. Die Schützen wechselten sich ab, das Morden hatte keine Pausen. Babi Jar war kein Einzelfall, Erschießungsaktionen und Massengräber gab es überall in den besetzten Ostgebieten; seit Frühjahr 1943 war ein Spezialkommando der SS damit beschäftigt, die Spuren zu beseitigen. Juden mußten, ehe sie zuletzt selbst erschossen wurden, die Leichen exhumieren und verbrennen.

 

Der »geräuschlose« Massenmord ý Der grausame Weg in die Gaskammer

Die Mordmethoden waren inzwischen längst verfeinert worden. Das Erschießen ging nicht schnell genug, und die Nerven der Mörder wurden dabei zu arg strapaziert. Auf der Suche nach effektiveren Mordwerkzeugen war man, auf die Erfahrungen und das Personal der Ermordung Behinderter und Geisteskranker in der »Euthanasie«-Aktion 1939/40 zurückgreifend, auf die Verwendung von Giftgas verfallen. Kohlenmonoxid wurde verwendet bei den »Gaswagen«, umgebauten Lastkraftwagen, deren Auspuffgase in den mit Menschen voll gestopften hermetisch abgedichteten Innenraum geleitet wurden. Nach kurzer Fahrt wurden die Leichen ins Massengrab gekippt. Gaswagen wurden von den Einsatzgruppen in Weißrußland verwendet ebenso wie in Serbien; in Chelmno (Culm) waren sie die Ausrüstung eines Vernichtungslagers.

Der Befehl Himmlers an den Kommandanten des KZ Auschwitz im Sommer 1941, eine quasi industrielle Tötungsmethode zu finden, leitete die letzte Phase des Massenmordens ein. Auschwitz war im Mai 1940 als KZ für Polen auf einem Kasernengelände errichtet worden und hatte sich zum größten Ausbeutungs- und Vernichtungskomplex überhaupt entwickelt. An drei Hauptstandorten (Stammlager, Birkenau, Monowitz) und in 38 Nebenlagern wurde Sklavenarbeit geleistet und Leben vernichtet. Im September 1941 fand im Stammlager (Auschwitz I) ein erster Versuch mit dem Gift Zyklon B statt. Das an Kieselgur gebundene blausäurehaltige gasförmige Desinfektionsmittel ließ sich leicht und für die Mörder gefahrlos transportieren und handhaben. Ab Frühjahr 1942 wurde in Birkenau (Auschwitz II) in eigens errichteten ý dann mehrfach umgebauten und vergrößerten ý Gaskammern der geräuschlose und schnelle Massenmord praktiziert. Aus ganz Europa kommend, endeten die Eisenbahntransporte auf der Rampe, wo die Arbeitsfähigen bei der Selektion zurückbehalten, alle anderen ý in der Regel 90 Prozent der Ankommenden ý direkt in die Gaskammern getrieben wurden. Auch in Birkenau versuchte die SS Spuren zu beseitigen und sprengte im Herbst 1944 Gaskammern und Krematorien. Die Gesamtzahl der Opfer des Holocaust exakt zu ermitteln, bereitet beträchtliche Schwierigkeiten, da ein Teil der Ermordeten nur pauschal registriert wurde. Mit quellenkritischen und statistischen Methoden haben jedoch Historiker die Dimension des Völkermords definiert.

 

Ein beispielloses Verbrechen ý Der Holocaust

 

In 194 (von insgesamt 195) erhalten gebliebenen »Ereignismeldungen UdSSR« des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD für den Zeitraum vom 23. Juni 1941 bis zum 24. April 1942, in den vom Chef der Sicherheitspolizei und des SD-Kommandostabs vorgelegten 55 »Meldungen aus den besetzten Ostgebieten« (1. Mai 1942 bis 21. Mai 1943) und in den elf zusammenfassenden »Tätigkeits- und Lageberichten der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in der UdSSR« (22. Juni 1941 bis 31. März 1942) ist die Ermordung von mindestens 535000 jüdischen Menschen dokumentiert. Aufgrund des vorliegenden Quellenmaterials über weitere Vernichtungsaktionen, Pogrome und Massaker ist davon auszugehen, daß 700000 bis 750000 Juden schon im ersten Dreivierteljahr der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft auf sowjetischem Boden ermordet worden sind. Eine der wichtigsten statistischen Quellen ist der Bericht des in Diensten der SS stehenden »Inspekteurs für Statistik«, Richard Korherr, dem zu entnehmen ist, daß die nationalsozialistische Judenpolitik bis zum 31. März 1943 schon mehr als 2 Millionen Opfer gefordert hatte. In den Vernichtungslagern auf polnischem Territorium sind fast drei Millionen Juden ermordet worden: in Chelmno 152000, in Belzec 600000, in Sobibór 250000, in Auschwitz-Birkenau 1000000, in Treblinka 900000 und in Majdanek 60000 bis 80000. Die Gesamtbilanz aufgrund neuester Forschungsergebnisse kommt auf mindestens sechs Millionen Holocaustopfer.

Das auf der Wannseekonferenz verkündete Ziel, die Vernichtung aller Juden Europas, wurde nicht erreicht. Aber sechs Millionen Opfer machen ebenso wie die ideologischen Prämissen das Verbrechen singulär. Motive und Funktion des Genozids im nationalsozialistischen Herrschaftsgefüge, in der Expansionspolitik, im militärischen Verlauf des Zweiten Weltkriegs werden von den Historikern kontrovers diskutiert. Vom nationalsozialistischen Programm als der Intention ausgehend, die in zielgerichteter Umsetzung der antisemitischen Ideologie von Anfang an die physische Vernichtung der Juden betrieb, nennt man diese historisch argumentierende Richtung »Intentionalisten«. In ihren Erklärungsmodellen spielt Hitler naturgemäß eine wichtige Rolle.

Aus Zwangsläufigkeiten der Herrschaftsstruktur, die schließlich zur »kumulativen Radikalisierung« des ganzen nationalsozialistischen Systems führte (Hans Mommsen), interpretieren die »Funktionalisten« den Holocaust. Zur Begründung dienen ihnen systemimmanente Notwendigkeiten ebenso wie die Möglichkeiten und Zufälle, wie sie sich aus der militärischen Lage ergaben oder die Reflexe darauf waren. Aus einer Täterlogik heraus, die in erster Linie Bevölkerungspolitik im Sinne hatte und bei ihren säkularen Umsiedlungsaktionen auch die Juden vernichtete, sucht ein anderer Ansatz den Holocaust zu erklären. Raul Hilberg, dem Historiker, der den Holocaust am genauesten und ausführlichsten beschrieben hat, bleibt das Geschehen letztlich unerklärlich. Diese Feststellung ist ebenso unbefriedigend wie jeder monokausale Erklärungsversuch und wie die theologischen, philosophischen, psychologischen Theorien, die mit dem Anspruch ausschließlicher Gültigkeit vorgetragen werden, um den Holocaust zu erklären.

Prof. Dr. Wolfgang Benz, Berlin

 

Judenverfolgungen: Die Vernichtung der europäischen Juden

 

Am 20.ÿJanuar 1942 fand in der Villa Am Großen Wannsee 56þ58 eine Konferenz statt, auf der die praktische Umsetzung und Koordination der »Endlösung der Judenfrage« besprochen wurde. Eingeladen hatte der Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), Reinhard Heydrich. Anwesend waren neben den Staatssekretären der wichtigsten Reichsministerien und hohen Ministerialbeamten Funktionäre des nationalsozialistischen Regimes, darunter Gestapochef Heinrich Müller, Otto Hoffmann vom Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA), Eberhard Schöngart, der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) im Generalgouvernement, dem von der Wehrmacht besetzten Polen, sowie Heydrichs »Judenreferent« Adolf Eichmann, der Hauptverantwortliche bei der Organisation der Endlösung.

 

Konferenzthema: die »Endlösung« der Judenfrage

Zu Beginn der Wannseekonferenz erklärte Heydrich, er sei durch Hermann Göring bevollmächtigt, die »Endlösung der Judenfrage« zu koordinieren, ohne Rücksicht auf geographische Grenzen. Nach einem kurzen Überblick über die bisherige Auswanderungspolitik, den er mit dem von Adolf Eichmann zusammengestellten Zahlenmaterial unterlegte, gab er bekannt, daß anstelle der bisher praktizierten Auswanderung nunmehr nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten treten solle. Insgesamt sollten elf Millionen europäischer Juden, darunter auch die englischen und irischen Juden, in den Osten deportiert und zur Arbeit eingesetzt werden. Man werde sie, so Heydrich, »in großen Arbeitskolonnenÿ... Straßen bauend in diese Gebiete führen, wobei ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird«. Der »Restbestand«, so Heydrich weiter, werde »entsprechend behandelt werden müssen«, da dieser sonst, wie die Geschichte beweise, »als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen« sei.

Was mit der Formulierung »entsprechend behandelt« bezweckt war, wurde von Heydrich nicht näher erläutert. Jedem der Anwesenden dürfte jedoch klar gewesen sein, was damit gemeint war. Die Formulierung entsprach der üblichen Sprachregelung der Einsatzgruppenberichte. Vorgesehen war, das war unmißverständlich, die Tötung aller Juden in Europa. Widerspruch gab es bei den Anwesenden nicht, eher wurde Zustimmung signalisiert. Unterstaatssekretär Martin Luther zum Beispiel gab zu verstehen, daß es seitens des Auswärtigen Amts keine Einwendungen gebe. Und der Vertreter des Generalgouvernements, Staatssekretär Josef Bühler, bat sogar, mit der »Endlösung« im Generalgouvernement zu beginnen, da es dort, so seine Argumente, keine Transportprobleme gebe und die meisten Juden schon arbeitsunfähig seien. Im folgenden Gespräch erläuterte Heydrich die Probleme der vorgesehenen »Endlösung«. Zum einen schlug er die Errichtung eines »Altersgettos« vor, zum anderen die Entsendung von Beratern in die von der Wehrmacht besetzten Länder, die bei den Vorbereitungen zur »Endlösung« helfen sollten. Bei der Erörterung der Frage, wie mit den »Mischehen« umgegangen werden sollte, gab es jedoch unterschiedliche Positionen. Heydrich wollte die »Halbjuden« deportieren, jedoch »Vierteljuden« wie Deutsche respektive wie »Arier« behandeln, vorausgesetzt, sie seien nicht von auffällig »jüdischem« Benehmen. Wilhelm Stuckart wiederum, der am Entwurf der Nürnberger Gesetze von 1935 wesentlich beteiligt war und mit Adenauers späterem Staatssekretär Hans Globke 1936 einen maßgeblichen Kommentar zur deutschen Rassen-Gesetzgebung verfasst hatte, plädierte für Zwangsscheidungen und zog die Zwangssterilisation der »Halbjuden« ihrer Deportation vor.

Es ist heute unbestritten, daß die Wannseekonferenz dazu gedient hat, die Maßnahmen der beteiligten Dienststellen zu koordinieren, die außerhalb Heydrichs Machtbereich lagen. Die Teilnehmer der Konferenz wußten, daß die systematische Ermordung von Juden aus dem Reichsgebiet bereits im November 1941 eingesetzt und die Vorbereitungen zum Aufbau der Vernichtungslager Chelmno (Culm, im Warthegau) und Belzec (im Generalgouvernement) begonnen hatten. Die Teilnehmer der Konferenz am Wannsee waren sich darüber klar, daß sie von Heydrich nicht deshalb eingeladen worden waren, um über das Ob, sondern über das Wie der »Endlösung« zu sprechen. In seinem Prozeß in Jerusalem erklärte Adolf Eichmann, der einst Zuständige für die zentrale Lenkung des Deportationsprozesses, daß auf der Konferenz die verschiedenen Arten der »Lösungsmöglichkeiten«, sprich: der Vernichtungsmethoden, ganz offen besprochen wurden.

 

Gab Hitler den Befehl?

Strittig ist, ob es einen Führerbefehl zur Vernichtung der europäischen Juden gegeben hat. Dass es eines solchen Befehls bedurfte, um die Mordmaschinerie in Gang zu setzten, erscheint angesichts der zentralen Rolle Adolf Hitlers im nationalsozialistischen Staat zwingend notwendig. Ein schriftlicher Befehl Hitlers liegt jedoch nicht vor. Bei den Historikern hat sich deshalb zunehmend die Ansicht durchgesetzt, daß Hitler im Sommer 1941 über verschiedene Befehlsstränge mündliche Anweisungen gegeben hat, das Vernichtungsprogramm in Gang zu bringenÿþ daß Hitler nicht gewußt haben soll, was in Auschwitz, Belzec, Culm (Chelmno), Lublin-Majdanek, Sobibór und Treblinka geschah, ist höchst unwahrscheinlich. Behauptungen dieser Art widersprechen auch Hitlers eigenen Aussagen. In seiner berühmt-berüchtigten Rede am 30.ÿJanuar 1939 hatte er bereits angekündigt, was er mit den Juden zu tun gedenke: »Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.«

Selbst wenn Hitler keinen schriftlichen Befehl gegeben hat, dürfte das Vorgehen zwischen Himmler und Hitler abgestimmt gewesen sein. Dafür spricht unter anderem eine Vollmacht, die Adolf Eichmann auf Geheiß Heydrichs aufgesetzt und Göring am 31.ÿJuli 1941 unterzeichnet hatte. In dieser Vollmacht, in sorgfältiger Bürokratensprache abgefaßt, beauftragte Göring den Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes mit umfassenden Vorbereitungen zur »Gesamtlösung der Judenfrage«. Der Jerusalemer Historiker Yehuda Bauer plädiert dafür, diese Vollmacht als »Version des Führerbefehls« anzusehen.

Fest steht, daß mit der Wannseekonferenz ein Prozeß äußerster Radikalisierung einsetzte. Wenn zunächst noch Tötung durch Erschießen die Regel war, setzten zu Beginn des Jahres 1942 zunehmend in den Mordverfahren Massentötungen mittels Giftgas ein. Sechs Vernichtungszentren, die sich auf polnischem Boden befanden, waren die Sammelpunkte für Tausende von Transporten mit deportierten Juden von überall her. Innerhalb von drei Jahren betrug die Gesamtzahl der dorthin verschickten Juden fast drei Millionen. Im Herbst 1942 wurde in Auschwitz im Lagerteil Birkenau mit dem Bau von »Krematorien« begonnen, die sowohl Gaskammer wie Leichenverbrennungsanlage enthielten. Der Tötungsablauf sah dann so aus, daß die durch Eichmann nach Auschwitz gelenkten Judentransporte zunächst auf der »Rampe« selektiert wurden. Die für arbeitsfähig erklärten Juden wurden von der Vernichtung ausgenommen, während die anderen ins Gas geführt wurdenÿþ Männer, Frauen und Kinder.

Insgesamt sind in den Jahren 1941þ45 rund fünf bis sechs Millionen europäischer Juden den systematischen Mordaktionen des nationalsozialistischen Regimes zum Opfer gefallen. Die Historiker sind sich heute darin einig, daß es sich dabei nicht nur um einen »brachialen Gewaltakt« (Raul Hilberg) handelte, sondern um den ersten vollendeten Vernichtungsprozeß der Weltgeschichte. »Holocaust« oder neuhebräisch »Schoah« ist deshalb die Bezeichnung, die sich in den letzten Jahrzehnten für den Vorgang der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden in den Geschichtsbüchern eingebürgert hat.

Prof. Dr. Julius H. Schoeps

 

Kronland,

Erbland eines fürstlichen Hauses, besonders die 1867þ1918 im zisleithanischen Reichsteil Österreich-Ungarns liegenden „Königreiche und Länder“, u.a. Erzherzogtum Österreich, Königreich Böhmen, Königreich von Galizien und Lodomerien.

 

Ostjuden,

im 19.ÿJahrhundert in Mittel- und Westeuropa aufgekommene Bezeichnung für die ost- und südosteuropäischen Juden, die sozial überwiegend den unteren Schichten angehörten (Handwerker, Kleinhändler, Arbeiter), sie standen im Gegensatz zu den von Aufklärung (Haskala) und Emanzipation geprägten mittel- und westeuropäischen Juden streng traditionsgebunden auf dem Boden der rabbinischen Orthodoxie und verschlossen sich in ihren Lebensgewohnheiten bewußt Einflüssen der Moderne. Prägnanter Ausdruck ostjüdischer Lebensweise waren das Leben im Schtetl, die jiddische Sprache und die religiöse Bewegung des Chassidismus (Chassidim); ein Zentrum der ostjüdischen Kultur war Galizien. In der 2.ÿHälfte des 19.ÿJahrhunderts führten das starke Wachstum der ostjüdischen Bev. und die damit verbundene Verschlechterung der Erwerbsmöglichkeiten, in Rußland zudem eine die Juden in ihren wirtschaftliche und Bildungsmöglichkeiten stark beschränkende Gesetzgebung (aber auch Pogrome), zur Abwanderung zahlreicher Ostjuden nach Westeuropa; ab 1882 u.a. nach Nordamerika (1881þ1914 etwa 2,5 Mio.). Für viele Ostjuden war die Integration in den Zuwanderungsländern mit großen sozialen Problemen verbunden, deshalb bewußte »Jiddischkeit« oder entschiedene Hinwendung zur zionistischen Palästinasiedlungsbewegung (Zionismus).ÿþ Die politische Elite des jungen Staates Israels (nach 1948) war so ostjüdischer Herkunft.ÿþ Bis zur Vernichtung des Ostjudentums im Holocaust (1939þ45) bildeten die Ostjuden die zahlenmäßig größte jüdische Gemeinschaft. (Aschkenasim)

 

Polen

Fläche: 312ÿ685 km2

Einwohner: (1999) 38,61 Mio.

Hauptstadt: Warschau

Verwaltungsgliederung: 16 Woiwodschaften

Amtssprache: Polnisch

Nationalfeiertag: 3.ÿ5.

Währung: 1 Zloty (Zl) = 100 Groszy (Gr)

Zeitzone: MEZ

(amtlich polnisch Rzeczpospolita Polska, deutsch Republik Polen), Staat im Osten Mitteleuropas, grenzt im Westen an Deutschland, im Norden an die Ostsee, im Nordosten an das russische Gebiet Kaliningrad (Königsberg) und an Litauen, im Osten an Weißrußland und die Ukraine und im Süden an die Slowakische Republik und die Tschechische Republik.

Staat und Recht: Nach der Verfassung von 1997 (in Kraft seit 16.ÿ10.) ist Polen eine parlamentarische Republik. Staatsoberhaupt ist der Präsident der Republik (auf 5 Jahre direkt gewählt); er verfügt über besondere Befugnisse, v.ÿa. in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie beim Staatsnotstand, und ein Vetorecht gegen Gesetzesbeschlüsse. Das Parlament (vierjährige Legislaturperiode) besteht aus zwei Kammern, die in besonderen Fällen als Nationalversammlung zusammentreten: dem Abgeordnetenhaus (polnisch »Sejm«, 460 Abgeordnete) und dem Senat (100 Senatoren, in den Woiwodschaften gewählt). Die Exekutivgewalt liegt beim Ministerrat unter Vorsitz des Ministerpräsidenten. Er ist vom Vertrauen des Sejm abhängig und wird vom Staatspräsidenten ernannt. Wichtigste Parteien: Wahlaktion der »Solidarnosc« (AWS), Bündnis der Demokratischen Linken (SLD), Freiheitsunion (UW), Polnische Bauernpartei (PSL), Bewegung für den Wiederaufbau Polens (ROP), Christdemokratie der Dritten Polnischen Republik (ChDRP).

Landesnatur: Polen ist größtenteils ein Tiefland, 75ÿ% seines Territoriums liegen unter 200ÿm über dem Meeresspiegel. Es ist von eiszeitlichen Ablagerungen bedeckt und durch vorwiegend ostwestlich verlaufende Niederungen im Bereich eiszeitlicher Urstromtäler gegliedert. An die Jungmoränenlandschaft der Weichseleiszeit im Norden (Baltischer Landrücken) mit ihren Seenplatten und Endmoränenzügen (Pommersche und Masurische Seenplatte) schließt sich in Mittelpolen die schwach wellige Altmoränenlandschaft der Saaleeiszeit an. Nach Süden tauchen aus der glazialen Decke die zum Teil lössbedeckten Tafeln und Stufenlandschaften des polnischen Mittelgebirges auf, das östlich der Weichsel aus dem Lubliner Hügelland und Roztocze (in Polen bis 390ÿm über dem Meeresspiegel), westlich davon aus dem Kleinpolnischen Berg- und Hügelland (Lysica im Kielcer Bergland, 612ÿm über dem Meeresspiegel) besteht. Das Becken von Sandomierz und die geologische Mulde des oberschlesischen Beckens trennen das Bergland vom Gebirgsgürtel der Sudeten und Karpaten; die höchsten Zonen sind Riesengebirge und Hohe Tatra (Meeraugspitze, polnisch Rysy, 2ÿ499ÿm über dem Meeresspiegel). Hauptflüsse sind Weichsel und Oder. Polen besitzt ein Übergangsklima, das von Südwesten nach Nordosten zunehmend kontinentaler wird.

Bevölkerung: Die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Polen; von den über 2ÿ% Angehörigen nationaler Minderheiten sind die Polendeutschen die größte Gruppe, gefolgt von Ukrainern und Weißrussen. Großstädte mit (1998) über 500ÿ000 Einwohnern sind Warschau, Lodz, Krakau, Breslau und Posen. Am dichtesten sind die zentral- und südpolnischen, am schwächsten die nordostpolnischen Woiwodschaften besiedelt. ÿþ Rund 91ÿ% der Bevölkerung gehören der katholischen Kirche an, rund 2,3ÿ% anderen christl. Kirchen (Orthodoxe, Altkatholiken, Lutheraner, Adventisten, Pfingstler, Baptisten, Methodisten, Reformierte u.a.). Die »Polnisch-Autokephale Orthodoxe Kirche« zählt als die zweitgrößte Religionsgemeinschaft rund 575ÿ000 Gläubige (Weißrussen und Ukrainer); die größte protestantische Kirche ist die Evangelisch-Augsburgische Kirche in der Republik Polen. Nichtchristliche religiöse Minderheiten bilden die Juden (6ÿ000þ10ÿ000) und die seit der Zeit der Goldenen Horde in Polen ansässigen Muslime (rund 5ÿ000 Tataren, besonders um Białystok)ÿþ Allgemeine Schulpflicht besteht vom 8. bis zum 16. Lebensjahr acht-jährige Primar-, vier-jährige allgemein bildende Sekundarschulen; außerdem Berufs- und beruflich-technische Fachschulen und (seit 1989) weltliche und kirchliche Gymnasien, die zur Hochschulreife führen. Die Analphabetenquote beträgt 1ÿ%. Polen besitzt 11 Universitäten (eine katholische in Lublin), 18 Technische Hochschulen (Polytechnika) sowie 35 weitere Hochschulen.

Wirtschaft, Verkehr: Polen, vor dem Zweiten Weltkrieg ein Agrarland, entwickelte sich ab 1950 zu einem Industrie-Agrar-Staat. Die nach sowjetischem Vorbild etablierte Planwirtschaft brachte das Land jedoch in eine schwere Krise, die 1981þ83 zu großen sozialen Unruhen führte (Solidarnosc). Im Oktober 1989 wurde der Übergang zur privaten Marktwirtschaft eingeleitet, deren Verwirklichung mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen verbunden war (hohe Auslandsverschuldung, Arbeitslosigkeit). Das heutige Wirtschaftswachstum Polens, das alle Wirtschaftsbereiche erfaßt hat, beruht auf dem privaten Sektor (Anteil 1998: 66ÿ%); es liegt in Europa mit an vorderster Stelle. In der Landwirtschaft, auch unter der sozialistischen Herrschaft zu 80ÿ% privat bewirtschaftet, herrschen Kleinbetriebe vor. Angebaut werden besonders Roggen, Kartoffeln, Futterpflanzen und Weizen, ferner Zuckerrüben, Raps und Gemüse. Bedeutend sind Rinder-, Schweine-, Pferde- (wegen des derzeit noch geringen Mechanisierungsgrades) und Geflügelhaltung u.a. Gänse für den Export). Der Wald nimmt 28ÿ% der Landesfläche ein (zu 80ÿ% Nadelhölzer). Bedeutend ist die Hochseefischerei. Eine wichtige Rolle spielt der Bergbau, besonders wegen der großen Steinkohlenvorkommen in Oberschlesien (Sanierung und Stilllegung unrentabler Zechen). Die Braunkohle (in Südwestpolen an der Grenze zum sächsischen Gebiet um Zittau, Konin, Turek, Belchatów südlich von Lodz) wird in Großkraftwerken verstromt. In Niederschlesien werden große Kupfervorkommen abgebaut und verhüttet. Ferner werden Blei-, Zink- und Eisenerze sowie Schwefel (Tarnobrzeg), Salz, im Karpatenvorland etwas Erdgas und -öl gefördert. Als Erbe sozialistischer Vergangenheit sind viele Landesteile noch ökologisch schwer belastet, besonders die Industriegebiete um Krakau, in Oberschlesien, um Glogau und Liegnitz. Neben den traditionellen Industriestandorten Warschau, Lodz, dem Oberschlesischen Industriegebiet (um Kattowitz), Danzig und Stettin entstanden neue Industriezentren in Nowa Huta (zu Krakau) und Tschenstochau (Eisenhüttenindustrie), Plock (Erdölverarbeitung), Pulawy, Wloclawek und Thorn (Chemiewerke), Konin (Aluminiumhütte), Liegnitz, Glogau und Lublin (Kupferverhüttung und -verarbeitung). Die wichtigsten Zweige der verarbeitenden Industrie sind Maschinen-, Fahrzeug- (Automobile, Lokomotiven, Waggons) und Schiffbau (u.a. in Stettin), die Nahrungsmittel-, Baustoff-, Holz- und Papier- sowie die Textilindustrie (Zentrum Lodz). Exportiert werden Maschinen und Transportmittel, u.a.. Schiffe, Chemikalien (besonders Schwefel), Steinkohle, Koks und Elektrizität, Metalle (besonders Kupfer) sowie Textilien und Bekleidung. Insgesamt 17 Sonderwirtschaftszonen begünstigen die Ansiedlung neuer Unternehmen. Haupthandelspartner sind die EU-Staaten (u.a. Deutschland), Rußland, USA und die Tschechische Republik.ÿþ Hauptverkehrsträger ist die staatliche Eisenbahn mit einem Streckennetz von 22ÿ113 km (davon 53ÿ% elektrifiziert), das befestigte Straßennetz ist 245ÿ000 km, das Binnenwasserstraßennetz (Schiffsverkehr auf Oder, Weichsel, Warthe und Gleiwitzkanal) 3ÿ812 km lang. Wichtigste Hochseehäfen sind Stettin (mit Außenhafen Swinemünde), Danzig und Gdynia; internationaler Flughafen in Warschau. Hauptanziehungspunkte des Fremdenverkehrs sind die Hohe Tatra, Beskiden und Sudeten (besonders Riesengebirge), die Ostseeküste und die Masurischen Seen sowie Warschau, Krakau, Tschenstochau (Wallfahrtszentrum), Breslau und Danzig. Viele Heilquellen führten zur Entstehung von Kurorten in den Sudeten und Beskiden.

Geschichte: Der frühe Piastenstaat (10.ÿJahrhundertþ1138): Erster historisch fassbarer Herrscher eines polnischen Staates war Herzog Mieszko I. (um 960þ992) aus dem Geschlecht der Piasten. Sein Reich umfaßte u.a. den Raum um die mittlere Warthe (Siedlungsgebiet der Polanen, so genanntes »Groß-Polen«) und die mittlere Weichsel (Masowien) sowie um den Goplo-See. 966 trat er zum lateinischen Christentum über. Sein Sohn BoleslawÿI. Chrobry (992þ1025) gewann Klein-Polen (Polonia Minor, um Krakau), Schlesien, vorübergehend Mähren, die Westslowakei, Pommern und die Lausitz und stieß bis Kiew (1018) vor; zugleich wurde Polen (so die um 1000 bei ausländischen Chronisten aufgekommene Staatsbezeichnung) durch die Gründung des Erzbistums Gnesen (1000) auch kirchlich selbstständig. 1025 ließ sich BoleslawÿI. Chrobry zum König krönen.

Die Zeit der Teilfürstentümer (1138þ1320): Nach Einführung der Senioratserbordnung durch BoleslawÿIII. Krzywousty (1102/07þ1138) zerfiel das Land in Teilfürstentümer. Pommern schied 1181 endgültig aus der losen Abhängigkeit aus, während Schlesien ab 1163 eine Sonderentwicklung nahm und sich um 1300 der böhmischen Lehnshoheit unterstellte. Eine schwere äußere Bedrohung stellte der Einfall der Mongolen dar (1241 Niederlage eines polnisch-deutschen Ritterheeres bei Liegnitz). Im 12.ÿJahrhundert setzte eine intensive Kolonisierung aus dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches ein, als Fürsten und kirchliche Institutionen versuchten, neue Siedler für ihre Güter heranzuziehen (deutsche Ostsiedlung). Die deutschen Neusiedler prägten v.ÿa. das Bild der Städte. Zur Abwehr der heidnischen Prußen rief Herzog KonradÿI. von Masowien 1226 den Deutschen Orden nach Polen. Nach der 1283 abgeschlossenen Unterwerfung der Prußen weitete der Orden seine weltliche Herrschaft 1308 über das von Polen beanspruchte Pommerellen aus. Die Auseinandersetzung mit dem Deutschen Orden sowie das Erstarken der Bürgerschaft und des Adels bestimmten die Entwicklung im 14. und 15.ÿJahrhundert maßgeblich.

Die Piasten (1320þ70): Herzog Wladislaw Lokietek errang zu Anfang des 14.ÿJahrhunderts die Oberherrschaft über ganz Polen und ließ sich 1320 in Krakau zum König krönen. Sein Sohn KasimirÿIII., der Große (1333þ70), der letzte der Piasten, verzichtete zugunsten des Deutschen Ordens auf Pommerellen (Westpreußen) und dehnte das Reich nach Südosten (Galizien, Wolhynien, Podolien) aus. Er schuf ein allgemeines polnisches Landrecht und gründete die Universität Krakau (1364).

 Das Haus Anjou (1370þ86) und die Jagiellonen (1386þ1572):LudwigÿI., der Große (1370þ82), ein Neffe Kasimirs aus dem Haus Anjou, konnte sich die Zustimmung des polnischen Adels zur Nachfolge für sich und seine Tochter Jadwiga (Hedwig I.) nur durch eine großzügige Privilegienerteilung erkaufen. In den Unionen von Krewo und Krakau 1385/86 wurde festgelegt, dass sich der bisher heidnische Großfürst Jagiello von Litauen taufen lassen und die Erbin Jadwiga zur Frau nehmen sollte. Als König WladislawÿII. (1386þ1434) vereinigte er das multinationale und mehrkonfessionelle Doppelreich Polen-Litauen zunächst in Personalunion. Dieser Übermacht unterlag der Deutsche Orden 1410 bei Tannenberg und dann im »Dreizehnjährigen Krieg« (1454þ66). Im 2. Thorner Frieden von 1466 musste er für das ihm verbliebene Ostpreußen die polnische Lehnshoheit anerkennen, während Pommerellen mit dem Culmer Land und Ermland ein besonderer Ständestaat unter der Herrschaft des polnischen Königs wurde. 1561 kam auch Livland an Polen, Kurland wurde polnisches Lehen. Durch die Lubliner Union von 1569 wurden Litauen und der westpreußische Ständestaat ganz mit Polen verschmolzen; doch behaupteten die deutschen Städte Thorn, Elbing und u.a. Danzig sowie das Bistum Ermland ihre Selbständigkeit. Der eindringende Protestantismus wurde durch die katholische Gegenreformation zurückgedrängt. Die Königsgewalt war schon seit dem 15.ÿJahrhundert durch die wachsende Macht des Adels, der »Schlachta«, geschwächt worden, die ihren politischen Mittelpunkt im polnischen Reichstag fand.

Wahlkönigtum (1572þ1795): Seitdem die Jagiellonen 1572 mit SigismundÿII. August ausgestorben waren, wählte der polnische Adel ausländische Fürsten zu Königen, so Stephan Báthory von Siebenbürgen (1575/76þ86 als StephanÿIV. Báthory) und die aus dem schwedischen Haus Wasa stammenden Monarchen SigismundÿIII. (1587þ1632), WladislawÿIV. (1632þ48) und JohannÿII. Kasimir (1648þ68). Polen verlor 1629 Livland an Schweden und mußte 1657/60 zugunsten Brandenburgs auf die Lehnshoheit über Ostpreußen verzichten. Nachdem gegenüber Rußland bis 1619 einige Gebietsgewinne erzielt werden konnten und 1610þ12 sogar die Übernahme des Zarenthrons möglich schien, brach in der Ukraine ein großer Aufstand der Kosaken aus, die sich 1654 unter die Herrschaft der russischen Zaren stellten. Weitere Ostgebiete (Kiew) gingen im Frieden von Andrussowo (1667) verloren. Im Kampf gegen die Türken errang Polen unter JohannÿIII. Sobieski (1674þ96) im Bündnis mit Österreich militärische Erfolge (1683 Sieg in der Schlacht am Kahlenberg); es gewann Podolien zurück. Warschau (seit 1596 Hauptstadt) wurde im 18.ÿJahrhundert ausgebaut. Die Wahl des sächsischen Kurfürsten August des Starken zum König von Polen (1697þ1706, 1709þ33) verstrickte das Land in den Nordischen Krieg, in dem Rußland bereits als die ausschlaggebende Macht in Polen auftrat. Sein Sohn AugustÿIII. (1733þ63) konnte sich im Polnischen Thronfolgekrieg nur dank der russischen Hilfe gegen Stanislaus Leszczynski durchsetzen, und der letzte polnische König StanislausÿII. August Poniatowski (1764þ95) musste sich der russischen Kaiserin KatharinaÿII. beugen. Schließlich kam es zu den drei Teilungen Polens (1772, 1793 und 1795), wobei sich Rußland (zu etwa 2/3ÿ), Preußen und Österreich (zu je etwa 1/6ÿ) des Landes bemächtigten. Noch am 3.ÿ5. 1791 war eine demokratische Verfassung (die erste geschriebene in Europa) verabschiedet worden. Ein nationaler Aufstand 1794 unter der Führung T.ÿKosciuszkos scheiterte an der russisch-preußischen Übermacht.

 Unter der Herrschaft der Teilungsmächte (1795þ1918): Das 1807 durch NapoleonÿI. aus preußischen Teilungsgebieten errichtete Herzogtum Warschau wurde im Ergebnis des Wiener Kongresses (1814/15) um Posen und Krakau verkleinert und als Königreich Polen (Kongreß-Polen) in Personalunion mit Rußland vereinigt. Krakau erhielt den Status einer Freien Stadt (bis 1846); die Österreich zugesprochenen Gebiete wurden 1849 als Kronland Galizien reorganisiert. Alle Versuche zur Wiederherstellung des Nationalstaates (Novemberaufstand 1830/31, Aufstandsversuche in Galizien 1846 und Posen 1848, Januaraufstand 1863) wurden blutig niedergeschlagen. Kongreß-Polen sah sich einer heftigen Russifizierungspolitik ausgesetzt. Seitdem bewahrten die Polen hier und im österreichischen Galizien für lange Zeit ihre nationale Identität durch Pflege ihrer Sprache und Kultur.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs belebte die Hoffnung auf Wiederherstellung der Eigenstaatlichkeit (zunächst Proklamation eines polnischen Königreichs ohne Territorialabgrenzung durch die Mittelmächte am 5.ÿ11. 1916). Am 8.ÿ1. 1918 forderte der amerikanische Präsident W. ÿWilson die Bildung eines unabhängigen polnischen Staates mit einem Zugang zur See. Am 7.ÿ10. 1918 rief der Regentschaftsrat die Unabhängigkeit Polens aus; Staatschef der Republik Polen war 1918þ22 J. ÿPilsudski.

Polen zwischen den Weltkriegen (1918þ39): Durch den Versailler Vertrag erhielt Polen den größten Teil der Provinz Westpreußen (»Polnischer Korridor«) und fast die ganze Provinz Posen. Danzig wurde Freie Stadt. Oberschlesien, wo trotz mehrerer polnischer Aufstände die Abstimmung vom 20.ÿ3. 1921 eine deutsche Mehrheit ergab, wurde geteilt. Von Österreich erhielt Polen Galizien; das Teschener Gebiet mußte 1920 entlang der Olsa mit der Tschechoslowakei geteilt werden. Ein polnischer Vorstoß auf Kiew (April/Mai 1920) löste den Polnisch-Sowjetischen Krieg (1920/21) aus; die Gegenoffensive Sowjetrußlands scheiterte schließlich am polnischen Sieg in der Schlacht bei Warschau (16.ÿ8. 1920, »Wunder an der Weichsel«). Im Frieden von Riga (18.ÿ3. 1921) wurde eine Grenze gezogen, die mehr als 200 km östlich der Curzon-Linie verlief. 1920 hatte Polen zudem das Wilnagebiet annektiert. Die innere Konsolidierung (formal beendet mit Annahme der Verfassung vom 17.ÿ3. 1921) wurde erschwert durch die politische Zersplitterung der Parteien, die wirtschaftliche Rückständigkeit, die in der Teilungszeit entstandenen unterschiedlichen Wirtschafts-, Bildungs-, Justiz- und Verwaltungssysteme sowie durch die Existenz starker nationaler Minderheiten (31ÿ% der Gesamtbevölkerung). Außenpolitisch war Polen in das französische Allianzsystem einbezogen (Bündnis vom 19.ÿ2. 1921). Die restriktive Politik gegenüber der deutschen Minderheit, die deutsche Weigerung, die neue deutsche Ostgrenze anzuerkennen, ein »Zollkrieg« um die oberschlesische Kohle, andererseits der politisch-ideologische Gegensatz zum Sowjetsystem schlossen eine Kooperation Polens mit seinen beiden größten Nachbarn aus.

Am 12.ÿ5. 1926 übernahm Marschall Pilsudski in einem Staatsstreich die Macht (1926þ28 und 1930 Ministerpräsident, 1926þ35 Kriegsminister), errichtete unter formaler Beibehaltung von Verfassung und Parlament ein autoritäres System und setzte 1935 eine autoritäre Präsidialverfassung durch. Zur außenpolitischen Absicherung wurden Nichtangriffsverträge mit der Sowjetunion (1932) und Deutschland (1934) abgeschlossen. Außenminister J.ÿBeck strebte den Aufstieg Polens zur ostmitteleuropäischen Führungsmacht im Rahmen eines »Dritten Europa« von der Ostsee bis zur Adria an.

Nach dem Tod Pilsudskis 1935 wurde das Militär unter Marschall E.ÿRydz-Smigly staatsbestimmend. Die Verschärfung der Minderheitenpolitik, auch gegenüber der deutschen Volksgruppe, engte die außenpolitische Manövrierfähigkeit ein. Im Oktober 1938 wurde die Tschechoslowakei zur Abtretung des Olsagebietes gezwungen. Der verstärkte außenpolitische Druck des Deutschen Reiches 1938/39 (Forderung nach Angliederung Danzigs an Deutschland und nach Errichtung exterritorialer Verkehrswege durch den Polnischen Korridor) veranlaßte Polen wieder zu engerer Anlehnung an die Westmächte. Die Kündigung des Deutsch-Polnischen Nichtangriffspakts durch Hitler (28.ÿ4. 1939) hoffte Polen durch die britische Garantieerklärung (31.ÿ3. 1939) und das polnisch-britische Beistandsabkommen (25.ÿ8. 1939) ausbalancieren zu können. Doch im Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt (»Hitler-Stalin-Pakt«) vom 23.ÿ8. 1939 war in einer Geheimklausel u.a. die Aufteilung Polens vereinbart worden. Der deutsche Angriff auf Polen am 1.ÿ9. 1939 löste den Zweiten Weltkrieg aus.

Polen im Zweiten Weltkrieg: Das polnische Heer konnte sich nicht gegen die deutsche Wehrmacht und die seit dem 17.ÿ9. 1939 einrückende Rote Armee behaupten. Ein deutsch-sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag (28.ÿ9. 1939) teilte Polen entlang der Flüsse Narew, Bug und San in ein deutsches und ein sowjetisches Gebiet auf. Die u.a. von Ukrainern und Weißrussen bewohnten östlichen Gebiete (200ÿ280 km2 mit 13,5 Mio. Einwohnern, darunter 3,5 Mio. Polen) wurden der Ukrainischen SSR und der Weißrussischen SSR eingegliedert (1940/41 Zwangsdeportation von weit über 1ÿMio. Polen nach Zentralasien und Sibirien). Westpolen (90ÿ000 km2 mit 10 Mio. Einwohnern) wurde am 8.ÿ10. 1939 dem Deutschen Reich angeschlossen, der Rest am 26.ÿ10. 1939 als Deutsches Generalgouvernement Polen (98ÿ000 km2 mit über 10 Mio. Einwohnern) organisiert, dem 1941 Galizien angegliedert wurde. Der nationalsozialistische Terror nahm mit Zwangsverpflichtungen nach Deutschland, Deportationen und der Ausrottungÿþ anfangs der jüdischen, später auch anderer polnischer Bevölkerungsteileÿþ in den Konzentrations- und Vernichtungslagern immer größere Ausmaße an. 1939þ45 kamen 6,03 Mio. Polen, unter ihnen rund 3ÿMio. Juden, ums Leben.

In Paris wurde 1939 unter General W.ÿSikorski eine Exilregierung gebildet, die eine Exilarmee aufstellte. Die von den Alliierten als Krieg führender Bundesgenosse anerkannte, nach der französischen Niederlage von London aus operierende Exilregierung schloß am 30.ÿ7. 1941 ein Bündnis mit der Sowjetunion, das die Aufstellung einer polnischen Armee aus 80ÿ000 Kriegsgefangenen unter General W.ÿAnders ermöglichte. Die Entdeckung der Massengräber polnischer Offiziere bei Katyn im April 1943 führte jedoch zum Bruch mit der sowjetischen Führung. Die Exilregierung wurde von Großbritannien zu einem Ausgleich mit der Sowjetunion gedrängt, lehnte aber die Anerkennung der Curzon-Linie (bei Inaussichtstellung einer Entschädigung mit deutschen Gebieten östlich der Oder) ebenso ab wie eine kommunistische Regierungsbeteiligung im befreiten Polen. Mit den ab 1943 rekrutierten Einheiten unter General Z.ÿBerling beteiligten sich die polnischen Kommunisten an der Seite der Roten Armee an der militärischen Befreiung Polens. 1939 waren erste Widerstandsorganisationen entstanden, die sich im Februar 1942 mit einer der Londoner Exilregierung unterstellten »Armia Krajowa« (Abkürzung AK, deutsch »Armee im Lande« bzw. „Heimatarmee“) eine militärische Organisation schufen. Kommunistische Widerstandsgruppen wurden in der »Armia Ludowa« (Abkürzung AL, deutsch »Volksarmee«) zusammengefaßt. Ein Aufstand im Warschauer Getto 1943, der den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager aufhalten sollte, wurde durch die deutsche Besatzungsmacht blutig unterdrückt. Als im Juli 1944 die Rote Armee den Bug überschritt und das von prosowjetischen Kräften gebildete »Lubliner Komitee« (eigentlich »Polnisches Komitee der Nationalen Befreiung«) eine kommunistische Verwaltung aufzubauen begann, löste die AK den Warschauer Aufstand (1.ÿ8.þ2.ÿ10. 1944) aus, den die deutsche Wehrmacht jedoch niederschlagen konnte. Das Lubliner Komitee (am 1.ÿ1. 1945 in »Provisorische Regierung« umbenannt) übernahm in den von der Roten Armee freigekämpften polnischen Gebieten die Regierungsgewalt und mit sowjetischer Unterstützung auch die Verwaltung in den deutschen Ostgebieten. Mit dem Potsdamer Abkommen (2.ÿ8. 1945) unterstellten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die ehemaligen ostdeutschen Gebiete bis zur Oder und Neiße sowie das südliche Ostpreußen und Danzig polnischer Verwaltung (vorbehaltlich einer endgültigen Regelung der Westgrenze in einem Friedensvertrag). Dafür mußte Polen auf das Gebiet östlich der Curzon-Linie (rund 180ÿ000 km2) zugunsten der UdSSR verzichten (fixiert im polnisch-sowjetischen Abkommen vom 16.ÿ8. 1945). Das polnische Staatsgebiet umfaßte nunmehr rund 313ÿ000 km2. Mit der schon vor der Potsdamer Konferenz einsetzenden Vertreibung der Deutschen (Höhepunkt 1945/46) und der Zwangsumsiedlung der Polen aus den an die Sowjetunion gefallenen Ostgebieten kam es zu einer gewaltigen Bevölkerungsverschiebung..

Nachkriegszeit (1945þ52):Aus Vertretern der »Provisorischen Regierung« und Exilpolitikern wurde am 28.ÿ6. 1945 eine »Regierung der Nationalen Einheit« gebildet, in der Kommunisten Schlüsselpositionen innehatten. Die Sowjetunion sicherte sich einen starken Einfluß auf Polen u.a. durch den Abschluß eines Freundschafts- und Beistandsvertrags (21.ÿ4. 1945). Mit Ausnahme der oppositionellen Polnischen Bauernpartei (PSL) wurden alle Parteien in einem »Demokratischen Block« zusammengefaßt, der von der kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei (PPR) unter Generalsekretär W.ÿGomulka beherrscht war und die Wahl zum Parlament (19.ÿ1. 1947) für sich entschied. Mit der Annahme der »Kleinen Verfassung« (19.ÿ2. 1947) begann die offene Kursnahme auf die Errichtung einer Volksdemokratie. B.ÿBierut (Kommunist) wurde Staatspräsident (1947þ52) und J.ÿCyrankiewicz (Sozialist) Ministerpräsident (1947þ52, 1954þ70). Nach dem Ausschluss Jugoslawiens aus dem »sozialistischen Lager« (1948) wurden die polnischen Nationalkommunisten als »Rechtsabweichler« aus führenden Positionen entfernt und verhaftet (u.ÿa. Gomulka). 1948 fusionierten nach Säuberungen PPR und Sozialistische Partei (PPS) zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR), deren Führung Bierut übernahm. Nach einer Bodenreform und der Verstaatlichung der Industrie, der Banken und des Verkehrswesens in den ersten Nachkriegsjahren vollzog sich 1947 der Übergang zur zentralen Planwirtschaft. 1949 wurden in Landwirtschaft und Kleingewerbe Zwangskollektivierungen und Enteignungsmaßnahmen eingeleitet. Damit ging eine zunehmend verschärfte Reglementierung, bald eine offene Verfolgung der katholischen Kirche einher. Die nach 1949 forcierte Industrialisierung brachte unter großem Konsumverzicht der Bevölkerung eine völlige Umgestaltung der Wirtschaftsstruktur. Im Görlitzer Vertrag (6.ÿ7. 1950) erkannte die DDR die Oder-Neiße-Linie an.

Die Volksrepublik Polen (1952þ89): Mit der volksdemokratischen Verfassung vom 22.ÿ7. 1952 nahm das Land offiziell die Staatsbezeichnung »Volksrepublik Polen« an. Als Mitglied des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (seit 1949) und des Warschauer Pakts (seit 1955) fügte sich Polen in den Ostblock ein. Unter dem Eindruck der Entstalinisierung in der Sowjetunion kam es im Juni 1956 zum Posener Aufstand; im Oktober 1956 wurde Gomulka an die Spitze der PZPR zurückberufen. Bei fester Einbettung in das »sozialistische Lager« änderte er den politischen Kurs: Wiedereinführung der bäuerlichen Privatwirtschaften, Fortsetzung der Industrialisierung unter Verstärkung des Konsumgütersektors, Begrenzung der sowjetischen Stationierungstruppen und Entlassung der Berater (u.ÿa. des als Verteidigungsminister amtierenden sowjetische Marschalls K.ÿK. Rokossowski), Normalisierung der Beziehungen zur katholischen Kirche. Die polnische Beteiligung an der militärischen Intervention in der CSSR im August 1968 sicherte Gomulka die Unterstützung der sowjetischen Regierung bei der Zurückdrängung seiner Gegner im Innern (u.a. die nationalkommunistische Opposition um Innenminister M.ÿMoczar) und beim Abschluß des Deutsch-Polnischen Vertrages (7.ÿ12. 1970).

Streiks und Arbeiterunruhen in den Küstenstädten führten im Dezember 1970 zur Entlassung Gomulkas und zur Machtübernahme durch E.ÿGierek, dem zusammen mit Ministerpräsident P.ÿJaroszewicz in kurzer Zeit die politische und wirtschaftliche Konsolidierung gelang (»polnisches Wirtschaftswunder« bis 1973). 1972 übernahm H.ÿJablonski das Amt des Staatsratsvorsitzenden (bis 1985). Nach erneuten Streiks und Arbeiterunruhen 1976 bildete sich das »Komitee zur Verteidigung der Arbeiter« (KOR). Die mit der Wahl des Krakauer Kardinals K.ÿWojtyla zum Papst (16.ÿ10. 1978) Johannes Paulÿ II. einsetzende religiöse Erneuerungsbewegung unterstützte die Forderung nach tief greifenden Reformen. Ausgelöst durch wirtschaftliche Schwierigkeiten (u.a. Mißverhältnis zwischen Kaufkraft und Warenangebot) kam es 1980 zu einer landesweiten Streikbewegung (Zentrum u.ÿa. in Danzig); sie konnte nur durch Zulassung einer unabhängigen Gewerkschaft (am 17.ÿ9. 1980 Gründung und am 10.ÿ11. 1980 gerichtliche Bestätigung der Solidarnosc  unter Führung L.ÿWalesas) und durch weitere Zugeständnisse (Danziger Abkommen vom 31.ÿ8. 1980) beendet werden. Gierek wurde als 1.ÿSekretär der PZPR Anfang September 1980 durch S.ÿKania ersetzt. Im Februar 1981 übernahm General W.ÿJaruzelski das Amt des Ministerpräsidenten, im Oktober 1981 auch das des Parteichefs. Die sich rapide zuspitzende innenpolitische und wirtschaftliche Situation sowie die sich abzeichnende Möglichkeit einer sowjetischen Intervention veranlaßten ihn zur Verhängung des Kriegsrechts (13.ÿ12. 1981); ein »Militärrat der Nationalen Rettung« unter seinem Vorsitz übernahm die Macht. Streiks wurden untersagt, viele Gewerkschaftsaktivisten und Intellektuelle interniert. Anfänglicher Widerstand in den Betrieben wurde gewaltsam unterdrückt, die Gewerkschaft im Oktober 1982 endgültig verboten. Nach Aufhebung des Kriegsrechts (22.ÿ7. 1983) wurden zwar fast alle Internierten freigelassen, doch blieben zahlreiche Beschränkungen (einschließlich des Verbots der »Solidarnosc«) aufrechterhalten. Die Ermordung des Priesters J.ÿPopieluszko (1984) löste neue Spannungen aus. Zur Überwindung wirtschaftlicher Schwierigkeiten legte die Regierung ein Reformprogramm vor, das in einem Referendum im November 1987 abgelehnt wurde. Da es den Regierungen Z.ÿMessner (1985þ88) und M.ÿRakowski (1988/89) nicht gelang, die innenpolitische Krise zu überwinden (ab August 1988 erneut landesweite Streiks), wurden Anfang Februar 1989 Gespräche mit der Opposition am »Runden Tisch« aufgenommen. Ergebnisse waren u.ÿa. die Wiederzulassung von »Solidarnosc« und die Einrichtung einer zweiten Parlamentskammer. Die Parlamentswahlen im Juni 1989 brachten einen überwältigenden Sieg der Opposition; das Bürgerkomitee »Solidarnosc« erhielt im Sejm alle 161 der Opposition zugestandenen Sitze, in der 2. Kammer 99 von 100 Sitzen. Der seit 1985 als Vorsitzender des Staatsrats amtierende Jaruzelski wurde am 19.ÿ7. 1989 zum Staatspräsidenten gewählt (im Amt bis Dezember 1990). Am 24.ÿ8. 1989 wurde der Oppositionspolitiker T.ÿMazowiecki Regierungschef.

Republik Polen (seit 1989): Im Rahmen der im Dezember 1989 verabschiedeten Verfassungsänderungen wurde die Staatsbezeichnung »Republik Polen« wieder eingeführt. 1990 löste sich die PZPR auf, ein Teil ihrer Mitglieder gründete die »Sozialdemokratie der Republik Polen« (SdRP). Im Dezember 1990 wurde Walesa zum Staatspräsidenten gewählt (Rücktritt als Vorsitzender der Gewerkschaft »Solidarnosc«). Ministerpräsident J.ÿK. Bielecki (JanuarþDez. 1991) setzte den marktwirtschaftlich orientierten Reformkurs fort. Mit den wachsenden wirtschaftlich-sozialen Problemen bei der Umsetzung der Regierungspolitik büßte auch die »Solidarnosc«-Bewegung, die seit ihrer Einbindung in die Regierungsverantwortung politisch zersplitterte, an Popularität und Einfluß ein. Die Parlamentswahlen im Oktober 1991 erbrachten keine klare Mehrheit; Ministerpräsident einer Mehrparteienkoalition wurde J.ÿOlszewski, der das Tempo der marktwirtschaftlichen Reformen zu drosseln suchte.

Nach der Abberufung Olszewskis (Juni 1992) führte Hanna Suchocka (Demokratische Union) von Juli 1992 bis Mai 1993 als Ministerpräsidentin eine Koalitionsregierung von sieben aus der Gewerkschaft »Solidarnosc« hervorgegangenen Parteien. Ein Regierungsprogramm zur »Allgemeinen Privatisierung« (Privatisierung von rund 600 Staatsbetrieben, Ausgabe von Volksaktien) wurde Ende April 1993 vom Sejm gebilligt. Das Abtreibungsgesetz polarisierte die Gesellschaft und setzte die Regierungskoalition einer Zerreißprobe aus. Nach vorgezogenen Neuwahlen im September 1993, bei denen u.a. das Bündnis der Demokratischen Linken (SLD) und die Polnische Bauernpartei (PSL) Stimmengewinne zu verzeichnen hatten, wurden Korrekturen an dem prinzipiell befürworteten marktwirtschaftlichen Kurs gefordert. Bei den Präsidentenwahlen setzte sich im November 1995 A.ÿKwasniewski, der Kandidat der Linksallianz SLD, gegen den amtierenden Präsidenten L.ÿWalesa durch, sah sich jedoch im Ergebnis der Wahlen von September 1997 (Sieg der Wahlaktion der Solidarnosc) im Sejm einer liberal-konservativen Mehrheit gegenübergestellt (Ministerpräsident J.ÿBuzek, seit Oktober 1997).

Im Juli 1997 traten die Flüsse Oder, Neiße und Weichsel nach lang anhaltenden Regenfällen (v.ÿa. in der Slowakischen Republik) über die Ufer und verursachten schwerste Landschafts-, Umwelt- und Gebäudeschäden (geschätzter Schadensumfang 1,8 Mrd. DM). Am 1.ÿ1. 1999 trat eine Verwaltungsneugliederung in Kraft (Reduzierung der bisher 49 auf 16 Woiwodschaften). Im April 1999 wandelte sich das Linksbündnis SLD in eine Partei gleichen Namens um; im Juni 1999 löste sich die SdRP auf.

In seiner Außenpolitik schloß Polen im November 1990 mit Deutschland einen Grenzvertrag (Festlegung der Oder-Neiße-Linie als endgültige deutsch-polnische Grenze), im Juni 1991 einen Nachbarschaftsvertrag. 1991 wurde Polen Vollmitglied des Europarates und unterzeichnete im selben Jahr mit der EU ein Assoziierungsabkommen (seit 1.ÿ2. 1994 in Kraft). Zugleich bemühte sich die polnische Diplomatie um eine aktive Nachbarschaftspolitik (Visegrád-Allianz, Visegrád). In der außen- und sicherheitspolitischen Konzeption gewann die Gestaltung einer französisch-deutsch-polnischen »Achse« eine Schlüsselstellung. Neben dem vorrangigen Ziel seiner vollständigen Westintegration sucht Polen gutnachbarliche Beziehungen zu seinen östlichen Nachbarn (u.a. zu Rußland). Am 8.ÿ4. 1994 stellte die polnische Regierung den Antrag auf Aufnahme in die EU (1998 Beginn von Beitrittsverhandlungen); am 12.ÿ3. 1999 wurde Polen Mitglied der NATO.

 

Polen: Neue Staatlichkeit

 Die revolutionären Umbrüche 1917/18 in Mittel- und Osteuropa sowie die Auflösung Rußlands und Österreich-Ungarns ermöglichten Polens Wiedergeburt am Ende des Ersten Weltkrieges. In der Endphase dieses Krieges wurden Unabhängigkeitsversprechungen von Seiten der Mittelmächte am 5. November 1916, der russischen Provisorischen Regierung am 17./30. März 1917 und schließlich auch von der britischen Regierung am 5. Januar 1918 abgegeben. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson versprach in seinen »Vierzehn Punkten« den Polen auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes jene Gebiete, die von einer »unbestreitbar polnischen Bevölkerung« bewohnt seien, und einen freien Zugang zur See.

Als der Regentschaftsrat in Warschau am 7. Oktober 1918 das »Vereinigte unabhängige Polen« proklamierte, herrschte selbst unter den Polen keine Einigkeit über die Grenzen des neuen Staatsgebildes. Der Nationaldemokrat Roman Dmowski, der 1917 in Lausanne ein Polnisches Nationalkomitee gegründet hatte und zusammen mit dem Pianisten Ignacy Jan Paderewski die polnische Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz leitete, war der Wortführer eines aggressiven antideutschen Nationalismus. Mit westlicher Hilfe strebte er ein Polen in den Grenzen des frühmittelalterlichen Reiches unter der Piastendynastie an. Neben den preußischen Teilungsgebieten Posen und Westpreußen wollte er auch Danzig, Oberschlesien und das südliche Ostpreußen zurückholen, während er im Osten auf eine Verständigung mit Rußland setzte. Sein Gegenspieler Józef Pilsudski dachte in den Dimensionen des Jagiellonenreiches. Er richtete den Blick mehr nach Osten und träumte von einem länderübergreifenden föderativen Staatsgebilde in Ostmitteleuropa, das unter polnischer Führung den Einflussbereich Rußlands weiter zurückdrängen sollte. Obwohl Dmowski über mehr Rückhalt bei den westlichen Regierungen verfügte, hatte Pilsudski in Polen selbst die Machtfrage längst zu seinen Gunsten entschieden.

 

Polen gewinnt Konturen

Am 11. November 1918 ernannte der Regentschaftsrat Pilsudski zum Oberbefehlshaber und »Vorläufigen Staatschef« mit weitgehenden Vollmachten. Das neue Polen war vor allem sein Werk. Die Regierungsgewalt beschränkte sich anfänglich nur auf das bisherige Besatzungsgebiet der Mittelmächte in Kongreßpolen, in Westgalizien und in Teilen der russischen Westgouvernements. Die schleppende Rückgabe der von Polen beanspruchten Territorien legte es nahe, an den neuralgischen Punkten bewaffnete Verbände zum Einsatz zu bringen und den friedensvertraglichen Regelungen vorzugreifen. So bewirkte der Aufstand vom 27. Dezember 1918 den raschen Anschluß Posens. Die Grenze zu Deutschland wurde im Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 geregelt. Er überließ Polen den größten Teil Westpreußens und Posens sowie kleinere Gebiete in Pommern, Ostpreußen und Niederschlesien. Polen erhielt über den Weichselkorridor einen Zugang zur See. Danzig wurde als »Freie Stadt« einem Völkerbundkommissar unterstellt. Bei den von den Frieden schließenden Mächten zugelassenen Plebisziten stimmte die Bevölkerung im südostpreußischen Allenstein und im westpreußischen Marienwerder am 11. Juli 1920 mit deutlicher Mehrheit für Deutschland. In Oberschlesien, das während der Übergangsphase mehrfach von Aufständen heimgesucht wurde, veranlaßte das Abstimmungsergebnis vom 20. März 1921 von 59,6 Prozent für Deutschland und 40,4 Prozent für Polen den Völkerbundsrat zu einer Teilung. Polen wurde das ostoberschlesische Kohle- und Industrierevier zugesprochen. In der zwischen Tschechen und Polen umstrittenen Teschener Frage in Österreichisch-Schlesien mußte sich Polen einem Schiedsspruch des Obersten Rates der Alliierten beugen und am 28. Juli 1920 einer Teilung zustimmen.

 

Der Polnisch-Sowjetische Krieg

Nach dem Abzug der deutschen Truppen suchte Pilsudski die Demarkationslinie zum bolschewistischen Machtbereich möglichst weit nach Osten vorzuschieben. Am 2. Januar 1919 hatten »Polnische Selbstschutzkräfte« Wilna, die historische Hauptstadt Litauens, besetzt, mußten sich aber schon am 5./6. Januar 1919 wieder vor der anrückenden Roten Armee zurückziehen. Im April eroberten die Polen die Stadt zurück und stießen weiter bis Minsk vor. Am 21. April 1920 einigte sich Pilsudski mit dem Befehlshaber der antibolschewistischen Ukrainischen Volksrepublik, Ataman Symon Petljura, auf ein Angriffsbündnis gegen die Bolschewiki. Schon am 7. Mai 1920 zogen polnische Truppen in Kiew ein. Der überraschende Gegenstoß der Roten Armee unter Marschall Michail Nikolajewitsch Tuchatschewskij zwang sie jedoch zur Aufgabe aller weißrussischen und ukrainischen Eroberungen. Am 11. Juli 1920 forderte der britische Außenminister Lord George Curzon im Namen des »Obersten Rates« der Alliierten den Rückzug der Roten Armee hinter die Linie GrodnoýBrestýPrzemysl (so genannte Curzon-Linie). Der sowjetische Vormarsch konnte erst in der Schlacht vor Warschau vom 16. bis 25. August 1920 mit französischer Hilfe zum Stehen gebracht werden. Aus polnischer Sicht betrachtet, gilt dieser Sieg als »Wunder an der Weichsel«. Der Friedensvertrag von Riga am 18. März 1921 legte den Grenzverlauf zur Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik sowie zur Weißrussischen und Ukrainischen Sowjetrepublik fest. Am 9. Oktober 1920 war Wilna in einer handstreichartigen Aktion erneut von polnischen Einheiten besetzt worden. Trotz litauischer Proteste behaupteten die Polen schließlich mit Billigung des alliierten Botschafterrates den Besitz des Wilnagebietes. Polen hatte sein Territorium in der Zwischenkriegszeit beträchtlich über die ethnographischen Grenzen hinaus ausgedehnt. In den Außenbeziehungen beschworen die Gebietsgewinne einen Dauerkonflikt mit Litauen und der Tschechoslowakei herauf und trübten das Verhältnis zum Deutschen Reich und zum Sowjetstaat.

 

Die innere Entwicklung

Verhängnisvoll waren auch die innenpolitischen Folgen der Grenzregelungen. Polen hatte in den Randgebieten starke ukrainische, jüdische, deutsche und weißrussische Minderheitengruppen zu integrieren ý 31 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von den Alliierten war Polen zur Einhaltung von Minderheitenschutzbestimmungen verpflichtet worden. Der Mustervertrag vom 28. Juni 1919 gewährte aber keinen Gruppenschutz, sondern garantierte nur individuelle Rechte. Er bot in der Alltagspraxis keine wirksame Handhabe gegen administrative Diskriminierungen. Die Angehörigen der Minderheiten blieben daher von einem zunehmenden Assimilierungsdruck nicht verschont. Sie wurden von willkürlichen Enteignungen betroffen und bei der Besetzung staatlicher Ämter benachteiligt, ihre Kinder waren vielerorts gezwungen, polnische Schulen zu besuchen. In Posen und Westpreußen reagierte die deutsche Bevölkerung mit hinhaltendem Widerstand gegen eine aggressive polnische Kulturpolitik. Annähernd 600000 Deutsche verließen bis 1926 das Land.

Das Wahlsystem gestand den Minderheiten nur ein beschränktes Mitspracherecht im Sejm zu. Über Listenverbindungen erreichten sie dennoch im November 1922 bei den ersten gesamtstaatlichen Parlamentswahlen einen beachtlichen Stimmenanteil. Der Minderheitenblock wurde bei der Präsidentenwahl am 9. Dezember 1922 zum Zünglein an der Waage. Seine Stimmen ermöglichten im fünften Wahlgang den Sieg von Gabriel Narutowicz. Pilsudski hatte angesichts des Parteienstreits, in dem sich Rechte und Linke erbittert befehdeten, und der eingeschränkten Kompetenzen, die in der Verfassung vom 21. März 1921 dem Staatspräsidenten eingeräumt wurden, auf eine eigene Kandidatur verzichtet. Er zog sich 1923 grollend aus allen öffentlichen Ämtern zurück. Die Wahlverlierer diffamierten Narutowicz in einer von antisemitischen Parolen angeheizten Atmosphäre als »Staatspräsidenten der Nichtpolen und der Juden«. Am 16. Dezember 1922 wurde er Opfer eines Attentats. Der Währungsverfall, der rigorose Sparmaßnahmen und 1924 eine einschneidende Währungsreform erzwang, der Zollkrieg mit Deutschland und die wachsende Zahl der Arbeitslosen schädigten das Ansehen der Regierung. Korruption und Mißwirtschaft brachten das gesamte parlamentarische System in Verruf.

 

Die »Sanierung«

Innerhalb einer stark aufgesplitterten Parteienlandschaft fehlte die einigende politische Kraft, um die immer offenkundigere Staatskrise zu meistern. Als Retter der Nation bot sich erneut PiÊsudski an. Von seinem Landgut in Sulejówek bei Warschau aus bereitete er sorgfältig einen Staatsstreich vor: Mit loyalen Truppen marschierte er am 12. Mai 1926 gegen Warschau und erzwang den Sturz der Regierung. Ohne förmliche Aufhebung der Verfassung steuerte er bis zu seinem Tode am 12. Mai 1935 als starker Mann im Hintergrund die Aktionen einer »moralischen Diktatur«, mit denen eine umfassende »Sanierung« des politischen Lebens herbeigeführt werden sollte. Pilsudski lehnte die Übernahme des Präsidentenamtes ab. Der Regierung gehörte er als Kriegsminister an, zeitweilig bekleidete er auch das Amt eines Ministerpräsidenten. Mißliebige Politiker schüchterte er durch willkürliche Übergriffe ein. Die Verfassung vom 23. April 1935 entzog dem Parlament alle wichtigen Entscheidungsbefugnisse. Den Rückhalt für das autoritäre Regime, das ganz auf seine Person als »Kommandant« oder »Marschall« zugeschnitten war, fand Pilsudski mit dem von ihm aufgebauten »Obristen- Regime« vor allem in der Armee, deren Repräsentanten er mit verantwortlichen Posten betraute.

In der Außenpolitik scheiterten die ostmitteleuropäischen Föderalisierungspläne ebenso wie das angestrebte Bündnis mit den baltischen Staaten an der ungelösten Wilnafrage. Gegen Revisionsforderungen der Nachbarn bot die Einbindung in die Kleine Entente und in Frankreichs Politik des cordon sanitaire in Ostmitteleuropa während der Zwanzigerjahre einen zeitweiligen Rückhalt. Der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland gefährdete das mühsam austarierte Gleichgewicht und brachte Polen wegen seiner restriktiven Minderheitenpolitik in die Schußlinie Hitlers. Pilsudski war vorübergehend nicht abgeneigt, einen Präventivkrieg in Erwägung zu ziehen, doch versagte ihm Frankreich die erbetene Unterstützung. Sein Vertrauter Oberst Józef Beck, ab 1932 Außenminister, erreichte eine diplomatische Zwischenlösung. Er schloß Nichtangriffspakte mit der Sowjetunion am 25. Juli 1932 und mit dem nationalsozialistischen Deutschland am 26. Januar 1934. Sie boten jedoch keinen dauerhaften Schutz vor den Expansionsgelüsten der Nachbarn. Hitlers Kriegspläne im Osten beendeten abrupt die kurze Verschnaufpause. Polen wurde zwischen den beiden Machtblöcken Deutschland und Sowjetrußland zerrieben und sein Staatsgebiet im Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 als Dispositionsmasse für eine erneute Aufteilung vorgesehen. Am 1. September 1939 befahl Hitler den Angriff auf Polen.

Prof. Dr. Edgar Hösch, München

 

Ukraine

 

Fläche: 603ÿ700 km2

Einwohner: (1999)49,811,174 (July 1999 est.) 49,81 Mio.

Hauptstadt: Kiew (ukrainisch Kijiw)

Verwaltungsgliederung: 24 Gebiete und die autonome Teilrepublik Krim

Amtssprache: Überwiegend Ukrainisch

Nationalfeiertage: 24.ÿ8.

Währung: 1 Hrywnja (Griwna, UAH) = 100 Kopijki

Zeitzone: OEZ

(amtlich ukrainisch Respublika Ukraïna), Staat in Osteuropa, grenzt im Nordwesten an Weißrußland, im Nordosten und Osten an Rußland, im Süden an das Asowsche und Schwarze Meer, im Südwesten an Rumänien, Moldawien und Ungarn, im Westen an die Slowakische Republik und Polen.

Staat und Recht:

Nach der Verfassung vom 28.ÿ6. 1996 ist die Ukraine eine Republik mit präsidial-parlamentarischem Regierungssystem. Staatsoberhaupt ist der mit weitgehenden Vollmachten ausgestattete Präsident (auf 5 Jahre direkt gewählt). Er ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Vorsitzender des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates und verfügt über Notstandsbefugnisse, das Recht zur Gesetzesinitiative und kann gegen Gesetzesbeschlüsse sein Veto einlegen. Höchstes Legislativorgan ist der Oberste Rat (450 Abgeordnete, auf 4 Jahre gewählt). Die Exekutive wird von der Regierung unter Vorsitz des Ministerpräsidenten ausgeübt. Einflußreichste Parteien: Kommunisten der Ukraine für soziale Gerechtigkeit und Volksmacht, Volksbewegung »Ruch«, Bauernpartei, Sozialistische Partei, Demokratische Volkspartei, Bewegung »Hromada«, Grüne Partei, Vereinigte Sozialdemokratische Partei und Sozialistische Fortschrittspartei.

Landesnatur:

Die Ukraine umfaßt den Südwesten der Osteuropäischen Ebene, gekennzeichnet durch ein Nebeneinander von höheren Landplatten (200þ400ÿm, maximal bis 471ÿm über dem Meeresspiegel) und flachen Niederungen (Polesien, Dnjepr-, Schwarzmeerniederung). Mit den Waldkarpaten (Gowerla, ukrainisch Howerla, 2ÿ061ÿm über dem Meeresspiegel) und dem Krimgebirge (bis 1ÿ545ÿm über dem Meeresspiegel) hat sie außerdem Anteil an der alpidischen Faltengebirgszone. Mit Ausnahme eines Gebietsstreifens im Norden ist die Ukraine weithin mit Löss bedeckt. Hauptflüsse sind Dnjepr, Dnjestr und Südlicher Bug.ÿþ Das Klima ist gemäßigt kontinental, an der Südküste der Krim herrscht feuchtsubtropisches Klima; Jahresniederschläge in den Ebenen 700 mm im Nordwesten, 300 mm im Süden, in den Gebirgen über 1ÿ000 mm. Der nördliche Teil der Ukraine liegt in der Mischwaldzone, der mittlere und südliche Teil in der Waldsteppen- und Steppenzone mit fruchtbaren Schwarzerdeböden (heute weitgehend Ackerland). Die ursprüngliche Steppenflora und -fauna ist nur noch in Naturschutzgebieten erhalten; Wald bedeckt etwa ein Achtel der Landesfläche.

Bevölkerung:

Sie setzt sich (1989) zusammen aus Ukrainern (72,7ÿ%), Russen (21,1ÿ%), Weißrussen (0,9ÿ%), Juden (0,9ÿ%), Rumänen (Moldawiern, 0,9ÿ%), ferner Minderheiten von Bulgaren, Polen, Ungarn, Tataren und Krimtataren, Griechen und Deutschen. In Gebieten mit geschlossenen russischen Siedlungsräumen ist auch Russisch Amtssprache. Mit 85 Einwohnern je km2 gehört die Ukraine zu den stärker besiedelten Staaten Europas. Am dichtesten bevölkert (bis 200 Einwohner je km2) sind das Donez-Steinkohlenbecken, das Dnjeprgebiet, die südwestlichen Landesteile, die Krim und die Karpatoukraine, am schwächsten (unter 20 Einwohner je km2) die Waldkarpaten und Polesien. ÿþ Es besteht Schulpflicht vom 6. bis 17.ÿLebensjahr. Die Analphabetenquote beträgt 1,2ÿ%. Die Ukraine hat eine Akademie der Wissenschaften; Universitäten befinden sich in Lemberg, Charkow, Kiew, Odessa, Tschernowzy, Simferopol, Dnjepropetrowsk, Uschgorod, Donezk und Saporoschje.ÿþ Nach kirchlichen Angaben sowie nach Schätzungen gehören etwa 66þ71ÿ% der Bevölkerung christlichen Kirchen an beziehungsweise fühlen sich diesen verbunden, davon sind rund 50þ55ÿ% den drei (infolge von Kirchenspaltungen entstandenen) ukrainischen orthodoxen Kirchen zugehörig (ukrainische Kirchen).

Wirtschaft, Verkehr:

Dank reicher Rohstoffvorkommen und fruchtbarer Böden basiert die Wirtschaft der Ukraine auf der Schwerindustrie und Landwirtschaft. In der sowjetischen Wirtschaft hatte die Ukraine die zweitwichtigste Position und erbrachte rund 40ÿ% an Roheisen, Stahl sowie Walzwerkerzeugnissen und fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Produktion. Der nach Erlangung der Unabhängigkeit 1991 eingeleitete Transformationsprozeß in Richtung Marktwirtschaft bereitet erhebliche Schwierigkeiten. Durch das Auseinanderbrechen des sowjetischen Wirtschaftsraumes, verstärkt durch übereiltes Herauslösen des Landes aus den wirtschaftlichen Verbindungen mit den anderen GUS-Republiken, durch die geringe Konkurrenzfähigkeit ukrainischer Wirtschaftsgüter auf dem Weltmarkt und durch die schleppende Verwirklichung von Wirtschaftsreformen (bis 1998 im Wesentlichen nur eine »kleine« Privatisierung, das heißt Entstaatlichung u.a. kleiner Staatsbetriebe) wird der wirtschaftliche Aufschwung der Ukraine nachhaltig gebremst. Zudem sind durch hohe Schadstoffemissionen der Industrie und das Reaktorunglück von Tschernobyl weite Teile der Ukraine ökologisch schwer belastet. In der Landwirtschaft herrschen Weizen- und Zuckerrübenanbau vor, außerdem werden Sonnenblumen, Mais, Kartoffeln, Futterpflanzen, Flachs, Gemüse und Tabak angebaut; in der Schwarzmeerküstenregion dominieren Obst- und Weinbau. Bedeutend sind auch Rinder-, Schweine-, Schafzucht und Geflügelhaltung.ÿþ Die Ukraine besitzt die größten Steinkohlelagerstätten der Erde, besonders im Donez-Steinkohlenbecken; reiche Eisenerzlager befinden sich u.a. im Bereich von Kriwoi Rog, Manganerze im Raum Nikopol. Daneben gibt es Vorkommen von Erdöl, Erdgas, Uran-, Blei-, Zinkerz, Salz, Graphit, Gips. Neben dem Bergbau sind die wichtigsten Industriebereiche Metallurgie, Schiff-, Maschinen-, Fahrzeug- und Apparatebau, Kohleverarbeitung und chemische Industrie; bedeutend sind Nahrungsmittel-, ferner Textil-, Leder-, elektrotechnische und elektronische, Baustoff- und Holzindustrie. Zur Energieversorgung ist die Ukraine weitgehend auf Erdöl- und Erdgaslieferungen aus Rußland angewiesen; Anteil an der Energieerzeugung haben u.a. Wasserkraftwerke am Dnjepr und mehrere Kernkraftwerke, die 1998 über die Hälfte der erzeugten Elektroenergie lieferten. ÿþ Ausgeführt werden u.a. Kohle, Eisenerze, metallurgische Erzeugnisse, Nahrungsmittel, Schwermaschinen, Fahrzeuge, elektrotechnische und elektronische Geräte; eingeführt werden Brennstoffe, Elektroenergie, Mineralien, Maschinen, Apparate und Geräte, Chemieprodukte, Lebensmittel, Kunststoffe und Kautschuk, unedle Metalle und daraus gefertigte Erzeugnisse sowie Textilien. Wichtigste Handelspartner sind Rußland u.a. Republiken der GUS, China, Deutschland, Polen, Ungarn, Slowakische und Tschechische Republikÿþ Die Ukraine besitzt eine wichtige Transitfunktion im Verkehr zwischen der Balkanhalbinsel und Rußland und verfügt über eine relativ ausgebaute Verkehrsinfrastruktur mit einem dichten Eisenbahn- (23ÿ350 km, davon 8ÿ600 km elektrifiziert) und Straßennetz (163ÿ300 befestigte Straßen). Die Gesamtlänge der Binnenschiffahrtswege beträgt 4ÿ400 km (davon 1ÿ672 km auf dem Pripjet und Dnjestr). Die wichtigsten Seehäfen sind Odessa, Iljitschowsk (Eisenbahnfähre nach Warna), Cherson, Ismail, Mariupol und Kertsch. Internationaler Flughafen ist Borispol bei Kiew.ÿþ Hauptgebiete des Fremdenverkehrs sind die Krim (einst wichtigstes Erholungs- und Kurgebiet der Sowjetunion), die Schwarzmeerküste und die Waldkarpaten.

Geschichte:

Anfänge bis 19. Jahrhundert: Nach skythischer und griechischer Besiedlung (8./7.ÿJahrhundert v.ÿChr.) ließen sich seit dem 3.ÿJahrhundert v.ÿChr. Sarmaten in der Ukraine nieder. Im 9.ÿJahrhundert entstand am mittleren Dnjepr, einem Kerngebiet ostslawischer Stämme, das Kiewer Reich (Kiewer Rus); nach dessen Zerfall im 12.ÿJahrhundert bildeten sich mehrere Fürstentümer (bedeutend v.ÿa. Galitsch-Wolhynien), die 1239/40 unter die Herrschaft der Goldenen Horde gerieten. Im 14.ÿJahrhundert kamen Galizien (Galitsch) und ein Teil West-Wolhyniens an Polen, an Litauen fielen Podolien, Kiew und ein Teil Wolhyniens. Das um 1450 in der Südukraine entstandene Krimkhanat unternahm im 15./16.ÿJahrhundert verheerende Raubzüge in den Südwesten des Landes. Durch die Lubliner Union 1569 (Zusammenschluß Litauens mit Polen) gelangte die Ukraine weitgehend unter polnische Herrschaft; mit der Union von Brest-Litowsk (1596) gingen Teile der orthodoxen ukrainischen Kirche eine Union mit der katholischen Kirche ein (ukrainische Kirchen). Träger des Widerstandes gegen die polnischen Magnaten waren die Saporoger Kosaken, die nach einem Aufstand unter Hetman S.ÿB.ÿM. Chmelnizki 1648 einen selbstständigen Staat (»Hetmanstaat«) bildeten, der sich aber 1654 unter den Schutz des russischen Zaren stellte. Im daraus folgenden russisch-polnischen Krieg (1654þ67) verlor Polen die ukrainischen Gebiete östlich des Dnjepr. Während des Nordischen Krieges (1700þ21) versuchte der Kosakenhetman I.ÿS. Masepa 1709 vergeblich, die Ukraine mit schwedischer Hilfe von Rußland zu lösen; danach Beseitigung der Autonomie der Kosaken (1764 Aufhebung des Hetmanats, 1775 der Saporoger Setsch). Durch die Polnischen Teilungen (1772þ95) fielen die ukrainischen Gebiete westlich des Dnjepr und Wolhynien an Rußland (1796 Bildung von Gouvernements); an Österreich kamen Galizien und die Bukowina. Die von Rußland betriebene Russifizierungspolitik wurde bis in die 2.ÿHälfte des 19.ÿJahrhunderts fortgeführt (1863þ1905 Druckverbot für Bücher in Ukrainisch). In der österreichischen »Westukraine« wurde hingegen Ukrainisch als Gegengewicht zum Polentum gefördert (Lehrstuhl für ukrainische Sprache und Literatur an der Universität Lemberg 1848).

20.ÿJahrhundert: Die nach der russischen Februarrevolution 1917 gebildete bürgerliche Zentralrada, die im Januar 1918 die Unabhängigkeit der Ukraine ausrief und im Februar 1918 einen Separatfrieden mit den Mittelmächten schloß, stand der im Dezember 1917 in Charkow konstituierten prosowjetischen Regierung im Machtkampf gegenüber. Im März/April 1918 besetzten deutsche und österreichisch-ungarische Truppen die Ukraine (bis Dezember); nationalkonservative Kräfte errichteten mit deutscher Unterstützung das Hetmanat wieder; bei dessen Sturz bildete sich im November 1918 das kurzlebige ententefreundliche Direktorium unter S.ÿW. Petljura. Die im Februar 1919 in Kiew einziehenden Bolschewiki, die schon im Januar 1919 die Ukrainische SSR proklamiert hatten, wurden nur noch vorübergehend von Truppen Denikins und im Mai/Juni 1920 von den Polen verdrängt. Im Frieden von Riga (1921) mußte aber das zeitweise schon sowjetische Galizien (West-Ukrainische Volksrepublik) Polen überlassen werden. In der 1922 an der Gründung der Sowjetunion beteiligten Ukrainischen SSR kam es durch die Zwangskollektivierung unter Stalin zu einer schweren Hungersnot (rund 4þ6 Mio. Opfer). 1934 wurde die Hauptstadt der Ukrainischen SSR von Charkow nach Kiew verlegt. Die stalinistischen »Säuberungsaktionen« erreichten hier wie überall in der UdSSR 1937/38 ihren Höhepunkt (Auslöschung eines Großteils der politischen und wissenschaftlich-kulturellen ukrainischen Elite). 1938þ49 (mit Unterbrechung) führte der Russe N.ÿS. Chruschtschow die ukrainische KP-Organisation. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vereinigte die sowjetische Regierung 1939 die Westukraine wieder mit der Ukraine. 1940 wurde die Bukowina Teil der Ukrainischen SSR. Nach dem deutschen Angriff auf die UdSSR (22.ÿ6. 1941) war die Ukraine bis Anfang 1944 eines der Hauptkampfgebiete; sie erlitt starke Zerstörungen sowie hohe Verluste an Menschen. Insbesondere zu Beginn der Besatzungszeit kollaborierte ein Teil der ukrainischen Bevölkerungÿþ unter dem Eindruck des stalinistischen Terrors der vorangegangenen Jahre und in der Hoffnung, sich mit deutscher Hilfe von der Sowjetunion lösen zu könnenÿþ mit den deutschen Besatzungsbehörden. In der Schlucht von Babi Jar ermordete im September 1941 eine Einsatzgruppe der SS über 33ÿ000 Juden. Der größte Teil der ukrainischen Juden fiel in der Folgezeit dem Holocaust zum Opfer.

Während der nationalsozialistischen Herrschaft (1941þ44) war Galizien dem Generalgouvernement angegliedert; die Bukowina, Bessarabien und die Dnjestr-Region überließ man dem rumänischen Verbündeten Deutschlands. Der größte Teil des Landes wurde jedoch zum »Reichskommissariat Ukraine« erklärt. Die brutale deutsche Okkupationspolitik rief auch bald den ukrainischen Widerstand hervor (1942 Gründung der »Ukrainischen Aufstandsarmee«, die aber ebenso gegen kommunistische Partisanen und die Rote Armee sowie die polnische Bevölkerung kämpfte und anschließend bis in die 50er-Jahre einen aussichtslosen Untergrundkrieg gegen die Sowjetmacht führte). 1943þ44 eroberte die Rote Armee die Ukraine zurück.1945 war die Ukraine Gründungsmitglied der UNO. Im selben Jahr trat die Tschechoslowakei die Karpato-Ukraine an die UdSSR ab, die dieses Gebiet 1946 als Transkarpatien mit der Ukrainischen SSR vereinigte. Zwischen 1944 und 1946 wurden bei gleichzeitiger Aussiedlung eines großen Teils der polnischen Bevölkerung (überwiegend in die ehemaligen deutschen Ostgebiete) etwa 500ÿ000 Ukrainer von Polen in die Westukraine umgesiedelt.

Im Winter 1946/47 war die Ukraine noch einmal von einer schweren Hungersnot betroffen (Zehntausende Opfer). Im Zeichen eines Kampfes gegen den »bürgerlichen ukrainischen Nationalismus« setzten 1946 neue stalinistische »Säuberungen« ein. Im Rahmen einer Sowjetisierung der Westukraine wurde dort 1947þ51 die Landwirtschaft zwangskollektiviert, begleitet von der Deportation mehrerer Hunderttausend Ukrainer nach Sibirien; zugleich wurden Russen angesiedelt. 1954 trat Rußland (RSFSR) die Halbinsel Krim an die Ukraine ab.

Seit den 1950er-Jahren wechselten in der Ukrainischen SSR Phasen einer liberalen sowjetischen Nationalitätenpolitik und Ukrainisierung mit politischen »Säuberungen« und Russifizierungstendenzen. In den 1960er-Jahren formierte sich eine schmale ukrainische Oppositionsbewegung mit national-kulturellen, aber auch allgemeinpolitischen. Forderungen; verstärkt wurde sie durch eine religiöse Opposition in der Westukraine (Wirken der verbotenen Griechisch-katholischen Kirche im Untergrund). Versuche des ab 1964 als ukrainischer KP-Vorsitzender amtierenden Petro Selest, ukrainische Interessen wieder stärker gegenüber der Zentrale in Moskau zu betonen, endeten 1972 mit seiner Absetzung.

Der Reaktorunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26.ÿ4. 1986, u.a. aber die Verharmlosung der Katastrophe und die verantwortungslose Verschleppung notwendiger Gegenmaßnahmen führten in der Ukraine zur Kritik an den sowjetischen Behörden und weckten ein ökologisches Bewußtsein (1987 Entstehung der Umweltorganisation »Grüne Welt«, aus der 1990 eine Grüne Partei hervorging).

Ende der 80er-Jahre verstärkten sich in der Ukraine die Unabhängigkeitsbestrebungen (getragen v.ÿa. von der Volksbewegung »Ruch«). Nachdem die Ukraine bereits am 16.ÿ7. 1990 ihre Souveränität innerhalb der Sowjetunion erklärt hatte, proklamierte sie unter Parlamentspräsident L.ÿKrawtschuk am 24.ÿ8. 1991 ihre Unabhängigkeit und verbot die Tätigkeit der KP (1993 wieder zugelassen). Im Dezember 1991 wurde Krawtschuk zum Staatspräsidenten gewählt. Im selben Monat gründete die Ukraine mit Rußland und Weißrußland die GUS, in der sie sich gegen russische Vormachtstreben wandte (u.ÿa. Auseinandersetzungen um die Schwarzmeerflotte und die Krim, 1997 beigelegt). Die unter den Ministerpräsidenten W.ÿFokin (1990þ92) und L.ÿKutschma (1992/93) eingeleiteten wirtschaftlichen Reformmaßnahmen kamen nur schleppend in Gang und stießen zum Teil auf Ablehnung in der Bevölkerung (Bergarbeiterstreiks 1993 und erneut 1998) sowie auf Widerstand im Parlament. Im Januar 1994 unterzeichneten die Ukraine, Rußland und die USA ein Abkommen über den Abbau und die Vernichtung der ukrainischen Atomwaffen, das bis Juni 1996 erfüllt wurde. Im Februar 1994 trat die Ukraine der »Partnerschaft für den Frieden« der NATO bei (1997 Charta über eine Vertiefung der Zusammenarbeit). Im Juni 1994 schloß die Ukraine mit der EU ein Kooperations- und Partnerschaftsabkommen, im November 1995 wurde sie in den Europarat aufgenommen.

Aus den Parlamentswahlen im März 1998 gingen die Kommunisten als stärkste politische Kraft hervor. Der seit Juli 1994 als Staatspräsident amtierende L.ÿKutschma wurde durch Wahlen im November 1999 bestätigt. Er berief als Amtsnachfolger von Ministerpräsident W.ÿPustowoitenko (1997þ99) im Dezember 1999 den reformorientierten Finanzexperten W.ÿJuschtschenko. Im April 2000 konnte Präsident Kutschma durch ein von ihm anberaumtes und mehrheitlich von der Bevölkerung unterstütztes Referendum (u.a. Abstimmung über eine Verringerung der Zahl der Abgeordneten, über erweiterte Möglichkeiten, das Parlament durch den Staatspräsidenten aufzulösen, und über die Einführung eines Zweikammerparlaments) seine Stellung gegenüber dem Parlament deutlich stärken.

 

Ukrainisch-Orthodoxe Kirchen

(ukrainisch-orthodoxe Kirche), historisch eng mit der russisch-orthodoxen Kirche verbundene Ostkirche, die gegenwärtig (1999) infolge von Kirchenspaltungen in drei orthodoxe ukrainische Landeskirchen zerfallen ist: die dem Moskauer Patriarchat in kanonischer Gemeinschaft verbundene und von der Gesamtorthodoxie anerkannte autonome »Ukrainische Orthodoxe Kirche« (UOK) sowie die »Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche« (UAOK) und die »Ukrainische Orthodoxe Kircheÿþ Patriarchat Kiew« (UOKÿþ PK), beide vom Moskauer Patriarchat und der Gesamtorthodoxie nicht anerkannt.ÿþ Den Anfang einer eigenständigen ukrainischen Kirchenorganisation bildete die 1303 errichtete orthodoxe Metropolie von Galitsch, die 1458 in der für die Ukrainer und Weißrussen im polnisch-litauischen Staat errichteten neuen Metropolie von Kiew aufging, die im Rang eines einfachen Bistums 1685/86 der russisch-orthodoxen Kirche eingegliedert wurde. 1919 entstand im Zuge nationaler und kirchlicher Autonomiebestrebungen mit der UAOK wieder eine vom Moskauer Patriarchat unabhängige (von einem eigenen Patriarchen geleitete) ukrainisch-orthodoxe Kirche. In der Sowjetunion als »Hort des ukrainischen Nationalismus« verboten und verfolgt, blieb sie als orthodoxe Kirche mit eigener Jurisdiktion in der ukrainischen Diaspora von Bedeutung. In der Ukraine wurde die orthodoxe Kirche (als ukrainisches Exarchat) 1944/45 wieder ganz dem Patriarchat von Moskau unterstellt, erhielt allerdings 1990, nachdem sich neue ukrainisch-nationalkirchliche Bestrebungen Geltung zu verschaffen begannen, als »Ukrainische Orthodoxe Kirche« (UOK) den Status einer in Fragen ihrer inneren Verwaltung autonomen Kirche. Teile von ihr spalteten sich unter Führung des Metropoliten von Kiew und ehemaligen Exarchen Filaret (M.ÿA. Denisenko, *ÿ1929; 1992 amtsenthoben, 1997 exkommuniziert) dennoch ab und schlossen sich 1992 mit Teilen der UAOK, die sich nach 1990 in der Ukraine rekonstituiert hatte, zur »Ukrainischen Orthodoxen Kircheÿþ Patriarchat Kiew« (UOKÿþ PK) zusammen, der Filaret seit 1995 als »Patriarch« vorsteht.

Moskauer Patriarchat: 9049 Gemeinden, 7509 Priester, 7755 Kirchengebäude. 840 im Bau, 122 Klöster, Mönche/Nonnen 3519

Kiewer Patriarchat: 2781 Gemeinden, 2182 Priester, 1825 Kirchengebäude, 217 im Bau, 22 Klöster, 113 Mönche/Nonnen

Autokephale: 1015 Gemeinden, 628 Priester, 697 Kirchengebäude, 101 im Bau, 1 Kloster, 4 Mönche.

(Stand: 1/2001

 

Unierte (Griechisch-katholische) Kirche

(ruthenische Kirche), mit der katholischen Kirche unierte Ostkirche; umfaßt heute die Katholiken des byzantinischen Ritus in der Karpato-Ukraine und der Tschechischen Republik und die unierten Karpatoukrainer (Ruthenen) in Nordamerika. Angeregt durch die Brester Union (1595/96) und im Wesentlichen auf die Unionen von Mukatschewo (1642) und Uschgorod (1646) zurückgehend, wurde die ruthenische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg im nunmehr sowjetischen Transkarpatien unter staatlichem Druck in die russisch-orthodoxe Kirche zwangseingegliedert (1949) und in der Tschechoslowakei seit 1948 gänzlich unterdrückt (ausgenommen eine kurze Phase im Jahr 1968) und konnte sich erst 1990/91 rekonstituieren. Heute (2000) umfaßt sie rund 320ÿ000 Gläubige im Bistum Mukatschewo (Sitz des Bischofs in Uschgorod), rund 200ÿ000 in der Tschechischen Republik (Apostolisches Exarchat, Sitz: Prag) und rund 143ÿ000 in Nordamerika (Kirchenprovinz Pittsburgh).

3317 Gemeinden, 1872 Priester, 2777, Kirchengebäude, 305 im Bau, 79 Klöster, 1168 Mönche/Nonnen.

(Stand: 1/2001)

 

Röm.-Kath. Kirche in der Ukraine

 807 Gemeinden, 431 Priester, 713 Kirchengebäude, 74 im Bau, 50 Klöster, 309 Mönche/Nonnen

(Stand: 1/2001)

 

Armenisches Bistum Lviv

 

Die statistischen Angaben stammen vom ukrainischen Amt für Religionsfragen, sind aber im einzelnen nicht wirklich gesichert, da es noch immer ständige Wanderbewegungen zwischen den Kirchen (Priester – oft zusammen mit ihren Gemeinden) gibt. Über Baptisten, Evangeliumschristen und Pfingstler (Charismatiker) liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Fest steht nur, daß diese Gemeinschaften gegenwärtig einen stürmischen Aufwärtstrend erleben.

 

Zionismus

Bezeichnung (1893 geprägt) für die politische (nationale) und soziale Bewegung zur Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina.

Geschichte: 19. bis Mitte 20. Jahrhundert: Die Anfänge des Zionismus liegen im 19.ÿJahrhundert (M.ÿHess und L.ÿPinsker) und stehenÿþ neben der religiösen Verwurzelung in der (passiven) messianischen Erwartung einer Rückkehr ins »Gelobte Land« (Israel/Palästina) und nach Zion (Jerusalem)ÿþ im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Nationalismus in Europa und des modernen Antisemitismus in Ost- und Mitteleuropa Ende des 19.ÿJahrhunderts (Suche nach jüdischer Identität, Existenzmöglichkeiten und Eigenstaatlichkeit). Widerhall fand der Zionismus deshalb zuerst bei Teilen der Ostjuden, besonders im zaristischen Rußland, wo die Judenemanzipation unterblieben war (Haskala), während die Westjuden den Zionismus zumeist ablehnten. Zwischen 1881 und 1914 verließen etwa 2,5 Mio. Juden Osteuropa und wanderten meist in die USA aus; auch die aktive jüdische Besiedlung Palästinas setzte ein. Dieser »praktische« beziehungsweise »Pionierzionismus« (wichtigster Vertreter: C.ÿWeizmann) fand seine Ergänzung durch das Auftreten T.ÿHerzls, der den Zionismus als politische Kraft organisierte und ihm durch die Zionistischen Weltkongresse 1897 eine wichtige Plattform schuf. Die ebenfalls 1897 gegründete Zionistische Weltorganisation erklärte 1905 die Errichtung einer »öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte« für das jüdische Volk in Palästina zu ihrem Ziel, seit 1917 von Großbritannien unterstützt (Balfour). Die 1918þ39 stark ansteigende Einwanderung von Juden nach Palästina (Verzehnfachung auf etwa 0,6 Mio.) führte u.a. 1922 zur Gründung der Jewish Agency for Palestine und zur Ausbildung von Parteien, von denen die sozialistischen und religiösen Gruppierungen besondere Bedeutung erlangten. Der zunehmende Widerstand der palästinensischen Araber gegen die jüdische Besiedlung (auch aus arabischen Staaten) verstärkte sich nach 1933, alsÿþ bedingt durch die nationalsozialistische Judenverfolgung (»Holocaust«)ÿþ die legale und illegale Einwanderung sprunghaft anstieg (Nahostkonflikt). Vorschläge zur Errichtung eines binationalen Staates ließen sich nicht verwirklichen.

1947 bis heute: Mit dem Teilungsplan der UN vom 29.ÿ11. 1947 (Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat), der von den arabischen Staaten abgelehnt wurde, u.a. aber mit der Ausrufung des Staates Israel am 14.ÿ5. 1948 wurde das Ziel der zionistischen Weltbewegung erreicht. Ihre Bemühungen konzentrieren sich seitdem auf die Stärkung der Beziehungen zwischen dem (säkular zionistischen) jüdischen Staat mit nahezu sephardischer (Sephardim) Bevölkerungsmehrheit (ab 1948 zunehmende jüdische Einwanderung aus arabischen Staaten, u.a. Nordafrika, Irak, Syrien) und der jüdischen Diaspora, u.a. in den USA. Politisch und sozial heterogen (u.a. Linkszionismus, u.a. Israelische Arbeiterpartei, Rechtszionismus, Likud-Block), entstand ein so genannter Neuer Zionismus (1.ÿ8. 1985 Neudefinition Israels als »Staat des jüdischen Volkes«).ÿþ Im Dezember 1991 annullierte die UN-Vollversammlung die Resolution von 1975, in der Zionismus als »eine Form von Rassismus und rassischer Diskriminierung« verurteilt worden war. Der umstrittene, seit der Besiedlung (1977þ92) der von Israel besetzten Gebiete u.a. von der Siedlerbewegung erhobene, von rechtszionistischen Kreisen unterstützte Anspruch auf »das ganze Land Israel« wird durch den Übergang zum Ausgleich mit der PLO (Beginn: »Gaza-Jericho-Abkommen« vom 13.ÿ9. 1993) in Frage gestellt und birgt Konfliktpotential in sich.